26

»Was?« Es war Lena, die als Erste ihre Sprache wiederfand. »Was sagst du?«

Tim sah sie nicht an, das brachte er nicht übers Herz. »Es ist möglich, dass ich Ralf mit dem Messer verletzt habe.«

»Es ist möglich?« Sebastians Stimme überschlug sich fast. »Alter! Hast du oder hast du nicht?«

»Noch einmal: Ich weiß es nicht. Aber es ist möglich.« Tim hatte das Bedürfnis, sich in eine Ecke zu verkriechen. Er wollte sich hinlegen und zu einer kleinen Kugel zusammenrollen, wie er es als Kind oft getan hatte, wenn er ängstlich gewesen war. Damals schloss er immer die Augen und stellte sich vor, er könnte sich in sich selbst zurückziehen. Sein Körper war dann wie eine Burg mit dicken Außenmauern, die ihn vor allem und jedem schützten. Solange er die Augen geschlossen hatte und sich im Inneren seiner Burg befand, konnte niemand ihm etwas anhaben.

»Tim, was redest du denn da?«, versuchte Lena, ihn zur Vernunft zu bringen. Aber sein Entschluss stand fest. Solange er nicht wusste, was mit Ralf geschehen war, musste er damit rechnen, dass er gefährlich war, sobald er die Augen schloss und einschlief.

»Ich habe euch noch nicht alles erzählt, was mein Schlafwandeln angeht«, erklärte er.

»Noch nicht alles? Was gibt es denn da noch, außer dass man nachts sein Bett verlässt?«, fragte Jenny von irgendwoher.

Tim dachte einen Moment darüber nach, dann erzählte er.

Sie unterbrachen ihn nicht. Selbst Sebastian saß einfach nur da und hörte ihm gebannt zu. Erst als er fertig war, fand Sebastian seine Form wieder und meinte: »Damit dürfte alles klar sein. Ich hatte recht.«

»Kauf dir was dafür«, sagte Denis abfällig.

»Was denn noch?«, blaffte Sebastian ihn an. »Hatte ich recht oder nicht? Na? Unser Timmi hier ist ein Psycho, der nachts durch die Gegend läuft und Leute absticht. Ihr solltet mir dankbar sein, dass ich nicht aufgegeben habe. Wer weiß, vielleicht müssen wir noch eine Nacht hier verbringen. Wäre es euch lieber, wir wüssten nichts von seinen Vorlieben und er wäre wieder zu einer kleinen Jagdtour aufgebrochen? Wäre einer von euch denn gern der Nächste auf seiner Liste gewesen?«

Als er sich wieder an Tim richtete, lag ein seltsamer Glanz in den Augen. Langsam und offenbar genüsslich fügte er hinzu: »Vielleicht lebt Ralf schon gar nicht mehr. Dann ist unser Timmi sogar … ein Mörder.«

»Seht ihr, ich hab ja gewusst, dass mit ihm was nicht stimmt«, klinkte Julia sich gleich ein. »Ihr hättet ihn heute Nacht mal sehen sollen, als er da an der offenen Tür gestanden hat und rausstarrte. Ich sage euch, mir ist ein Schauer durch den ganzen Körper gelaufen.«

»Hey«, fuhr Lena sie an. »Seid ihr verrückt geworden? Könnt ihr mal aufhören, über Tim zu reden, als wäre er nicht da? Er sitzt hier, falls ihr das nicht bemerkt habt, und er hat euch das alles aus freien Stücken erzählt. Er hätte genauso gut einfach den Mund halten können, dann würdet ihr jetzt noch darüber diskutieren, ob es vielleicht doch Sebastian war, der das Messer versteckt hat.«

»Das war ja wohl völliger Quatsch«, wehrte Sebastian sich. »Ich habe von Anfang …«

»Ach, halt doch den Mund!«, würgte Lena ihn ab, und trotz der Leere, die Tim empfand, und der Sorgen, die er sich machte, fiel ihm auf, dass er Lena gerade zum ersten Mal wütend erlebte.

»Jedenfalls werden wir ihn …« Sebastian grinste Lena an und wandte sich dann an Tim. »Jedenfalls werden wir dich nicht mehr aus den Augen lassen, das ist klar.«

Tim war müde und hatte eigentlich keine Lust, noch irgendetwas zu sagen. Trotzdem winkte er ab. »Wenn überhaupt, kann nur etwas passieren, wenn ich schlafe. Solange ich wach bin, würde ich niemals jemandem was tun.«

»Nichts da, du kannst uns viel erzählen. Du machst ab jetzt keinen Schritt mehr, ohne dass jemand von uns das überwacht, klar?«

»Alter, du hast nicht mehr alle Latten am Zaun«, stieß Denis aus.

»Halt den Mund, Knacki.« Sebastian warf Denis einen drohenden Blick zu, woraufhin der das Gesicht zu einer irren Grimasse verzog.

Die Unterhaltung verstummte, es schien, als müsse jeder für sich den Gedanken verarbeiten, dass sie jemanden unter sich hatten, der mit einem Messer auf seine Mutter losgegangen war und nun vielleicht einen von ihnen verletzt hatte. Selbst Lena vermied jeden Augenkontakt mit Tim. Wer wollte es ihr auch verübeln?, dachte Tim. Warum sollte sie sich mit jemandem einlassen, der unberechenbar war? Es gab genügend ganz normale Jungs, da wäre es doch vollkommen verrückt, sich mit jemandem wie ihm abzugeben. Vielleicht hatte Sebastian ja recht und er war wirklich ein Psychopath.

Wahrscheinlich hatte Sebastian recht. Schließlich hatte Tim sich nicht unter Kontrolle und wusste nicht immer, was er tat. Tagsüber war er der liebe nette Junge von nebenan, nachts wurde er zum gefährlichen Monster, der Menschen mit einem Messer verletzte. Sogar seine eigene Mutter. Waren das nicht Eigenschaften, die einen Psychopathen ausmachten?

Ein Schatten tauchte über Tim auf und Janik ging neben ihm in die Hocke.

»Hör zu«, sagte er leise. Tim glaubte zu erkennen, dass Janik es sich nicht leicht machte mit dem, was er ihm sagen wollte. »Ich bin kein Experte, was deine Geschichte angeht. Aber allein die Tatsache, dass du uns eingeweiht hast, heißt für mich, dass du nichts mit Absicht tust, wenn du schlafwandelst. Und dass du dir Sorgen machst. Nur damit du das weißt: Ich denke anders als Sebastian. Aber … wenn das alles so stimmt, dann bist du gefährlich. Auch wenn du es nicht willst. Wir werden was unternehmen müssen, um uns und die Mädchen zu schützen. Ich hoffe, das siehst du ein.«

Tim hörte die Worte, er verstand sie auch, aber ihre Bedeutung war ihm letztendlich egal. Sollten sie tun, was sie wollten.

»Ich hab keine Ahnung, wie lange dieses Unwetter noch anhält, aber falls wir heute Nacht wieder hier pennen müssen … Na ja, wir werden dich irgendwie fesseln müssen oder so, damit du nicht aufstehen kannst.«

Tim sah ihn an und zuckte mit der Schulter. Fesseln. Ja. Sollten sie. Es war ihm gleich.

Tim bemerkte, dass Janik nun Lena ansah, und wandte sich zu ihr um. Ihre Augen glänzten feucht. Sie nickte ihm zu und sagte: »Es ist wohl besser so. Auch für dich.«

»Dann fesselt auch den Möchtegern-Sherlock-Holmes!«, zischte Denis. »Der ist viel gefährlicher als Tim.«

Ihre Befürchtungen wurden wahr. Der Sturm wollte einfach nicht abflauen, und zu der ohnehin schon schwierigen Lage kam der Hunger hinzu, den sie mittlerweile alle verspürten. Niemand hatte noch etwas zu essen, nicht einmal eine Kleinigkeit. Die Dose mit Erdnüssen, die noch an Ralfs Platz gelegen hatte, hatte Lucas schon am frühen Morgen mit einem Nagel aufgestemmt, den er irgendwo gefunden hatte, weil der Ring zum Öffnen des Deckels abgebrochen war. Jeder außer Denis und Tim hatte ein paar der Nüsse verputzt. Doch keiner von beiden beschwerte sich deswegen. Tim nicht, weil er sowieso keinen Bissen heruntergebracht hätte, und Denis schwieg, weil es wohl nicht seine Art war, über Hunger zu klagen. Tim hatte den Gedanken, dass Denis wahrscheinlich schon weitaus Schlimmeres hatte ertragen müssen.

Dafür jammerte Julia lautstark und faselte von Ohnmachtsanfällen, wenn sie so unterzuckert war wie jetzt. Angeblich hatte sie ernste Zweifel, ob sie die Hütte überhaupt wieder auf eigenen Beinen würde verlassen können.

Das alles perlte an Tim ab. Irgendwann stand er auf, nahm sich eine Decke und kauerte sich in die Ecke neben der Eingangstür, in der Denis so oft gesessen hatte.

Lena beobachtete ihn dabei, machte aber keine Anstalten, ihm zu folgen oder etwas zu sagen. Es war ihm nur recht. Er wollte allein sein, musste nachdenken.

Nachdem alle mitverfolgt hatten, wie er es sich in der Ecke einigermaßen bequem gemacht hatte, ließen sie ihn in Ruhe. Tim entging jedoch nicht, dass sich Sebastian, Janik, Julia und auch Lucas dabei abwechselten, ihn mit Argusaugen zu beobachten.

Wieder wanderten seine Gedanken zu jener Nacht, in der er seine Mutter und sich selbst geschnitten hatte. Dann zermarterte er sich erneut den Kopf über vergangene Nacht – an irgendetwas musste er sich doch erinnern. Ein Bild, ein Geräusch, irgendetwas, das ihm einen Hinweis darauf gegeben hätte, was geschehen war. Aber da war nur Schwärze. Er zog die Beine an und legte die verschränkten Unterarme auf den Knien ab. Dann vergrub er das Gesicht darin und zog sich zurück. In seine Burg mit den dicken Außenmauern.

Irgendwann schlief er ein.