24. Kapitel
Siglufjörður,
Mittwoch, 14. Januar 2009
Der kleine Junge durfte nach dem Essen nach draußen gehen, um im Schnee zu spielen – dem wunderbaren Schnee, dem Zauberland, in dem alles möglich war. Zur Abendbrotzeit hatte es endlich zu schneien aufgehört, so dass seine Mama ihm erlaubte, draußen zu spielen.
Eine kleine Katze mit einem Glöckchen am Halsband, die sich in die Abendstille hinausgeschlichen hatte, lockte ihn in den nächsten Garten hinüber – von wo er den Weg wieder nach Hause finden würde – und dann durch ein kaltes Gestrüpp in einen weiteren Garten; er wusste, wo man sich zwischen den Bäumen verstecken konnte. Fand dennoch den Weg nach Hause.
Er genoss es, im Schnee zu spielen. Er fühlte sich einfach geborgen in der Dunkelheit.
Er verspürte keine Angst, als er den Engel sah.
Den schönen Schneeengel.
Er kannte die Frau; hatte schon oft in ihrem Garten gespielt – erinnerte sich, wie sie hieß, verstand nicht, warum sie im Schnee lag und warum sie überhaupt keinen Pulli trug. Der blutrote Schnee neben ihr sah in den Augen des Jungen wie eine Dekoration aus, wie eine farbige Verzierung im weißen Schnee.
Er wollte sie nicht stören, sagte kein Wort, ging aber langsam nach Hause; blieb einen Augenblick stehen, um eine kleine Schneekugel zu formen.
***
Karl stellte das Bierglas hin. Er hielt die Karten aus alter Gewohnheit dicht bei sich; traute keinem. Er betrachtete die Karten, die auf dem Tisch lagen. Piksechs, Kreuzsieben in der Hand – den Vierer, Achter und den Buben auf dem Tisch. Die Chancen standen gut für eine Straße, es lohnte sich, jetzt zu trumpfen. Der runde Tisch, an dem sie saßen, war mit einem grünen Tuch bedeckt; auf dem Tisch stand eine Schüssel voller Chips.
Seine alten Schulkameraden verfolgten die Sache mit – warteten darauf, dass er sich entscheiden würde. Es war eigentlich keine schwierige Entscheidung; das Einzige, was auf dem Spiel stand, war das Spielgeld; er wartete ungeduldig auf das nächste richtige Spiel. Das hier war daran gemessen Kinderkram. Vielleicht nächstes Wochenende. Er war zwar total pleite, schuldete seinem Kumpel aber fünfzigtausend.
Sein Handy klingelte, als er sich endlich entschlossen hatte, noch eine Runde mitzuziehen. Er schaute auf die Nummer, kannte sie aber nicht. Sah, dass von einer Festnetznummer irgendwo in Siglufjörður angerufen wurde, deswegen beschloss er, zu antworten. Normalerweise mied er unbekannte Nummern, wollte das Risiko nicht eingehen, sich vor einem Geldeintreiber aus dem Süden rechtfertigen zu müssen.
»Kalli?«
Eine Frauenstimme, allem Anschein nach einer jungen Frau. Er konnte die Stimme nicht einordnen.
»Ja.«
Sie stellte sich vor. Es war eine ehemalige Schulkameradin, die nicht weit von Linda und ihm weg wohnte.
»Hör mal; Gunni, mein Junge, war irgendwie in eurem Garten am Herumstreunen.« Sie zögerte, schien nicht richtig zu wissen, wie sie es formulieren sollte.
»Ich habe versucht, bei euch zu Hause anzurufen, doch niemand hat geantwortet – er sagt nämlich, dass er Linda gesehen habe, nackt, im Garten draußen.« Sie lachte verlegen. »Ach, diese Kinder – sagen so viel … aber ich fand es doch etwas seltsam. Ich wollte nur nachschauen, ob auch wirklich alles in Ordnung ist.«
»Doch, das nehme ich doch an«, antwortete Karl, »ich werde nachschauen. Danke für den Anruf.« Er beendete das Gespräch, ohne sich zu verabschieden, stand auf und legte die Karten auf den Tisch.
»Jungs, ich muss kurz nach Hause. Ich komme gleich wieder.«
Er nahm die Jacke von der Stuhllehne, ging in die Kälte hinaus. Es hatte erneut angefangen zu schneien, so dass man kaum aus den Augen sah.
***
Die Ambulanz traf kurz vor dem Geländewagen der Polizei ein. Ari und Tómas hatten Dienst; der Streit wegen Hrólfur war im Nu vergessen gewesen. Karl hatte den Notruf angerufen und stand nun am Eingang zum Garten, er trug schwarze Jeans und einen dunkelblauen Wollpullover. Die Sanitäter beugten sich über den leblosen Körper und fühlten den Puls; die Tragbahre lag im Schnee. Es schien ausgeschlossen zu sein, irgendwelche Fußspuren im Schnee zu erkennen, wahrscheinlich hatte der Schneesturm alles zugedeckt, abgesehen davon, dass die Sanitäter am Tatort herumgelaufen waren – und offensichtlich Karl ebenso.
Sie lag im Schnee, totenblass, mit blauen Lippen und geschlossenen Augen. Ari hatte sie vorher noch nie gesehen; Linda Christensen, Karls Frau. Sie sah auf eine unheimliche Art friedlich aus. Karl stand in einiger Entfernung und hielt sich zurück – Ari empfand tiefes Mitleid mit diesem sympathischen Mann, mit dem er am Tag zuvor im Fischladen ein paar Worte gewechselt hatte.
Lindas Arme standen beinahe senkrecht von ihrem Körper ab – im Schnee zeichnete sich eine große Blutlache ab. Viel zu viel Blut. Ari überkam Wut, er versuchte, ruhig zu atmen – es war nicht ratsam, die Ereignisse zu nahe an sich heranzulassen, er durfte sich nicht von der Wut in die Irre führen lassen.
Wer hatte das getan? Einen Menschen in seinem Blut im Schnee liegen zu lassen?
Er war sich ziemlich sicher, dass sie tot war. Einschnitte auf der Brust und auf einem Arm. Verletzungen, weil sie sich verteidigt hatte?
Sie trug eine Jeans, sonst nichts. Barfuß; oben gänzlich entblößt.
Die Waffe?
Das Messer?
Ari sah sich um und entdeckte, dass auch Tómas sich nach der Tatwaffe umzusehen schien.
Auf den ersten Blick war nichts zu sehen.
»Sollen wir die Spurensicherung aus dem Süden anfordern?« Ari hatte gerade die Grundausbildung in der Untersuchung eines Tatorts durchlaufen; eigentlich reichte dieses Training gerade einmal aus, dass man lernte, was man nicht tun sollte – wie man die Beweisstücke nicht behandeln sollte. Doch das hier war kein gewöhnlicher Tatort – an erster Stelle stand, das Leben der jungen Frau zu retten, falls sie denn noch lebte, und zudem machte der Schnee es ihnen nicht gerade leicht.
»Ich glaube, das bringt nichts«, antwortete Tómas mit sorgenvoller Miene, »aber wir müssen sofort Hlynur dazu rufen. Er muss den Tatort untersuchen, sowohl drinnen – falls der Angriff dort stattgefunden hat – wie auch hier draußen. Schieß so viele Fotos, wie du nur kannst, solange noch irgendwelche Spuren im Schnee sichtbar sind.«
Ari nickte. Hlynur brauchte wahrscheinlich nicht lange, um herzukommen – es war ziemlich unwahrscheinlich, dass er das Dorf bei diesem Wetter verlassen hatte. Wenn nicht sogar unmöglich.
»Wir fahren auf die Wache, sobald Hlynur kommt«, sagte Tómas.
Sie beobachteten die Sanitäter aus sicherer Entfernung, warteten auf Informationen. Ari nahm die kleine Kamera aus der Tasche und schoss ein paar Bilder.
Tómas trat näher zu Ari heran und sagte so leise, wie es unter diesen Umständen möglich war, da die dicken Schneeflocken alle Geräusche verschluckten: »Wir müssen ihn bitten, mitzukommen.«
»Bitten …?« Oder verhaften?
»Wir bitten ihn zuerst höflich, wir brauchen ihn für das Protokoll. Soviel ich weiß, waren sie nicht immer …« – er zögerte – »… nicht immer in allem einer Meinung.«
»Puls!«
Ari zuckte zusammen, trat näher heran.
»Ich spüre einen Pulsschlag!« Die Sanitäter hoben Linda auf die Tragbahre.
»Lebt sie?«, fragte Ari verwundert.
»Ein sehr schwacher Puls, aber ja – sie lebt noch.«