Kapitel 13
Drei Wochen zuvor
Wer kennt es nicht, dieses an einem nagende Gefühl, etwas zu verpassen? Dieses Verlangen, nach Dingen, die man nicht haben kann. Gerade in sexueller Hinsicht können derartig unerfüllte Sehnsüchte einen Menschen verändern. Der Sex mit Isabel war ganz okay gewesen, doch Nico wollte mehr. Zumindest mehr, als sie bereit war zu geben. Er selbst sah sich gerne als eine Art Abenteurer, der vor keiner neuen Erfahrung zurückschreckte und stetig dem nächsten, noch größeren Kick hinterherjagte.
Er hatte schon die eine oder andere sadomasochistische Erfahrung gemacht. Besonders das Erniedrigen von jüngeren Frauen hatte sein größeres Interesse geweckt. Doch er fand gleichermaßen Gefallen daran, die Rollen hin und wieder zu tauschen. Es war ursprünglich nur als Experiment gedacht, als er sich in die Finger einer professionellen Domina gab. Was diese ein ganzes Wochenende lang mit ihm angestellt hatte, erweiterte seinen Horizont um einige Level. Nach diesen zwei Tagen besuchte er sie regelmäßig.
Von ihr stammte auch der Tipp, der ihn eines Abends zu einer ganz besonderen Party führte. Genau genommen war es ein Flyer, der an der Rezeption ihres Studios lag. Auf diesem war von einer Party-Reihe an ständig wechselnden Orten die Rede. Zufällig fand diese in dem Monat ganz in der Nähe statt. Die Werbung hatte nicht zu viel versprochen. Es handelte sich um eine alte Lagerhalle mitten im Nirgendwo, die trotz Navi-App schwer zu finden war. Im Inneren angekommen, ging es richtig zur Sache. Überall waren Folterwerkzeuge aufgebaut. Streckbänke, Kreuze, Pranger und Unzähliges mehr.
In der Mitte gab es eine kleine Tanzfläche, auf der zu pumpenden Industrial Beats sowohl Splitternackte als auch Leute in Leder- und Latexkleidung berauscht ihre Hüften schwangen. Das Ganze wirkte irgendwie unwirklich. Und doch hatte der Rausch der Sinne Nico schnell erfasst und er spielte an diversen Gerätschaften mit einem halben Dutzend Frauen. Hier gab es keine Hemmungen, kaum Tabus. Die Stimmung war ausgelassen und er fühlte sich schnell wie in einer großen Familie. An diesem Abend lernte er François kennen. Nico hatte sich zunächst ein wenig gewundert, warum der so vornehm wirkende Mann gerade ihn ansprach. Noch überraschter war er gewesen, als François ihn zur Seite nahm und sein Kokain mit ihm teilte.
»Warum zögerst du? Das ist erstklassiger Stoff. Macht dich zum wilden Tiger und du kannst den Schlampen stundenlang das Hirn aus dem Schädel ficken.«
Die Art und Weise, wie er sprach, wollte gar nicht zu seinem Äußeren passen, doch genau das machte ihn für Nico interessant. »Sie sind wirklich ein Original, wissen Sie das?«, murmelte er, während er sich die erste Bahn des weißen Pulvers mit einem zusammengerollten Hunderter von François in die Nase zog.
»Darauf kannst du wetten, Kleiner.«
»Kleiner? Hat sich was mit Kleiner. Was machen Sie hier in diesem Kaff?«
»Ich baue gerade eine Art persönlichen Klub auf. Wie ich gesehen habe, hast du ausgeprägte sadistische Neigungen?« Er reichte ihm eine weitere Bahn, die Nico sich gierig wegsaugte.
»Scharf beobachtet. Warum?«
»Hast du dich jemals gefragt, wie es wäre … nun, sagen wir mal … einen Schritt weiterzugehen?«
Nico gab das Geldröllchen zurück und blickte den Spender mißtrauisch an. »Wie meinen Sie das?«
»Ich meine echte Folter. Echtes Leid – unter deiner Kontrolle.«
»Sie sind verrückt«, antwortete Nico und trat einen Schritt nach hinten.
François begann zu lachen. »Mein Lieber, so reagieren sie alle am Anfang. Und dann können sie den Hals nicht mehr voll bekommen. Ich wette, du hast schon mal darüber nachgedacht, wie es wäre, einen Menschen mit den eigenen Händen zu töten. Ist es nicht so, Nico? Du bist doch ein Adrenalinjunkie, nicht wahr, Nico?«
»Sie ... verschwinden Sie bloß, bevor ich Ihnen ...«
François prustete so laut los, dass einige der anderen Gäste auf sie aufmerksam wurden. »Was denn? Willst du mir wehtun? Komm schon mit, das hier ist nicht der Ort für derlei Gespräche.«
»Ich ...«, er zögerte zwar, aber die Neugier siegte schließlich.
François legte beim Hinausgehen die Hand auf seine Schulter. »Dann ist es wohl an der Zeit, dass ich mich richtig vorstelle. François de Sade. Ich schätze, wir haben einiges zu besprechen.«