21

Stumm starrten alle auf Ralfs Platz. Was ihnen dort an mehreren Stellen matt entgegenschimmerte, waren ohne jeden Zweifel Blutflecken. Und es waren viele.

»Verdammt!«, stieß Sebastian aus und ging in die Hocke. Er betrachtete die sieben oder acht eurostückgroßen Sprenkel auf dem Boden, die unregelmäßig um eine weitere, etwa handtellergroße Lache angeordnet waren. Nach einer Weile richtete er sich wieder auf und baute sich vor Tim auf.

»Ich schätze, das ist nicht dein Blut, oder?«

Tim schüttelte nur den Kopf.

»Damit wäre deine Erklärung von vorhin wohl ziemlich dahin, nicht wahr, Timmi?«

Tim war vollkommen verwirrt, sein Verstand lieferte wieder viel zu viele Eindrücke auf einmal, als dass er sie hätte aufgreifen und zu etwas Vernünftigem zusammensetzen können. Wie war das möglich? Wo konnten diese Flecken herkommen? Von ihm sicher nicht. Die Lache war auf Ralfs Platz, unter Ralfs Decke … Es musste Ralfs Blut sein. Was aber bedeutete das für Tim? Das Blut in seinem Gesicht, an seinen Händen … Seine Nase war sauber gewesen.

»Nasenbluten«, hörte er sich selbst sagen und wunderte sich darüber, wie das möglich war, ohne es bewusst gewollt zu haben. »Ralf hatte vielleicht … Nasenbluten?«

Sebastian stieß ein humorloses Lachen aus. »Nasenbluten, aha. Schau dir mal die Menge an, die dort auf dem Boden klebt. Hast du schon mal gesehen, dass jemand beim Nasenbluten so verdammt viel Blut verloren hat?«

Das hatte Tim noch nicht, aber welche Erklärung gab es sonst?

Eine Ahnung wollte sich ihm aufdrängen, doch sein Verstand unterdrückte sie. Es musste doch eine plausible, harmlose Erklärung geben. Es musste.

Tim spürte jemanden neben sich und sah erschrocken zur Seite. Lena fuhr wegen seiner heftigen Reaktion zusammen und sah ihn verstört an. »Tim … was ist denn nur los mit dir?«

»Was los ist?«, fragte er und stieß einen kurzen hohen Lacher aus. Er gestand sich selbst ein, dass es sich etwas irre anhörte. »Siehst du das denn nicht? Sie versuchen schon wieder, mich zum Schuldigen zu machen.«

Tim riss seinen Blick von Lena und richtete ihn auf Sebastian, der ihn fixierte wie die Schlange das Kaninchen.

»Vor allem diejenigen, die gezeigt haben, dass sie selbst am ehesten dazu in der Lage sind, Ralf wirklich zu verletzen, bemühen sich besonders, den Verdacht auf andere zu lenken.«

Sebastians zuletzt maskenhaftes Gesicht zuckte. »Nun lenk nicht ab. Ich hatte beim Aufwachen kein blutverschmiertes Gesicht und auch keine blutigen Hände. Ralf ist verschwunden und jetzt finden wir an seinem Platz Blutspuren. Da muss man kein Bulle sein, um zu kapieren, dass es da einen Zusammenhang gibt.«

Tim musterte Sebastian und überlegte fieberhaft, was er entgegnen könnte, aber in seinem Kopf herrschte plötzlich eine seltsame Leere, ein fremdes Gefühl der … Seelenlosigkeit?

Alles in ihm schrie danach, einfach wegzulaufen, die Tür aufzureißen und diese Katastrophe hinter sich zu lassen. Selbst der tobende Sturm dort draußen erschien ihm harmlos angesichts dessen, was er gerade in dieser Hütte erlebte.

Er sah die anderen der Reihe nach an, forschte in ihren Gesichtern danach, wie sie zu ihm standen, ob sie auch dachten, er hätte etwas mit Ralfs Verschwinden zu tun. Ob vielleicht sogar jemand etwas wusste … Jenny! Tim erinnerte sich an ihr seltsames Verhalten an diesem Morgen. Hatte sie etwas gesehen? Er sah sie flehend an, doch sie wandte sich ab und stierte auf die Wand neben sich.

Dann war da noch Julia, anders als Jenny hatte sie ihn offen angeblickt. In ihren Augen hatte deutliche Angst gestanden. Angst vor ihm? Er linste zu ihr und entdeckte die Angst sofort wieder.

Tim spürte Lenas Hand an seiner. Fassungslos beobachtete er, wie er sie abschüttelte. Es war, als gehörte seine Hand nicht zu ihm, als hätte sie ein Eigenleben entwickelt. Schnell bat er Lena mit einem Blick um Verzeihung. Er verstand selbst nicht, warum er das gerade getan hatte, und er fand auch keine Worte, es ihr zu erklären.

Immer lauter wurde die unschöne Ahnung in ihm. Schließlich hatte sie sich so weit in sein Bewusstsein gedrängt, dass sich passende Worte dazu formten. Worte, die sich nun zu Sätzen aneinanderreihten: Vielleicht hast du es getan. Du weißt, dass du dazu fähig bist. Du hast schon einmal jemanden verletzt. Im Schlaf. Und du weißt auch, dass du jetzt nichts mehr davon wüsstest, wenn du es heute Nacht wieder getan hättest.

Tim griff sich mit beiden Händen an den Kopf und drückte die Handballen fest gegen die Schläfen. Er hatte das Gefühl, bald durchzudrehen. Wie war er nur in diese Situation gekommen? Alle schienen gegen ihn zu sein. Es war, als sei eine durchsichtige Wand durch die Hütte gezogen worden. Auf der einen Seite stand die Gruppe, auf der anderen Seite er, ausgestoßen, nicht mehr dazugehörig.

Mit lautem Donnern schlug etwas gegen die Hüttenwand. Nur wenige zuckten dabei noch zusammen. Sie hatten sich in den letzten Stunden an diese Geräusche gewöhnt.

»Das ergibt doch alles keinen Sinn«, meinte Tim und sah Sebastian an, der offenbar bereitwillig die Rolle des Anklägers übernommen hatte. Tim spürte, dass sich seine Gedanken langsam ordneten. Er registrierte erleichtert, dass es ihm zumindest wieder gelang, logische Verknüpfungen herzustellen. »Warum sollte ich Ralf verletzen? Und selbst wenn ich ihn hier drinnen irgendwie verletzt hätte – was denkt ihr, wäre dann geschehen? Ich habe doch keine Chance gegen Ralf. Ich hätte ihn schon im Schlaf niederschlagen müssen. Und dann? Habe ich ihn dann aus der Hütte geschleppt? Diesen schweren Kerl? Ohne dass es jemand von euch mitbekommen hat? Wie sollte das denn gehen?«

»Wir waren alle betrunken«, sagte Janik. »Ich hätte davon bestimmt nichts gemerkt.«

Tim traute seinen Ohren nicht. »Aber … ich war doch genauso betrunken wie ihr.«

»Ich sehe, dass Ralf verschwunden ist«, erklärte Sebastian. »An seinem Platz ist alles voller Blut. Außerdem haben wir hier jemanden, der sich gestern Abend mit ihm gestritten hat und heute Morgen Blut im Gesicht und an den Händen hatte. Ziemlich klare Kiste, oder?«

Zuerst wollte Tim erneut aufbrausen und allen klarmachen, dass Sebastian viel eher infrage käme, Ralf etwas angetan zu haben. Aber wie oft sollte er ihnen das noch vorbeten? Jeder wusste es. Und doch starrten sie ihn an, als wollten sie ihn gleich hier und jetzt auf einen Scheiterhaufen stellen.

»Vielleicht kommen aber auch noch andere infrage«, sagte Jenny unvermittelt. Tims Herzschlag beschleunigte sich sofort. Sagte sie jetzt endlich, was sie wusste? Alle sahen sich nach ihr um.

»Jeder könnte Ralf heute Nacht verletzt haben. Im Streit.« Ihr Blick wanderte erst zu Lucas, dann zu Fabian.

»Natürlich kommt jeder infrage«, sagte Lena, die noch immer neben Tim stand. »Ich bin sicher, dass Tim nichts damit zu tun hat, aber meinst du jemand Bestimmtes?«

Jenny betrachtete den Boden. Sie schien zu überlegen, was sie preisgeben konnte. Schließlich hob sie den Kopf und sagte: »Ich bin letzte Nacht wach geworden und habe mitbekommen, dass Lucas und Ralf sich gestritten haben.«

»Was?«, stieß Tim aus. »Und das sagst du erst jetzt?«

»Ich halte nichts von unbedachten Schuldzuweisungen, aber da sich hier offenbar alle auf dich eingeschossen haben, denke ich, es war Zeit, es zu erwähnen.«

»Nicht alle haben sich auf Tim eingeschossen«, betonte Lena neben Tim und tastete wieder nach ihm. Dieses Mal griff er zu und hielt ihre Hand fest.

Alle Augen richteten sich auf Lucas, der sich offensichtlich äußerst unbehaglich fühlte und an seiner Decke herumnestelte.

»Das stimmt doch gar nicht«, sagte er kindlich trotzig. »Ich habe mich mit Ralf unterhalten und nicht gestritten. Im Gegenteil, wir haben uns ausgesprochen und wieder vertragen. Das mit dem Streiten musst du geträumt haben.«

Jenny sah zu Fabian, wartete einige Sekunden und sagte dann: »Fabian?«

Fabian wiegte den Kopf hin und her, sagte aber nichts. Er sah furchtbar aus. Seine Augen waren glasig, seine Stirn glänzte.

Tim fragte sich, wie man bei dieser Kälte schwitzen konnte, wurde aber von Jenny abgelenkt, die in deutlich schärferem Ton sagte: »Ich habe auch gesehen, dass du wach warst und die Szene ebenfalls beobachtet hast.«

»Ja, habe ich«, gab der Vierzehnjährige endlich zu.

Tim war fassungslos. »Ich glaub’s nicht. Du auch? Und du hast auch nichts gesagt? Was ist denn mit euch los? Wolltet ihr, dass man mich verdächtigt, oder was?«

Fabian hob die Schulter. »Jenny hat es schon gesagt.« Er hustete und räusperte sich. »Hätten wir davon erzählt, wären alle sofort auf Lucas losgegangen, obwohl wir nur gesehen haben, dass die beiden sich stritten.«

»Ach, und da war es euch lieber, dass alle auf mich losgehen? Ich kann das einfach nicht glauben. Man verdächtigt mich, Ralf etwas angetan zu haben, und ihr schaut seelenruhig dabei zu, obwohl ihr wisst, dass sich jemand anders mit ihm gestritten hat?«

»Tim, habe ich es gerade erzählt oder nicht?«, fragte Jenny ruhig.

»Und? Was sagst du dazu?«, wandte Janik sich an Lucas.

Der wand sich wie ein Wurm. »Na ja, gut, erst haben wir noch etwas gestritten. Ralf war sauer, ich war sauer … der Alkohol. Aber dann haben wir uns vertragen.«

»Ralf hat dich am Kragen gepackt und dir die Faust unter die Nase gehalten«, berichtete Jenny verächtlich. »Das sah für mich nicht nach vertragen aus.«

»Vielleicht war ich es ja.« Alle Köpfe fuhren zu Denis herum, der auf dem Boden saß und mit gleichgültiger Miene zu ihnen hochsah. »Ich war heut Nacht auch kurz draußen. Ralf war wach. Er hat blöd rumgelallt. Ich hab ihm gesagt, er soll sein dämliches Maul halten. Und ganz nebenbei: Als ich wieder zurückkam, warst du auch wach.« Er nickte Sebastian zu.

»Na, sieh einer an«, bemerkte Fabian in der ihm eigenen Art. »Und plötzlich ist fast jeder verdächtig.«

»Ja, aber nur einer hatte Blut im Gesicht«, beharrte Sebastian, wobei seine Stimme allerdings nicht mehr ganz so sicher klang wie noch Minuten zuvor. »Ich bin nur kurz aufgewacht. Ich hab mich gleich wieder umgedreht und weitergeschlafen.«

»Sagst du«, konnte Tim sich nicht verkneifen.

»So kommen wir nicht weiter«, schaltete Lena sich wieder ein. »Wenn wir uns gegenseitig die Schuld in die Schuhe schieben, bringt das überhaupt nichts. Und am allerwenigsten für Ralf. Bei alledem haben wir nämlich ganz vergessen, dass wir keine Ahnung haben, was überhaupt mit ihm los ist. Vielleicht hat er sich tatsächlich verlaufen und irrt irgendwo umher, während wir hier überlegen, wer ihm etwas angetan haben könnte.«

»Und das Blut?«, fragte Janik, doch Lena überging den Einwand.

»Ich schlage vor, wir setzen uns jetzt hin, und nacheinander erzählt jeder, was er in der letzten Nacht gemacht hat. Ob und wann er wach war und was er dabei gesehen hat. Okay?«

Lenas Vorschlag fand allgemeine Zustimmung. Auch Sebastian und Janik nickten, wenn auch sichtbar widerwillig.

Tim wollte sich gerade neben Lena setzen, als Janik sich nochmals zu ihm umdrehte. »Sag mal, wo ist eigentlich dein Messer?«

»Was?«

»Dein Messer. Du bist der Einzige, der ein Messer dabeihat, vergessen? Wo ist es?«

»In … meinem Rucksack. Im vorderen Fach.«

Das brachte auch Sebastian wieder auf den Plan. »Zeig mal her.«

Ein Gefühl bleierner Schwere breitete sich in Tims Magengegend aus, als er zu seinem Rucksack ging und den Reißverschluss des vorderen Fachs öffnete. Er zog es auf und sah hinein.

Dann wurde ihm schlagartig übel.