25. Kapitel

Siglufjörður,

Mittwoch, 14. Januar 2009

»Du musst mit uns kommen. Wir müssen ein Protokoll erstellen.« Tómas war bestimmt, aber nicht unfreundlich. Karl stand still und verfolgte, wie Linda in die Ambulanz geschoben wurde.

»Ja, klar. Ich komme.«

»Dürfen wir die Schlüssel zur Wohnung haben, um zu schauen, ob es dort Indizien gibt?«

Er nickte mit dem Kopf. »Sie ist nicht verschlossen, es gibt dort nichts zu sehen – ich bin vorhin reingegangen, um zu sehen, ob jemand dort sei.«

»Setz dich schon mal in den Wagen.« Ari zeigte ihm den Weg.

Die Ambulanz war losgefahren; das Blaulicht erhellte den Schnee. Der hintere Garten in der Þormóðsgata machte nicht mehr länger den Anschein, der Ort eines Verbrechens zu sein, es schneite unentwegt, und der Schnee schien alles unter sich zu begraben. Linda war weg, Karl war weg, das Blut war kaum noch sichtbar. Der Garten gab sich alle Mühe, wieder zu einem gewöhnlichen Garten hinter einem Haus an einer ruhigen Straße in einem kleinen Dorf im Norden zu werden.

Hlynur tauchte nur wenige Minuten später auf.

»Ari und ich gehen auf die Wache«, sagte Tómas; seine Stimme war wie schon vorhin nur undeutlich im Schneetreiben zu vernehmen. »Kalli kommt mit uns mit. Du musst den Tatort untersuchen … so gründlich wie nur möglich. Wir müssen versuchen, die Waffe zu finden. Wir haben vorhin keine Informationen über die Verletzungen erhalten, sie haben versucht, sie zu reanimieren. Ich vermute trotzdem, dass es ein Messer gewesen ist. Halt die Augen offen. Wirf auch einen Blick ins Haus; falls irgendetwas darauf hindeutet, dass jemand drin war, dann müssen wir die Wohnung gründlich durchsuchen.«

Es bereitete Ari Mühe, die Augen im Schneetreiben offen zu halten, die Schneeflocken waren dick – nun fielen sie nicht vorsichtig zur Erde wie so oft zuvor, sondern trafen diejenigen mit voller Kraft, die es wagten, draußen im Freien zu stehen.

Ari setzte sich neben Karl auf den Rücksitz des Wagens; Tómas fuhr los. Im Auto herrschte Schweigen.

Die Polizeiwache bot einen willkommenen Schutz vor dem stürmischen Wetter. Ein sicheres, bekanntes Umfeld. Ari bemerkte erst jetzt, wie schnell sein Herz während des ganzen Einsatzes geschlagen hatte; er spürte nun deutlich, wie er sich etwas entspannte; spürte erneut die Schmerzen in der Schulter.

Sie baten Karl in das Büro, das für Verhöre benutzt wurde, auch wenn es dafür selten Bedarf gab. Ari wusste nicht, wie er Karls Miene zu deuten hatte. Er schien erstaunlich gefasst zu sein, verglichen mit den Umständen, sagte dann aber: »Brauchen wir denn lange dafür? Ich möchte so schnell wie möglich ins Krankenhaus.«

»Wir versuchen, es schnell zu erledigen. Du kannst uns dabei helfen, indem du klar und präzise antwortest«, sagte Tómas und klärte Karl darüber auf, dass er als Zeuge vernommen wurde. Das Aufnahmegerät war eingeschaltet. Ari kritzelte etwas auf ein Blatt und schob es Tómas hin.

»Könntest du mir bitte deine Jacke geben?«, sagte Tómas.

Die Frage schien Karl zu überraschen. Er verstand nicht ganz.

»Deine Jacke – kannst du sie bitte ausziehen? Und sie mir reichen?«

Karl gehorchte, schien den kleinen Fleck sofort zu bemerken, der Aris Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte, sagte aber nichts. Er gab Tómas die Jacke.

»Wir müssen sie untersuchen lassen.«

Ari nickte mit dem Kopf, stand auf und kam mit einer Tüte für die Jacke zurück.

»Ist das Blut?«

Karl schien sich von der Frage nicht aus der Ruhe bringen zu lassen.

»Ja, vermutlich.«

Karl schwieg, bis Tómas das Schweigen unterbrach: »Weißt du, wie es auf deiner Jacke gelandet ist?«

»Das scheint passiert zu sein, als ich nach ihrem Puls fühlen wollte. Da war ja alles voller Blut.«

»Wann hast du Linda das letzte Mal gesehen?«

»Heute Morgen.«

»Ist sie zur Arbeit gefahren?«

»Ja, sie hatte bis sechs Uhr Schicht.«

»Weißt du, ob sie dann gleich nach Hause gegangen ist?«

»Keine Ahnung.«

»Hast du tagsüber von ihr gehört?«

»Nein, überhaupt nichts … Kann ich vielleicht im Krankenhaus anrufen?« Er war immer noch sehr beherrscht, wie jemand, der nichts zu verbergen hat, und Ari überkam das starke Gefühl, dass sie die Zeit auf den falschen Mann verschwendeten.

»Ich rufe den Arzt nachher gleich an. Warst du um sechs Uhr nicht zu Hause?«

»Nein.« Erneutes Schweigen.

»Wo warst du?«

»Beim Pokerspiel mit ein paar Kumpels. Immer mittwochs. Wir treffen uns zwischen fünf und halb sechs, wenn sie die Arbeit beendet haben – und spielen dann meistens bis zum Abend, aber nicht zu spät. Ein paar Biere, ein paar Runden.«

»Sie können also bezeugen, dass du bereits vor sechs Uhr dort warst?«

»Ja.« Karl zögerte, fügte dann hinzu: »Möchtest du ihre Namen?«

»Ja, bitte.« Tómas schob ihm ein Blatt und einen Stift hin.

Karl reichte ihm die Liste. Tómas sah sich die Namen an und sagte dann zu Ari: »Ich werde sie anrufen. Ich kenne sie.« Ich kenne sie, du aber nicht. Auswärtiger.

Tómas stand auf.

»Kannst du den Arzt anrufen?«, fragte Karl.

Tómas nickte und verließ den Raum. Ari war sich nicht sicher, ob er das Verhör weiterführen, schweigen – oder einfach über dies oder jenes plaudern sollte.

Unangenehmes Schweigen.

»Möchtest du Kaffee?«

Karl schüttelte den Kopf.

»Gut beobachtet von dir, das mit der Jacke. Den Fleck. Ich hätte nichts bemerkt.«

Ari wusste nicht, wie er darauf reagieren sollte. Warum nur lobte ihn Karl? Wollte er sich wegen des Verhörs einschmeicheln? Danke. Sollte er sich bedanken?

Er schwieg eine Weile und sagte dann: »Bist du dir sicher wegen des Kaffees?«

»Ganz sicher.«

»Das ist eine schlimme Wunde, die du da an der Stirn hast«, sagte Karl.

Schweigen.

»Was ist denn passiert?«

»Nichts Ernsthaftes«, antwortete Ari kurz angebunden.

Erneut unangenehmes Schweigen.

»Schlechtes Wetter. Du bist das wahrscheinlich nicht gewöhnt.«

Ari versuchte, sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen, es fiel ihm aber schwer, den Einfluss, den das Wetter auf ihn hatte, zu verbergen. Er hatte überhaupt keine Lust dort zu sein, wo er war; wollte lieber mitten auf der Wiese bei der Landakotskirche in Reykjavík stehen, nicht weit von seiner Wohnung in der Öldugata entfernt, an einem schönen Sommertag – sich dann ins Gras legen und den Himmel betrachten. Den hellen, klaren Himmel.

Karl nahm seine Miene wahr. Ein schwacher Punkt.

»Das kann unglaublich hart sein, ist schwer, sich daran zu gewöhnen. Es ist sogar für mich schwierig, und ich bin immerhin hier geboren. Es ist, als ob die Wände einen bedrängen bei einem solchem Wetter.« Er grinste schief.

Zum Teufel nochmal. Konnte Tómas nicht bald kommen?

Ari sagte kein Wort. Versuchte, an etwas anderes zu denken.

Die Minuten verstrichen. Tómas zögerte es vielleicht absichtlich hinaus, zurückzukommen; wollte Karl etwas schwitzen lassen? Falls dem so war, so schien das keinen Erfolg zu haben.

Ein Klingeln unterbrach das Schweigen.

Ari schaute auf das Display seines Handys, das auf dem Tisch lag.

Kristín.

Er nahm sein Handy und schaltete das Klingeln aus. Weder der richtige Ort noch der richtige Moment, um zu antworten.

Kristín. Es war eine ganze Weile her, seit er etwas von ihr gehört hatte. Was wollte sie? Er hatte Lust, sie unmittelbar darauf anzurufen; verdammt schlechtes Timing von ihrer Seite.

Die Distanz hatte das ihre getan. Die Mails wurden immer seltener. Er vermisste sie, wollte sich nachts am liebsten an sie schmiegen, wenn er sich am schlechtesten fühlte, wenn die Einsamkeit am schlimmsten war. Andererseits war er aber immer noch irritiert über sie; irritiert über ihre Reaktion wegen seines Wegzugs in den Norden, irritiert darüber, dass sie das erste Wochenende nicht mit ihm nach Siglufjörður hatte fahren wollen, irritiert darüber, dass sie ihn an Weihnachten nicht angerufen hatte. Sie hatte ihn allerdings am Weihnachtstag angerufen … am Weihnachtstag. Verdammt nochmal. Freundinnen rufen am Heiligen Abend an, alte Tanten rufen am Weihnachtstag an!

Die Tür wurde plötzlich aufgerissen. »Kann ich kurz mit dir reden, Ari, hier vorn.« Tómas’ Stimme klang fest, entschlossen.

»Ich habe sie alle kontaktiert«, sagte er, als Ari nach vorn gekommen war und die Tür hinter sich geschlossen hatte. »Alle Spielgenossen.« Dramatisches Schweigen; er hatte wohl ein wenig schauspielerisches Talent. »Sie sagen alle dasselbe. Er war die ganze Zeit dort, kam kurz nach fünf – und spielte, was das Zeug hielt. Ging erst, als er den Anruf von der Nachbarin erhielt.«

»Wann hat Linda ihre Arbeit verlassen?«

»Gegen halb sieben, ich habe die Krankenschwester erreicht, die mit ihr zusammen auf der Station gearbeitet hat. Linda hat ihre Schicht beendet, noch einen Kaffee getrunken und ist dann nach Hause gegangen. Sie fühlte sich nicht ganz wohl. Er scheint es also nicht getan zu haben.«

»Hast du etwas von Hlynur gehört?«

»Nein. Lassen wir ihn noch etwas länger suchen.« Tómas warf einen Blick aus dem Fenster; die Sicht war gleich null. Ari konnte sich glücklich schätzen, dass er für diese Aufgabe nicht eingeteilt worden war.

»Ich werde mal versuchen, den Arzt anzurufen. Warte kurz. Dann machen wir mit dem Verhör weiter«, sagte Tómas.

Das Handy klingelte in Aris Hosentasche. Es war wieder Kristín. Er überlegte kurz, ob wohl etwas geschehen sei. Sie würde ihn ja wohl kaum plötzlich so sehr vermissen? Tómas war am Telefon, also ergriff Ari die Gelegenheit und antwortete. Einen kurzen Augenblick sah er Ugla vor sich, schob diesen Gedanken aber umgehend beiseite.

»Was ist eigentlich los?«, fragte Kristín ohne Umschweife, mit kühler Stimme, aber in entschlossenem Ton. Neugierig, angespannt.

»Was meinst du?« Das war nicht die Begrüßung, die er erwartet hatte. Kein hallo, Liebling. Keine Anzeichen von Zuneigung.

»Ja, diese Frau – du weißt schon – die Frau im Schnee.«

Wie zum Teufel …

»Wie hast du davon erfahren?«

»Na ja, ich habe es gerade im Internet gesehen.« Sie nannte ihm die Website. »Untersuchst du etwa die Sache?«

Er eilte an den Rechner.

 

Frau nach Angriff nackt und bewusstlos in Siglufjörður aufgefunden.

 

»Wie bitte, … ja, aber ich kann dazu nichts sagen.« Mein Liebling. Die Worte blieben aus; das, was letzten Herbst noch so selbstverständlich über seine Lippen gekommen war, schien auf einmal in weiter Ferne zu sein. Er verspürte dennoch das Verlangen, etwas Nettes zu sagen; etwas Liebes, aber sie hatte ihn anscheinend nur aus lauter Neugier über den scheußlichen Übergriff angerufen. Er spürte, wie die Irritation erneut in ihm aufflammte.

»Hör mal, ich kann jetzt nicht reden; ich muss hier weitermachen«, sagte er und beendete das Gespräch.

Er hörte im Hintergrund das Geraune von Tómas’ Telefongespräch, der auch gerade aufgelegt hatte.

»Ich habe den Arzt erreicht«, sagte er und kam zu Ari hinüber. »Er wird nachher nochmals anrufen – sie ist immer noch bewusstlos. Er glaubt, dass sie wahrscheinlich eine Dreiviertelstunde dort gelegen hat. Es grenzt an ein Wunder, dass sie noch am Leben ist. Gott sei Dank.« Er lächelte, schien froh zu sein, es nicht mit einem Mordfall zu tun zu haben. Noch nicht. Sein Ausdruck veränderte sich aber rasch, als er einen Blick auf den Bildschirm warf und die Schlagzeile über die Tat entdeckte.

»Wie zum Teufel ist das möglich?!«

»Keine Ahnung. Meine Freundin hat mich darauf hingewiesen.«

»Das ist ja schrecklich! Zuerst Hrólfur und jetzt das hier – und beides erscheint fast parallel in den Medien! Wir bekommen aber auch gar keine verdammte Ruhe, um unseren Job zu erledigen.«

»Du glaubst ja wohl kaum, dass das hier etwas mit dem Unfall im Theater zu tun hat?«, fragte Ari.

»Was? Nein, kaum. Es ist einfach beschissen, total beschissen, dass wir zweimal hintereinander in solche Fälle verwickelt werden.«

Aber noch beschissener für Hrólfur und Linda. Ari hielt sich zurück.

Tómas’ Handy klingelte.

»Hallo.« Schweigen. »Nein, zum Teufel nochmal«, sagte er gereizt. »Lass mich einfach meine Arbeit machen!« Kurzes Schweigen. »Nein – ich habe keine Zeit. Kein Kommentar. Hast du verstanden?«

Er unterbrach das Gespräch. »Die verfluchten Journalisten. Wir sollten das Verhör beenden, es ist nicht nötig, den Mann hier weiter sitzen zu lassen«, sagte Tómas mürrisch. »Das wird ein Albtraum. Wir müssen den Fall so schnell wie möglich lösen, sonst bekommen die Leute hier im Dorf Todesangst.«

Ari schaute kurz aus dem Fenster, bevor sie wieder in den Verhörraum gingen. Es schneite noch immer. Dieses friedliche Dorf war schon wieder von Schnee bedeckt, doch nun schien es, als ob er mehr Schwermut mit sich brächte als vorher. Die weiße Schneedecke war nicht mehr länger rein, sondern von Blut befleckt.

Eines war sicher, heute Abend würden alle Dorfbewohner ihre Türen verriegeln.