Kapitel 7
Drei Tage zuvor
Katja Keuthage hätte niemals erwartet, dass es je eine Situation geben würde, in der sie sich den Tod wünschte. Ein so lebenslustiger Mensch, wie die quirlige und etwas pummelige Achtzehnjährige, sah immer das Positive in allem und jedem. Zumindest bis zu dem Zeitpunkt ihrer Entführung – ab da änderte sich alles. Und an jenem Tag, an dem sie ihre beste Freundin fortgebracht hatten, starb endgültig etwas in ihrem Inneren. Von Entsorgung hatten die vermummten Männer geredet. Soweit Katja dies richtig erkannt hatte, waren es insgesamt vier, auch wenn sich meist nur drei von ihnen blicken ließen. Wohin man sie verschleppt hatte, vermochte sie nicht zu erkennen. Möglicherweise war es ein alter Dachboden. Ihre Sicht war eingeschränkt. Der höchstens einen Meter hohe Käfig, in dem sie splitternackt hockte, befand sich in der hintersten Ecke des Raumes. Das fahle gelbliche Licht verirrte sich kaum dorthin. Katja litt Todesängste. Dabei konnte sie sich glücklich schätzen, nicht Zeuge dessen gewesen zu sein, was die Unbekannten ihrer Freundin Linda angetan hatten. Nur ihre Schreie hallten nach wie vor in Katjas Kopf umher und sorgten für kalte Schauer.
Die Luft war stickig und von Staubpartikeln durchzogen, sodass ihr das Atmen zunehmend schwerer fiel. Welcher Tag war heute? Sie konnte es nicht sagen. Das Zeitgefühl war der jungen Frau abhandengekommen. Sie waren auf dem Weg ins Kino, daran konnte sie sich noch erinnern. Und an den schwarzen Handschuh, der sich plötzlich auf ihren Mund legte. Ein kurzer Moment, der von einem merkwürdigen Geruch begleitet wurde und dann war alles dunkel. Sie musste betäubt worden sein. Das Nächste, woran sie sich erinnern konnte, war, dass sie nackt in diesem Käfig aufwachte. Zunächst hatte sie um Hilfe geschrien und gegen die Metallstäbe getreten, doch bald musste sie einsehen, dass dies nichts brachte. Niemand reagierte darauf.
Als das erste Mal jemand vor ihrem Käfig trat, waren seine Worte knapp und eindringlich gewesen. Der ganz in schwarz gekleidete und maskierte Mann ging vor ihrem Gefängnis in die Hocke und fixierte Katja mit eisigen Blicken. »Du kannst hier prinzipiell rumbrüllen, wie du willst. Es wird dich niemand hören. Aber, wenn du uns weiterhin auf die Nerven gehst, wird das drastische Konsequenzen für dich haben.«
Dann war die dunkle Gestalt wieder verschwunden und Katjas Furcht hatte eine neue Dimension erreicht. Auch wenn es ihr schwerfiel, sie verhielt sich so still, wie nur irgend möglich. Jedoch schrie ihr Innerstes sich die Seele aus dem Leib. Allein mit ihrer Vorstellung und der Ungewissheit, was diese Typen im Schilde führten, bekam sie immer wieder Panikattacken. Schweißausbrüche und Heulkrämpfe gaben sich mit Schüttelfrost und unkontrollierten Muskelzuckungen die Klinke in die Hand.
Seit ihrer Entführung waren erst zwei Tage vergangen, ihrem Empfinden nach, musste es schon eine Ewigkeit sein. All diese Gedanken verloren an Bedeutung, als drei der schwarzen Männer plötzlich vor ihrem Käfig standen. Einer griff in seine Hosentasche und zog einen Schlüsselbund hervor.
Katja griff nach den Gitterstäben und flehte den Maskierten schluchzend an: »Bitte, lassen Sie mich gehen. Meine Eltern sind nicht reich, sie werden Ihnen kein Lösegeld zahlen können. Wir sind eine ganz normale Familie.«
Der unheimliche Fremde steckte den Schlüssel in das Schloss und begann zu lachen. Es klang allerdings nicht fröhlich, sondern eher bedrohlich. Katja zuckte zusammen und wischte sich die Tränen ab. Der Käfig öffnete sich und der Schlüsselmann trat zur Seite. Die beiden anderen Männer griffen nach Katjas Oberarmen.
Der mutmaßliche Anführer lachte noch immer, als er endlich auf ihre Worte reagierte. »Kleines, wir haben kein Interesse an Geld. Das, was du uns geben wirst, kann man mit Geld nicht bezahlen.«
»Nein, bitte. Was wollen Sie von mir? Und was haben Sie mit Linda gemacht?«
»Oh, deiner Linda geht es gut. Sie hat ihren Frieden mit Gott gemacht.« Das schaurige Lachen wurde ohrenbetäubend und schüchterte Katja immer mehr ein. Es klang fast dämonisch, als würde man zwei Stimmen übereinanderlegen. Sein Gesicht war nicht zu erkennen, da er eine Skimaske trug. Lediglich die Augenpartie war unverhüllt, blieb jedoch im Halbdunklen verborgen.
Katja versuchte sich zu wehren, als sie brachial aus dem Käfig gezerrt wurde. Die Finger der Männer schienen die Arme des Mädchens zerquetschen zu wollen. Sie schrie und versuchte sich loszureißen. Doch je mehr sie sich sträubte, desto fester griffen die Hände zu.
»Es bringt nichts, dagegen anzukämpfen. Aber das versuchen sie alle, und es ist immer wieder eine Freude, es zu beobachten. Ja, um ehrlich zu sein, wäre es nur halb so schön, wenn ihr kleinen Scheißfotzen euch eurem Schicksal einfach ergeben würdet.«
Katja erstarb in ihren Bewegungen und starrte den Finsteren fassungslos an. »Was ...?«
Da war es wieder. Dieses spöttische Gelächter, welches einem durch Mark und Bein fuhr, die Nackenhaare aufstellte und der Todesangst das Ruder überließ. »Was wir mit dir vorhaben? Was das alles soll? Das wirst du gleich sehen, du kleine Nutte.«
Sie zerrten ihr Opfer zu einem dicken Holzbalken des Dachstuhls. Die zwei ebenfalls maskierten Handlanger rissen ihr regelrecht die Arme hinter den Pfosten. Der Wortführer war unverzüglich zur Stelle und fesselte ihre Handgelenke hinter dem Holz straff zusammen, dass es ihr das Blut abschnürte. Sie schrie kurz auf und erntete eine heftige Backpfeife dafür. Der Schlag kam so überraschend, dass sie sich dabei auf die Zunge gebissen hatte. Ein roter Faden lief ihr aus dem Mundwinkel. Ihr Blick glich dem eines unschuldigen Rehs, das gerade in den Lauf des Gewehres geschaut hatte, welches in Kürze den tödlichen Schuss abgeben würde. Ihr Hals wurde mit einem weiteren Seil stramm an den Balken gebunden. Katja musste würgen und bekam kaum noch Luft.
Der Mann, der sie um mehr als einen Kopf überragte, baute sich vor ihr auf. Er zog seinen Handschuh aus und griff ihr zwischen die Beine. »Na, was ist das denn? Gefällt es dir etwa nicht? Was soll ich denn mit dieser Trockenpflaume anfangen?«
Katja sagte kein Wort. Wahrscheinlich hätte sie auch gar keines herausbekommen, das Seil presste ihr fest die Kehle zu. Stattdessen kniff sie die Beine zusammen.
»Sehr ihr, Jungs? Sie ist wie alle anderen. Sie kann es einfach nicht lassen. Holt mir die Stange.«
Einer von ihnen eilte los und war nicht einmal eine Minute später wieder zurück. Katjas Augen weiteten sich und ihre ohnehin schon blasse Gesichtsfarbe passte sich der eines Schneemannes an. Die Stange war nichts anderes als ein etwas dickerer Besenstil, an dessen Enden zwei lange, spitze Nägel bedrohlich herausragten und zusätzlich lederne Schnallen angebracht waren. Der Sinn des Instrumentes lag auf der Hand.
»Der Rekrut soll es tun«, befahl der Dunkle und bestätigte damit den Verdacht, dass es sich bei ihm um den Chef der kranken Truppe handeln musste.
Ein etwas kleinerer, schmächtiger Mann griff in seine Tasche und zog ein altes Nokia hervor. »Der Meister hat einen Job für dich. Komm sofort hoch zu uns.« Er wartete keine Antwort ab, sondern verstaute das Gerät direkt wieder.
Einige Minuten vergingen. Niemand sprach ein Wort. Eine unheimliche Spannung schien die Luft zu elektrisieren. Katjas Gedanken liefen Sturm. Hatten diese Monster etwa das vor, was sie sich voller Entsetzen ausmalte? Schmerzverzerrt versuchte sie, eine Frage zu formulieren. Doch sobald der erste Laut über ihre Lippen kam, zog einer der Büttel das Seil um ihren Hals noch strammer und ließ damit jeden Versuch sich zu artikulieren, im wahrsten Sinne des Wortes ersticken.
Eine Tür, die ihr bisher verborgen geblieben war, ging auf und der zuvor Angerufene betrat den Dachboden. Erneut wurde Katja von einer Panikwelle erfasst und sie trat wild um sich.
Der Mann mit dem unheimlichen Lachen drückte dem ebenfalls maskierten Neuankömmling die Stange in die Hand. »So wie wir es dir gezeigt haben. Triff ja keine Arterie.«
Dieser nickte zögerlich und zog sich weiße Latexhandschuhe an, wie Ärzte sie benutzen. Sie bildeten die einzige Unstimmigkeit in seinem sonst komplett schwarzen Outfit, das aus einer Armeehose und einem Pulli bestand. Stumm nahm er das Folterinstrument in seine Hände und näherte sich der Gefangenen, die immer hysterischer wurde. Das Seil um ihren Hals war mittlerweile so stramm, dass kein einziger Laut aus ihrer Kehle drang. Katjas Augen drehten sich bereits nach innen und ihre Gesichtsfarbe war aschfahl. Der Mann ging in die Hocke, warf sich jedoch blitzschnell zur Seite und Katjas gezielter Tritt ging ins Leere. Der Anführer griff blitzschnell nach ihren gefesselten Händen und brach ihr, ohne zu zögern, die beiden kleinen Finger. Anstatt eines Schreies war nur ein ersticktes Röcheln zu vernehmen.
»Du trittst, du verwehrst mir den Zugang zu deiner Fotze. Ich fürchte, das kann ich nicht dulden«, zischte es ihr von hinten ins Ohr.
Es bestand nicht der geringste Zweifel daran, wessen Stimme sie gerade vernommen hatte. Allerdings hatte sie keine Zeit mehr, darüber nachzudenken, und selbst die Schmerzen der gebrochenen Finger verstummten bei dem, was nun geschah. Der Neue rammte ihr mit aller Gewalt das erste Ende des Stockes gegen den Knöchel. Der Nagel bahnte sich knackend und knirschend seinen Weg an den Knochen vorbei. Dann schloss der Anwärter die Ledermanschette. Bisher hatte er noch immer kein einziges Wort von sich gegeben.
Im selben Moment lockerte der Meister das Seil an ihrem Hals, damit sie den unmenschlichen Schmerz hinausschreien konnte. Eine Hand schlug gegen ihr anderes Bein und zwang sie, es abzuspreizen. Nur einen Wimpernschlag später wurde das andere Ende der Stange gegen ihren linken Knöchel getrieben und der zweite Nagel bohrte sich ins Fleisch. Ihre gellenden Schreie waren ohrenbetäubend. Die Manschette schloss sich um ihren Fuß. Doch etwas war anders. Plötzlich floss zunehmend mehr Blut aus der Eintrittswunde.
»Meister?« Zum ersten Male sprach der Neue und wandte seinen hilfesuchenden Blick an das Oberhaupt.
Dieser trat um den Balken herum, schaute kurz hinunter zu den Füßen des Opfers und verlor sogleich die Beherrschung. »Du hirnverbranntes Arschloch. Du hast eine Arterie getroffen. Habe ich dir nicht gesagt, du sollst aufpassen? Muss man denn hier alles alleine machen?«
»Meister, ich ...«
»Meister, Meister ... verschwinde, bevor ich deinen nutzlosen Arsch aus dem Fenster werfen lasse.«
»Nein bitte, es war ein dummer Fehler, ein Versehen. Sie hat sich bewegt.«
»Na, das wird sie gleich nicht mehr tun, wenn sie wegen deiner Inkompetenz verblutet ist. Verzieh dich von hier. Sowas wie dich können wir nicht gebrauchen.«
»Bitte, gebt mir noch eine Chance. Ich will dazugehören. Ich tue alles, was Ihr wollt.«
Der Dunkle blickte zu dem knienden, winselnden Mann hinunter. Er fasste sich nachdenklich ans Kinn, während sein Opfer sich lauthals die Seele aus dem Leib schrie. Zusehends genervt von dem Geräuschpegel, griff er in eine Tasche seines schwarzen Mantels und zog ein etwa Handflächen langes Messer hervor. »Du willst noch eine Chance?« Ohne sich umzudrehen, als hätte er diese Handlung schon unzählige Male vollführt, schnellte seine Hand nach hinten und schnitt der kreischenden, jungen Frau die Kehle durch. Dann wischte er das Messer am Pulli des noch immer Knieenden ab und steckte es wieder ein.
Katjas Schreie verstummten. Dicke rote Bäche ergossen sich über ihren gesamten Körper. Sie sackte zusammen, wurde jedoch von dem Strick am Hals aufgefangen, der genau in die Wunde rutschte, die das Messer hinterlassen hatte. Unter dem Gewicht des Körpers drang das Seil so tief ein, bis es die Wirbelsäule erreicht hatte. Es spielte keine Rolle mehr. Die junge Frau war bereits tot, als die Klinge ihre Kehle verlassen hatte.
»Okay. Hier ist deine Chance. Entsorge das hier und beschaffe uns spätestens bis zum nächsten Wochenende Ersatz. Denn sonst wirst du ihren Platz einnehmen.«