Kapitel 5

 

 

 

Wo setzt man an, wenn es keine Spuren und nicht den kleinsten Hinweis gibt? Wenn nicht einmal bekannt ist, ob überhaupt ein Verbrechen vorliegt? Im Fall der vermissten Mädchen gab es nach Angaben der Polizei keinerlei Anhaltspunkte. Selbstverständlich war dies der erste Weg, den Doro eingeschlagen hatte. Man kannte sie auf der hiesigen Wache bereits seit längerem und im Laufe der Zeit wurde es eine akzeptable Zusammenarbeit. Doch dieses Mal konnten die Beamten ihr nicht weiter helfen. »Wir tappen völlig im Dunklen«, hatten sie ihr gegenüber zugeben müssen.

Endlich hatte man sie auf eine echte Story angesetzt und schon war sie in einer Sackgasse gelandet. Den Weg zu Hauptkommissar Bölder hätte ich mir sparen können, dachte sie leicht frustriert beim erneuten Durchsehen der Unterlagen. Mehrere junge Frauen waren in den letzten drei Monaten verschwunden. Alle waren zwischen achtzehn und zwanzig Jahren. Das war auch schon die einzige Gemeinsamkeit, die von den Opfern ausging. Konnte man hier wirklich von »Opfern« reden? Bisher wurde keine Leiche gefunden, was letztendlich die Frage, ob es sich hier wirklich um ein Verbrechen handelte, schwierig gestaltete. Wo kein Opfer, da kein Täter. Sollte es diesen mutmaßlichen Täter aber geben, musste er ein Genie im Spuren verwischen sein. Okay, dann machen wir uns mal auf den Weg zu den Stegs. Linda Steg, war eines der beiden aktuell vermissten Mädchen. Laut den Unterlagen ihres Redakteurs lebte die Neunzehnjährige noch bei ihren Eltern.

 

Doro hatte ebenfalls kein Auto. Da es ihr auf Dauer zu mühselig wurde, alle Strecken mit dem Fahrrad zurückzulegen, kaufte sie sich vor einem halben Jahr als Alternative einen Roller. Dieser war zwar nicht so komfortabel wie ein Auto, jedoch um einiges günstiger. Zudem erwies sich das Gefährt als viel praktischer, wenn es darum ging, Schleichwege auszunutzen. So wie den, der zum Haus der Stegs führte, das sich freistehend gegenüber einem großen Feld befand. Offensichtlich handelte es sich hier um keine Familie, die Sozialleistungen in Anspruch nehmen musste. Als Doro ihren pechschwarzen Roller in der Einfahrt abgestellt hatte, schien dies einem Stilbruch gleichzukommen. Denn die vorherrschende Farbe war weiß. Nicht nur das Haus selbst oder das offenstehende Tor, nein, auch der protzige Benz auf dem überdachten Stellplatz war in der Farbe der Reinheit lackiert.

Sie fühlte sich in ihren ausgeblichenen Jeans fast zu schäbig, um an der Tür zu klingeln. Doch dies war auch gar nicht notwendig, man hatte sie kommen hören. Noch bevor Doro die Tür erreicht hatte, öffnete diese sich und eine schlanke, blonde Frau kam herausgetreten. Sie musste Anfang vierzig sein, aber die tiefen Schatten unter den müden, traurigen Augen ließen sie um einiges älter erscheinen. Nach einem freundlichen »Guten Tag«, stellte sie sich als Barbara Steg vor und reichte Doro die Hand.

»Sander. Dorothea Sander.« Sie hasste es, ihren Namen so auszusprechen, dennoch hielt sie es manchmal für angebrachter. Doro registrierte den fragenden Blick der Frau und fuhr fort: »Ich arbeite für die Lokalpresse und würde Ihnen gerne ein paar Fragen zum Verschwinden ihrer Tochter stellen, natürlich nur, wenn es für Sie kein ...«

»Nein, es ist kein Problem. Im Gegenteil. Vielleicht schafft die Presse ja, wozu die Polizei anscheinend nicht in der Lage ist.« In der Stimme der besorgten Mutter schwang eine Mischung aus Wut und Angst mit, als sie die Reporterin in ihr Haus bat. »Ich fürchte nur, dass ich Ihnen auch nichts anderes als den Beamten sagen kann.«

Doro zückte ihren kleinen Notizblock, den sie immer und überall bei sich trug. »Was genau haben Sie ihnen denn erzählt?«

»Dass meine Linda eine Seele von Mensch ist. Sie hat nie jemandem etwas Böses angetan oder auch nur gewünscht. Sie studiert Theologie, das sollte doch schon deutlich machen, was für einen Charakter sie hat. Und nein, wir haben uns auch nicht gestritten, und erst recht haben wir unsere Tochter nie geschlagen oder dergleichen.« Die Tränen rannen ihr aus den Augen. »Der Mann von der Kripo hat uns so hingestellt, als ob wir verantwortlich sein könnten und sie wegen uns weggelaufen wäre. So ein verdammter Unsinn!«

»Davon gehen wir mal nicht aus. Sie wissen, dass Linda nicht das einzige verschwundene Mädchen ist?«

»Ich weiß, dass ihre Freundin Katja auch gesucht wird. Die beiden waren ja auch zusammen unterwegs, an besagtem Tag.«

Doro überlegte kurz, ob sie der Frau die Wahrheit sagen solle, und entschied sich dafür, die anderen Vermissten lieber nicht zu erwähnen. Ihre schluchzende Gesprächspartnerin sollte sich nicht noch mehr Sorgen machen, als ohnehin schon. »Erzählen Sie bitte von dem Tag. Wohin wollte Linda? War sie mit dem Auto unterwegs?«

»Linda hat keinen Führerschein. Sie mag Autos nicht besonders. Sie ist sehr umweltbewusst. Nein, sie und Katja wollten zusammen ins Kino. Soviel ich weiß, sind sie mit dem Bus gefahren. Die Polizei hat nichts herausfinden können. Wir wissen nicht einmal, ob sie schon vor dem Kino oder erst auf dem Heimweg verschwunden sind. Zumal die Kripo immer noch die Möglichkeit in Betracht zieht, dass die beiden einfach durchgebrannt sind.« Frau Steg legte das Gesicht in die Hände und weinte.

»Hat sie etwas mitgenommen?«

»Nein, das habe ich der Polizei ja auch klarmachen wollen. Wenn jemand durchbrennt, dann wohl nicht, ohne vorher die wichtigsten Sachen zusammenzupacken. So jemand lässt doch nicht alles stehen und liegen.«

»Da gebe ich Ihnen recht. Ich verstehe unsere Ordnungshüter da ebenso wenig. Würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn ich einen Blick in Lindas Zimmer werfe?«

Frau Steg verneinte die Frage und führte Doro in das Zimmer ihrer Tochter. Doch schnell musste sich Dorothea eingestehen, dass sie eine weitere Sackgasse betreten hatte. Linda Steg war ein sehr ordentliches Mädchen. Ihr Zimmer war keine Hilfe bei der Spurensuche. Ein ganz normales Mädchen, das Religionslehrerin werden wollte. Keine Hinweise auf einen Freund, keine Fotos von wilden Partys oder dergleichen. Als Doro eine halbe Stunde und einen Kaffee später das Haus der Stegs verlassen hatte, war sie nicht viel schlauer als zuvor. Sie hatte noch erfahren, dass Linda eher eine Einzelgängerin ist und meist nur mit jener Freundin zusammen war, die mit ihr verschwand. Katja Keuthage. Ihr blieb keine weitere Spur, also beschloss sie, die Familie ebenfalls aufzusuchen. Während sie den Feldweg langsam wieder hinunterfuhr, entgingen ihr die neugierigen Augen, die sie aus einem Gebüsch heraus geradezu hasserfüllt anstarrten.