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Um Viertel nach sieben waren sie vom Abendessen zurück und wenig später kamen die Mädchen herüber. Sie waren nur zu dritt. Sarah, mit fünfzehn die Jüngste, hatte eine Freundin in der anderen Mädchenunterkunft gefunden und verbrachte ihre Zeit nur noch mit ihr. Denis war nach dem Essen verschwunden, und niemand wusste, wo er gerade steckte.
Janik und Ralf hatten die Cola-und Orangensaftflaschen auf der Tischmitte aufgebaut und daneben einen Turm aus Plastikbechern gestellt. Währenddessen verteilte Lucas, den Ralf mitgebracht hatte, Tüten mit Knabbereien auf dem Tisch.
Tims Herz machte einen Satz, als Lena sich gegen das Gestell des Bettes lehnte, auf dem er saß, sodass sie nur einen Meter von ihm entfernt war.
Als Ralf an Janiks Schrank trat und mit einer Flasche weißen Rum zurückkam, sahen die Mädchen sich mit großen Augen an.
Janik ließ geräuschvoll eine Hand auf die Tischplatte fallen und sagte: »Endlich gibt’s was Anständiges zu trinken.«
Das sah Tim anders. Er fand es ziemlich unverschämt von Ralf, dieses Zeug in ihrer Unterkunft zu deponieren. »Leute, was soll denn der Mist? Wenn die Betreuer was davon mitbekommen, schmeißen die uns raus. Alkohol ist im Camp strikt verboten.«
»Wie bist du denn drauf?« Sebastian griff sich demonstrativ die Rumflasche und goss seinen Becher zu einem Viertel damit voll. »Nun mach dir mal nicht ins Hemd. Wie sollen die das denn merken?«
Er stellte die Flasche zurück und füllte den Becher mit Cola auf. »Außerdem hat die Flasche ja nicht in deinem Schrank gestanden, was regst du dich also auf? Trink lieber was.«
»Nein danke.«
»Du trinkst keinen Alkohol?«
»Nicht in einem Jugendcamp, in dem er strikt verboten ist.«
Tim dachte daran, dass es noch einen weiteren Grund gab, warum er keinen hochprozentigen Alkohol trinken wollte: Er wusste, wozu das führen konnte, und davor hatte er Angst. Hier war das so ziemlich das Letzte, was er brauchen konnte …
»Wie auch immer, das kann ja jeder für sich entscheiden«, mischte Ralf sich ein. »Also Mädels, was möchtet ihr trinken?«
Alle drei entschieden sich für Orangensaft, Tim und Fabian begnügten sich mit Cola. Nachdem alle mit Getränken versorgt waren, kam Ralf schnell zum Thema. »Was haltet ihr denn so vom Programm der nächsten Tage?«, wandte er sich an Jenny.
Die Mädchen warfen sich fragende Blicke zu. Jenny zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung, mal sehen. Warum?«
»Habt ihr Lust darauf, zusammen mit den Kleinen an den Kletterwändchen da draußen herumzukaspern? Wahrscheinlich bekommt jeder von uns einen Zehnjährigen verpasst, auf den er aufpassen muss.«
»Jo sagte auch was von Erlebniswanderungen«, wandte Tim ein. »Das kann doch interessant werden.«
»Zusammen mit Kindern?«
»Davon war keine Rede«, sagte Jenny. »Zusammen mit den Kleinen sollten nur die Übungen an den Kletterwänden sein, wenn ich das richtig verstanden habe.«
Ralf winkte ab. »Ist ja auch egal. Jedenfalls habe ich keine Lust auf dieses Kinderprogramm. Wir haben vor, eine kleine Bergtour auf eigene Kappe zu machen. Kommt ihr mit?«
»Eine … Bergtour?« Lena sah zu Tim, der abwehrend eine Hand hob.
»Ich halte nichts davon«, gab er zu.
»Ja, eine Bergwanderung«, fuhr Ralf unbeirrt fort. »Wir wollen ein Stück die Zugspitze hoch. Ich kenne eine Hütte, die etwa auf halber Höhe liegt und von der kaum jemand weiß. Da oben ist es traumhaft. Und der Aufstieg ist kein Problem, auch für Anfänger machbar.«
»Klingt spannend.« Jenny sah zu Julia und Lena. »Was meint ihr?«
Julia nippte an ihrem Orangensaft. »Erlauben die vom Camp so was denn?«
»Bis die was davon merken, sind wir längst über alle Berge«, erklärte Ralf und lachte über seinen eigenen Wortwitz.
»Hm … ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist«, zweifelte Lena mit einem erneuten Blick auf Tim. »Wenn wir einfach so abhauen, könnte das großen Ärger geben.«
»Wenn die uns nach Hause schicken, bekomme ich Riesenzoff mit meinen Eltern«, fügte Julia mit dünner Stimme hinzu.
Ralf verdrehte die Augen und stieß geräuschvoll die Luft aus. »Mein Gott, was ist los mit euch? Wie alt seid ihr? Zehn? Oder siebzig?« Mit einem großen Schluck leerte er seinen Becher und füllte ihn gleich wieder mit Rum und einem Schuss Cola auf. »Wir sind so gut wie erwachsen, aber Gott sei Dank noch jung genug, um noch nicht so stinklangweilig zu sein wie unsere Alten. Bald ist das wahrscheinlich vorbei. Was heißt das denn schon: Wir bekommen Ärger? Werden die uns in den Knast stecken? Oder uns auspeitschen? Nein, werden sie nicht.«
Nach einem weiteren Schluck wischte er sich mit dem Handrücken den Mund ab. »Mensch, die wissen doch auch, dass wir keine Babys mehr sind. Das ist kein Problem, glaubt mir. Ich kann euch sagen, was die machen: Die werden ein bisschen rummeckern. Na und? Tut uns das weh? Nein. Dafür haben wir ein cooles Abenteuer erlebt und waren da oben im Berg, anstatt hier Topfschlagen zu spielen.«
»Ich komme mit«, sagte Jenny mit fester Stimme. »Das klingt einleuchtend.«
»Ich weiß nicht …« Julias stark geschminkte Augen wanderten von einem zum anderen, als suchte sie nach jemandem, der ihr sagte, was sie tun sollte.
Sebastian schien das gerne zu übernehmen. »Klar kommt ihr alle mit, sonst macht es doch keinen Spaß.«
»Was sagst du dazu?«, wandte Tim sich an Lena.
Sie wiegte den Kopf hin und her. »Ich weiß noch nicht. Einerseits bin ich sicher, dass wir uns damit ziemlichen Ärger einbrocken würden, aber auf der anderen Seite …« Ihr Blick wanderte kurz zu Ralf. »Ralf hat schon recht. Noch sind wir jung, aber es dauert nicht mehr lange, dann können wir solche Dinge gar nicht mehr bringen.«
»Heißt das, du bist dabei?« Tim hoffte, dass Lena die Enttäuschung in seiner Stimme nicht hörte.
»Ich weiß es noch nicht. Wann habt ihr das denn vor?«
Ralf stand auf, griff sich die Orangensaftflasche vom Tisch und ging damit zu den Mädchen, um ihre Becher nachzufüllen.
»Am liebsten schon morgen, aber von mir aus können wir auch erst einen Tag im Kindergarten zubringen.«
»Das klingt doch nicht schlecht«, sagte Lena zu Tim. »Wie wäre es, wenn wir einfach mal abwarten, wie der Tag morgen wird, und dann entscheiden? Vielleicht wird es ja viel spannender, als wir denken, und wir haben gar keine Lust mehr auf einen Alleingang?«
»Also gut«, gab Tim nach und hatte dabei die Hoffnung, dass der nächste Tag besser würde, als sie alle erwarteten, und das Thema sich damit von selbst erledigte. »Warten wir ab, wie es morgen wird.«
Den Rest des Abends redeten sie nicht mehr darüber. Als später alle beschlossen, ins Bett zu gehen, gab Ralf sich doch damit zufrieden, in der Hütte nebenan zu übernachten.
Gemeinsam machten sie sich auf den Weg zum Zähneputzen, eine halbe Stunde später lagen alle in ihren Betten. Nur Denis fehlte noch immer, wie Tim mit einem Blick auf sein Bett feststellte, bevor er sich zum Schlafen umdrehte.
Er hoffte, die Nacht würde ohne Komplikationen verlaufen, und dabei dachte er nicht an Denis …
Am Morgen sah Tim sich gleich nach dem Aufwachen in seinem Bett um, schlug die Decke zurück und betrachtete seine Füße. Erleichtert registrierte er, dass alles in Ordnung zu sein schien.
Auch Denis lag in seinem Bett und niemand hatte Lust ihn zu fragen, wo er gewesen war.
Der Tag begann nach dem Frühstück zunächst noch recht interessant mit einer kleinen Wanderung rund um Grainau, bei der sie in fünf Gruppen aufgeteilt wurden, die jeweils mit einem Betreuer loszogen.
Tim schaffte es, in Lenas Gruppe zu landen, zu der auch Jenny und Denis gehörten.
Ralf war unter anderem gemeinsam mit Janik, Julia, Fabian, Sebastian und Lucas unterwegs.
Sie legten etwa sechs Kilometer zurück und bekamen dabei einen Eindruck von der Gegend rund um Grainau. Der Weg führte sie an einer Reihe Gärten vorbei, knickte kurz dahinter ab und verlief ein Stück weit bergauf in den Wald. Über schmale Trampelpfade ging es steil in die Höhe, bis sie den Wald verließen und durch eine breite Wiese wieder bergab streiften.
Tim und Lena waren während der ganzen Zeit nie allein, meist lief Jenny neben ihnen, hier und da auch Jugendliche aus den anderen Unterkünften. Sie erzählten sich gegenseitig von Schule, Freundinnen und Freunden und was sie in ihrer Freizeit unternahmen. Denis schlenderte meist allein ein gutes Stück hinter der Gruppe her. Eine Weile blieben sie an einem kleinen alten Friedhof mit verwitterten Holzkreuzen stehen, deren Inschriften kaum noch lesbar waren, bevor sie sich schließlich in einem großen Bogen auf den Rückweg machten.
Nachdem sie von dem kleinen Friedhof aufgebrochen waren, ließ Tim sich zurückfallen, um auf Denis zu warten. Als der ihn erreicht hatte, nickte Tim ihm schlicht zu, sagte: »Hi«, und ging neben ihm her.
Erst fünf Minuten später schaute Tim schließlich zu Denis hinüber und fragte: »Verrätst du mir, warum du dich aus allem ausschließt? Ich meine, was macht es für einen Sinn, in ein Feriencamp zu fahren und sich dann aus allem auszuklinken?«
Es verging einige Zeit, bis Denis antwortete: »Vielleicht hab ich einfach keinen Bock auf diesen Campmist?«
»Warum bist du dann hier? Gestern Abend warst du auch der Einzige aus unserer Hütte, der nicht mitgefeiert hat. Wo warst du denn den ganzen Abend?«
Nun blieb Denis stehen und sah Tim zum ersten Mal direkt an. »Das geht dich ’nen Scheiß an, Alter.«
Tim war von Denis’ Reaktion überrascht. Er hatte es nur gut gemeint und Denis verhielt sich wie der letzte Idiot. Er spürte, wie Ärger in ihm aufstieg, sagte knapp: »Dann eben nicht«, und beschleunigte seine Schritte, bis er Lena und Jenny wieder eingeholt hatte.
Als sie wieder im Camp ankamen, war es Zeit für das Mittagessen. Danach hatten sie eine halbe Stunde Pause, bevor sie sich mit ihrer Ausrüstung an den Kletterwänden trafen. Dort geschah dann tatsächlich ziemlich genau das, was Ralf vorausgesagt hatte. Sie verbrachten den ganzen Nachmittag damit, angeseilt und mit Helm auf dem Kopf, immer und immer wieder die kleinen Kletterwände hochzugehen. Dabei sicherten sie sich gegenseitig, wechselten die Partner und begannen von vorn.
Die erste Stunde fand Tim noch recht spannend, weil er viele neue Dinge kennenlernte, doch dann wurde es selbst ihm langweilig.
Ralf und die anderen ihrer Gruppe meckerten schon eine ganze Weile herum. Sie versuchten, die Betreuer dazu zu bewegen, nur mit den Kleinen und denjenigen weiterzumachen, die Spaß an den kleinen Wänden hatten, blieben damit aber erfolglos. Die Betreuer waren selbst noch sehr jung und wagten es nicht, eigenmächtig Entscheidungen zu treffen.
Als sie gegen fünf schließlich zu ihren Hütten trotteten, sagte Ralf zu Tim: »Toller Tag, oder?«
»Ist ja schon gut, du hattest recht. Trotzdem halte ich nichts davon, einfach abzuhauen.«
»Also ich denke, ich werde mitkommen«, meinte Lena schräg hinter ihm. »Auf so was wie heute Nachmittag habe ich auch keine Lust mehr.«
Am Abend beschlossen sie, sich am nächsten Morgen um fünf Uhr früh zwischen den Unterkünften der Jungs zu treffen und von dort aus aufzubrechen.
Alle außer Denis erklärten, sie wollten mitkommen. Auch Tim.
Beim Abendessen belegten sie sich Brote und versteckten sie in Hosentaschen und unter Pullovern, als sie den Speisesaal verließen. In der Unterkunft nahmen sie die Kletterausrüstungen aus den Camprucksäcken, um die Brote und die restlichen Flaschen mit Cola und Orangensaft darin zu verstauen. Außerdem füllten sie für unterwegs die neuen Alutrinkflaschen, die man jedem von ihnen geschenkt hatte, mit Wasser. Das sollte als Proviant für ihre Bergwanderung ausreichend sein. Gegen Abend wollten sie wieder im Camp ankommen.
Als Tim von Ralf wissen wollte, ob sie nicht auch die Kletterausrüstung brauchen würden, winkte der ab: »Quatsch, wir haben nur einen leichten Klettersteig vor uns, das ist kein Problem. Die Ausrüstung ist unnützer Ballast. Du wirst froh sein, wenn du den ganzen Mist nicht da hochschleppen musst, wirst schon sehen.«
Tim nickte mit einem Blick auf die am Boden liegende Ausrüstung und sagte: »Okay, wenn du meinst.«
Ganz wohl war ihm dabei nicht.