EPILOG

Es war wahrscheinlich ein besonderer Scherz des Schicksals, dass ausgerechnet Ralf zusammen mit Tim in einem Krankenhauszimmer lag.

Als Ralf nach der Operation am Bein wieder hineingerollt wurde und Tim angrinste, musterte der ihn lange, bevor er sagte: »Du bist doch wirklich zu dämlich. Sich sogar beim Pinkeln zu verlaufen, schafft wohl nur der große Bergführer Ralf.«

Ralf hob nur grinsend die Schulter.

»Wo hast du eigentlich den ganzen Tag und die ganze Nacht gesteckt, die du allein da oben unterwegs warst?«, wollte Tim wissen.

»Ach, ich war halt tierisch besoffen, als ich raus bin. Ich erinnere mich noch, dass ich neben die Hütte gepinkelt habe, und dann ging in meinem Kopf alles drunter und drüber. Ich dachte, dass ich an allem schuld bin und mich deshalb aufmachen sollte, um Hilfe zu holen.«

»In der Nacht? Bei dem Sturm?«

»Es dämmerte schon leicht und, wie gesagt, ich war noch ziemlich blau. Na ja, ich habe selber schnell gemerkt, dass das eine Schnapsidee war, aber da konnte ich nicht mehr zurück, weil ich mich total verfranst hatte. Ich weiß nicht, wie lange ich da rumgeirrt bin, aber plötzlich stand ich vor der Hütte, zu der ich eigentlich mit euch wollte. Dort habe ich den Tag verbracht und die nächste Nacht, und als der Sturm plötzlich aufhörte, bin ich gleich losgezogen. Von dort aus kannte ich ja den Weg. Tja, auf den Schrofen bin ich dann leider gestolpert.«

Tim schüttelte schmunzelnd den Kopf. »Verrückt, das alles.«

»Schon was von Fabian gehört?«, fragte Ralf.

»Ja, er hat ’ne tierische Erkältung, aber es ist Gott sei Dank keine Lungenentzündung. Der Schlauberger wird bald wieder fit sein. Ach, Jo vom Camp war übrigens eben hier.«

»Ah, und?«

»Er ist stinksauer. Als wir heute Morgen noch immer nicht zurück waren aus Garmisch-Partenkirchen, hat er unsere Eltern alarmiert. Und er hat uns rausgeworfen. Und uns Hausverbot erteilt. Auf Lebenszeit.«

»Okay.« Ralf nickte. »Ja, das habe ich erwartet.«

Beide lachten. »Eins verstehe ich noch nicht«, sagte Tim mit schmerzender Brust, nachdem sie sich wieder beruhigt hatten. »Ich hatte Blut im Gesicht und an der Hand, offensichtlich von dir. Wie ist das dahin gekommen?«

Ralf dachte eine Weile nach, dann hob er die Schultern. »Keine Ahnung. Ich hab mich mit deinem Messer geschnitten, als ich versucht habe, diese vermaledeite Erdnussdose zu öffnen. Dieser dämliche Ring, mit dem man den Deckel aufzieht, war abgebrochen. Das hat saumäßig geblutet. Ich wusste nicht, was ich machen sollte, und musste auch mal dringend. Wehgetan hat es kaum, dazu war ich viel zu blau. Also bin ich aufgestanden und nach draußen gegangen. Dabei hab ich vielleicht das eine oder andere angefasst. Wie gesagt, meine Hand hat geblutet wie verrückt.«

Tim lehnte sich zurück und dachte angestrengt nach. Es dauerte eine Weile, dann verzog er den Mund zu einem Lächeln. Er sah Julia vor sich, wie sie in der Hütte saß und erzählte:

Es war laut und ganz komisch, und ich wusste erst nicht, was los ist. Aber dann habe ich gesehen, dass die Tür ein Stück weit offen stand. Und Tim … er stand vor der geöffneten Tür, der Regen ist gegen ihn geprasselt … Draußen war es schon nicht mehr ganz dunkel, deswegen konnte ich ihn gut erkennen. Er hat reglos dagestanden, die Türklinke in der Hand, und hat ins Freie gestarrt.

Dann habe ich die Tür geschlossen, schlussfolgerte Tim weiter, und mir mit der Hand, mit der ich die blutige Klinke angefasst hatte, durch das Gesicht gewischt.

Die Tür öffnete sich, und Lena und Denis kamen herein. »Na, ihr Freaks?«, stichelte Denis, ohne eine Miene zu verziehen.

Tim lachte und sagte: »Na, mein Freund?«

Dann erwiderte er Lenas Kuss.

Er war müde und er war glücklich. Später würde er ein wenig schlafen.

Und er hatte keine Angst davor.