Kapitel 27

 

 

 

Bölder kam zwar nicht mit einem Sondereinsatzkommando angerauscht, jedoch mit drei Streifenwagen.

»Sind Sie verrückt?«, schrie Doro dem Kommissar entgegen, als dieser aus dem ersten Wagen stieg. »Machen Sie die verdammten Sirenen aus.«

Er gab den anderen ein Zeichen und es wurde still. Nur das blaue Licht tanzte weiter von Haus zu Haus und war somit nicht minder auffällig. Bölder eilte auf Doro zu, welche bereits vor dem verklebten Schaufenster des Antiquariats auf ihn wartete.

»Frau Sander, Gott sei Dank, geht es Ihnen gut. Also? Was haben wir hier?«

Doro war fast den ganzen Weg gerannt und noch etwas aus der Puste, als sie berichtete, was geschehen war. »... und sein letztes Wort war Dachboden. Ich bin mir sicher, dass Isabel hier in diesem Haus gefangen gehalten wird.«

Der Hauptkommissar winkte seine fünf Beamten zu sich heran. »Hört zu, Jungs. Wir suchen ein achtzehnjähriges Mädchen. Ihr Name ist Isabel Sander und sie wird möglicherweise hier festgehalten. Wir wissen nichts über den oder die Täter, seid auf alles gefasst.«

Henschel meldete sich zu Wort. »Aber Chef, wäre es nicht ratsam auf ein SEK zu warten?«

»Wenn Sie dafür verantwortlich sein wollen, dass der Kleinen etwas zustößt, dann schon. Es gab einen Komplizen. Wer kann schon sagen, was mit dem Mädchen geschieht, wenn herauskommt, dass dieser gerade gestorben ist. Wir sind jetzt hier und wir ziehen das durch.« Er wandte sich noch einmal an Doro. »Sie bleiben hier. Wenn Ihr Verdacht sich bestätigt, wissen wir nicht, was uns da drin erwartet.«

»Klar, Chef. Der Laden ist übrigens verschlossen. Ich habe schon gegen die Tür gehämmert, aber es hat sich da drin nichts geregt.«

»Natürlich haben Sie das.« Er verdrehte die Augen. »Sie halten sich jetzt bedeckt. Ist das klar?«

»Zu Befehl, Sir.«

Instinktiv wusste Bölder, dass ihr Wort in diesem Falle nicht viel wert war. Nachdem die Beamten sich lautstark zu erkennen gaben und ebenfalls mehrfach gegen die Tür geklopft hatten, kam der Befehl des Kommissars, sich gewaltsam Zutritt zu verschaffen. Kurz darauf schlichen vier Beamte mit gezogenen Waffen in das Antiquariat. Doro fragte sich, wozu sie sich jetzt wieder bemühten, leise zu sein, nachdem man sie vorher sicher noch drei Straßen weiter gehört hatte. Aber bei Bölders Dorftruppe schien alles ein wenig anders zu sein. Der Kommissar ging den Beamten nach. Es war nichts Ungewöhnliches festzustellen. Es dauerte nicht lange, bis die Tür zum Treppenhaus gefunden wurde.

»Hier geht es rauf, Chef.«

»Dann los, zum Dachboden, vorwärts.«

Doro hatte sich selbstverständlich nicht an seine Worte gehalten, sie war Bölder sofort in den Laden gefolgt. Er hatte es zur Kenntnis genommen und aufgegeben.

»Bleiben Sie hinter mir!«

»Großes Indianerehrenwort, Chef.«

 

Es ging vier Etagen nach oben, dann befanden sie sich vor der letzten Tür. Sie musste zum Dachboden führen. Bölder wies seine Leute zur Ruhe an. Die Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Doro krallte sich in die beige Jacke des Kommissars, die sie irgendwie an Horst Schimanski aus dem Tatort erinnerte. Aber das hier war kein Fernsehen, das war die Wirklichkeit.

Auf einmal überkam Doro eine unglaubliche Furcht vor dem, was hinter dieser Tür auf sie warten könnte. Was, wenn Isabel gar nicht mehr am Leben war? Was, wenn dieses Schwein ihr etwas angetan hatte?

»Sie müssen vorsichtig sein. Ich bin mir sicher, dass dieser angebliche Sohn vom alten Bender mit drin hängt. Ich halte ihn für sehr gerissen und ich bin mir fast sicher, dass er derjenige ist, der auch für das Verschwinden der anderen Mädchen die Verantwortung trägt.« Sie hatte dem Kommissar die Worte ins Ohr geflüstert.

Er sah sie verwundert an. »Wie kommen Sie zu der Annahme?«

»Lange Geschichte. Passen Sie einfach auf sich auf.«

Die Beamten warteten auf das »Go« ihres Chefs. Man hätte das Fallen einer Stecknadel hören können. Dann kam der Befehl. Die Tür wurde aufgestoßen und Bölders Leute stürmten mit den Waffen im Anschlag in den Raum.«

 

***

 

Thomas hatte Isabel eine Spritze gesetzt, bevor er aufgebrochen war. Dem Meister schien es sicherer zu sein, die Furie außer Gefecht zu setzen, bevor er sich ans Werk machte. Sie hatten sie auf den Obduktionstisch gelegt und ihr die Fesseln abgenommen. François musste jedoch einsehen, dass er allein sein Vorhaben nicht in die Tat umzusetzen konnte. Um sie richtig umwickeln zu können, musste er ihren bewusstlosen Körper immer wieder aufrichten. Sein Zorn wurde größer. Er mochte es überhaupt nicht, wenn ein Plan nicht so funktionierte, wie er es sich ausgemalt hatte.

Dann kam ihm die zündende Idee. Er hob ihren schlaffen Körper vom Tisch und befestigte ihre Füße an dem Flaschenzug. »Na also. So kann man doch arbeiten.« Er nahm das halbe Dutzend Rollen des silbernen Panzerbandes vom Tisch und legte sie vor sich auf den Boden. »Dann mal los, Kleines. Ich bin sehr gespannt, wie es dir gefallen wird, wenn du aufwachst.« Seinem Monolog folgte wieder das wahnsinnige Gelächter. François war in seinem Element. Mit ihren Beinen fing er an und opferte eine ganze Rolle des reißfesten Klebebandes bis er ihre Oberschenkel erreicht hatte. Die Füße musste er zunächst aussparen, da er sie ansonsten an die Manschetten hätte kleben müssen, die sie mit dem Seilzug fixierten. Nachdem ihre Arme in die richtige, überkreuzte Position vor der Brust gebracht und verklebt waren, widmete François sich dem Oberkörper seines Opfers, den er bis zum Bauchnabel einwickelte. Dann arbeitete er weiter von den Oberschenkeln in Richtung der Knie. Er betätigte den Schalter und ließ den Körper wieder absenken, löste die Fußmanschetten und trug Isabel zurück zum Tisch. Dort fixierte er zunächst noch einige Lagen über die Fußgelenke. Als er sein Werk vollendet hatte, waren nur noch ihre nackten Füße, ihr Gesäß und ihre Scham zu erkennen. Ihre Augen und ihr Mund waren ebenfalls unter mehreren Lagen des silbernen Bandes verschwunden.

 

Es wäre ihm am liebsten gewesen, sie tatsächlich wie eine Mumie komplett einzuwickeln, doch er wollte nicht, dass sie noch schneller erstickte, als es ohnehin schon der Fall sein würde. Sie sollte sich quälen. Es erregte François zutiefst, sich ihre Reaktion und ihre Emotionen vorzustellen, wenn sie erwachte und sie sich ihrer hoffnungslosen Lage bewusst würde. Als er sich dann noch ausmalte, wie unendlich grausam es für sie sein würde, wenn der Sarg sich in die Tiefe senkt und der Deckel sich für immer schließt, ejakulierte er in seine Hose, ohne seinen Penis auch nur ein einziges Mal berührt zu haben. Der Anblick des Opfers, wie es unter dem Klebeband zur Bewegungslosigkeit verdammt war, und die Vorstellung ihres Leids hatten ausgereicht. »Du geiles Stück«, flüsterte er und fuhr mit seinen Händen noch einmal sein Kunstwerk entlang. Dann hievte er das Paket vom Tisch, legte es sich über die breite Schulter und schreckte zusammen. Denn im selben Moment sprang die Tür zum Treppenhaus auf.

 

***

 

Die Dämmerung hatte bereits eingesetzt. Thomas hatte aus sicherer Entfernung das rege Treiben vor dem Antiquariat beobachtet. Toll, wie soll ich die Alte aus dem Verkehr ziehen, wenn überall Bullen rumlaufen? Doch kurz darauf waren alle Uniformierten im Laden verschwunden und er schlich sich auf den Hof. Es kostete ihn ein wenig Anstrengung, aber schließlich gelang es ihm, das kleine Badezimmerfenster aufzubrechen und auf jenem Weg ins Gebäude zu gelangen, den schon Isabel genutzt hatte. Er öffnete langsam und vorsichtig die Tür. Nur einen Spalt breit. Es war niemand zu sehen. Jedoch vernahm er Geräusche aus dem Treppenhaus, dessen Tür sich schräg gegenüber, des Bades befand und weit geöffnet war. Was sollte er tun? In den Flur stürzen, hoffen, dass die Reporterin dabei ist und sie vor den Augen der Polizei entführen oder gar umbringen? Es blieb ihm nichts anderes übrig als auf den richtigen Moment zu lauern.

 

***

 

»Polizei, keine ...« Die Worte des forschen Beamten erstarben mitten im Satz. Er war zu allem entschlossen durch die Tür gestürmt. Jetzt schauten er und sein Kollege sich ratlos an. »Kommissar Bölder? Das sollten Sie sich ansehen.«

Doro drängte sich zwischen dem Einsatzleiter hindurch, ohne ihm die Chance zu lassen, sie aufzuhalten oder ihr zuvorzukommen.

»Doro, nicht!«

Doch es war zu spät. Die Journalistin war durch die Tür geeilt und glaubte ihren Augen nicht zu trauen. Wie von Sinnen rief sie laut Isabels Namen. Bölder war schließlich neben ihr und starrte ebenfalls völlig perplex auf die vielen Stapel alter, staubiger Bücher, die den ganzen Raum füllten. Die Luft war abgestanden und der ganze Ort erweckte den Eindruck, als wäre seit vielen Jahren kein Mensch mehr hier oben gewesen. Überall hingen Spinnweben und der Staub auf dem Boden war so hoch, dass man die eigenen Fußabdrücke erkennen konnte.

»Doro, Frau Sander ... hier ist niemand. Falscher Alarm würde ich mal sagen. Wahrscheinlich ist Ihre Schwester längst wieder ...«

Doch das konnte sie nicht akzeptieren. Doro lief hysterisch und planlos den Dachboden auf und ab. »Das kann nicht sein, verdammt. Ich weiß, dass sie hier ist. Und ich weiß, dass dieser Bender dahinter steckt.«

Der Kommissar nahm sie in den Arm und versuchte vergeblich die verzweifelte Frau zu beruhigen. »Was hat Sie denn auf diese Spur geführt? Vielleicht kann ich ...«

»Oh mein Gott.« Doro wurde kreidebleich. Sie dachte kurz nach und packte Bölder dann an der Jacke, um ihn hinter sich herzuzerren. »Verdammt, ich bin so dumm! Wie konnte ich so blind gewesen sein? Schnell, kommen Sie mit.«

»Frau Sander, warten Sie.« Seine Worte fanden ihr Ziel nicht mehr, denn Doro war schon auf dem nächsten Treppenabschnitt. Sie hechtete hinunter, als ob ihr Leben davon abhängen würde. Gewissermaßen tat es das auch, nur ging es nicht um das ihre, sondern das ihrer Schwester. Bölder deutete zwei Beamten, ihm zu folgen.

 

Doro rannte durch die Flurtür in den Laden, doch weit kam sie nicht. Thomas hatte seine Chance gewittert und ihr in dem Moment, als sie an der Tür vorbei lief, einen Besen zwischen die Beine gehauen, den er im Bad gefunden hatte. Sie war viel zu überrascht, um darauf reagieren zu können, stolperte und schlug mit der Stirn auf den Boden auf. Sie drehte sich etwas benommen auf den Rücken und wollte sich aufsetzen. In dem Moment schlug ihr der Angreifer mit dem Besenstil gegen die Schläfe. Doro kippte nach hinten und schlug erneut mit dem Kopf auf. Kleine, helle Sterne tanzten vor ihrem geistigen Auge im Kreis umher und vernebelten ihr die Sinne. Schwindelgefühl stellte sich ein und ein Würgereiz bildete sich in ihrem Hals. Nur mit großer Anstrengung gelang es ihr, bei Bewusstsein zu bleiben. Ihr Blick klärte sich ein wenig, als die dunkle Kapuze sich ihrem Gesicht näherte.

»Du erbärmliche Fotze. Warum musst du deine Nase auch überall reinstecken?«

Endlich brachte Doro einen Hilferuf hinaus, doch der Mann in der altertümlichen Mönchskutte reagierte sofort und legte die Hände auf ihren Hals. Er war stark. Unter seinem schraubstockartigen Griff lief sie schnell blau an. Sie schlug wild um sich und riss ihm dabei die Kopfbedeckung hinunter. Zum Vorschein kam ein junger Mann, höchstens Anfang dreißig. Sein Gesicht wirkte überraschenderweise freundlich und unschuldig. Der liebe, nette Junge von nebenan, der kein Wässerchen trüben konnte. So würde es vermutlich anschließend im Bericht der Ereignisse stehen. Zusammen mit einem Foto des blonden Milchgesichts mit den Sommersprossen.

Doro bekam kaum noch Luft. Ihre Zeit schien abzulaufen. Da erblickte sie die verbundene Wunde an seinem Ohr, packte mit letzter Kraft zu und riss daran, so fest sie noch konnte. Thomas lockerte sofort seinen Griff und Doro saugte gierig den rettenden Sauerstoff ein. Sein Schrei hingegen dröhnte bis ins Treppenhaus hinauf, von wo sich nun endlich die Polizisten mit Hauptkommissar Bölder näherten.

 

Thomas hatte sich an das verletzte Ohr gegriffen und starrte nun wutschnaubend auf seine blutgetränkte Hand. Er wollte gerade zum Schlag ausholen, als er von hinten gepackt wurde. Die Beamten zogen ihn von seinem Opfer und drehten ihn unsanft auf den Bauch. Blitzschnell fesselten sie seine Hände mit Handschellen auf den Rücken. Dann zerrten sie den Mann auf die Beine.

Der Kommissar baute sich drohend vor dem Gefangenen auf. »Wer sind Sie und wo ist Isabel Sander?«

»Fick dich, Bulle. Von mir erfährst du einen Scheißdreck.«

Doro rappelte sich langsam auf, immer noch ziemlich benommen, und kam hinzu. Ihre Stimme klang rau und mitgenommen. »Wo ist meine Schwester, du Bastard?«

»Oh, eine gute Schwester hast du da. Sehr eng die Kleine.«

Doro schlug dem Mann ohne zu zögern ins Gesicht. Sie wollte noch einmal ausholen, doch Kommissar Bölder angelte ihr Handgelenk aus der Luft und hielt sie davon ab.

»So was machen wir nicht. Wir sind hier nicht in den Vereinigten Staaten.«

»Aber er weiß, wo meine Schwester ist. Er hat gerade zugegeben, sie vergewaltigt zu haben.« Noch während sie die Worte sprach und deren Tragweite begriff, strömten ihr die Tränen aus den Augen. »Du mieses Schwein. Wo ist sie?« Ihre Stimme kehrte langsam zurück und wurde jetzt immer schriller und lauter.

Thomas ließ sich wenig beeindrucken. »Ihr werdet sie nie finden! Keine werdet ihr finden! Und wo kein Opfer, da kein Täter.«

Bölder tastete ihn ab und fand schließlich eine Brieftasche. »Na also. Wollen wir doch mal sehen, wen wir hier haben.«

»Ihr habt gar nichts, ihr könnt mir nichts beweisen, ihr dreckigen Scheißbullen.«

»Ah ja. Thomas Bittner. Und was haben wir hier?« Er murmelte etwas Unverständliches vor sich hin. »Interessante Visitenkarte. Sie sind der Totengräber des alten, katholischen Friedhofs, hier um die Ecke?«

»Nein, ich bin dein Hurensohn von Papa und werde gleich zu dir fahren und deine Mama in den Arsch ficken, bis ihr Hören und Sehen vergeht.«

Doro überlegte. »Und ich dachte schon ...«

»Was denn? Wo wollten Sie gerade so stürmisch hin?«, wollte Bölder wissen.

Doro winkte ab. »Vergessen Sie es, ich hatte mich schon wieder getäuscht. Scheinbar tauge ich nicht viel zur Ermittlerin.«

»Machen Sie Witze? Ohne Sie wären wir nicht hier, ich erwäge ernsthaft, Ihnen einen Job anzubieten.«

Das freundliche Lächeln, des alten Seebären vermochte Dorothea nicht zu beruhigen. Sie konnte nur an ihre Schwester denken.

Der Kommissar ergriff dieses Mal die Initiative. »Schafft diesen Abschaum in einen Wagen, wir fahren zum Friedhof.«

»Ihr kommt zu spät, die Schlampe wird längst tot sein.« Thomas amüsierte sich köstlich über seine Ansage und schien nicht im Mindesten beunruhigt über die Verhaftung zu sein.

Die Beamten zerrten den augenscheinlich Verrückten auf den Rücksitz eines Streifenwagens. Wenige Minuten später setzten sie sich in Bewegung und forderten weitere Hilfe über Funk an.

»Frau Sander, Doro ... wir finden sie.«

»Ich wünschte, ich könnte ebenfalls so positiv denken. Er hat gesagt, dass sie bestimmt schon tot ist. Sie wissen, was das heißt?«

Der Kommissar sah sie besorgt an. »Dass es einen weiteren Täter gibt.« Dann schaltete er das Blaulicht ein und trat das Gaspedal durch.