Kapitel 11

 

 

 

Isabel erwachte aus einem merkwürdigen Schlaf. Was für ein gruseliger Traum, dachte sie zunächst, doch dann realisierte sie die Wahrheit. Wer waren diese düsteren Gestalten, die sie überrascht hatten, bevor sie aus dem Laden flüchten konnte? Irgendetwas hatten sie mit ihr gemacht. Ganz offensichtlich war sie betäubt worden, auch wenn sie sich nicht im Entferntesten daran erinnern konnte. Der Mann in dem schwarzen Mantel war auf sie zugekommen. Und dann wurde es dunkel. Aber da war noch etwas. Der Fremde hatte sie Isabel genannt. Woher kannte er ihren Namen? Das war unmöglich.

Der Schleier des Schlafes vor ihren Augen lichtete sich. Sie erstarrte vor Schreck. »Was um alles in der Welt ...?« Isabel tastete nach den massiven Metallstäben, hinter denen sie zusammengekauert aufgewacht war. Das Licht war schwach, dennoch konnte sie erkennen, dass sie in einem Käfig gefangen war. Und damit nicht genug. Man hatte ihr die Kleidung vollständig ausgezogen, was auch ihr Frösteln erklärte, denn warm war es hier nicht. Hier. Wo war dieses hier?

Als die unheimlichen Männer aufgetaucht waren, hatte sie sich bereits auf dem Polizeirevier sitzen sehen. Verloren in vergeblichen Erklärungen und Ausreden. Dem war augenscheinlich nicht so. Auf keinen Fall handelte es sich hier um eine Gefängniszelle. Und die Beamten hätten sie sicherlich auch nicht ausgezogen. Ein Gefühl der Scham überkam Isabel. Irgendjemand hatte sie ausgezogen. Sie gesehen, wie Gott sie schuf, ohne dass sie Einfluss darauf gehabt hatte.

 

Isabel hatte schon immer ein Problem mit dem Thema Nacktheit. Genau genommen stellte alles ein Problem für sie dar, was mit ihrer Weiblichkeit zu tun hatte. Letztendlich verstand sie es selber nicht, denn sie hätte auch in einem Bikini eine gute Figur gemacht. Allerdings hatte sie noch nie einen getragen. Sie konnte mit keinem ernsthaft darüber reden. Es erschien ihr einfach zu peinlich. Für diese Art von Gesprächen fehlte ihr die Mutter. Doch sie war fort, und nichts zwischen Himmel und Erde konnte daran etwas ändern. Ihre Schwester gab sich stets die größte Mühe, den Verlust zu kompensieren. Und auch sie hätte ganz sicher ein offenes Ohr und viel Verständnis für Isabel gehabt. Nur vertraute sie sich in den seltensten Fällen ihrer großen Schwester an. Im Gegenteil, eher rebellierte sie gegen Doro und machte es ihr damit doppelt schwer.

 

Unvermittelt wurde es heller. Isabel zuckte zusammen, als würde das Licht ihr einen elektrischen Schlag bescheren. Sie zog die Knie dicht an den Körper und umschlang sie fest mit den Armen. Eine Schutzhaltung, die ihren Körper, so gut es ging, verbergen sollte.

Das Geräusch der quietschenden Tür ließ sie erneut erschauern. Schwere Schritte näherten sich ihr langsam. Erst jetzt konnte sie erkennen, dass sie sich offenbar auf einem Dachboden befand. Zu ihrer Rechten erhob sich eine schmutzig weiße Wand. Dahinter musste sich der Aufgang befinden, wie es meist bei einem Unterdach der Fall war. Von dort kamen die Schritte. Möglicherweise war ja gerade ihre Rettung hereinspaziert.

Ohne großartig darüber nachzudenken, rief Isabel laut: »Hallo? Ich bin hier hinten. Bitte helfen Sie mir.«

Ein Mann trat hinter dem Mauervorsprung hervor. Isabel traute ihren Augen kaum, als sie den schwarzen Anzug erkannte. Ihr Blick wanderte hinauf zu seinem Gesicht.

»Hallo Isabel.«

Ihr fiel ein Stein vom Herzen. Gleichzeitig machte Selbiges einen kleinen Hüpfer. »Herr Bender? Gott sei Dank.« Sie klammerte sich noch fester an ihre Beine. Auf keinen Fall durfte ihr neuer Schwarm sie so sehen. Isabel spürte deutlich, wie ihr die Röte ins Gesicht stieg.

Der Mann mit dem Designeranzug ging in die Hocke und betrachtete das Mädchen wie ein seltenes Ausstellungsstück.

»Bitte, helfen Sie mir. Irgendjemand hat mich hier eingesperrt. Vielleicht sind diese Leute noch da. Sie waren unten in Ihrem Laden.«

Die Reaktion des Halbgottes verstörte sie über alle Maßen. Denn der Mann gab einen merkwürdigen Giggell-Laut von sich, welcher entfernt ein Lachen vermuten ließ. Es ähnelte mehr diesem hysterischen Gelächter, welches man aus Filmen kannte, die in einer psychiatrischen Anstalt spielten. Jene Szenen, in denen auf dem Gang einer heruntergekommenen, unheimlichen Anstalt ein Verrückter stand, der sich über irgendetwas amüsierte, das nur er selbst sehen konnte.

»Herr Bender?« Ihre Stimme zitterte nicht nur vor Kälte.

Erneut erntete sie nur diesen gruseligen Laut, der ihr eine Gänsehaut verursachte. Ex abrupto hielt er einen seltsamen Stab in der Hand, der am Ende wie ein Dreizack aussah, dem man das mittlere Element herausgebrochen hatte. Er drückte einen Knopf am Griff und das Gerät verlängerte sich auf einen knappen Meter. Noch ehe Isabel begriff, was sich abspielte, schob er das Ende durch die Gitterstäbe und berührte ihr Bein damit.

»Herr Bender, was ...« Sie konnte ihren Satz nicht mehr beenden. Der Stromstoß war kurz, aber heftig. Er schüttelte ihren ganzen Körper durch und ließ sie ihre Schutzhaltung unkontrolliert aufgeben. Als ob dies nicht schon genug gewesen wäre, prallte ihr Kopf mit ziemlicher Wucht gegen das hintere Gitter. Leicht benommen und völlig verwirrt quetschte sie sich verängstigt in die hinterste Ecke des winzigen Käfigs. »Sind Sie verrückt? Was um alles in der Welt ...«

Endlich bekam sie Antworten. Und mit jedem Satz wuchs ihre Panik zu einem alles verzehrenden Geschwür heran.

»Isabel. Schön, dass du da bist. Ich kann es kaum abwarten, auf deinem zarten Körper zu spielen.« Immer wieder begleitete das irre Gelächter die Worte des Mannes.

In diesen Momenten hatte es den Anschein, dass sich sein Gesicht surreal zu verzerren begann. Zwei völlig verschiedene Menschen schienen in seinem Körper einen Kampf um die Vorherrschaft auszutragen.

»Wo habe ich nur meine Manieren. Ich vergaß, mich vorzustellen. Da wir gleich sehr intim werden, darfst du mich François nennen, Liebes.«

Er stand auf und trat zur Seite. Isabel hatte die weiteren Schritte, die sich schnell näherten, gar nicht vernommen. Plötzlich standen sie da. Zwei weitere Männer in schwarzen Mönchskutten. François lachte, während seine Helfer den Käfig öffneten und das junge Mädchen gewaltsam herauszerrten.

 

***

 

Hauptkommissar Bölder war versucht, die Tatsachen herunter zu spielen. Doch er kannte Dorothea Sander mittlerweile gut genug, um zu wissen, dass er sie ernst nehmen konnte. Sie war keine dieser hysterischen Frauen, die ausflippten, wenn ihre Töchter mal eine Stunde später nach Hause kamen. Er nahm die Vermisstenanzeige auf und erfuhr schließlich auch von dem Überfall auf Doro und der eindeutigen Drohung gegen sie und ihre Schwester.

»Waren Sie schon im Krankenhaus, Frau Sander?«

Sie strich sich vorsichtig über die Beule am Kopf. »Nein, das ist nicht nötig. Es geht mir gut.«

»Ich fürchte, das ist sehr wohl nötig.« Herbert Bölder fuhr sich nachdenklich durch den grauen Vollbart. »Ich kann Ihnen einen Beamten zur Verfügung stellen, der Sie dorthin bringt.«

»Hören Sie, ich muss meine Schwester ...«

Der Kommissar fiel ihr ins Wort und versuchte sie zu beruhigen. »Ihr Journalisten seid einfach nicht kleinzukriegen, oder? Vertrauen Sie mir. Überlassen Sie das den großen Jungs und lassen Sie sich erst einmal untersuchen. Immerhin liegt hier ein Gewaltverbrechen vor, darum muss ich darauf bestehen. Wir kümmern uns um Ihre Schwester. Ich schicke jetzt direkt die Spurensicherung zu dem Weg, wo Sie überfallen wurden. Wahrscheinlich wissen wir schon mehr, wenn Sie aus dem Krankenhaus zurück sind.«

Ohne Doro erneut zu Wort kommen zu lassen, griff er nach dem Telefonhörer und setzte seine Worte in die Tat um.

 

Kurze Zeit später stieg sie vor der städtischen Klinik aus dem Streifenwagen. Der Beamte hatte die Anweisung bekommen, auf Doro zu warten und sie im Anschluss an den Tatort zu bringen, damit sie genau schildern könne, was geschehen war.

Doro war durch die große Eingangshalle direkt zur Rezeption gegangen. Immer einen Blick auf den Polizeiwagen, der draußen auf sie wartete. »Entschuldigen Sie. Gibt es noch einen anderen Ausgang? Wissen Sie, draußen steht mein Exfreund, und ich habe kein großes Verlangen, ihm in die Arme zu laufen.«

Die ältere Frau hatte ihr kaum zugehört, da sie nebenbei noch telefonierte. Sie hielt kurz die Hand über den Hörer, zeigte in eine Richtung hinter Doro und erwiderte: »Da müssen Sie aber durch den ganzen Park. Am Ende kommen Sie dann ...«

Die letzten Worte hatte Doro gar nicht mehr gehört, sie war bereits losgestürmt. Wenn der Kommissar glaubte, er könne sie auch nur eine Sekunde länger davon abhalten, ihre Schwester zu suchen, dann hatte er sich geschnitten. Zumal sie, wie der Zufall es so will, völlig vergessen hatte, ihm von ihrer heißen Spur zu berichten: den Namen, welchen Isabel auf ihren Block gekritzelt hatte.