8. Kapitel
Siglufjörður
Dezember 2008
Die Decke hing tief in dem Dachzimmer, das Ari als sein Schlafzimmer auserkoren hatte. Es war nicht das größte Zimmer im oberen Stock, aber aus irgendeinem Grund hatte er sich entschieden, das kleinere Zimmer mit dem schmaleren Bett zu wählen statt das größte Zimmer mit dem Doppelbett. Wohl um sich vor Augen zu führen, dass er ganz allein auf diese Reise gegangen war.
Er hatte das Bett so gedreht, dass er aus dem Mansardenfenster spähen konnte, wenn er sich schlafen legte oder aufwachte. Meistens sah er hingegen wenig anderes als die kohlrabenschwarze Dunkelheit.
Der Wecker klingelte jetzt schon zum vierten Mal. Ari streckte sich immer wieder danach aus, um noch weitere zehn Minuten im Traumland verweilen zu können. Er schlief immer wieder von Neuem ein, und es erschien ihm jedes Mal ein neuer Traum, jeder anders als der vorherige, als ob er sich bei einem Kurzfilmfestival befände, wo er als Schauspieler, Regisseur und Drehbuchautor in Personalunion fungierte.
Es ging schon auf zehn Uhr zu. Er musste erst mittags bei der Arbeit sein. Die ersten beiden Wochen waren wie im Flug vergangen. Das unangenehme Gefühl war etwas von ihm gewichen – vielleicht konnte er es gänzlich ignorieren, wenn er viel arbeitete und sich auf die Schlussprüfungen in der Polizeischule konzentrierte. Er nahm alle Schichten an, die sich ihm boten. Verspürte eine gewisse Platzangst, wenn er abends alleine im Bett lag und aus dem Dachfenster in die Dunkelheit starrte. Und doch wollte er lieber zum Fenster hinausschauen als gar nicht.
Manchmal überwältigten ihn die Tage, wenn das Wetter ausgesprochen schlecht war, vor allem, wenn es viel schneite. Er hatte sich noch immer keinen Internetanschluss besorgt – vielleicht sogar halb mit Absicht. Er konnte seine E-Mails bei der Arbeit lesen und wusste es zu schätzen, abends nach Hause zu kommen – ja, er hatte sich mit dem Gedanken angefreundet, hier zu Hause zu sein –, wo er in Ruhe und Frieden mit nur wenig Kontakt zur Außenwelt sein Dasein fristen konnte. Gutes Essen kochen, Studienbücher lesen – wie auch andere Bücher. In der ersten Woche war er in einer Kaffeepause zur Bibliothek hinübergelaufen, um sich ein paar Bücher auszuleihen, die er schon immer hatte lesen wollen, aber bisher die Zeit dazu nicht gefunden hatte. Deren widmete er sich, wenn er vom Lernen genug hatte. Gleichzeitig hatte er sich ein paar CDs mit klassischer Musik ausgeliehen.
Manchmal hörte er abends Musik, es kam aber auch vor, dass er einfach das Radio anmachte, wenn zum Beispiel ein klassisches Konzert ausgestrahlt wurde. Wenn Ari dem Sinfonieorchester zuhörte, musste er immer an seine Mutter denken, die bei einem Autounfall ums Leben gekommen war, als er noch ein Kind war. Sie war Geigerin im Sinfonieorchester gewesen. Er vermied es, fernzusehen; schaute sich kaum einmal die Nachrichten an, bekam aber dennoch mit, dass da unten im Süden nach dem Bankencrash alles zusammenzustürzen drohte, die Demonstrationen wurden mit jedem Tag lauter.
Nach seinen Schichten machte Ari meist einen kleinen Umweg auf dem Weg nach Hause, ging zum Meer hinunter und blieb dort eine Weile stehen. Die Nähe des Meeres hatte etwas Beruhigendes an sich.
Die Arbeit gefiel ihm ganz gut. Die Polizeiwache erinnerte manchmal eher an ein Café als an einen Arbeitsplatz; es war eher so eine Art sozialer Treffpunkt. Es gab eine feste Kundschaft, von denen einige mehrmals in der Woche zum Kaffeetrinken kamen und über Gott und die Welt plauderten. Der Bankencrash, die Demonstrationen und die Regierung standen besonders hoch im Kurs der beliebtesten Diskussionsthemen, und dann natürlich auch das Wetter. Die Besucheranzahl in der Kaffeeecke der Wache war auffallend groß in den ersten Tagen nach Aris Ankunft im Norden – sie alle wollten sich den Jungen aus dem Süden einmal ansehen.
Tómas hatte in der Kaffeestube auf der Wache mehrmals erwähnt, dass Ari studierter Theologe sei.
»Nein … das stimmt nicht ganz«, fuhr Ari jeweils schnell dazwischen.
»Aber du hast doch Theologie studiert, nicht wahr?«
»Ja …«, Ari zögerte. »Ich habe das Studium aber nicht abgeschlossen. Habe eine Pause eingeschoben, um die Polizeischule zu besuchen.« Es überraschte ihn selbst, dass er das Wort »Pause« in diesem Zusammenhang benutzte; im Innersten war er sich sicher, dass er das Theologiestudium nie zu Ende bringen würde.
»Tja, da schau mal einer her!«, sagte ihr Kollege, Hlynur mit Namen, der bereits seit einigen Jahren hier im Norden mit Tómas zusammenarbeitete. Er war fünfunddreißig, oder so ähnlich, und etwas sarkastisch in seiner Art, als ob er damit verhindern wollte, dass ihm jemand zu nahe käme. »Ein Theologe unter uns!«
Ari lächelte etwas gequält, ließ es aber so gut wie möglich an sich abblitzen.
»Wirst du etwa jetzt die Probleme lösen, mit denen wir nicht zurechtkommen?«, fragte Hlynur. »Mit Hilfe einer höheren Gewalt?«
Tómas und er lachten.
»Pfarrer Ari«, sagte Hlynur. »Pfarrer Ari löst das Rätsel!«
Nach dieser Episode nannten die unterschiedlichsten Leute ihn entweder »Hochwürden« oder »Pfarrer Ari«. Er spielte mit, obwohl Titel ihm noch nie besonders gefallen hatten, und schon gar nicht in dieser Situation, in der er mit einem Studium in Verbindung gebracht wurde, das er nur aus Unentschlossenheit heraus begonnen und nie zu Ende gebracht hatte.
Am ersten Tag auf der Wache hatte er versucht, Kristín anzurufen; sie hatte nicht geantwortet. Er schickte ihr eine Mail und erzählte kurz von der Reise in den Norden, von Tómas und dem Haus. Er unterließ es, ihr zu beschreiben, wie er sich fühlte: dass dieses Kaff am Ende der Welt ihn mit so viel Dunkelheit und Schläfrigkeit begrüßt hatte, dass er noch immer enttäuscht war, wie sie auf sein Jobangebot reagiert hatte, enttäuscht darüber, dass sie sich nicht hatte freinehmen wollen, um mit ihm in den Norden zu fahren und ein Wochenende mit ihm zu verbringen, ihm zu helfen, sich am neuen Ort einzurichten. Vielleicht wollte sie es ihm ja auch nicht zu einfach machen. Vielleicht hoffte sie, dass er nach wenigen Wochen wieder nach Reykjavík zurückkehren würde, überwältigt von Schnee und Einsamkeit.
Am Tag danach las er ihre Antwort. Sie schrieb von der Arbeit, vom Studium – sie erzählte auch davon, dass ihr Vater seinen Job bei der Bank verloren hatte, wo er seit Jahrzehnten angestellt gewesen war. Einer von vielen, dem gekündigt worden war. Ari konnte sich vorstellen, dass ihr das sehr naheging. Er musste zudem daran denken, dass ihre Mutter in einem Architektenbüro arbeitete; mit Sicherheit würden die Auswirkungen der Krise besonders in dieser Branche nicht lange auf sich warten lassen. Kristín schien die Situation in keiner Weise im Detail diskutieren zu wollen – die Mail war kurz und frei von jeglicher Gefühlsduselei.
Ari erreichte sie telefonisch am nächsten Tag. War gerade von einer langen Schicht nach Hause gekommen und nicht wirklich in Stimmung, um Probleme zu bereden, die ihm so schwer auf der Seele lagen. Das Gespräch war oberflächlich, frei von Aufrichtigkeit und Tiefe. Er war sich nicht vollkommen im Klaren darüber, ob er allein die wichtigen Themen mied oder sie beide. Kristín war eigentlich schon immer eher ruhig und besonnen gewesen, hatte sich durch alltägliche Begebenheiten nie aus der Ruhe bringen lassen. Vielleicht ging das ganze Drama, das Ari so stark in Anspruch nahm – dieser ungeklärte Zustand –, vollkommen an ihr vorbei. Sie redeten ab und zu miteinander, die Gespräche waren aber kurz, und an manchen Tagen ließen sie es mit einer Mail gut sein.
Doch nun musste er sie anrufen. Es war bereits Advent. Er musste es ihr sagen; man konnte nicht gerade behaupten, dass er sich auf das Gespräch freute – im Gegenteil.
Er begann den Tag mit Frühstücksflocken und einem Glas eiskalter Milch – dazu las er die Zeitung vom Vortag. Er hatte sich daran gewöhnt, dass die Tageszeitungen jeweils erst nach Mittag an diesen abgelegenen Fjord gelangten. Wobei das keine Rolle spielte; es passte einfach zu allem anderen. Hier verging die Zeit langsamer, die Hast war geringer als in der Hauptstadt. Die Zeitungen kamen einfach, wenn sie kamen.
Er musste eine Weile warten, bis Kristín sich meldete.
»Hi, ich bin bei der Arbeit – konnte nicht sofort antworten. Was gibt es Neues?«
»Alles bestens.« Er zögerte und schaute zum Küchenfenster hinaus. Es lag tiefer Schnee über dem Dorf. Das war kein Ort für Autos, außer vielleicht für große Geländewagen. Das Einzige, was man hier benötigte, waren gute Wanderschuhe – oder sogar Langlaufskier. »Habt ihr schon Schnee? Hier schneit es andauernd.«
»Nein – kein Schnee. Nur kalt und windstill, heute Morgen auf dem Weg zur Arbeit war alles völlig vereist. Es gibt sicher rote Weihnachten hier in Reykjavík – du verpasst also den ganzen Weihnachtsschnee im Norden, wenn du dann in die Stadt kommst.«
Ari schwieg, versuchte, sich im Kopf die Worte sorgfältig zurechtzulegen.
Kristín fuhr fort: »Ich habe mit Mama und Papa gesprochen, wir werden zum Essen bei ihnen sein wie letztes Jahr. Dann brauchen wir keinen Weihnachtsbaum zu kaufen – außer, du möchtest einen zu Hause haben …«
»Hör mal … genau das wollte ich mit dir besprechen.«
»Ach ja?«
»Ja. Tómas hat es mir erst gestern gesagt – ich muss an Weihnachten ein wenig arbeiten …«
Schweigen.
»Ein wenig? Was heißt das?« Die Stimme klang scharf.
»Ja … an Heiligabend, am Weihnachtstag … und dann etwas zwischen Weihnachten und Neujahr.«
Wieder Schweigen.
»Und wann wirst du dann in die Stadt kommen?«
»Tja … es ist wahrscheinlich besser, wenn ich erst zu Anfang des neuen Jahres komme, dann bekomme ich eine ganze Woche frei.«
»Zu Anfang des neuen Jahres? Willst du mich verarschen? Wirst du an Weihnachten also nicht kommen?« Die Stimme klang kühl, Kristín wurde nicht laut. »Wir hatten doch beschlossen, Weihnachten dazu zu nutzen, um die Lage zu besprechen – das nächste Jahr zu planen. Werde ich dich also nicht vor Januar sehen … oder Februar?«
»Ich werde versuchen, im Januar zu kommen. Aber ich kann mir hier einfach keine Freiheiten erlauben – ich habe gerade erst angefangen. Ich werde mich einfach damit zufriedengeben, diese Chance bekommen zu haben.«
»Chance! Du solltest etwas über den Tellerrand hinausschauen, Ari … Ist das eine Chance für uns, um … ja, eine Beziehung aufrechtzuerhalten – eine Familie zu gründen? Es liegen fünfhundert Kilometer zwischen uns. Fünfhundert, Ari.«
Knapp vierhundert Kilometer, nicht fünfhundert.
War sich aber bewusst, dass das nicht der richtige Augenblick war, um auf Faktenfehler aufmerksam zu machen.
»Ich kann nichts daran ändern … die arbeiten hier schon länger als ich, sie haben beide eine Familie …«
Er bereute die Worte im selben Moment, in dem sie ihm herausgerutscht waren.
»Na und? Hast du etwa keine Familie hier in der Stadt? Was ist mit mir … und Mama und Papa?«
»Ich habe es nicht so gemeint …«
Schweigen.
»Ich muss gehen.« Ihre Stimme klang leise, beinahe weinerlich. »Ich muss gehen, Ari, sie haben nach mir gerufen. Reden wir später miteinander.«