Kapitel 21
Zwei Wochen zuvor
Paul MacKenzie hatte den Rat des alten Buchhändlers befolgt. Dieser hatte anscheinend genau gewusst, wovon er sprach. Zwei der Männer, die Anton Bender ihm genannt hatte, empfingen ihn erst gar nicht. »Sehen Sie zu, das Sie hier verschwinden!« war dabei noch der freundlichste Satz, den er zu hören bekam. Der Dritte im Bunde, ein gewisser Albert Fregman, zeigte sich etwas gastfreundlicher. Er hatte Paul in seine Privatbibliothek gebeten und sich bereit erklärt, mit ihm zu sprechen. Fregman musste die Siebzig bereits weit überschritten haben, wirkte dennoch agil und fit.
»De Sade, sagen Sie? Also ich kenne mich mit Schriften des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts ein wenig aus, doch von einem schwarzen Buch habe ich noch nie etwas gehört.«
MacKenzie war von der Antwort des älteren Mannes nicht begeistert. »Es muss das Buch geben. Es wurde gemordet, um an die Schrift zu gelangen.«
Albert zog einen dicken Wälzer aus dem Regal und begann darin zu blättern. »Was soll dieses schwarze Buch denn so besonders machen? Einem Autor liegt es schließlich am Herzen, dass seine Werke bekannt werden. Das war damals sicher nicht anders als heute.«
»Nun, es heißt, dass dieses ominöse Buch jeden, der es liest, in den Wahnsinn treibt.«
»Dann läge die Vermutung nahe, dass de Sade es seiner Zeit nicht geschrieben, sondern gelesen hat. Man sagt, er soll völlig verrückt gewesen sein. Ja, hier sehen Sie.« Er zeigte auf eine Textpassage und drehte das Buch zu Paul, damit er sie selbst lesen konnte. »De Sade soll ziemlich gestört gewesen sein. Er soll nur sexuelle Befriedigung erfahren haben, indem er anderen Schmerzen zugefügt und Qualen bereitet hat. Das hat dazu geführt, dass er die meisten seiner Schriften in Gefangenschaft verfassen musste. Nach dem, was hier steht, sind alle diese Werke bekannt und vor allem diejenigen, die sich gegen die Kirche richteten, sehr umstritten. Ich fürchte, Sie sind auf der Suche nach einem Mythos.«
»Nicht ich, der Killer. Wenn dem so ist, bin ich in einer Sackgasse gelandet. Aber ich muss Sie warnen. Bisher war der Täter mir immer einen Schritt voraus. Ich wundere mich, dass er noch nicht auf Sie aufmerksam geworden ist.«
Der alte Mann schreckte mit weitaufgerissenen Augen zurück. »Oh mein Gott, aber Sie sind hier. Welche Spur hat Sie denn auf mich gebracht, wenn ich fragen darf?«
Paul dachte kurz nach. »Anton Bender hat mir Ihren Namen gegeben. Ihren und noch zwei andere. Diese Herren waren allerdings bisher eher abweisend. Herr Bender hatte mich darauf vorbereitet, dass es schwierig werden würde.«
»Sie sprechen von Dietmar Engels und Cornelius Strecker, richtig?«
»Ja, das waren die Namen, die Bender mir genannt hat.«
»Versuchen Sie es bei Strecker. Er ist zwar ein Arschloch, aber er hat die größte private Sammlung an Schriften. Der Öffentlichkeit wurden sie nie zugänglich gemacht. Wie der alte Giersack an diese ganzen Schätze gekommen ist, wird wohl auf ewig sein Geheimnis bleiben.«
MacKenzie verdrehte die Augen. »Ich war schon bei ihm. Es war zwecklos.«
»Sagen Sie ihm, Albert Fregman konnte Ihnen nicht weiterhelfen. Das wird ihn ermutigen. Sie müssen wissen, Cornelius und ich waren einst Freunde.«
»Warum jetzt nicht mehr?«, fragte Paul interessiert.
»Das ist eine lange Geschichte. Ich denke, bei ihm ist etwas falsch gepolt. Auf jeden Fall hat er es sich zur Lebensaufgabe gemacht, immer etwas besser zu sein als ich, immer etwas mehr zu haben als ich. Dieser vom Neid zerfressene Bastard nutzt jede Gelegenheit, um mich zu übertrumpfen. Man könnte es schon fast eine Familienfehde nennen.«
MacKenzie musste schmunzeln, als er dem Mann in die Augen blickte. »Es ging um eine Frau, oder?«
»Sie sind gut, Herr MacKenzie. Wenn mein alter Freund etwas weiß, dann bekommen Sie es auch raus. Wenn er jedoch auch nichts davon gehört hat, können Sie mit großer Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass es dieses Buch nie gegeben hat. Viel Glück.«
»Besten Dank, Herr Fregman. Ich denke, es ist in Ihrem Sinne, wenn ich, nur zu Ihrer Sicherheit, die Polizei informiere?«
»Was sollen die schon tun? Meinen Sie, die stellen mich unter Polizeischutz aufgrund einer möglichen Gefahr? Die kommen erst, wenn es zu spät ist. Aber ich kann Sie beruhigen. Mein Anwesen ist die reinste Festung. Das ist übrigens auch ein kleiner Wettstreit. Sobald Sie sein Grundstück betreten, werden Sie es sehen. Machen Sie sich um mich keine Sorgen, ich habe einen guten Freund bei einem privaten Wachschutz. Der wird mir den Umständen entsprechend, mit Rat und Tat zur Seite stehen.«
Albert Fregman geleitete den Privatdetektiv hinaus und verabschiedete sich. Paul hingegen hatte ein neues Ziel. Aber was, wenn auch diese Spur ins Nichts führte? Dieser Cornelius Strecker musste einfach etwas wissen. Seine Hoffnung war noch nicht an ihrem Ende angelangt.