Kapitel 26
Zwei Wochen zuvor
MacKenzie kam zu spät. Nachdem Albert Fregman ihm nicht geöffnet hatte, verschaffte Paul sich selbst Zugang zum Haus des Sammlers. Was er vorfand, war eine chaotisch zurückgelassene Bibliothek, die ganz offensichtlich durchsucht worden war. Als er weiter in den Raum hineinging, entdeckte er jedoch noch etwas, das ihm bisher verborgen geblieben war. Etwa zur Mitte der rechten Wand hin sah es aus, als ob ein Regal in das Zimmer hineingezogen worden war. Er näherte sich vorsichtig und blickte sich immer wieder um, aber die Luft war rein. Dann erkannte er es. Eine Geheimtür mitten im Mauerwerk. Eine gewundene Steintreppe führte in die Tiefe. An den Seiten waren Grubenlampen angebracht. Sie tauchten den Abstieg in ein gespenstisches, wenig vertrauenerweckendes Licht.
Paul hatte keine Wahl, er musste dem Pfad folgen. Langsam nahm er eine Stufe nach der anderen und gab sich alle Mühe, keinen Laut von sich zu geben. Bald wurde das Licht heller und er näherte sich einem einzelnen, kleinen Raum, der an die versteckten Kammern einer alten Burg erinnerte. An den Wänden waren morsch wirkende Regale befestigt, die mit alten Schriftrollen befüllt waren. In der Mitte stand eine Art Podium, mit einer Fläche, die gerade groß genug war, um als Tisch für eines dieser Schriftstücke herzuhalten. Elektrisches Licht gab es hier unten nicht, dafür einige, wuchtige, weiße Kerzen, wie man sie aus der Kirche kennt. Die Schatten ihrer flackernden Flammen spielten auf den wenigen freien Wandflächen des Gemäuers. Direkt gegenüber dem Eingang hing ein fast zwei Meter hoher, venezianischer Spiegel mit üppigen Verzierungen an der Wand. Paul fragte sich noch, was ein Spiegel hier unten für einen Sinn erfüllen konnte, da erfasste sein Blick den Boden des Raumes. Er war mit aufgeklappten Büchern und zerrissenen Pergamenten übersät. Und neben dem Podium lag Albert Fregman in einer gewaltigen, roten Blutlache. Aus seinem Rücken ragte ein großes Küchenmesser.
Paul taumelte benommen um den Leichnam herum. Wie konnte das geschehen? Er war nicht einmal zwei Stunden zuvor hier gewesen. Das konnte nur eines bedeuten, der Killer musste ihn auf Schritt und Tritt beobachten. Aber wenn dem so wäre, dann wäre es praktisch Pauls Schuld. Dann hätten seine Recherchen den Mörder erst hierhergeführt. Ihm wurde speiübel und das Herz fing an zu rasen. Er konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen und übergab sich schließlich.
Als er den Blick wieder hob, blickte er direkt in den Spiegel. Was er dort sah, ließ ihn an seinem eigenen Verstand zweifeln und vor Schreck laut aufschreien. Er sah sich. In der Hand das bluttropfende Messer, welches gerade noch im Rücken der Leiche gesteckt hatte.