16
Sebastians schwerer Körper prallte gegen Ralf und riss ihn um. Beide stießen unartikulierte Schreie aus, während sie sich auf dem Boden wälzten und jeder versuchte, die Oberhand zu gewinnen. Mehrere Kerzen fielen um, eine davon auf eine Decke. Eines der Mädchen schrie auf, auch andere Stimmen wurden laut. Hände rissen die Decke weg, bevor sie Feuer fangen konnte.
»Hör auf!«, brüllte Ralf. Er strampelte stöhnend mit den Beinen und traf dabei versehentlich Lucas in die Seite, woraufhin der mit einem Schmerzenslaut umkippte.
»Hey«, machte Janik und stemmte sich gleichzeitig mit Tim hoch. Mit zwei Schritten hatten sie Ralf und Sebastian erreicht und griffen nach ihren Armen und Beinen, um sie auseinanderzuziehen. »Helft mal, verdammt!«, schrie Janik den anderen zu, als es ihnen nicht gelingen wollte.
Fabian tauchte an Tims Seite auf und setzte an, irgendwo zuzugreifen, schien sich dann aber doch nicht zu trauen und zog sich wieder zurück. Endlich hatte Janik Sebastians Arm erwischt und zog ihn mit aller Kraft zur Seite.
»Du verdammter Mistkerl!«, schrie Sebastian Ralf zu und versuchte noch immer, nach ihm zu treten.
Nun bekam Tim Ralfs Handgelenk zu packen und konnte ihn in die andere Richtung ziehen. Kurz schlugen die beiden noch mit Armen und Beinen um sich, dann lagen sie still. Alle atmeten schwer, Tim stand keuchend vornübergebeugt und musste husten.
»Verdammt«, stöhnte Sebastian und presste eine Hand auf die Stelle, an der er die Schulterverletzung hatte. »Tut das weh.«
»Selbst schuld … Idiot«, kommentierte Ralf, ebenfalls noch völlig außer Atem.
»Du … bist doch echt das Letzte.« Sebastian drückte sich stöhnend hoch, bis er aufrecht saß. »Ist dir klar, dass wir ohne Hilfe heute nicht mehr hier wegkommen?«
»Ich weiß«, sagte Ralf und fügte leise hinzu: »Tut mir leid.«
»Aber warum hast du denen geschrieben, wir wären in Garmisch-Partenkirchen? Ich verstehe das nicht. Das ergibt doch keinen Sinn.«
»Ist doch klar, der große Bergführer wollte euch auf jeden Fall alleine in Schwierigkeiten bringen«, lallte Lucas, der sich ebenfalls wieder aufgerappelt hatte.
Ralf überging die Bemerkung und hob die Schultern. »Ich wollte einfach vermeiden, dass die uns eingeholt haben, bevor die Tour richtig losgegangen ist. Mir war klar, dass wir nicht schnell vorwärtskommen würden. Und da dachte ich …«
Jenny schüttelte den Kopf. »Du hättest es uns nicht gesagt, oder?«
»Was?«
»Wenn Lucas nicht gewesen wäre, hättest du weiter zugesehen, wie wir darauf hoffen, dass wir jeden Moment gerettet werden.«
»Nein, ich denke … ich hätte es euch schon noch gesagt.«
»Wann?«, bellte Sebastian. »Morgen? Lucas, gib mir die verdammte Flasche.«
Nach und nach beruhigten sich alle wieder. Nach einigen Minuten stellten sie die umgefallenen Kerzen wieder auf und hüllten sich in ihre Decken. Eine ganze Weile schwiegen alle, saßen nur da und hörten dem ungebrochen tosenden Sturm zu. Die Flasche machte die Runde und dieses Mal nahmen ausnahmslos alle mindestens einen kräftigen Schluck daraus, selbst Fabian.
»Okay, jetzt sitzen wir also richtig in der Tinte«, brach Janik das Schweigen.
»Blödsinn«, sagte Denis in der für ihn typischen Art.
»Ach, du findest es Blödsinn, dass kein Mensch weiß, wo wir sind? Dass wir jetzt hier festsitzen, bis dieser Scheißsturm aufgehört hat? Und was, wenn das tagelang so weitergeht? Es ist kalt und wir sind komplett durchnässt. Ruck, zuck hat jemand ’ne Lungenentzündung oder Fieber. Medikamente gibt es hier nicht und zu essen haben wir auch nichts. Das nennst du Blödsinn?«
»Jetzt fahr mal runter, Alter«, antwortete Denis mit monotoner Stimme. »Wie naiv seid ihr eigentlich? Ihr seht doch, was da draußen los ist. Wir konnten uns kaum auf den Beinen halten. Denkt ihr vielleicht, die würden uns bei dem Wetter suchen? Das ist Blödsinn. Also, was soll’s? Bleiben wir eben hier, bis der Mist vorbei ist. Wir haben hier einen Angeber, der lügt wie gedruckt, einen Schläger, der bei jeder Gelegenheit ausrastet, und einen Betrunkenen, der seinen angeblichen Freund verpetzt. Ist doch gemütlich. Wird sicher eine interessante Nacht.«
»Eine Nacht?«, stöhnte Jenny auf. »Denkt ihr, wir müssen die ganze Nacht hierbleiben?«
»So viel steht wohl fest«, sagte Tim.
»Oh Gott, ich werde einen Höllenärger bekommen«, wimmerte Julia.
»Keine Sorge«, bemerkte Denis. »Den werden wir alle bekommen.«
»Ja, wenn wir je wieder heil rauskommen«, stellte Janik fest und leerte die Flasche.
»Leute, machen wir das Beste daraus«, sagte Ralf, und seine Stimme hatte schon wieder einen festen Klang. »Wir haben nicht nur noch eine, sondern sogar noch zwei Flaschen dabei. Wärmen wir uns von innen auf, dann können wir später sicher etwas schlafen. Und morgen früh ist der Sturm vorbei und es geht uns allen wieder gut.«
Tim hätte ihm gerne ein paar Takte dazu gesagt, aber er fühlte sich zu energielos und zu leer. Er blickte in die Runde, betrachtete den Ausdruck auf den Gesichtern und stellte fest, dass es wohl fast allen so ging. Fabian starrte in die tanzende Flamme einer Kerze. Seine bewegungslosen Augen waren glasig geworden, der zuckende gelbe Feuertropfen spiegelte sich darin.
Janik daneben hatte einen Ellbogen auf einem Knie und den Kopf schräg auf seiner Handfläche abgestützt. Auch sein Blick schien sich irgendwo in weiter Ferne zu verlieren.
Jenny saß mit gesenktem Kopf neben Lena. Tim konnte nicht sehen, ob sie die Augen geöffnet oder geschlossen hatte.
Und Lena … sah ihn an. Das tat sie wohl schon etwas länger, ohne dass Tim es gemerkt hatte. Nun verzog ihr Mund sich zu einem angedeuteten Lächeln. »Na, wie findest du den Gedanken, dass wir hier gemeinsam festsitzen?«, fragte sie leise.
Auch Tim versuchte ein Lächeln. »Na ja, ich bin ja wirklich gerne mit dir zusammen, aber ich könnte mir eine bessere Umgebung dafür vorstellen. Was ist eigentlich mit Jenny? Ihr habt euch doch die ganze Zeit unterhalten.«
Lena sah kurz zu Jenny und senkte die Stimme noch weiter. »Genau das, was ich mir schon gedacht hatte. Sie hat gerade eine Beziehung zu einem Typen hinter sich, der wohl um einiges älter war als sie. Er hat sie von morgens bis abends kontrolliert und war rasend eifersüchtig. Jetzt reagiert sie allergisch, wenn jemand ihr sagt, was sie tun soll.«
Tim nickte. Das konnte er verstehen.
»Denkst du, der Sturm ist morgen früh überstanden?«, fragte Julia.
Tim hob die Schultern. »Keine Ahnung, ich kenne mich mit dem Bergwetter nicht aus.«
»Ralf auch nicht«, bemerkte Sebastian neben ihm. Er hielt Tim eine neue, noch fast volle Wodkaflasche hin. Tim nahm sie und trank zwei, drei große Schlucke. Er vertrug nicht viel, aber das war ihm im Augenblick egal. Irgendwie mussten sie die Nacht ja herumbekommen. Mit genügend Alkohol im Blut würden sie es vielleicht eher mit Humor nehmen.
Tim ahnte nicht, wie sehr er sich irrte.