17

Innerhalb der nächsten halben Stunde war die zweite Flasche leer, und Lucas zögerte nicht, die dritte aus dem Rucksack zu ziehen und gleich wieder rund zu geben.

Alle tranken mit und nach kurzer Zeit verfielen sie in eine übermütige Stimmung. Jenny und Julia kicherten über jeden Satz, wobei Julia sich dabei meist eine Hand vor den Mund hielt. Lena war verhältnismäßig ruhig. Sie hatte bisher am wenigsten getrunken, aber sie schien auch am wenigsten zu vertragen. Auf ihrem Gesicht und am Hals waren deutliche rote Flecke zu sehen, ihre Augen waren glasig und die Lider schienen ein Stück weit geschlossen zu sein. Wenn Tim etwas zu ihr sagte, grinste sie ihn entweder nur an oder gab ihm einsilbige Antworten.

Lucas konnte kaum noch aufrecht sitzen und stieß in immer kürzeren Abständen schnaubend den Atem aus. Dabei verdrehte er die Augen so sehr, dass Tim gar nicht mehr hinschauen mochte. Sogar Sebastian schien seine Aggressivität abgelegt zu haben und blödelte mit Julia herum.

Tim spürte die Wirkung des Alkohols deutlich. Es schien ihm, als hätte alles um ihn herum an Stabilität verloren. Nicht nur die kleinen Flammen der Kerzen tanzten vor seinen Augen, sondern auch die Kerzen selbst. Der Boden schien ein seltsames Eigenleben zu führen und immer mal wieder hin und her zu schaukeln. Übermütig hatte Tim einen Arm um Lenas Schulter gelegt und sie zu sich gezogen. Sie hatte sich nicht dagegen gewehrt, was Tim ein zusätzliches Hochgefühl verschaffte. Ralf war wieder zu alter Form aufgelaufen und erzählte prahlerische Geschichten von früheren Bergtouren mit seinem Vater. Denis ließ hier und da einen seiner zynischen Kommentare fallen, aber die anderen ignorierten sie entweder völlig oder griffen sie auf und machten sich darüber lustig.

Es schien, als ob alle sich so weit im Griff hatten, dass keine Gefahr einer erneuten Eskalation bestand. Es war ausgerechnet Fabian, der den Anstoß dazu gab, dass sich das änderte, als er sagte: »Ich muss mal«, mit ungelenken Bewegungen aufstand und erst einen langen Moment schwankend stehen blieb, bevor er sein Gleichgewicht offenbar so weit wiedergefunden hatte, dass er den weiteren Vormarsch wagte.

Anders als Tim es erwartet hatte, ging er jedoch nicht zur Eingangstür, sondern steuerte auf den Durchgang zum Nebenraum zu. Bevor er die Schwelle erreicht hatte, rief Ralf ihm hinterher: »He, wo willst ’n du hin? Die Tür nach draußen ist da vorne. Auf geht’s!«

Fabian stoppte, schwankte einmal vor und wieder zurück und drehte sich dann langsam um. Sein Blick wirkte unruhig, so als wüssten seine Augen nicht, worauf sie sich richten sollten.

»Ich geh nicht raus«, lallte Fabian so sehr, dass er nur schwer zu verstehen war. »Zu kalt und … zu nass. Da drin ist ein prima Kistenklo.«

»Bäh, das ist ekelhaft«, sagte Julia.

»Das machst du auf keinen Fall«, stellte Ralf klar. Auch er hatte Probleme mit der Artikulation, aber er war noch besser zu verstehen als Fabian. »Wir wollen hier schlafen. Du gehst raus wie jeder andere.«

Fabian hob den Zeigefinger wie ein Lehrer, der etwas Wichtiges zu sagen hatte. »Wollen wir nicht. Aber müssen wir. Weil … wegen dir. Du bist kein guter Bergführer. Du bist nicht mal sehr schlau. Und weil du nicht so schlau bist, lasse ich mir von dir auch nicht sagen, wo ich aufs Klo gehen soll. Also … Kiste.«

Fabian wandte sich ab und machte den nächsten Schritt auf die Durchgangstür zu. Mit einer Geschwindigkeit, die Tim ihm nicht zugetraut hätte – schon gar nicht nach dem ganzen Wodka –, sprang Ralf auf und war mit ein paar Schritten bei Fabian. Er packte ihn grob am Arm und riss ihn herum. Sein Gesicht hatte sich dunkelrot verfärbt. »Ich sagte, du gehst raus, kapiert?«

Fabian sah ihn mit schreckgeweiteten Augen an. »He, du tust mir weh. Hör auf.« Er versuchte, sich aus Ralfs Griff zu befreien, doch der hielt ihn eisern fest. Tim sah, dass Fabians Mundwinkel zuckten und Tränen in seine Augen schossen.

Ralf ließ sich davon allerdings nicht beeindrucken, er schien wie von Sinnen. »Du gehst jetzt da raus!«, brüllte er Fabian an und packte wohl noch fester zu, denn Fabian verzog das Gesicht und krümmte sich jammernd.

Tim spürte, wie eine heiße Welle durch seinen Körper und dann in seine Stirn schoss, wo sie augenblicklich ein heftiges Prickeln verursachte. Ohne nachzudenken sprang er auf und rief: »Lass ihn sofort in Ruhe!« Als Ralf nicht reagierte, stieß Tim ihn mit beiden Händen mit solcher Wucht vor die Brust, dass er zurücktaumelte und Fabian dabei losließ.

»Was verdammt noch mal stimmt nicht mit dir?«, schrie Tim Ralf an. Im hintersten Winkel seines Bewusstseins begriff er, dass er gerade vollkommen die Beherrschung verlor, aber es war zu spät. »Von jedem lässt du dir alles Mögliche an den Kopf schmeißen – lässt es dir gefallen, weil du Schiss hast. Du hast Schiss vor Sebastian, vor Denis, vor Janik. Aber auf den Jüngsten und Schwächsten von uns gehst du los, der bisher alles klaglos mitgemacht hat, was du verbockt hast. Du bist nicht nur ein Angeber und Lügner, sondern auch ein elender Feigling! Komm her, wenn du dich prügeln möchtest. Na los!«

Hände legten sich von hinten sanft, aber doch bestimmt um Tims Oberarme und zogen ihn langsam zurück. Als er sich mit einem Ruck umdrehte, blickte er in Lenas ernstes Gesicht.

»Tim«, sagte sie eindringlich. »Hör auf, das ist nicht gut.«

»Ach, ich habe einfach die Nase voll. Wenn ich eines hasse, dann sind es Typen, die bei jedem Geräusch den Schwanz einziehen und dann einen auf dicke Hose machen, wenn sie ganz sicher sind, einen Schwächeren vor sich zu haben.«

Er wandte sich wieder Ralf zu, um nochmals klarzumachen, dass er gemeint war. Aber seine größte Wut war schon wieder verraucht. Fabian hatte sich gegen die Tischkante gelehnt und rieb sich den Oberarm.

»Alles okay?«, fragte Tim, und Fabian nickte.

»Ja, geht schon. Jetzt muss ich nicht mehr.«

»Lustiger Abend«, kommentierte Denis das Geschehen und widmete sich der Flasche. Ralf ging zu seinem Platz und setzte sich. Dabei sah er mit steinerner Miene konsequent an Tim vorbei.

»Ich hätte nicht gedacht, dass du so böse werden kannst«, sagte Lena, als auch Tim und sie wieder auf ihren Plätzen saßen und die Decke über ihre Schultern legten. »Hat das was mit dem Alkohol zu tun?«

»Quatsch«, sagte Tim und wusste doch, dass Lena zumindest zum Teil recht hatte. Er trank selten, schon gar keinen Schnaps, aber wenn, dann wirkte er bei ihm als extremer Stimmungsverstärker. Wenn er gute Laune hatte, wurde er extrem albern und lustig. Dann konnte er über jedes krumme Stück Holz lachen. Hatte er allerdings schlechte Laune oder beschäftigte sich mit ernsthaften Problemen, konnte es passieren, dass er ausrastete, wenn er sich oder andere ungerecht behandelt sah. So wie eben.

»Jetzt wieder besser?«

»Ja. Er soll Fabian nur nicht mehr anpacken, sonst kann er was erleben.« Die Wodkaflasche erreichte Tim. Er griff sie und setzte sie ohne Zögern an. Er redete sich ein, dafür sorgen zu müssen, dass die wärmende Wirkung des Alkohols nicht nachließ. Insgeheim wollte er sich vielleicht nur beweisen, dass nicht der Alkohol, sondern sein Gerechtigkeitssinn an seinem kleinen Ausbruch Schuld gehabt hatte.

Sie sprachen nicht mehr über den Zwischenfall. Selbst von Denis kamen keine Kommentare mehr. Einmal steckten er und Janik die Köpfe zusammen, sie schienen sich sogar zu unterhalten.

Nacheinander mussten alle mal nach draußen gehen, und nachdem die Kerzen dabei immer wieder ausgeblasen wurden, entwickelten sie ein Verfahren, um das zu verhindern. Wenn jemand die Hütte verließ, ging sein Nachbar mit bis zur Tür und hielt die Decke ausgebreitet vor sich, während die Tür einen Spalt weit geöffnet wurde. Das hielt den Wind davon ab, hereinzufegen.

Aber auch das wurde immer schwieriger, denn kaum jemand von ihnen war noch in der Lage, zu stehen, geschweige denn einem plötzlichen Windstoß standzuhalten. So führte jeder weitere Gang nach draußen zu allgemeinem Gelächter, wenn der Deckenhalter umfiel, während er oder sie ungelenk versuchte, den Eingang abzuschotten.

Irgendwann war auch die letzte Flasche geleert, und Tim spürte, dass ihm die Augen zufielen. Lena war schon eine ganze Weile zuvor eingeschlafen und lag mit dem Kopf auf ihrem zusammengerollten Rucksack quer hinter ihm. Die Decke hatte er so um seine Schultern gelegt, dass die herunterhängende lange Seite ausreichte, auch Lena damit warm zu halten.

Ralf war irgendwann einfach rücklings umgekippt und hatte Sekunden später begonnen, laut zu schnarchen. Auch Jenny, Fabian und Lucas schliefen schon. Als Julia und Sebastian anfingen, sich zu küssen, zog Tim seinen Rucksack heran und machte es sich neben Lena so bequem, wie es möglich war.

Auf der Seite hinter ihr liegend und den Arm schützend um sie gelegt, lauschte er dem Sturm, der ohne Unterbrechung mal scheppernd und klopfend, mal schaurig heulend daran erinnerte, dass sie es ja nicht wagen sollten, ihm entgegenzutreten.

Irgendwann fielen Tim die Augen zu.