Kapitel 25
François schaltete das Telefon aus und steckte es wieder ein. Auch wenn er es sich bei dem Gespräch mit Nico nicht hatte anmerken lassen, er kochte vor Wut. Auf der einen Seite die Inkompetenz von Leuten, in die er einst große Hoffnungen gesetzt hatte. Auf der anderen Seite ein Opfer, das den Aufstand geprobt hatte und sich nun vor seinen Füßen wand, sowie ein verletzter Gehilfe. Das war nicht sein Tag, so viel stand fest. Er zerrte Isabel am Hals in die Höhe und schlug ihr mit der Faust ins Gesicht.
»Du dreckige Hure, was bildest du dir ein?«, brüllte er sie an. Dabei spuckte er unkontrolliert durch die Gegend und hätte jedem anderen Menschen eine Heidenangst eingejagt.
Doch Isabel war an einem Punkt, von dem aus sie nur noch Instinkte antrieben. Der Verstand hatte sich an einen fernen Ort zurückgezogen. Zurück geblieben war nur mehr ein Schatten des alten Ichs. Jetzt war sie es, die ein krankes, unheimliches Gelächter von sich gab, als seine Faust sie traf.
François zögerte einen Moment. Ihre Reaktion verwirrte ihn zutiefst. »Du findest das komisch? Wie lustig wäre es erst, wenn ich dir die Füße abschneide, damit du nie wieder irgendwo hinlaufen kannst?«
Ihr Lachen wechselte zu einem irrsinnigen, hysterischen Gekicher.
Er packte sie am Hinterkopf und knallte ihr Gesicht gegen die Steinwand. Die Platzwunde an ihrer Stirn hinterließ einen kleinen roten Fleck auf dem Mauerstein und Isabel taumelte, aber das Gelächter riss noch immer nicht ab. Ihre Augen hatten sich nach innen gedreht und zeigten fast vollständig das Weiße des Augapfels, was dem Szenario etwas extrem unheimliches, ja teuflisches, verlieh.
»Die Schlampe ist komplett durchgedreht. Sie hat den Verstand verloren«, stotterte Thomas, der gerade das fehlende Stück seines Ohres wiederfand. Isabel hatte es nach ihrer Bissattacke einfach weggespuckt.
»Halt endlich dein scheiß Maul, du Irre.« Jetzt war es François anderer Helfer, dem die Nerven durchgingen. Er kam mit einer Rolle Panzerband auf die junge Frau zu und schlug ihr damit gegen die Schläfe.
Für einen Moment verstummte das Gelächter. Diesen Augenblick nutzen sie. François hielt das Opfer fest gegen die Wand gepresst und sein Helfer knebelte das Mädchen wieder.
»Schätze, die Schlampe ist hinüber. Ich sage, wir sollten sie loswerden, was meint ihr?«
»Ja, das denke ich auch, natürlich erst, nachdem ich im Krankenhaus war.« Thomas hielt François das Stück seines Ohres wie ein Beweisstück entgegen. Die Antwort des Meisters gefiel ihm gar nicht.
»Das wird warten müssen, du musst vorher etwas erledigen. Wir verbinden das provisorisch.«
Der andere nickte und fragte: »Was sollen wir mit ihr machen? Die Beerdigung ist erst übermorgen.«
François dachte kurz nach. »Leute, wir haben noch ein anderes Problem. Nico ist entweder aufgeflogen oder tot. Er hat mich vorher warnen können. Die Zeitungsschlampe weiß Bescheid. Das ist es, was du tun musst, Thomas. Schaff uns diese lästige Hure endlich vom Hals. Ganz gleich wie. Und bei der Gelegenheit bringst du einen Sarg mit.«
Thomas kämpfte sich schwerfällig wieder auf die Beine. »Sie meint vielleicht alles zu wissen, aber ich glaube nicht, dass sie auch nur ansatzweise den Durchblick hat.«
»Wir sollten trotzdem vorsichtig sein. Und diese Irre hier muss heute noch verschwinden.«
Thomas hatte schnell die Lösung parat. »Ich werde den Kunden einfach sagen, dass wir es einen Tag vorverlegen müssen. Am besten ihr hebt schon mal ein Grab aus. An der Westseite, die Vierer-Reihe neben der Bank. Könnt ihr gar nicht verfehlen, es ist der Platz ganz außen. Geht schon mal los und erledigt die Arbeit. Wenn ich zurück bin helfe ich dann mit, in dem Grab ein weiteres freizuschaufeln. Wir bestatten sie unter einem anderen. Das ist genial.«
»Was, wenn man sie bei der regulären Beerdigung noch hören kann?«
»Ja, François. Diesmal wirst du auf dein Spielchen verzichten müssen. Wir sollten sie auf jeden Fall vorher umlegen. Das Risiko ist zu groß.«
Isabel war zwar bei Bewusstsein, doch in ihrem momentanen Zustand, sagte dies nicht viel aus. Sie vernahm die Stimmen, die ihren Tod planten, aber die Worte erreichten das Versteck ihres Verstandes nicht im Geringsten.
François zermarterte sich das Hirn. »Kommt gar nicht in Frage. Dieses Miststück soll leiden. Ich will es, ich brauche es und ich weiß auch, was wir tun werden. Thomas, du kümmerst dich jetzt um ihre Schwester. Ich gehe mal davon aus, dass du sie beim Antiquariat findest.« Er wandte sich dem anderen zu. »Und du mein Freund, gehst das Grab ausheben.«
»Aber es ist noch helllichter Tag.«
»Umso besser, nimm den Minibagger. Es wird niemand Fragen stellen. Du arbeitest für den Totengräber.«
»Wie du meinst. Und was hast du nun mit ihr vor?«
»Ich werde dafür sorgen, dass sie sich still verhält. Ich werde sie mumifizieren.«