Kapitel 9

Drei Wochen zuvor

 

 

Den üblichen Klischees eines Privatdetektivs, wurde Paul MacKenzie nicht annähernd gerecht. Der achtunddreißigjährige Deutsch-Schotte war eine stattliche, stets gut gekleidete Erscheinung und ein Vorbild an Höflichkeit und Einfühlungsvermögen. Die Frau mittleren Alters hinter dem Tresen des Geschäftes war sichtlich beeindruckt vom Auftreten des attraktiven Mannes.

»Hören Sie, Frau ...?«

»Freising, Irmgard Freising.« Sie strahlte ihn bei der Nennung ihres Namens an, als wolle sie ihre Telefonnummer gleich hinterherreichen. Doch die erhoffte Aufforderung blieb aus.

»Also, Frau Freising. Wie gesagt, ich ermittle im Fall einiger verschwundener Mädchen. Die Spuren deuten auf einen Serienmörder hin, den ich schon durch halb Europa verfolge.«

»Was ist mit der Polizei? Ist das dann nicht ein Fall für Interpol, anstatt für eine Privatdetektei?«

»Oh, da haben wir ja wohl eine geschulte Krimileserin«, flachste Paul MacKenzie und grinste neckisch.

»Ach ja, wissen Sie, als Buchhändlerin lese ich schon sehr viel. Ich muss meine Kunden schließlich beraten können.«

»Selbstverständlich. Allerdings sieht die Realität oft ganz anders aus, als sie sich ein Autor ausdenken könnte. Die Polizei hat in diesem speziellen Fall keine greifbaren Spuren.«

»Aber Sie schon?«, fragte sie mit einem einladenden Blick, der keine Zweifel an ihrem Interesse aufkommen ließ.

»Ich oder besser gesagt meine Firma, wir haben gewisse Möglichkeiten, die sich der Polizei nicht bieten, weil sie sich – sagen wir mal vorsichtig – an den Grenzen der Legalität bewegen.«

»Uh, ist das spannend.« Sie beugte sich weit über den Tresen und ließ dabei tief in ihren Ausschnitt blicken. »Sie müssen ein wahnsinnig aufregendes Leben führen, Mr. MacKenzie.«

Der Detektiv übersah ihre offensichtlichen Annäherungsversuche. »Wenn Sie stundenlange Observierungen mit kaltem Kaffee und schlechtem Fast Food aufregend finden, dann muss ich das bejahen.«

Beide lachten, bevor er wieder auf das Thema zu sprechen kam, weswegen er hier war.

»Haben Sie je etwas von dem schwarzen Buch des Marquis de Sade gehört?«

»Na, Sie sind mir aber ein ganz schlimmer Finger.« Ja, fessel mich, benutz mich, du geiler Hengst.

Er wiederholte seine Frage freundlich und fügte hinzu: »Wir vermuten, dass der Täter auf der Jagd nach diesem geheimnisumwobenen Buch ist. Die Spur der verschwundenen jungen Frauen führt uns von einem vermeintlichen Fundort des Buches zum nächsten. Und nun gibt es Hinweise darauf, dass dieses lange verschollene Werk Teil einer Ausstellung sein könnte, die in wenigen Wochen hier in der Nähe stattfinden soll.«

Die Frau schüttelte den Kopf und schaute ihn ratlos an. »Also weder habe ich von einer Ausstellung gehört, noch von diesem ominösen Buch. Aber im Nachbarort gibt es vielleicht jemanden, der Ihnen eher weiterhelfen kann. Er ist ein komischer, alter Kauz, dieser Anton Bender. Aber er kennt sich dementsprechend auch gut mit alten Dingen aus. Hat einen miefigen, kleinen Laden am Stadtrand. Antiquariat Bender. Wenn ich Sie wäre, würde ich ihn mal fragen.«