37. Kapitel
Siglufjörður, Mittwoch, 21. Januar 2009
Karl öffnete die Tür mit müdem Gesichtsausdruck und schien verwundert darüber, Ari zu sehen. Er nickte ihm zu und runzelte die Stirn: »Was willst du?«
Die Höflichkeit war verschwunden. Vielleicht waren die Menschen nur dann höflich zu einem Polizeibeamten, wenn er eine Uniform trug. War das lediglich eine Spielerei von ihm gewesen? Das freundliche Gesicht, die Sorgen um Linda … zeigte er nun endlich sein wahres Gesicht?
Ari roch den Alkohol sofort; kein übertriebener Konsum, aber dennoch ein wenig, dachte er, wahrscheinlich etwas Stärkeres als das Bier am Mittwochabend. Es ging ihm kurz durch den Kopf, umzukehren, bis zum Morgen zu warten – er war nicht im Dienst, und der Mann, wegen dem er gekommen war, war offensichtlich nicht in der richtigen Verfassung für ein Verhör. Er ließ aber nicht locker, wollte der Sache auf den Grund gehen.
»Kann ich mit dir reden?«
Karl sah ihn an, dachte nach. »Warum nicht?« Er trat zur Seite, so dass Ari eintreten konnte. Es war kalt in der Wohnung, nicht so kalt wie draußen, aber auffallend kalt. Karl ging ins Wohnzimmer voraus, stellte den Fernseher leiser und setzte sich in den Ledersessel, wo er offensichtlich gesessen hatte, bevor Ari kam; ein kleines Glas stand auf dem kleinen Holztisch, eine Tequilaflasche, eine in Schnitze geschnittene Zitrone, eine weitere Zitrone, ein scharfes Messer, ein Salzglas. Auf der Tischoberfläche war eine Kerbe von einem Messer zu sehen, der Tisch wurde anscheinend als Schneidebrett benutzt. Ari ging ins Wohnzimmer hinein und fand es unangenehm, dass Karl bei der Tür saß wie ein Türsteher. Er setzte sich auf das alte Sofa, auf dem die bunten Zierkissen einen starken Kontrast zum goldenen Stoff bildeten. Er war verlegen, unsicher. Befand sich im Privatreich von Karl. Karl rückte den Sessel etwas zurecht und schaute Ari nun direkt an.
»Ich möchte dir ein paar Fragen stellen.«
»Was?« Karl genehmigte sich einen Schluck, schien sich zu entspannen.
Ari räusperte sich und erhob die Stimme. »Ich möchte dir ein paar Fragen stellen, habe ich gesagt.«
Karl schwieg.
Ari nahm sein Notizbuch und schien darin zu blättern, wobei er genau wusste, was er ihn fragen wollte. »Wegen deiner registrierten Adresse … stimmt es, dass du immer noch in Kópavogur eingetragen bist?«
Er begann im Kleinen, sammelte Mut.
Karl lachte. »Stimmt es? … Was für eine Frage. Versuch einfach, wie ein Mann zu fragen. Natürlich habe ich meine Adresse in Kópavogur, das hast du ja wahrscheinlich längst nachgeschlagen. Du willst wohl den Grund dafür wissen.«
Ari nickte mit dem Kopf.
»Ich habe Schulden, eine halbe Million – ich wollte verhindern, dass sie dahinterkommen, wo ich wohne.«
»Wer? Die Bank?«
Er lachte erneut, dieses Mal schien er sich wirklich zu amüsieren. »Die Bank? Nein, das sind Männer, die unkonventionelle Methoden anwenden. Sie haben mich inzwischen wohl vergessen – und wer hat schon Lust, jemanden bis hierher zu verfolgen? Es fährt keiner aus Spaß im Winter bis nach Siglufjörður.« Er zögerte. Fügte dann mit einem Grinsen hinzu: »Außer dir vielleicht, irgendeinem Trottel aus dem Süden.«
Lass dich von ihm nicht provozieren.
»Soviel ich weiß, bist du gesehen worden … mit einer anderen Frau.«
Direkt ins tiefe Wasser. Zum Fischen. Manchmal lohnte es sich, etwas unverfrorener mit der Wahrheit umzugehen.
Karl grinste wieder.
»Jaja, es musste ja so weit kommen. Dieses Versteckspiel ist zermürbend … und doch so verdammt spannend. Wer hat uns gesehen?«
»Hrólfur.« Es wäre zumindest gut möglich gewesen.
»Hrólfur! Der alte Teufel, spionierte die Nachbarn aus.«
Die Nachbarn? Anna?
»Trefft ihr euch immer noch … du und … du und Anna?«
»Ach, spielt das irgendeine Rolle? Kann es dir nicht egal sein, mit wem ich schlafe?«
Er schwieg und schien sich plötzlich zu besinnen.
»Na hör mal … du denkst, dass ich den alten Mann die Treppe hinuntergestoßen habe?« Er lachte.
»Hast du es getan?«
Karl fixierte ihn.
»Nein.«
»Du schämst dich also nicht für deine Affäre.«
»Mich schämen? Nein. Aber es wäre eher ungünstig gewesen, wenn Linda davon erfahren hätte. Sie bezahlt ja hier die Miete. Und jetzt … jetzt ist es mir egal, zumal sie tot ist oder so gut wie.«
Ari spürte, wie die Wut in ihm hochkochte. Wie konnte der Mann bloß so etwas sagen?
»Aber Anna? Sie will ja wohl kaum, dass das auffliegt.«
»Nein, sicher nicht. Sie will sich hier niederlassen und unterrichten.« Er lachte. »Doch das geht mich nichts an. Ich werde wieder von hier wegziehen, habe mir eine Arbeit in Akureyri besorgt.«
Er schaute zum Fenster hinaus und schwieg einen Moment.
Ari wartete und lauschte dem Toben des Windes.
»Bist du also hergekommen, um mich zu fragen, ob ich den alten Kerl umgebracht habe?«, fragte Karl zu guter Letzt.
Ari schwieg noch immer und versuchte, ihn sich nicht herausreden zu lassen. Er war in der Höhle des Löwen, und er wollte die Sache zu Ende führen, die Wahrheit herausfinden.
»Denkst du vielleicht, dass ich auch Linda umgebracht habe?« Er lächelte, als ob es nichts Selbstverständlicheres gäbe.
»Nein.« Er schaute Karl in die Augen.
»Nanu? Dann bist du vielleicht nicht so dumm wie du aussiehst.«
»Ich weiß, dass du sie nicht angegriffen hast. Aber ich weiß auch, dass sie eine Lebensversicherung abgeschlossen hat.«
Das gab ihm einen Ruck.
»Wie zum Teufel hast du davon erfahren?«
»Du wusstest also von der Versicherung, nicht wahr?«
»Es macht wohl keinen Sinn, das zu verneinen.«
»Es wurden an dem Messer Proben von deinem Pulli gefunden.«
Er lächelte.
»Verdammt schlau seid ihr. Ich sollte vielleicht die Tat einfach zugeben, damit ich dich loswerde.«
»Du bist offensichtlich unschuldig, was die Tat angeht. Aber du kannst mit dem Grinsen aufhören, ich weiß, was du getan hast.«
»Nanu, dann erzähl es mir doch bitte. Ich kann es kaum erwarten.«
»Du hast das Messer verschoben. Es hinter der Tonne versteckt, so dass es nicht direkt bei Linda gefunden werden würde … dass es so aussehen würde, als ob jemand anders die Tat verübt habe.«
»Warum hätte ich das tun sollen?« Die Stimme wohlüberlegt – wie ein Lehrer, der mit einem kleinen Kind redet.
»Du hattest den Vertrag gelesen … den Vertrag der Lebensversicherung – oder du hattest dich zumindest über dessen Inhalt informiert. Du bekommst nichts, falls sie sich das Leben nimmt, so kurz, nachdem die Versicherung abgeschlossen worden war.«
Das Grinsen sagte alles, was es zu sagen gab.
»Glaubst du, dass sie Selbstmord begehen wollte?«, fragte Ari.
»Da habe ich keine Ahnung.« Karl wich seinem Blick aus. »Sie hat sich ständig beklagt. Sie ertrug dieses Wetter nicht. Die Dunkelheit. Sie hätte sich wahrscheinlich die Pulsadern aufgeschnitten, wenn sie wirklich hätte sterben wollen. Sie hat manchmal davon gesprochen, dass sie sich selber etwas zufügen wollte, hat mit den Messern in der Küche gespielt. Ich sagte ihr einfach, sie solle die Schnauze halten und sich wie ein normaler Mensch aufführen.« Er schwieg und fuhr dann fort: »Das hier hat sie irgendwie vermasselt, die Schnitte waren zu tief, sie hat zu viel Blut verloren. So ein verdammter Blödsinn; dieser Schnee hat sie halb wahnsinnig gemacht – sie hat wahrscheinlich die Kräfte der Natur herausfordern wollen, wollte sich im Schnee bis aufs Blut schneiden. Immer so dramatisch. Du musst zugeben, dass das schöne Kontraste sind, blutrot auf weiß; sie hatte schon immer einen Hang zur Kunst. Das hatte sie.« Eine neutrale Einschätzung; es deutete nichts darauf hin, dass er diese Frau irgendwann einmal geliebt hatte. »Das war natürlich auch Hrólfur zu verdanken.«
»Hrólfur?«
»Nachdem er die Treppe hinuntergefallen war. Sie war viel unruhiger, als berichtet wurde, dass er ermordet worden war.«
»Und du gibst zu, dass du das Messer wegen der Lebensversicherung verschoben hast?«
»Ich gebe nie etwas zu. Das lohnt sich nicht. Es springt dabei nichts für mich heraus … Ich spiele nur mit, wenn ich davon profitieren kann … aber ich gebe zu, dass es verdammt beschämend ist … eine Frau zu haben, die so etwas macht. Was sagt das denn über mich aus?«
Er schwieg und fügte dann hinzu, ziemlich anmaßend: »Ich sehe es dir an, dass du gehofft hattest, mir etwas Ernsthaftes anhängen zu können. Ihr bringt mich nicht ins Gefängnis, nur weil ich ein Messer woanders hingelegt habe …«
Nein, leider – wahrscheinlich nicht.
Ari nahm ein paar zusammengefaltete Blätter aus der Tasche und legte sie auf den Wohnzimmertisch.
Sein Handy klingelte. Er nahm es aus seiner Hosentasche und schaute auf das Display. Ugla.
Er legte das Handy auf den Tisch, stellte den Ton ab.
»Was hast du da? Was für Blätter sind das?«, fragte Karl mit schwerer Zunge. Er machte keine Anstalten aufzustehen, streckte sich nach der Zitrone und schnitt sie vorsichtig in kleine Schnitze. Es schien ihm jetzt genauso wenig einzufallen wie vorher, den alten Holztisch zu schützen.
Ari antwortete nicht sofort.
»Was zum Teufel ist das?«, wiederholte Karl.
»Akten, die ich von der Polizei in Dänemark bekommen habe.«
Karls Miene zeigte keinerlei Reaktion, aber er schnitt die Zitrone mit mehr Kraft als vorher.
»Hast du früher nicht dort gelebt?«, fragte Ari.
»Das weißt du ganz genau … was gräbst du aus dieser Zeit denn noch aus, du Kanaille?«
»Das sind lediglich alte Polizeiprotokolle … Du scheinst ja immer wieder mal mit der Polizei zu tun gehabt zu haben.«
»Na und? Irgendwelche alten Kleindelikte …«
»Eines war aber etwas größer als die anderen … du scheinst in einer ernsten Sache verhört worden zu sein. Eindeutige Vermutungen, aber es konnte nichts bewiesen werden …«
Keine Reaktion.
»Soll ich es dir in Erinnerung rufen?«
Nichts.
»Es war bei einer Frau in einem Einfamilienhaus in einem Außenbezirk von Aarhus eingebrochen worden … es wurde Schmuck gestohlen … Kannst du dich daran erinnern?«
Karls Miene war eiskalt, und sein Gesicht sah aus wie in Stein gemeißelt. Er hörte auf, die Zitrone zu schneiden, legte wie zufällig die Messerschneide auf das Ledersofa und zog das Messer langsam und ruhig an der Armlehne hoch, so dass das Leder nachgab.
»Die Frau wurde angegriffen … du weißt vermutlich, wie es sich zugetragen hat, oder nicht?«
Jetzt grinste Karl, so dass Ari ein kalter Schauder über den Rücken kroch.
»Ja, ich weiß, wie es sich zugetragen hat.«