21. Kapitel
Siglufjörður,
Montag, 12. Januar 2009
Dicker Schnee verhüllte am Montagmorgen den Rathausplatz, es war noch nicht einmal sieben Uhr.
Úlfur Steinsson ging tief in Gedanken versunken über den Platz und traf dort auf Pálmi, der aus der entgegengesetzten Richtung kam. Pálmi war größer als Úlfur, schlank, aber etwas gekrümmt und abgespannt; schien die Jahre wie eine schwere Last auf den Schultern zu tragen.
Úlfur schaute zuerst auf, dann Pálmi. Sie nickten einander zu, langsam und ruhig, fast gleichzeitig, sagten nichts; als ob ein einziges gesprochenes Wort so früh am Morgen das Dorf aus der wohlverdienten Ruhe hätte aufwecken können.
Ein Jahr, dachte Úlfur. Nur noch ein Jahr bis siebzig. Das Alter hatte angefangen, ihm zuzusetzen. Das musste er zugeben. Er sah es im Spiegel und spürte es im Alltag; kam mittlerweile zum Beispiel bei der kleinsten Anstrengung außer Atem.
Es war windstill und schneite im Moment nicht. Úlfur trug normalerweise seinen schwarzen Filzhut, um die Glatze zu verbergen. Wenn er, was selten vorkam, in einem Schneesturm außer Haus gehen musste, blieb der Filzhut zu Hause, und er benutzte lieber dicke Ohrwärmer und eine Wollmütze.
Wie zum Teufel war er hier gelandet, in Siglufjörður?
Doch, er wusste es eigentlich ganz genau. Wusste, dass er allein für diese Entscheidung verantwortlich war, in den Norden nach Siglufjörður zu ziehen, nachdem er Rentner geworden war. An den Tagen, an denen er es bereute, fand er es am praktischsten, seiner ehemaligen Frau alles zuzuschieben.
Sonja war zwölf Jahre jünger als er. Unglaublich schön, eigentlich so schön, dass er nie wirklich verstanden hatte, was sie in ihm gesehen hatte, dem Vierzigjährigen an der isländischen Botschaft in Schweden. Als sie sich kennenlernten, hatte er dort seit vier Jahren gearbeitet und verfügte über einen tadellosen Leumund. Er vergnügte sich gerne an Wochenenden und gab öfter einen aus, er, der betuchte Diplomat aus Island.
Sie war gerade mal achtundzwanzig Jahre alt und faszinierte ihn derart, dass er beinahe den Verstand verlor. Geboren in Stockholm, hatte sie kurz zuvor eine jahrelange Beziehung mit einem Mann beendet, mit dem sie einen sechsjährigen Sohn hatte, mit dem sie sich aber das Sorgerecht für den Sohn teilte. Sie war nicht gerade begeistert von der Mutterrolle und zögerte Jahr für Jahr eine definitive Antwort hinaus, ob Úlfur und sie noch ein Kind haben sollten. Schob es so lange hinaus, bis er es aufgab, sie zu fragen und es ohnehin zu spät war.
Es war ihm nie wirklich gelungen, ihrem Sohn ein Vater zu sein – der unbekannte Isländer, der so lange gebraucht hatte, um sich ein gutes Schwedisch anzueignen; er hatte nie einen besonders guten Draht zu dem Jungen gehabt. Manchmal überlegte er, ob er mehr Druck in der Kinderfrage hätte ausüben sollen. Aber er war auch stets so beschäftigt gewesen bei der Arbeit, arbeitete sich langsam, aber stetig hoch.
Und jetzt war er allein. Allein in den menschenleeren Straßen von Siglufjörður unterwegs, um die frische Morgenluft einzuatmen; ein schneebedecktes Dorf, das hübsch anzusehen war. Er wohnte in der Suðurgata, im Haus seiner Eltern. Sein Vater war schon lange tot. Úlfur war gerade mal vier Jahre alt gewesen, als der Vater im Alter von sechsundzwanzig Jahren starb. Er erinnerte sich nur undeutlich an ihn, es war, als ob er seine Erinnerungen mit dem Meer verband, der ruhigen und stillen See an einem Schönwettertag. Das Wetter hingegen war alles andere als still gewesen, als sein Vater zu seiner letzten Fahrt in See gestochen war. Das Boot war groß gewesen, hatte vertrauenerweckend ausgeschaut und schon allerlei ertragen. Der Vater von Úlfur und einige seiner Freunde hatten sich seit vielen Jahren abgewechselt, das Schiff zu bemannen, manchmal war es in schwere See geraten, es war aber immer wieder nach Hause gekommen. Nur an diesem Wintertag war etwas anders. Das Boot war in schwere Seenot geraten, schaffte es aber gerade noch, wieder im Hafen anzulegen. Zwei Mann der Besatzung waren jedoch über Bord gegangen, sie kamen nie wieder nach Hause – die Trauer war groß im Dorf. Ein vier Jahre alter Junge weinte um seinen Vater.
Deswegen war es ihm nie in den Sinn gekommen, zur See zu fahren. Wenn möglich vermied er Schiffsfahrten und wollte auch nicht in der Fischindustrie arbeiten. Siglufjörður war hingegen kein Ort für einen jungen Mann, der das Gold – oder das Silber – des Meeres nicht zu schätzen wusste. Er zog deshalb bei der ersten Gelegenheit nach Akureyri, machte das Abitur und fuhr dann nach Süden. Der Fjord zu Hause hatte aber stets eine große Anziehungskraft auf ihn ausgeübt, trotz der Trauer, die das Meer und die Brücke im Hafen, wo sein Vater zum letzten Mal festen Boden unter den Füßen gehabt hatte, in ihm auslösten.
Úlfurs Mutter hatte all die Jahre in Siglufjörður verbracht. Allein in dem großen Haus, nachdem Úlfur weggezogen war. Er hatte sich manchmal schlecht gefühlt, weil er sie im Stich gelassen hatte. Während seiner Zeit auf dem Gymnasium hatte er oft in der Dämmerung gesessen und im Schein seiner kleinen Lampe in den Schulbüchern gelesen, und dann an seine Mutter denken müssen, die alleine zu Hause an diesem gewaltigen Fjord saß, wo die Kräfte der Natur so grausam sein konnten. Sie beklagte sich nie; ermunterte ihn eher noch dazu wegzuziehen, sein eigenes Leben zu leben. Sein eigenes Glück zu suchen.
Glück? Hatte er ein glückliches Leben geführt? Er dachte auf seinen Spaziergängen durch das Dorf oft darüber nach. Er war es gewohnt, jeden Tag eine beträchtliche Strecke zurückzulegen und über vergangene Jahre nachzudenken. Er war jetzt in das Alter gekommen, in dem es, wenn man so wollte, sogar passte, sich hinzusetzen und etwas über sein Leben zu schreiben. So eine Art Erinnerungen. Doch wer würde schon Interesse daran haben, etwas über sein Leben zu lesen? Es kam für ihn nicht wirklich in Frage, etwas Derartiges zu Papier zu bringen. Er benutzte seine Spaziergänge dafür, um alte Erinnerungen aufzufrischen; schrieb seine Biographie einfach in die Wolken.
Seit er nach Norden gezogen war, hatte er aber seine Hände nicht in den Schoß gelegt, sondern Theaterstücke geschrieben, mit denen er sehr zufrieden war. Das Theater übte einen guten Einfluss auf ihn aus. Er hatte einige Stücke mit dem Theaterverein inszeniert und war dort mittlerweile ein »festengagierter« Regisseur, soweit dieser Begriff bei einem unentgeltlich arbeitenden Amateurtheater überhaupt existierte. Er hatte seit jeher ein großes Interesse an Kunst und Kultur gehabt. Wusste aber tief drinnen ganz genau, was es war, das ihn an diesem neuen Job so sehr faszinierte – hier bekam er die Gelegenheit, zu leiten, Befehle zu erteilen, hier genoss er Respekt. Er hatte all die Jahre im Auswärtigen Dienst eine leitende Position innegehabt, und es hatte für ihn eine große Umstellung bedeutet, auf einen Schlag alle Macht zu verlieren. Ein unwichtiger Rentner in einem kleinen Dorf auf Island. Die Arbeit als Regisseur hatte ihm dagegen ein ganz neues Betätigungsfeld gegeben.
Doch der Ehrgeiz reichte noch weiter.
Abend für Abend hatte er mit dem Manuskript seines Stückes verbracht, es fein geputzt und korrigiert. Er träumte davon, es nächstes Jahr auf die Bühne zu bringen, aus Anlass seines siebzigsten Geburtstags. Autor und Regisseur. Bisher war es immer Hrólfur gewesen, der ihm im Weg gestanden hatte; er hatte ihm einmal einen Entwurf des Stückes gezeigt, und der Alte war nicht allzu begeistert gewesen.
Dieses Mal würden sie sich nach der Premiere nicht bei Hrólfur treffen. Hrólfur hatte sie oft nach der Vorstellung zu Rotwein eingeladen – und dann gewiss nicht zu einem Fusel. Er hatte sich über all die Jahre einen guten Weinkeller zugelegt; ein Weltenbürger mit Leib und Seele, hatte nie mit guten Jahrgängen gegeizt. Er hatte sich zweifelsohne ganz genau überlegt, dass er jede Gelegenheit nutzen musste, um zu einem guten Tropfen der obersten Güteklasse einzuladen, wenn er nicht eine Unmenge bester Weine zurücklassen wollte.
Hrólfur war stets von einer geheimnisvollen Aura umgeben gewesen – er hatte die Schriftstellerei bereits vor Jahrzehnten aufgegeben, seine Berühmtheit genossen –, die Urheberrechte weithin verkauft und war in der ganzen Welt herumgekommen, um Lesungen aus seinem Werk abzuhalten. Er hatte nach dem Krieg in Reykjavík gelebt, war aber nach Siglufjörður gezogen, als die Sonne der Berühmtheit nicht mehr so kräftig schien. Behauptete, sich zur Ruhe setzen zu wollen, aber Úlfur hatte begriffen, dass Hrólfur damit ein schlaues Spiel spielte. Er war nicht mehr länger eine Berühmtheit im ganzen Land, zog aber in sein Heimatdorf, wo ihm viel Respekt entgegengebracht wurde, alle ihn kannten, alle sein Buch gelesen hatten. Er hielt zudem weiterhin Lesungen ab und besuchte hier und dort Literaturfestivals, manchmal gegen gutes Entgelt. Der Kerl war klug gewesen, das musste man ihm zugestehen, und er hatte es geschafft, sein Geld gut anzulegen.
Das waren bleibende Abende gewesen, als sie zusammen in der Dämmerung saßen – Hrólfur, Úlfur und Pálmi –, ein wenig Rotwein tranken, zusammen über Kunst und Kultur plauderten, sich Opern anhörten. Manchmal herrschte auch Schweigen – abgesehen von dem Gesang im Hintergrund. Meistens schwiegen sie alle drei, wenn Jussi Björling seine Stimme erhob und Una furtiva lagrima zum Besten gab. Es wäre Blasphemie, in diesen Gesang hineinzureden – darüber waren sie sich einig. Zumeist handelte es sich dabei um alte Aufnahmen auf Schallplatte, die alten Meister. Hrólfur hatte sich zwar vor kurzem auch einen CD-Player zugelegt – er spielte aber dennoch lieber Schallplatten, wann immer möglich. Er schien sich nicht im selben Tempo fortzubewegen wie die Technik. Úlfur hatte erfahren, dass Ugla es war, dieses geheimnisvolle junge Mädchen aus dem Westen, das ihn davon überzeugen konnte, sich einen CD-Player und einige CDs zu kaufen. Bei ihr hatte er nachgegeben. Hrólfur war von diesem Mädchen sehr angetan gewesen, der Mieterin im Keller, die nun in ihre eigene Wohnung gezogen war. Sie hatte aber auch weiterhin ab und zu bei ihm zum Kaffee vorbeigeschaut. In Siglufjörður wussten alle alles über alle.
Úlfur war sich ziemlich sicher, dass Hrólfur niemals zugestimmt hätte, dass sein Theaterstück vom Theaterverein auf die Bühne gebracht würde. Er war von Pálmi viel begeisterter gewesen, dem alten Lehrer – Hrólfur war ihm stets wohlgesonnen; war bereit gewesen, ihm eine Chance zu geben, obwohl man in seinen Stücken immer auch den Ton des Anfängers heraushörte. Sie wurden allerdings immer besser, das musste Úlfur zugeben – der Teufelslehrer hatte Talent, darüber gab es nichts zu streiten.
Doch nun war das Problem beseitigt.
Úlfur hatte sich bereits entschieden, die Inszenierung seines eigenen Stückes finanziell zu unterstützen – hinter den Kulissen, wenn man so sagen wollte –, wenn es denn so weit kommen sollte, dass der Theaterverein eine Möglichkeit sah, sein Stück zu seinem Geburtstag aufzuführen. Nach der langen Amtszeit im Auswärtigen Dienst mangelte es ihm nicht an Geld. Er hatte nebenbei, auch als er noch ein ausgelassenes Leben lebte, immer etwas zur Seite gelegt. Die Scheidung hatte ihn selbstverständlich einiges gekostet, doch er hatte von seinen Ersparnissen noch genügend in Reserve.
Es war um den fünfzigsten Geburtstag von Sonja herum gewesen, als ihn der Verdacht beschlich, dass nicht mehr alles in Ordnung sei. Der Altersunterschied war eigentlich nie ein Hindernis gewesen – nicht bis zu diesem Zeitpunkt. Sie war fünfzig, er über sechzig. Mitarbeiter in der isländischen Botschaft in Schweden. Ein respektierter und hochgestellter Diplomat, der inzwischen einige Kilos zugelegt hatte und bei dem das Haar schon lange verschwunden war. Sie dagegen hielt sich unwahrscheinlich gut. Er wusste sofort, um was es ging, als sie eines Abends mit weicher Stimme sagte, dass sie über ihre Zukunft sprechen müssten. Sie hatte einen jüngeren Mann getroffen. Und zwar einen viel jüngeren, einen fünfundvierzigjährigen Ingenieur aus Oslo.
Das war ein großer Schock für Úlfur, auch wenn er schon länger vermutet hatte, in welche Richtung es ging. Er schlief tagelang nicht mehr, bat darum, zum ersten Mal seit langer Zeit, von der Arbeit freigestellt zu werden – lag zu Hause im Dunkeln und versuchte zu verstehen, was falsch gelaufen war.
Er hatte viele gute Jahre mit ihr verbracht. Gute zwanzig Jahre. Doch eigentlich wollte er noch mehr. Im tiefsten Inneren hatte er allerdings vom ersten Tag an gewusst, dass diese Beziehung nicht ewig dauern würde. Es hatte aber immerhin gute zwei Jahrzehnte gedauert, um das festzustellen. Die Scheidung verlief dagegen reibungslos. Sie zog direkt zum norwegischen Ingenieur. Úlfur blieb alleine zurück. Im Nu war er ein alter Mann geworden, versah seinen Dienst als Diplomat mehr aus Pflichtgefühl denn aus Vergnügen und wartete darauf, pensioniert zu werden.
Zwei Jahre später starb seine Mutter in Siglufjörður. Sie lebte noch immer in dem großen, alten Haus, war im hohen Alter im Schlaf verschieden. Úlfur nahm sich drei Wochen Urlaub und flog nach Hause nach Island, um sich um die Beerdigung zu kümmern. Er war ein Einzelkind – mit ihm würde diese Linie zu Ende gehen. So wie es gekommen war, war es ihm nicht vergönnt gewesen, Nachkommen zu zeugen.
Die Beerdigung fand an einem warmen Sommertag in der Kirche von Siglufjörður statt. Seine Mutter hatte viele Freunde gehabt und war sehr beliebt gewesen. Úlfur verspürte ohne Zweifel großen Kummer wegen des Verlustes seiner Mutter, er wusste aber auch, dass sie – direkt oder indirekt – sechzig Jahre darauf gewartet hatte, seinen Vater im Jenseits wieder zu treffen. Die Bestattung war schön, eine gute Freundin seiner Mutter, die sie von der Kirchenarbeit kannte, hatte ein schönes Solostück gesungen, und Hrólfur hatte sich angeboten, ein Gedicht vorzutragen. Ein schönes Gedicht aus dem berühmten Roman; die Lesung widmete er den Eltern von Úlfur.
Ein alter Schulkamerad von Úlfur, der nebenbei Immobilienmakler im Dorf war, bot sich an, das Haus zum Verkauf auszuschreiben. »Stattliches Haus in bester Lage im Dorf«, hieß es im Entwurf der Anzeige. »Ideal als großzügiges Sommerhaus.«
Úlfur erbat sich Bedenkzeit. Beschloß, im Dorf zu bleiben, bis sein Urlaub zu Ende ging. Es war lange her, dass er so viel Zeit in seinem Heimatdorf verbracht hatte. Er hatte jeweils versucht, seine Mutter einmal im Jahr zu besuchen – mal an Weihnachten, mal an Ostern oder den Sommer über und dann meistens mit Sonja. In anderen Jahren hatte seine Mutter sie im Ausland besucht, doch sie lehnte solche Einladungen schließlich ab, als sich ihre Gesundheit verschlechterte.
Das waren eher seltsame Wochen im alten Dorf. Während dieser Zeit spürte er den Verlust sehr stark. Vermisste seine Mutter, wie auch seinen Vater und das Dorf selbst.
Mindestens einmal am Tag ging er zur Brücke hinunter und schaute über den Fjord – dachte an seinen Vater, den das Meer an sich gerissen hatte.
Dann stellte er fest, dass er mit dem Fjord und dem Meer Frieden geschlossen hatte.
Da war die Zeit gekommen, wieder nach Hause zu ziehen.
Die Meldung stand auf der Titelseite der Sonntagsausgabe, die auf dem Kaffeetisch auf der Wache lag; die Zeitung war erst am Montag nach Siglufjörður gekommen – die schriftliche Bestätigung dessen, was alle ohnehin schon wussten; die Bestätigung von Hrólfurs Schicksal.
Schriftsteller verstorben
Es war keine reißerisch aufgemachte Schlagzeile, ihr folgte ein geschmackvoll eingerahmter Artikel weiter unten auf der Titelseite.
Der Dichter Hrólfur Kristjánsson ist im Alter von einundneunzig Jahren am Freitagabend in Siglufjörður verstorben. Hrólfur wurde im Jahre 1941 schlagartig landesweit bekannt, als er im Alter von vierundzwanzig Jahren seinen Roman Nördlich der Heide veröffentlichte. Das Buch gilt als ein Meisterwerk der isländischen Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts und leitete eine große Wende ein; vom Stil her ist es eine romantische Geschichte mit aktuellen Bezügen, das hatte es bis dahin in dieser Form noch nicht gegeben. Die Liebesgedichte im Buch, die kummervollen Lindagedichte, die der weiblichen Protagonistin gewidmet sind, haben schon seit langem einen festen Platz in der isländischen Literatur. Hrólfur wurde am 10. August 1917 in Siglufjörður geboren und absolvierte das Abitur am Gymnasium von Reykjavík im Jahre 1937. Im Anschluss daran begann er ein Studium der Geschichte und später der Literatur an der Universität Kopenhagen. Er kehrte 1940 mit der bekannten ›Petsamo-Fahrt‹ nach Island zurück, damals wurden zahlreiche Isländer nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges aus Petsamo in Finnland wieder in die Heimat gebracht. Hrólfur erhielt für sein Werk zahlreiche Preise, sein Roman wurde um die Mitte des letzten Jahrhunderts in den USA wie auch in zahlreichen Ländern Europas veröffentlicht, wo er viel Kritikerlob erhielt und sich großer Beliebtheit bei der Leserschaft erfreute. Später veröffentlichte Hrólfur Gedichtsammlungen und einen Erzählungsband, gab aber 1974 seine schriftstellerische Tätigkeit auf. Die letzten Jahrzehnte hat er in Siglufjörður gelebt. Die isländische Präsidentin verlieh Hrólfur im Jahre 1990 den Falkenorden. Zudem wurde ihm die Ehrendoktorwürde sowohl der Universität Island wie auch der Universität Kopenhagen zuerkannt. Hrólfur war nicht verheiratet und hinterlässt keine Kinder.
Der große Schriftsteller verstarb am letzten Freitagabend an den Folgen eines Unfalles während der Probe des Theatervereins von Siglufjörður, dessen Vorstand er seit Jahrzehnten war.
»Er hat mich angerufen«, sagte Tómas.
Ari schaute auf.
»Was?«
»Er hat mich angerufen, der Journalist – am Samstag. Sie haben es schnell erfahren. Er wollte wissen, ob der Alte betrunken gewesen sei.« Tómas kratzte sich am Kopf und hob eine seiner dicken Augenbrauen, so dass sein Gesicht einen schrecklich dramatischen Ausdruck annahm, während die andere Braue ruhig an ihrem Platz verharrte.
»Und was hast du gesagt?«
»Er wusste es bereits, irgendjemand hatte es ihm gesteckt. Aber ich habe nichts gesagt, habe nichts bestätigt. Wir sollten den alten Mann in Frieden ruhen lassen.«
»Bist du dir immer noch sicher, dass es ein Unfall war?«
»Ja, wir sollten aus einer Mücke keinen Elefanten machen.«
»Ich habe gehört, dass es am Freitag dort einen Streit gegeben hat.«
»Was willst du damit sagen?«
»Wusstest du nichts davon? So wie ich gehört habe, haben Úlfur und Hrólfur sich wie Hund und Katze gestritten.«
Tómas schien ganz erstaunt zu sein.
»Nein. Úlfur hat das nicht erwähnt.« Er machte einen nachdenklichen Ausdruck. »Das scheint so üblich zu sein, so kurz vor der Premiere – temperamentvoll, diese Künstler.«
Dann fügte er hinzu: »Wieso weißt du davon?«
»Ich habe gestern davon erfahren«, sagte Ari und hoffte insgeheim, dass er nicht mehr dazu sagen müsste; es war unnötig, dass Tómas erfuhr, dass er mit Ugla über polizeiliche Angelegenheiten sprach.
»Sollten wir dem nicht nachgehen?«, fragte er.
»Was nachgehen? Es war nur ein Unfall – und ich werde die Dorfgemeinschaft nicht gegeneinander aufbringen.« Tómas schlug mit der Faust auf den Tisch.
Damit war die Sache erledigt.
»Ich wollte über Mittag zum Krafttraining gehen, wenn das in Ordnung ist«, sagte Ari. Tómas schien erleichtert zu sein, dass das Gesprächsthema gewechselt wurde.
»Prima. Mach das unbedingt, Meister.«
***
Vorsicht – Nicht rennen.
Untiefen nahe der Treppe
Ari las einmal mehr die Inschrift an der Wand, als er die Treppe aus der Garderobe zum Schwimmbecken hinunterging. Es war verlockend, in das Becken einzutauchen, beim Schwimmen die Schulterverletzung zu entspannen. Er ging aber am Schwimmbecken vorbei und in die frische Luft hinaus, wo der Hot Pot sich zwischen hohen Holzwänden befand. Draußen war es eiskalt, immer noch windstill – es schneite nicht. Ein schöner, aber kalter Tag.
Úlfur saß im heißen Becken. Ari war schon mehrmals über Mittag zum Krafttraining gegangen, wenn auf der Wache wenig los war, und hatte sich anschließend in den Hot Pot gesetzt, um die Muskeln zu entspannen; dort traf er immer auf Úlfur. Sie hatten bisher nicht miteinander geplaudert, doch nun würde sich das ändern. Tómas konnte zwar darüber bestimmen, ob der Todesfall beim Theaterverein weiter untersucht werden würde oder nicht – aber er konnte es Ari kaum verbieten, informell mit Personen und Schauspielern darüber zu sprechen.
Im Augenblick saßen sie nur zu zweit im Hot Pot.
»Ich habe nie verstanden«, sagte Ari, »warum es an diesem tollen Ort kein Außenbecken gibt – mit Aussicht über den Fjord. Es ist eine Schande, hier ein überdachtes Schwimmbecken zu haben.«
»Wie bitte?« Úlfur zuckte zusammen.
»Hallo – ich heiße Ari, wir haben uns am Freitag getroffen.«
Úlfur schnaubte.
»Ja … ja, genau. Natürlich.« Und fügte dann mit gesenkter Stimme hinzu: »Der Pfarrer, nicht wahr?«
»Stimmt genau«, sagte Ari und ließ es dabei bewenden. Das war die Gelegenheit.
»Bist du nicht einverstanden?«
»Womit? Wegen des Schwimmbeckens?«
Ari nickte mit dem Kopf.
»Eigentlich nicht. Ich kann mich noch daran erinnern, dass es vor langer Zeit ein Außenbecken gegeben hat.« In den guten, alten Tagen, sagte sein Gesichtsausdruck, sagten seine müden Augen.
»Das war kein Spaß mit dem ganzen Schnee im Winter. Es wurde allgemein begrüßt, dass das Schwimmbecken überdacht wurde.«
Das Eis war gebrochen; Ari konnte nun daraus seinen Nutzen ziehen.
»Ich habe gehört, dass ihr die Premiere verschoben habt.«
»Ja, es war nicht anders möglich; wir müssen bis nach der Beerdigung warten.«
»Hast du Hrólfur gut gekannt?«
»Ja – ziemlich gut; er war natürlich aus einer anderen Generation – auch wenn die Grenzen immer mehr verwischen, je schneller die Jahre vergehen.« Er lächelte. »Wir gehörten beide zum Klub der Rentner.«
»Der arme Kerl, einfach so die Treppe hinunterzufallen.«
Úlfur nickte mit dem Kopf, schaute zum Himmel hoch.
»Es fängt an zu schneien«, sagte er.
»Du warst wahrscheinlich der Letzte, der mit ihm vor dem Unfall geredet hat.« Ari bemühte sich, das Gespräch unbefangen klingen zu lassen.
Úlfur schien nicht auf der Hut zu sein und antwortete prompt: »Ja, wahrscheinlich … Wir hatten während der Probe ein paar kleine Änderungen am Text vorgenommen – das ist manchmal notwendig, obwohl es selbstverständlich immer etwas ungelegen kommt, in letzter Minute noch Änderungen machen zu müssen. Wir besprachen dann noch ein paar Ausführungen, als die anderen schon zum Essen verschwunden waren; er kam oft mit guten Hinweisen. Noch nicht ganz tot im Kopf …« Er zögerte. »Verzeih, das war jetzt wohl eine eher unangebrachte Ausdrucksweise.«
»Dann herrschte also zwischen euch eine gute Zusammenarbeit, oder wie?«
»Doch – ganz gut.« Er schaute erneut zum Himmel, als ob er nach den ersten Schneeflocken des Tages Ausschau hielt.
Eine junge Frau setzte sich zu ihnen in den Pot, sie grüsste weder Ari noch Úlfur.
Ari wollte vor allem etwas über den Alkohol wissen; die Trinkerei – wie betrunken Hrólfur gewesen war –, aber das war genau die Art von Gespräch, die bei Unbekannten Misstrauen hervorrufen würde. Was war schon besser als eine gute Klatschgeschichte in einer Gesellschaft, in der selten etwas Nennenswertes geschah? Es war auch ziemlich klar, dass die Frau im Hot Pot eine Einheimische und keine Touristin war – die Wahrscheinlichkeit, dass sich zu dieser Jahreszeit Touristen in Siglufjörður aufhielten, war verschwindend gering, wenn die Dunkelheit und der Schnee das Dorf in ihren Fängen hielten und die Straßenverhältnisse lebensgefährlich waren. Der Wetterbericht war zudem schlecht; Ari hatte das am Rande vernommen – er selber hatte es aufgegeben, den Wetterbericht zu verfolgen, seit er in den Norden gezogen war – die Wahrscheinlichkeit war sowieso sehr groß, dass er schlecht war.
»Er konnte aber auch ganz schön schwierig sein oder etwa nicht?«
»Ja … ja, manchmal. Manchmal.« Úlfur schaute erneut zum Himmel hoch.
Ari konnte der Versuchung nicht widerstehen: »Wie ich gehört habe, habt ihr euch am Freitag gestritten.« Er ließ die Äußerung stehen, als ob es nichts Selbstverständlicheres gäbe.
Úlfur schluckte den Köder.
»Was zum Teufel meinst du damit?«
Er machte Anstalten, um aufzustehen.
Die ersten Schneeflocken fielen; dick und federweich.
»Ist das hier ein verdammtes Verhör?«
Ari sagte nichts, lächelte lediglich und schaute die junge Frau an, damit er Úlfur nicht anschauen musste. Sie zeigte keinerlei Reaktion; war wohl kaum in den Hot Pot gekommen, um sich in den Zwist anderer Leute einzumischen.
Úlfur verschwand. Der Schnee fiel wie eine dicke weiße Dunkelheit. Ari atmete tief ein und versuchte, das Erstickungsgefühl loszuwerden.