Kapitel 14

Zwei Wochen zuvor

 

 

Das Antiquariat war jahrelang sein Ein und Alles gewesen. Anton Bender konnte nichts mit moderner Literatur anfangen. Seine Leidenschaft galt den Klassikern. Von Shakespeare bis Jean Paul Sartre hatte er alles in sich aufgesaugt, was sich in der Geschichte einen Namen gemacht hatte. Er war viel gereist und hatte eine beachtliche Sammlung an Originalschriften anhäufen können. Nach und nach fanden diese den Weg in die Regale seines Ladens.

Mit zunehmendem Alter ermüdete ihn das Lesen mehr und mehr. Was letztlich in erster Linie seinen schlechten Augen zu verdanken war, die trotz der dicken Glasbausteine, die er auf der Nase trug, ihre Aufgabe nicht ausreichend meisterten. Die Zeit war im Allgemeinen nicht sehr gut zu ihm gewesen. Man hätte ihn durchaus auch zehn Jahre älter als fünfundsechzig schätzen können. Mit seinem leichten Buckel und den stets zerzausten, grauen Haaren, wirkte er auf Fremde meist wie eine schräge Figur aus einem Märchenbuch. Ein müder, alter Mann, der die Trauer um den Verlust seiner geliebten Frau nie so ganz überwunden hatte. Dass er ihr an diesem Tag folgen würde, wurde ihm erst bewusst, als es bereits zu spät war.

 

Der Laden lief nicht sonderlich gut, deshalb war jeder Kunde, der den Laden betrat ein gern gesehener Gast. Mit geradezu überschwänglicher Freundlichkeit begrüßte er an jenem Tag den Mann, der sich als Privatdetektiv Paul MacKenzie vorstellte.

»Sie wurden mir empfohlen. Es hieß, Sie könnten mir sicher weiter helfen.«

Anton Bender rückte seine Brille zurecht und reichte dem Mann die Hand. »Aber natürlich. Gerne doch. Was kann ich denn für Sie tun?«

»Nun, ich bin auf der Suche nach Hinweisen zu einem mysteriösen schwarzen Buch. Angeblich soll es sich um ein lange verschollenes, gänzlich unbekanntes Werk des Marquis de Sade handeln.«

»Holla, da fahren Sie ja starke Geschütze auf. De Sade. Keine Lektüre für einen alten Mann wie mich, das kann ich Ihnen sagen. Sehr kranker Geist. Und das schon damals, um siebzehnhundert Filzlatsch.«

»Ja, sicherlich haben Sie recht. Ich kenne mich da nicht aus. Ich bin einem Serienmörder auf der Spur, von dem wir wissen, dass er auf der Jagd nach diesem Buch ist. Gerüchten zufolge soll es demnächst in einer Ausstellung präsentiert werden.«

»Nein, wie spannend. Da gerate ich doch auf meine alten Tage noch in einen echten Krimi.« Anton Bender kramte in irgendwelchen Unterlagen und ging kurz darauf zu einem seiner Regale. Als er wiederkam, hielt er ein schweres in Leder gebundenes Buch in der Hand und schlug es auf. »Aha, aha ... so, so«, brummelte der alte Kauz vor sich hin. »Nein, ich denke, da ist Ihr Mörder auf der Suche nach einem Phantom. Sehen Sie selbst. Hier sind alle Werke aufgeführt, die de Sade geschrieben hatte. Ich fürchte, mehr kann ich Ihnen dazu auch nicht sagen, tut mir sehr leid.«

MacKenzie machte ein enttäuschtes Gesicht und überflog noch einmal die Angaben in der Auflistung. »Und Sie haben auch noch nie etwas darüber gehört? Es soll sehr wertvoll sein und geheimes Wissen enthalten, das die Macht besitzt, einen Menschen in den Wahnsinn zu treiben, wenn er es nutzt.«

Der alte Mann begann herzlich zu lachen. »Also, das klingt jetzt wirklich wie die Geschichte eines überaus kreativen Schriftstellers. Aber mal im Ernst. Nein, ich habe noch nie etwas davon gehört. Jedoch kenne ich sehr viele Sammler auf der ganzen Welt. Und eines kann ich Ihnen garantieren, wenn es dieses so wertvolle Buch wirklich gibt, und es sich in privatem Besitz befindet, wird es unter Garantie niemals eine Ausstellung sehen. Dann wird es in einem gut gesicherten Glaskasten liegen, der sich in einem noch besser gesicherten Safe befindet.«

»Okay, Herr Bender. Ich danke Ihnen trotzdem für Ihre Hilfe. Vielleicht könnten Sie mir ja wenigstens die Namen einiger Sammler geben? Vorzugsweise hier aus der Gegend?«

»Da gibt es ein paar wenige hier im Umkreis. Ich schreibe sie Ihnen auf, aber machen Sie sich keine allzu großen Hoffnungen.«

»Warum das?«

»Weil Sammler ein seltsames Volk sind. Sie beschützen ihre Schätze, als hinge ihr Leben davon ab. Und besonders diese hier. Also es würde mich eigentlich wundern, wenn sie überhaupt mit Ihnen reden.«

MacKenzie nickte. In seinem Gesichtsausdruck sah man deutlich die Frustration. Dennoch bedankte er sich erneut und verabschiedete sich in aller Höflichkeit. Zumindest verließ er den Laden nicht mit ganz leeren Händen. Er hatte die Sammleradressen und damit reelle Chancen auf neue Spuren.

 

Anton Benders Uhr verkündete den Ladenschluss. Bis auf den Detektiv am Mittag hatte er an diesem Tag keine weiteren Kunden zu verzeichnen. Er schleppte sich schwerfällig zur Ladentür und wollte gerade den Schlüssel in das Schloss stecken, als drei schwarz gekleidete Männer mit Skimasken auf ihn zustürmten. Sie drängten ihn zurück in den Laden und schlossen dann die Tür ab.

Der größte von ihnen packte Anton am Hals und drückte ihm die Kehle zu. »Okay, Opa. Du wirst uns jetzt haarklein berichten, was dieser beschissene Schnüffler von dir wollte und was du ihm erzählt hast.«

Der Alte starrte völlig verängstigt auf seinen Angreifer und begann zu röcheln. Als dieser seinen Griff wieder löste, begann Anton zu stottern: »Er, er hat nach einem Buch gefragt.«

»Willst du uns verarschen? Das ist eine Buchhandlung, oder? Wonach sollte er sonst fragen? Nach einer Waschmaschine?«

Offenbar saß der Schreck so tief, dass Antons Beine nachgaben. Er wollte einen Schritt zurückweichen, fiel dabei unsanft auf den Boden und verlor seine Brille. »Er fragte nach einem verschollenen Buch des Marquis de Sade.«

Ein Fuß des Fremden stellte sich auf die Brust des Buchhändlers. »Was hast du ihm gesagt?« Eine kleine Gewichtsverlagerung verstärkte den Druck auf die Brust, wodurch es Anton schwerer fiel, zu sprechen.

Er hustete und gab kleine Schmerzensgeräusche von sich. »Ich habe gesagt, dass ich nichts von der Existenz eines solchen Buches weiß. Was um alles in der Welt ist denn so Besonderes daran, das Sie hier zu dritt einen armen, alten Mann überfallen müssen?«

Der Eindringling ging nicht einmal ansatzweise auf die Frage ein, sondern verstärkte den Druck mit seinem Fuß noch um ein Vielfaches. »War das alles? Oder muss ich noch etwas wissen?«

Anton Bender verzog das Gesicht zu einer vom Schmerz geprägten Grimasse. Er fasste sich an die Stelle, an der sein Herz gerade die ersten Aussetzer machte. Seine Worte waren kaum noch verständlich. »Ich habe ihm die Namen ...« Er krallte die Finger in sein Hemd, bäumte sich noch einmal kurz auf und schrie mit einem einfrierenden Blick seinen letzten Laut auf Erden.

»Scheiße. Der Alte ist einfach verreckt. Der Feigling hatte noch etwas sagen wollen.«

»Was sollen wir jetzt tun, Meister?«

François zog sich die Skimütze vom Kopf und sah sich um. Man konnte förmlich sehen, wie sein Denkapparat arbeitete. »Kein Problem. Ich habe einen Plan.«