Kapitel 10
Als Doro endlich aus ihrer Ohnmacht erwachte, dröhnte ihr Kopf wie eine Hammerschmiede und sie fror furchtbar. Obwohl es stockdunkel war, erkannte sie sofort, dass sie inmitten des kleinen Waldes in einem Gebüsch lag. Was dann auch erklärte, warum ihr niemand geholfen hatte. Ihre Augen gewöhnten sich nur langsam an die Finsternis, doch nach und nach war sie in der Lage, die verstreuten Einzelteile ihres geliebten Rollers zu erkennen. »Verdammt, was soll diese Scheiße?« Ihre Hand suchte in der Hosentasche nach einem Feuerzeug. Als sie es fand und die Flamme ein wenig Licht spendete, sah sie das Papier, das jemand an den Baum getackert hatte. Es waren nur zwei Schritte nötig, um den Zettel zu erreichen und vom Baumstamm zu reißen.
Das war nur eine Warnung!
Stecken Sie Ihre Nase nicht in Dinge, die Sie nichts angehen! Oder Sie und Ihre Schwester werden es bereuen!
»Oh mein Gott. Isabel ...« Doro leuchtete erneut zu dem hinüber, was einmal ihr Roller gewesen war. »Verdammt noch mal. Das ist nur noch ein Haufen Altmetall.«
Der Kopfschmerz wurde immer heftiger. Sie kämpfte sich durch das Geäst, um wieder auf den Waldweg zu gelangen. Nach einem kurzen Moment der Orientierungslosigkeit lief sie los. Das Pochen unter ihrer Schädeldecke ließ keine große Anstrengung zu. Nur langsam kam sie in der Dunkelheit voran. Immer wieder stolperte sie über Unebenheiten und Baumwurzeln. Zu den Schmerzen im Kopf gesellten sich noch eine leichte Übelkeit und Schwindelgefühl. Ihr Magen begann zu knurren und der Mund schien ausgetrocknet. Sie lehnte sich kurz an einen Baum, um zu verschnaufen, bevor sie ihren langen Marsch fortsetzte.
Völlig erschöpft kam sie zu Hause an. Den ersten Schock versetzte ihr die Uhrzeit. Es war mittlerweile drei Uhr. Mitten in der Nacht. »Das kann doch unmöglich wahr sein.« Doro konnte es nicht fassen, dass sie so lange ohne Bewusstsein gewesen sein sollte. Doch nun wurde ihr klar, warum sie dermaßen unterkühlt aufgewacht war. Der nächste Schreck erwartete sie im Zimmer ihrer Schwester, denn es war leer. Wo konnte Isabel um diese Zeit sein? Sicher hatte dieser Nico wieder seine Finger im Spiel. Dorothea schaute sich ausgiebig in Isabels Zimmer um.
Ihr angeborener Spürsinn ließ sie nicht im Stich. Auf dem winzigen Couchtisch entdeckte Doro den Block, auf dem ihre Schwester immer herumkritzelte, wenn sie telefonierte. Das obere Blatt war abgerissen worden, jedoch förderte der gute alte Bleistifttrick etwas zutage. Einen Namen. Doro zog die Augenbrauen nachdenklich zusammen. Irgendwo hatte sie das schon einmal gehört, doch ihr wummernder Kopf blockierte jeden intensiveren Gedanken. Kopfschmerztabletten, eine heiße Dusche, neue Klamotten und einen schönen, heißen Tee - dann sieht die Welt schon anders aus. Unter der Dusche entfalteten die Tabletten langsam ihre Wirkung, aber so sehr sie sich auch bemühte, sie konnte diesen Namen nirgendwo einordnen. Nachdem sie sich wieder angezogen hatte, machte sie es sich auf der Couch mit einem heißen Kamillentee gemütlich. Sie wollte nur ein bisschen ausruhen, aber ständig ging ihr der Name, den sie im Zimmer ihrer Schwester entdeckt hatte, durch den Kopf: Bender.