44. Kapitel
Siglufjörður,
Samstag, 24. Januar 2009
Ari zuckte zusammen. Nun sah er das ganze Bild deutlich vor sich. Den Einbruch, das Foto, den Schirm … das Kind, das Hrólfur gehabt haben sollte. Er verstand jetzt, warum Pálmi über so viel Talent verfügte, das war ein verdammt gutes Stück – da gab es nichts zu diskutieren.
Alles war so offensichtlich.
Hrólfurs Testament.
Der Grund dafür, warum Hrólfur sich schon so früh zurückgezogen hatte, trotz der Tatsache, dass er ein sehr gutes Buch geschrieben hatte.
»Hat er dich Linda genannt?«
Die alte Dame nickte.
»Und hat er ein Gedicht für dich geschrieben?«, fragte Ari.
Rósalinda fiel aus allen Wolken. »Nein, nein – das hat er nicht gemacht. Nicht, dass ich wüsste.«
Ari schaute Pálmi an, der von einem Augenblick zum nächsten um Jahrzehnte gealtert zu sein schien, und fragte auf Isländisch: »Pálmi … wer hat das Buch geschrieben? Nördlich der Heide – weißt du, wer das geschrieben hat?«
Es war offensichtlich, dass Pálmi gar nicht erst versuchte, irgendetwas abzustreiten – er war keine Kämpfernatur. Hatte nicht diesen ungebrochenen Willen. Er schien tatsächlich froh zu sein, dass schließlich und endlich jemand dahintergekommen war.
Er seufzte und antwortete mit leiser Stimme, auf Isländisch. Rósalinda und Mads schauten verwundert drein, verstanden kaum ein Wort.
»Ja … mein Vater hat es geschrieben.«
Tómas und Ugla starrten Pálmi an, glaubten ihren Ohren nicht zu trauen.
»Nicht Hrólfur?«, fragte Ari.
»Nein …« Es schien, als ob alle Energie aus Pálmi gewichen sei. »Hrólfur … der verdammte Hrólfur«, sagte er – er hob die Stimme etwas, senkte sie dann aber wieder, »er hat das Buch von meinem Vater geklaut. Damals in Dänemark, als Hrólfur an seinem Totenbett wachte. Mein Vater hat es offensichtlich Rósa … Linda gewidmet. Die Lindagedichte … ich habe nie verstanden, warum Hrólfur nur ein einziges gutes Buch geschrieben hat, ein Mann, der offensichtlich über solche Talente verfügt.«
»Wann hast du das realisiert?«
»An dem Tag, bevor Hrólfur … starb. Ich hatte mit Rósa über die Jahre in Dänemark geredet – sie hat mir gesagt, dass mein Vater sie immer Linda nannte … hat mir von ihren Liebesabenteuern erzählt … es gab so vieles, das an Hrólfurs Buch erinnerte. Ich verband die Geschichte sofort mit dem Buch, konnte aber zwei und zwei noch nicht zusammenzählen. Ich wusste, dass Hrólfur mit meinem Vater Kontakt hatte, kurz bevor er starb, ich saß bei ihm im Krankenhaus … dann hegte ich sehr schnell einen Verdacht … Konnte es sein … dass mein Vater das Buch geschrieben hatte?«
Er machte eine Pause. Holte tief Luft, bevor er fortfuhr.
»Ich musste bei der erstbesten Gelegenheit mit Hrólfur sprechen … Und die ergab sich an dem Abend … Ich ging zum Essen weg, so wie die anderen …«
»Mit dem Schirm«, rief Ari dazwischen.
»Ja … genau, ich vergaß ihn vor lauter Aufregung, als ich zurückkehrte …«
»Nína versuchte, dir aus dieser Klemme zu helfen«, warf Ari dazwischen. »Sie nahm den Schirm am Abend mit zu sich nach Hause, als ob er ihr gehörte – obwohl sie schon viel früher an diesem Tag im Kino aufräumen wollte, lange bevor es zu schneien anfing. Sie hat wahrscheinlich vermutet, dass der Regenschirm unseren Blick auf dich lenken würde. Und sie ist dann nachts bei mir eingebrochen, um die Kamera zu stehlen.«
»Was? Warum denn nur in aller Welt?«, fragte Pálmi mit verwundertem Gesichtsausdruck. Nína stand immer noch etwas abseits, starrte Pálmi gedankenverloren an und sagte nichts. Es war Ari nicht entgangen, dass sie verliebt war.
»Ich habe an diesem Abend ein paar Fotos geschossen, im Saal und im Eingangsbereich, unter anderem eines, auf dem dein Schirm an einem Haken in der Garderobe hing«, sagte Ari. »Nína brach sich das Bein wegen des Glatteises auf dem Nachhauseweg … auf der Flucht sozusagen, nachdem sie bei mir eingebrochen war – ich hatte sie gehört, hatte sie beinahe auf frischer Tat ertappt. Das Krankenhaus hat es mir bestätigt, dass sie sich in derselben Nacht gemeldet hat … Ich habe Ugla die Bilder vom Tatort gezeigt, sie sagte mir, dass es dein Regenschirm sei – ein gepunkteter Regenschirm, ziemlich leicht zu erkennen, zudem habe ich gehört, dass Ugla und du die Einzigen der Dorfbewohner seid, die noch einen Schirm benutzen.« Er schaute Ugla an, dann Nína. »Ist das nicht korrekt?«
Tómas warf Ari einen bösen Blick zu, sagte aber nichts. Ari war sich bewusst, dass er einen Rüffel dafür bekommen würde, dass er Ugla die Bilder aus einer Polizeiermittlung gezeigt hatte, in die sie selber involviert war.
Nína kam näher, zögerte, schaute weiterhin auf Pálmi.
»Doch. Aber ich habe es getan … für ihn«, sagte sie mit fester Stimme.
»Hattest du den Schirm?« Pálmi schaute sie vorwurfsvoll an. »Ich habe nicht verstanden, wo er abgeblieben war …«
»Ich wollte ihn dir heute Abend geben, wollte dir sagen … dir sagen, dass ich alles weiß.« Fügte dann hinzu: »Lieber Pálmi. Das war unser Geheimnis.«
»Unser …?« Er schaute sie verwundert an.
Ari übernahm die Führung und sagte zu Pálmi: »Du bist also zum Essen gegangen und dann wiedergekommen …«
»Ja, ich hatte das Textbuch vergessen. Úlfur und Hrólfur waren mit irgendwelchen minimalen Korrekturen darin beschäftigt und hatten mich vor der Probe am Abend darum gebeten, es in der Essenspause mitzunehmen, um neue Endversionen verteilen zu können … Ich war bereits auf halbem Weg nach Hause, als es mir wieder einfiel. Als ich zurückkam, war Hrólfur alleine auf dem Balkon. Nína war nicht im Ticketverkauf.«
»Ich war unten im Keller«, unterbrach Nína. »Hörte den Lärm eines Streites. Du warst schon weg, als ich wieder von unten kam, aber ich habe überhaupt nicht bemerkt, dass du deinen Schirm vergessen hattest, bis die Polizei da war.« Sie war offensichtlich zufrieden damit, dass Pálmi nun endlich erfuhr, wie sehr sie sich für ihn verausgabt hatte.
»Hast du Hrólfur danach gefragt?« Ari richtete die Frage an Pálmi.
»Ja. Ich fragte ihn ganz direkt – ob er das Buch von meinem Vater gestohlen habe. Er lachte nur, hatte bereits ein bisschen zu viel getrunken. Sagte, dass man das nun kaum als Diebstahl bezeichnen könne – eher als Rettung. Er habe das Buch bewahrt, ihm neues Leben eingehaucht. Er sagte, dass mein Vater nie ein solches Buch hätte verkaufen können, aus ihm etwas Wertvolles hätte machen können. Er sagte, dass er genauso viel an ihm besitze wie mein Vater, nachdem er es gewesen sei, der es verbreitet hätte – in Wahrheit besäße er sogar mehr Anteil daran. Du kannst wahrscheinlich verstehen, dass ich das nicht schweigend und kommentarlos akzeptiert habe. Ich nannte ihn einen verdammten Dieb und Lügner. Fragte ihn, ob er ein einziges Wort in diesem Buch selbst geschrieben habe. Nein, das war ja so toll von deinem Vater, sagte er grinsend, dass ich nichts ändern musste. Sagte mir dann, ich solle mich entspannen – er habe mir ja beim Theaterverein eine Chance gegeben. Der Lohn des Lohns. Vater habe ihn zum Autor gemacht, und er habe mich dafür zum Theaterautor gemacht.« Pálmi schwieg, seine Hände hatten angefangen zu zittern vor Wut.
Rósalinda und Mads beobachteten verwirrt ihren Gastgeber, der die Kontrolle über sein Temperament zu verlieren schien.
»Ich fragte ihn, ob Vater ihn darum gebeten habe, das Buch herauszugeben – das gab er dann auch zu«, fuhr Pálmi fort. »Der verdammte Kerl. Mein Vater wollte das Buch herausgeben – und er hat ganz besonders darum gebeten, dass sie …« – er deutete auf Rósalinda, die offensichtlich von allem gar nichts verstand – »… ganz sicher ein Exemplar erhalte. Hrólfur hat in allem betrogen – hat einen sterbenden Mann betrogen. Er gab sogar zu, ein besonderes Augenmerk darauf gelegt zu haben, dass die Rechte niemals nach Dänemark verkauft würden.« Pálmi schwieg, fügte dann hinzu: »Ich bin froh, dass alles ans Tageslicht gekommen ist – jetzt kann ich ihr die Wahrheit sagen, sie hat dann die Gelegenheit, das Buch zu lesen, das mein Vater ihr gewidmet hat.« Er lächelte Rósalinda an. Sie schien überrascht zu sein, nun in der Diskussion erwähnt zu werden.
»Er fand es vermutlich passend, dass du das Urheberrecht als Erbe bekommst … sozusagen als einen kleinen Ausgleich«, sagte Ari.
»Der verdammte Teufelskerl – als ob das etwas ändern würde. Er hat sich sein ganzes Leben lang mit falschen Federn geschmückt – mein Vater tot, vergessen –, und Hrólfur lebte siebzig Jahre lang wie ein König. Aber … ich wollte ihn nicht töten.«
»Hast du ihn gestoßen?« Die Frage erübrigte sich eigentlich.
»Ich habe ihn geschubst – in dem ganzen Streit. Rannte dann wie vom Teufel verfolgt hinaus, als ich sah, dass er tot war. Da habe ich den Regenschirm vergessen, ich hatte ihn aus alter Gewohnheit in der Garderobe an einen Haken gehängt, als ich zurückkam, um das Manuskript zu holen.« Pálmi war zu Tränen gerührt. »Ich wollte ihn nicht töten. Ich habe nicht mehr geschlafen, seit das passiert ist … Gott sei Dank ist es endlich ausgestanden.«
»Es ist das Beste, wenn du mit auf die Wache kommen könntest, Pálmi, wir müssen ein Protokoll aufsetzen«, sagte Tómas warmherzig.
»Wie … ja, selbstverständlich«, sagte er, eindeutig verwirrt.
»Eines noch zum Schluß«, sagte Ari. »Das Kind, das Hrólfur angeblich gehabt haben soll – war das eine Lügengeschichte?«
»Ja«, antwortete Pálmi mit beschämter Miene. »Entschuldige. Ich bin einfach so erschrocken, als ich gehört habe, dass ihr die Sache als Verbrechen ermittelt … ich wollte euch auf eine andere Spur führen. Das habe ich danach tief bereut.«
Ari zweifelte nicht daran.
»Und ich bin direkt in die Falle getappt«, sagte er.
»Ich hatte Nína im Kopf, als ich dir diese Geschichte erzählte.« Er hatte wohl vergessen, dass Nína dicht neben ihm stand. »Man hat ja nie genau gewusst, wer ihr Vater gewesen ist.«
Nína zuckte zusammen. Ihre Welt schien auf einmal zusammenzubrechen.
»Hast du … hast du … versucht … die Schuld auf mich zu schieben?«, fragte sie verwundert.
Pálmi schaute sie an.
Sie starrte ihn mit leerem Blick an, sie schien in Gedanken weit weg zu sein.
»Dann wollen wir mal, Pálmi«, sagte Tómas.
***
Die Gäste der Feier beobachteten verwundert, wie der Polizeichef Pálmi hinausfolgte.
Úlfur hatte etwas von dem Gespräch aufgeschnappt und kombinierte schnell, zählte rasch zwei und zwei zusammen.
Er habe es eine Zeitlang im Gefühl gehabt, dass da etwas vor sich ginge; er habe bemerkt, dass, als er sich von Hrólfur verabschiedete, um essen zu gehen, Pálmi das Manuskript noch nicht geholt hatte – aber dennoch hatte Pálmi es in der Pause korrigiert.
Er hatte es aber nie geschafft, Pálmi nach dem Fall zu fragen, und schon gar nicht, die Polizei zu rufen.
Er litt sehr mit seinem Kumpel.
***
Pálmi schaute kurz zurück, mit zusammengekniffenen Augen, als ob der Siglufjörður-Nebel ihn umhülle.
Er hatte Angst.
Befürchtete, im Gefängnis zu landen.
Das war es aber nicht, was ihm ganz oben im Kopf herumschwirrte.
Er wünschte sich am meisten, dass diese kleine Gemeinschaft am nördlichen Meer ihm verzeihen möge – so dass er den Leuten, die er schon so lange kannte, wieder in die Augen schauen könnte.
***
Ari war beim Verhör mit Pálmi ganz zufrieden mit sich selbst gewesen. Stolz.
Er sah das Gesicht von Pálmi, als er ein letztes Mal in den Saal schaute, gebückt.
Das war so unerhört ungerecht. Pálmi war in den Händen der Polizei, doch Karl lief frei herum.
Ari war einen Augenblick lang versucht zu denken, dass die Welt wirklich gerecht sein sollte.
Verfluchte Idee. Er, der das aus eigener bitterer Erfahrung so gut kannte – seit jungen Jahren Waise war –, er wusste, dass Gerechtigkeit nichts anderes als reine Interpretationssache war.