11
Ralf hatte die Lampe von Lucas übernommen und die Wände abgeleuchtet, bis der Lichtkegel das kleine Fenster erfasste, durch das sich der graue Schein drückte. »Kann mal jemand versuchen, den Laden zu öffnen?«, fragte er.
Fabian, der dem Fenster am nächsten saß, stand auf und betrachtete es.
»Und wenn der Sturm das Glas kaputt macht?«, gab er vorsichtig zu bedenken.
Ralf schüttelte den Kopf. »Das glaube ich nicht. Solche Stürme gibt es hier oben öfter. Das hält das Fenster schon aus.«
»Spricht da wieder die Erfahrung aus dir?«, fragte Sebastian schnippisch.
Ralf ließ den Arm mit der Taschenlampe sinken. »Nun hör endlich auf damit. Ja, ich habe mich geirrt, und das tut mir leid. Aber in den Bergen ist es verdammt schwer, eine Prognose abzugeben. Das Wetter kann sich jede Minute ändern. Denkst du vielleicht, ich habe uns absichtlich in diese Situation gebracht?«
»Du hältst dich selbst für den Größten«, warf Denis ein, bevor Sebastian antworten konnte. »Das ist dein Problem.«
»Genau«, pflichtete Sebastian ihm bei. »Dieses dämliche Geschwätz – von wegen du kennst dich aus und weißt, was du tust. Haltet euch an mich, dann kann euch nichts geschehen …«, äffte er Ralfs Stimme nach. »Tss … Wenn der Mist hier nichts ist, dann danke schön.«
Plötzlich unterbrach lautes Donnern und Brausen das Gezanke. Fabian hatte mittlerweile das Fenster geöffnet und nestelte nun an dem Haken herum, der die beiden Klappläden in der Mitte zusammenhielt. Als es ihm schließlich gelang, ihn zu lösen, wurden ihm die Holzläden mit einem Ruck aus den Händen gerissen. Schlagartig wurde es heller im Raum; fast im gleichen Moment knallten die Läden mit unglaublicher Wucht gegen die Außenwand, um einen Augenblick später wieder vor dem Fenster zusammenzuschlagen. Fabian war einen Schritt zurückgewichen und stand mit schreckgeweiteten Augen wie zur Salzsäule erstarrt, während einer der Läden schon wieder gegen die Hütte donnerte. Mit zwei, drei schnellen Schritten spurtete Janik zu dem Fenster und versuchte, sich ein Stück gegen den Wind hinauszulehnen, um die Läden zu fassen zu bekommen, doch sie kamen ihm schon entgegen und knallten gegen seine Finger. Mit einem Schmerzensschrei wich er zurück und hielt sich die rechte Hand.
»Das geht so nicht!«, rief Tim gegen das Tosen an. »Die müssen von außen festgemacht werden.«
Nun war auch Ralf am Fenster, drückte es zu und verschloss es, wodurch das Heulen und Brausen sofort leiser wurde. Das Schlagen der Läden ging jedoch unvermindert weiter. Es hörte sich an, als donnerten mehrere Leute immer und immer wieder wütend mit Vorschlaghämmern von außen gegen die Wand.
Tim überlegte, dass es nicht ungefährlich wäre, wieder da rauszugehen. Doch wenn er sich dicht bei der Hütte hielt, müsste es gehen. Gerade entschloss er sich, es zu versuchen, da wurde die Tür schon geöffnet, und er sah nur noch, wie Sebastian nach draußen verschwand und die Tür gleich hinter sich wieder verschloss.
Eine Weile geschah nichts. Niemand wagte es, ein Wort zu sprechen. Alle Blicke waren auf das Fenster gerichtet, das sich in knappen, unregelmäßigen Abständen mit donnerndem Knallen kurz verdunkelte, um sofort danach das Grau des Unwetters wieder durchzulassen. Und mit jedem erneuten Schlag der schweren Läden zuckten alle zusammen.
Tim fand, es hörte sich immer bedrohlicher an, und obwohl er genau wusste, dass es Unsinn war, hatte er Angst, die Wand würde den andauernden Schlägen irgendwann nicht mehr standhalten können und einstürzen.
Dann hörte es auf. Erst klapperte nur noch einer der Läden weiter, dann blieb auch der offen.
»Ja, er hat’s geschafft!«, jubilierte Fabian, und die Erleichterung war seiner Stimme deutlich anzuhören.
Es dauerte noch zwei Minuten, bis Sebastian wieder hereinkam. Tim sah sofort, dass er sich seltsam hielt, und als Sebastian umständlich die Tür wieder zugezogen hatte und sich zu ihnen umwandte, sahen sie sein schmerzverzerrtes Gesicht. Mit einem Aufstöhnen lehnte er sich an die Wand und legte die Hand auf seine rechte Schulter.
»Was ist los? Bist du gestürzt?«
»Nein, verdammt!«, presste er heraus. »Der … Shit … der Drecksladen ist mir gegen die Schulter geknallt. Fühlt sich an, als ob da alles kaputt ist. Ich könnte ausrasten.«
Ralf stieß sich von der Wand neben dem Fenster ab und ging auf Sebastian zu. »Zeig mal her. Mein Vater ist Arzt, ich kenn mich da ein bisschen aus.«
»Einen Dreck wirst du!«, brüllte Sebastian, bevor Ralf in seine Nähe kam. »Hau ab, hörst du? Du bist der Allerletzte, der sich das ansieht. Ich habe die Nase voll von dir und deinem angeblichen Auskennen. Wegen dir sind wir doch in der beschissenen Situation. Wegen dir hab ich mir wahrscheinlich auch die Schulter gebrochen. Verzieh dich!«
Ralf war stehen geblieben und hob beschwichtigend eine Hand. »Jetzt beruhige dich. Ich kann ja verstehen, dass du sauer bist, aber ich will dir doch nur helfen.«
»Nein, verdammt, verpiss dich!«, brüllte Sebastian ihn mit hochrotem Kopf an. »Wenn du noch einen Schritt näher kommst, mach ich dich alle. Trotz kaputter Schulter.«
Tim hoffte, Ralf würde es aufgeben und Sebastian in Ruhe lassen. Er wagte es aber nicht, sich einzumischen. Sebastian schien so aggressiv, dass der kleinste Anlass ihn explodieren lassen würde. Und Tim hatte keine Lust, ihm den zu geben.
»Darf ich mal nachsehen?«, fragte da Julia und ging, ohne eine Antwort abzuwarten, an Ralf vorbei zu Sebastian.
Tim war nicht der Einzige, der den Atem anhielt und gebannt darauf wartete, wie Sebastian reagieren würde. Als der seinen Blick von Ralf losriss und Julia ansah, entspannten sich seine Züge.
»Ja, darfst du«, sagte er mit überraschend ruhiger Stimme. »Aber pass auf, das tut echt tierisch weh.«
Julia wartete, bis Sebastian den Reißverschluss geöffnet und seine Jacke vorsichtig ausgezogen hatte. Dann schob sie mit spitzen Fingern das Shirt über seiner Schulter zurück und sagte: »Autsch«, nachdem sie die Haut darunter betrachtet hatte.
»Was ist?«, fragte Sebastian alarmiert und versuchte, das Kinn so fest an seine Brust zu drücken, dass er die Stelle sehen konnte, was ihm aber nicht gelang. »Nun sag schon …«
»Das verfärbt sich«, erklärte Julia und legte vorsichtig ihre Hand auf die Stelle. »Wird sicher ein riesiger Bluterguss.«
Sebastian sog die Luft zwischen den Zähnen ein und kniff den Mund zusammen. »Au, verdammt, was machst du?«
»Nachsehen, ob was ausgerenkt ist.«
»Denkst du, du kannst das fühlen?«
»Vielleicht schon. Ich mache eine Ausbildung zur Masseurin, da hab ich oft mit so was zu tun.«
Noch während Tim sich fragte, wie man mit zentimeterlangen Fingernägeln massieren konnte, sagte Sebastian: »Wie geht das denn, mit den Nägeln? Damit würde ich mich nicht von dir massieren lassen.«
»Die sind künstlich. Hab ich mir gerade frisch machen lassen, extra für den Urlaub. Wenn ich arbeite, müssen die ganz kurz sein.«
»Künstliche Fingernägel für ein Klettercamp hat was von künstlicher Intelligenz«, bemerkte Janik und sah grinsend von einem zum anderen.
»Sehr witzig«, sagte Sebastian an Julia vorbei, die noch immer an seiner Schulter herumtastete und Janiks Bemerkung entweder nicht gehört hatte oder sie einfach überging. »Kannst du sonst noch was, außer blöde Sprüche reißen?«
Ralf schlug die Hände zusammen und lenkte die Aufmerksamkeit auf sich. »Ich schlage vor, wir schauen uns jetzt um. Vielleicht gibt es hier ja irgendwas, das wir brauchen können.«
Tim fand, das war eine gute Idee, denn sie lenkte alle ein bisschen ab und entschärfte die gereizte Stimmung.
Draußen wütete das Unwetter mit unveränderter Kraft, warf sich immer wieder gegen die Außenwände und ließ sie erzittern.
Die Hütte bestand aus zwei Räumen. Neben dem großen, in den sie sich gerettet hatten, gab es noch eine kleine fensterlose Kammer, in der es beißend stank. Die Tür stand etwa zur Hälfte offen und hing schief in den Angeln. Sie ließ sich keinen Zentimeter bewegen. Der Boden war mit Mäuse-oder Rattenkot übersät und das ganze Inventar bestand aus einem schiefen, zugestaubten Holzregal und zwei Holzkisten. Auf den Regalen fanden sie einen fast vollen Karton mit dicken Kerzen in roter Plastikummantelung, wie man sie häufig auf Friedhöfen sieht. In einer der Kisten lag allerlei angerostetes Werkzeug herum, die andere jedoch war bis zum Rand vollgestopft mit Decken. Sie waren aus grobem Material und sahen nicht sehr einladend aus. Tim wollte nicht darüber nachdenken, wann sie zum letzten Mal gewaschen worden waren, aber sie froren alle in ihren durchnässten Sachen, und mit diesen Decken konnten sie sich wenigstens ein bisschen aufwärmen. Vielleicht war es sogar möglich, die nasse Kleidung wenigstens für eine Weile auszuziehen, damit die Haut Gelegenheit hatte, wieder zu trocknen.
Gemeinsam mit Ralf und Fabian schaffte Tim Kerzen und Decken in den großen Raum und legte alles auf dem Tisch ab.
Zwischenzeitlich hatten die anderen den großen Schrank durchsucht, dort aber kaum etwas Nützliches gefunden. Nur eine Schachtel Streichhölzer, ein paar kleinere Kerzen …
Nach etwa zehn Minuten war das geschäftige Treiben vorbei. Alles war durchsucht, es gab nichts mehr zu entdecken. Denis hatte während der ganzen Zeit in der Ecke neben der Tür auf dem Boden gehockt und ihnen mit unbeteiligter Miene zugeschaut. Nun war jedoch auch er aufgestanden und hatte sich mit den anderen um den Tisch herum aufgebaut, um die Ausbeute zu betrachten.
»Wir haben fünf Decken«, sagte Ralf. »Wenn sich immer zwei zusammensetzen, geht das genau auf.«
Sie sahen sich untereinander an, als versuchten sie in den Augen der anderen zu lesen, ob es okay war, zusammen unter eine Decke zu schlüpfen.
»Zu mir kommt Lucas«, legte Ralf fest, was Lucas mit einem kurzen Nicken bestätigte.
»Dann teile ich mir eine Decke mit meiner Krankenschwester«, beschloss Sebastian und sah halb grinsend, halb fragend zu Julia. »Oder?«
»Von mir aus.«
»Super. Dann kann ich endlich mal die nassen Sachen ausziehen.«
Julia riss die Augen auf. »Was? Du willst dich ausziehen? Vergiss es. Dann kannst du alleine unter der Decke hocken.«
»Dann komme ich eben zu dir«, sagte Janik und zwinkerte Sebastian zu. »Ich ziehe meine nassen Sachen auch aus.«
Sebastian tat entsetzt. »Bäh. Dann würde ich ja lieber mit dem Yeti unter eine Decke steigen, der hat wenigstens ein Fell.« Alle lachten, manche so übertrieben laut, dass man merkte, dass keine Fröhlichkeit dahintersteckte. Tim spürte, dass jeder für sich versuchte, irgendwie mit der Situation klarzukommen.
Er nahm sich eine der Decken und sah Lena an, die ihm ohne große Worte zur Seite folgte und sich dort mit ihm so auf den Boden setzte, dass sie sich mit den Rücken an die Holzwand anlehnen konnten. Als ihre Oberarme sich berührten, wagte Tim es nicht mehr, sich zu bewegen.
Sebastian und Julia setzten sich an die Wand ihnen gegenüber, Ralf und Lucas gleich neben die beiden. Es blieben zwei Decken für Janik, Jenny, Fabian und Denis.
»Du kannst eine Decke für dich und Fabian nehmen«, sagte Janik zu Denis. Ich nehme mit Jenny die andere.«
Jenny stemmte die Hände in die Seiten und funkelte Janik böse an: »Hey, werde ich vielleicht auch gefragt?« Doch da hatte Denis schon eine der Decken gegriffen und sich damit in die Ecke neben dem Eingang zurückgezogen.
Janik zuckte mit den Schultern. »Zu spät.«
»Nein, nicht zu spät. Ich lasse nicht über mich bestimmen. Und die Beschützernummer kannst du dir auch abschminken. Nimm dir von mir aus die Decke, ich brauche keine.«
Damit ging sie zu einem der beiden einfachen Holzschemel und setzte sich darauf. Janik sah sich mit hochrotem Kopf nach allen Seiten um und versuchte ein gequältes Lächeln.
»Hoppla«, sagte Tim leise zu Lena. »Die ist ja richtig böse. Hätte ich ihr gar nicht zugetraut.«
Lena beugte sich noch ein bisschen weiter zu Tim herüber. »Ja, Jenny kann schon ganz schön komisch werden. Ich glaube, die hat irgendeinen Mist erlebt. Aber ich weiß nicht genau, was. Eigentlich ist sie echt nett, aber manchmal reagiert sie ziemlich heftig.«
Fabian stand noch immer in der Mitte des Raums und schien nicht sicher zu sein, was er jetzt tun sollte. Schließlich ging er aber doch zu Denis und fragte: »Ist es okay, wenn ich mich zu dir setze?«
Denis sah Fabian nicht einmal an, als er antwortete: »Nein, ist es nicht, Streberfreak.«
Alle gemurmelten Gespräche verstummten schlagartig, und lange herrschte Stille, bis Ralf sagte: »Mann, Denis, versuch doch wenigstens, dich nicht wie ein egoistischer Idiot zu benehmen.«
»Verpiss dich!«, entgegnete Denis und sah auch Ralf dabei nicht an. Fabian stand noch immer frierend da und blickte sich hilflos zu Tim um. Bevor dem jedoch eingefallen war, wie er reagieren sollte, meldete sich Janik zu Wort. »Komm halt zu mir, ich hocke ja eh alleine.«