Kapitel 8

 

 

 

Nach einem Tag, der nicht enden wollte, der sich unendlich in die Länge gezogen hatte, war Isabel nervlich mehr als angespannt. Zumal sie den ganzen Zeitraum über nichts von ihrer Schwester gehört hatte. Immer wieder hatte sie daran gedacht, sich ihr einfach anzuvertrauen und ihr zu gestehen, worauf sie im Begriff war, sich einzulassen. Eine ernsthafte Option war dies allerdings nicht. Dafür hatte sie viel zu große Angst vor Nico.

Es war untypisch für Doro, sich gar nicht zu melden. Aber wahrscheinlich witterte sie mit dieser neuen Story endlich ihre große Chance und kniete sich voll rein.

 

Isabel war keine gute Köchin und faul obendrein. Deshalb begnügte sie sich am Abend mit ein paar Scheiben Brot und einem riesigen Becher Kakao. Unruhig schaute sie zur Uhr. Sie musste bald aufbrechen und noch immer hatte sie nichts von ihrer großen Schwester gehört. Ihre Sorge wuchs. Allerdings wollte sie keine schlafenden Hunde wecken, schließlich plante sie einen Einbruch. Vielleicht war es besser, dass Doro das Nervenbündel nicht sah. Sie hätte Fragen gestellt, oh ja, das hätte sie auf jeden Fall. Man sah es Isabel an der Nasenspitze an, dass etwas nicht stimmte, dass sie etwas bedrückte. Ihr war nicht wohl bei dem Gedanken an das bevorstehende Ereignis. Und doch konnte sie nicht anders.

Nico. Immer wieder Nico. Er hatte sie schon zu vielen Dummheiten verleitet. Sie waren zusammen S-Bahn-Surfen, haben Autobahnbrücken besprüht und einige kleine Diebstähle begangen. Aber dieses Mal war es eine Nummer zu groß für sie. Isabel fühlte sich richtig unbehaglich. Und dies nicht nur, weil sie den neuen Besitzer mochte. Ihr Magen rebellierte und die innere Stimme warnte sie laut.

 

Widerwillig stand sie, wie verabredet, um halb drei Uhr nachts an besagtem Friedhof.

»Hey Baby, da bist du ja. Und pünktlich auf die Minute.«

»Nico, können wir noch mal darüber reden? Ich habe kein gutes Gefühl bei der Sache.« Sie versuchte bei ihrer Fragestellung krampfhaft, den Augenkontakt zu meiden. Ihre Unsicherheit spiegelte sich in ihrer ganzen Körpersprache wieder. Der verhaltene Blick auf den Boden, das Spielen mit dem Fuß auf dem Schotter des Weges und die schwitzigen Hände, mit denen sie nicht so recht wusste, wohin.

»Hey, Babe. Du verarschst mich doch.« Zuerst schaute er Isabel ungläubig an, um gleich darauf in lautes Lachen auszubrechen. »Fast hätte ich es dir abgekauft.« Er klopfte ihr kumpelhaft auf die Schulter.

»Nein Nico. Ich meine es ernst. Lass uns noch eine Nacht darüber schlafen.«

»Du meinst das …? Willst du kneifen? Mich hängen lassen?«

»Nein, aber ...«

»Na also. Dann komm schon, lass uns loslegen. Ich habe alles, was wir brauchen. Das wird ein Spaziergang.«

Isabel seufzte schwer. Sie ließ sich von ihrem Freund in den Arm nehmen und erneut dazu überreden, etwas zu tun, das sie nicht wollte. Mittlerweile hatten sie sich der Straße genähert und der Kloß in ihrem Hals war dermaßen angeschwollen, dass sie nur noch daran denken konnte, fortzulaufen. Wie würde Nico reagieren? Sie blickte vorsichtig zu ihm hinüber, bemüht ihre Emotionen zu verbergen. Der zu allem entschlossene Gesichtsausdruck und die Vorfreude, die sich darauf abzeichnete, ließen sie keine Sekunde daran zweifeln, dass es ihr nicht gut bekommen würde, wenn sie etwas Dummes tun würde. Es wird schon gut gehen. Doch egal, wie oft sie diesen Gedanken auch innerlich wiederholte, er wurde nicht glaubwürdiger.

 

»Wir müssen auf den Hinterhof«, flüsterte Nico und schaute sich in allen Richtungen um.

Isabel war die schmale Einfahrt bei ihrem ersten Besuch hier, gar nicht aufgefallen. Es war unheimlich still entlang der Straße. Weder waren andere Menschen unterwegs, noch gab es erhellte Fenster, die darauf schließen lassen konnten, dass hier jemand wohnte. Einzig das schwach gelbliche Licht der Laternen durchbrach die stockfinstere Nacht, als wolle es die beiden auf ihrem Weg begleiten. Das heisere Krächzen einer Krähe störte die beklemmende Ruhe und ließ Isabel zusammenzucken. Ihr Begleiter lachte darüber nur.

»Buh. Hast dich wohl erschrocken, was? Keine Angst. Das ist kein Schauerroman hier. Das ist das wahre Leben.«

Isabel sah ihn verständnislos an. Klar, wenn das ein Roman wäre, hätte ich auch mehr Zuversicht auf ein Happy End. Das flaue Gefühl im Magen wollte sich einfach nicht abstellen lassen. Und als Nico sie auf ein kleines Fenster aufmerksam machte, erreichte dieses Grummeln seinen Höhepunkt.

»Hier müssen wir rein. Das ist ein kleines Bad im Hinterzimmer des Ladens.«

»Und wie sollen wir da rankommen? Das sind bestimmt drei Meter.«

Nico verschränkte die Arme vor der muskulösen Brust und antwortete gewohnt besserwisserisch: »Es sind zweieinhalb Meter und überhaupt kein Problem.«

»Ach? Hast du etwa auch eine Leiter in deinem Rucksack?« Sie stemmte die Fäuste trotzig in die viel zu schmalen Hüften.

»Nein, natürlich nicht. Du wirst auf meine Schultern klettern und das Fenster aushebeln.«

Isabel schüttelte kaum merklich den Kopf. Was blieb ihr übrig? Sie wollte nicht länger darüber nachdenken. »Na dann los, bevor ich es mir anders überlege.«

»Das ist mein Mädchen«, war seine mit Stolz erfüllte Antwort. Er griff in seinen Rucksack und zog ein Brecheisen hervor. »Mehr werden wir vermutlich nicht brauchen.«

Sie nickte beiläufig. Dann kramte sie einen Haargummi aus ihrer Hosentasche und bändigte ihre kupferrote Mähne zu einem Pferdeschwanz. Nico reichte ihr noch ein paar schwarze Handschuhe. Die beiden schauten sich genau um. Alles ruhig. Kein Licht, keine Stimmen, nichts.

»Okay, los geht's.« Nico ging an der Fassade in die Knie und stützte sich mit den Händen an der Mauer ab. Seine schmächtige Freundin war keine schwere Last, die es in die Höhe zu stemmen galt.

 

Nachdem sie etwas ungelenk auf seinen Schultern stand, hatte sie das Fenster genau vor Augen. Nico reichte ihr das Brecheisen hinauf und Isabel setzte es an dem Punkt an, wo das alte Holzfenster den Rahmen berührte und drückte dagegen. Ihre Überraschung war groß, als der erwartete Widerstand ausblieb und der kleine Flügel nach innen aufschwang. »Es ist offen. Das gibt es doch gar nicht.«

»Wow, die Götter sind mit uns, Baby. Los klettere rein. Ich helfe dir.«

Elegant wirkte es nicht, wie die Achtzehnjährige sich durch die Luke hangelte. Wenn Nico nicht kräftig nachgeholfen hätte, indem er ihre Füße nach oben drückte, wäre es wohl bei einem Versuch geblieben. Isabel war trotz ihrer nahezu unterernährten Figur, nie eine Sportskanone gewesen. Aber mit der Hilfe ihres Freundes gelang ihr der Einstieg. Sie blickte hinaus und sah sich erneut genauestens um. Nach wie vor war alles still.

»Alles klar? Jetzt geh aus dem Bad und dann zwei Mal links. Mach die Hintertür auf.« Er warf ihr eine Taschenlampe hoch, die sie erstaunlich geschickt aus der Luft angelte.

»Ja, alles in Ordnung, bis gleich.« Mit gedämpften Schritten näherte sie sich der Badezimmertür und öffnete sie einen Spalt. Die Luft schien rein. Sie schlich in Zeitlupe hinaus und gab sich alle Mühe, kein Geräusch zu verursachen. Erst als sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, schaltete sie die Lampe ein und ließ deren Licht durch den Raum wandern, der offenbar als Büro genutzt wurde. Sie sah einen alten Schreibtisch und Regale voller Akten. Die Luft war, genau wie im Laden, auch hier voller Staub, der im Schein der Taschenlampe wie winzig kleine Schneeflocken aufgewirbelt wurde. Als sie auf der linken Seite die Tür erblickte, fragte sie sich, woher Nico dies alles so genau wissen konnte. Doch ihre Anspannung war zu groß, um den Gedanken zu vertiefen.

 

Sie ging vorsichtig durch die Tür und erreichte das Ladenlokal. Alles war stockfinster und ruhig. Ihr allwissender Freund behielt erneut Recht, denn zu ihrer Linken fand Isabel die Hintertür. Ein schweres, altes Stück deutscher Handwerkskunst, mit reichlichen Verschnörkelungen und drei kleinen Buntglasscheiben nahe der Oberkante. Sie betätigte langsam den Türknauf, doch nichts geschah.

»Nico?«

»Ja, ich bin hier. Was ist? Mach schon auf.«

»Es geht nicht. Das Mistding ist abgeschlossen.«

»Dann nimm das Brecheisen.«

Isabel wollte gerade antworten, als schlagartig das Licht im Laden eingeschaltet wurde. »Scheiße! Da ist jemand! Hau ab!«, schrie sie, machte auf dem Absatz kehrt und wollte zurück ins Bad laufen.

Vor ihrem Fluchtweg bauten sich, wie aus dem Nichts kommend, drei dunkle Gestalten auf und klatschten Applaus. Der Größte von ihnen trat einen Schritt vor. Er trug einen langen schwarzen Ledermantel und eine Skimaske. Die anderen beiden waren in Mönchskutten gehüllt, deren große Kapuzen ihre Gesichter verbargen. Isabel schrie kurz auf, als sie die Unbekannten erblickte. So kitschig es auch war, aber in diesem Moment dachte sie an böse Rachegeister. Hätte sie doch nur ihrem Bauchgefühl vertraut. Nun war es zu spät.

Der Düstere kam noch einen Schritt auf sie zu. »Sollten kleine Mädchen um diese Zeit nicht längst im Bett liegen?« Seine Stimme klang, als würde er sie bewusst verstellen. Irgendwie unwirklich und gekünstelt.

Isabel wich ein paar Schritte zurück und hielt die Taschenlampe drohend in seine Richtung, als hätte diese sich gerade in ein machtvolles Laserschwert verwandelt. »Es tut mir leid, ich wollte nicht ...«, stammelte sie, während ihre Wangen zu glühen schienen und ein kräftiges Rot annahmen.

»Ach es tut dir leid? Aber Isabel, das muss es gar nicht. Du bist genau da, wo wir dich haben wollten.«