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Sie hielten sich rechts, überquerten eine schmale Brücke über einem Bach und folgten dem Weg dann ein Stück taleinwärts. Nach einem lang gezogenen Linksbogen erreichten sie schließlich einen etwa hundert Meter hohen Hang. Ralf blieb stehen, stemmte grinsend die Hände in die Seiten und wartete, bis alle bei ihm waren.
»Unser erster Kletterhügel.«
Tim betrachtete das felsige, mit Gras und Geröll durchsetzte Gelände, das steil vor ihnen aufragte. Es waren weder ein Weg noch irgendwelche Vorrichtungen zu erkennen, an denen man sich hätte festhalten können. Der Hang war mit Tausenden und Abertausenden Felsstücken gespickt. Zwischen ihnen schien der Regen schmale, silbergrau glänzende Bäche aus Schutt herabzuspülen.
»Du willst jetzt nicht wirklich da hoch, oder?«
Ralf schmunzelte und sagte so laut, dass alle es hören konnten: »Natürlich gehen wir da hoch. Ihr wolltet doch eine Abenteuertour. Hier fängt sie an. So was nennt man Schrofen. Hier werden wir zum ersten Mal ein bisschen klettern und die Hände einsetzen müssen. Es kann euch nichts passieren, solange ihr genau das tut, was ich euch sage.«
Tim sah erst den Hang und dann Ralf ungläubig an. »Ohne Hilfsmittel? Und ohne Helm? Da kommen doch sofort Steine runter, sobald der Erste von uns einen Fuß draufsetzt. Ich hab dich gestern Abend extra noch gefragt, ob wir nicht besser die Ausrüstung mitnehmen sollen, Mann.«
Tim nahm seinen Rucksack vom Rücken und setzte ihn unsanft auf den Boden. Er war sauer. Diesen Wahnsinn würde er nicht mitmachen, nur damit das verwöhnte Arztsöhnchen mit seinem »Bergwissen« prahlen konnte. Und dafür waren sie nun die ganze Zeit durch den Regen gestapft! Er war nicht nur sauer, er war wütend.
»Mensch, schau dir das doch mal an, das ist verdammt steil. Überall spitze Steine und Geröll. Und alles ist nass. Da braucht man nur auszurutschen und ruck, zuck hat man sich was gebrochen.« Tim redete sich in Rage. Er merkte, dass seine Stimme lauter geworden war, aber es war ihm egal. »Ich dachte, du bist der große Profi. Bist du aber nicht. Jemand, der sich wirklich auskennt, würde nie mit einer Gruppe da hochgehen wollen, die so was noch nie gemacht hat. Und schon gar nicht ohne Ausrüstung.«
»Bist du jetzt fertig?«, wollte Ralf wissen, als offensichtlich war, dass Tim seinen Redeschwall beendet hatte.
Seine offen zur Schau gestellte Selbstsicherheit verunsicherte Tim, was ihn wiederum noch zorniger machte. »Nein, aber den Rest behalte ich für mich.«
Ralf ließ seinen Blick ruhig von einem zum anderen wandern, als frage er jeden stumm, ob er etwas dazu beitragen wolle. Schließlich blieben seine Augen an Tim hängen.
»Du hast es gerade selbst gesagt: Ihr seid Anfänger. Und deshalb kommt euch dieser kleine Hang viel steiler vor, als er ist. Das ist völlig normal. Aber ihr könnt mir glauben, ihr werdet das alle ohne Probleme schaffen. Ja, klar gehen die meisten mit Helm und Ausrüstung hoch, aber im Ernst: Die Mädchen und Fabian wären mit dem Gepäck gar nicht erst bis hierher gekommen.«
»Keine Ahnung«, meinte Fabian, der schräg hinter Tim stand. »Aber ich glaube, da traue ich mich nicht hoch.«
»Ich auch nicht«, sagte Julia, ging an Tim vorbei und stellte sich demonstrativ zu Fabian. Auch den anderen sah Tim an, dass der Gedanke, diesen Hang hochzuklettern, sie nicht begeisterte, was ihm einige Genugtuung verschaffte.
»Bitte, wenn ihr Schiss vor dem kleinen Hügel habt, dann geht eben zurück«, blaffte Ralf trotzig. »Wir wollten heute eine Bergtour machen, weil die im Camp nur Kinderspiele veranstalten. Seit über zwei Stunden sind wir nun unterwegs und wir sind dabei fast nur geradeaus gelaufen. Jetzt stehen wir vor dem ersten kleinen Stück, an dem wir mal ein bisschen klettern müssen, und ihr kneift. Toll. Aber okay, dann haut eben ab und hört euch im Camp eine Predigt an. Für nichts, denn ihr habt nichts erlebt. Wenn ich heute Abend zurückkomme, werde ich nicht mehr Ärger bekommen als ihr, dafür werde ich was zu erzählen haben. Ich bin sicher, dass das Wetter sich bald ändert. Dann werde ich dort oben vor einer wunderschönen Hütte sitzen, was Leckeres essen und trinken und es mir gut gehen lassen. Und ich werde wissen, dass ich nicht bei der kleinsten Schwierigkeit den Schwanz eingezogen habe.«
»Ich komme mit«, beteuerte Lucas, aber das hätte er sich aus Tims Sicht auch sparen können. Lucas würde wahrscheinlich auch hinterherspringen, wenn Ralf irgendwo abstürzte.
Eine Weile herrschte Stille. Sie sahen sich betreten an, betrachteten ihre Finger oder schubsten mit den Schuhspitzen kleine Kiesel an, die auf dem Weg herumlagen.
»Du lügst dir doch selbst in die Tasche.« Das kam von Denis, der sich ein paar Meter neben ihnen auf eine kleine Felserhöhung gesetzt hatte und in seinen nassen Klamotten bemitleidenswert dürr wirkte. Alle Blicke richteten sich auf ihn, doch er sah nicht einmal auf, sondern beschäftigte sich damit, einen Stein, den er in der Hand hielt, vom Schmutz zu befreien.
Tim stellte fest, dass Denis damit wieder einmal ziemlich genau das ausgedrückt hatte, was auch ihm durch den Kopf ging. Er schielte zu Sebastian, doch selbst der schien keine Lust zu haben, diesen sogenannten Hügel hochzukraxeln, und sparte sich deshalb einen Kommentar.
Ihre eigenmächtige Bergtour schien an dieser Stelle also tatsächlich zu enden, und Tim war froh darum.
Es war ausgerechnet der Jüngste unter ihnen, Fabian, der alles wieder umwarf, indem er sich direkt an Tim wandte. »Na ja, ich würde es vielleicht sogar versuchen, wo wir schon mal hier sind. Kommst du denn mit, wenn ich es probiere? Wenn es zu gefährlich wird, können wir ja immer noch abbrechen.«
Tim wollte nicht glauben, dass ausgerechnet Fabian sich auf dieses Risiko einlassen wollte. »Abbrechen? Das nützt dir wenig, wenn du einen Brocken auf den Kopf bekommen und dir den Hals gebrochen hast. Nein, tut mir leid. Ich gehe da nicht ohne Ausrüstung hoch. Das ist doch blanker Wahnsinn.«
»Wenn sogar Fabian es versucht, bin ich mit von der Partie«, sagte Janik, woraufhin sich nun offenbar auch Sebastian genötigt fühlte, mitzuziehen.
Fabian taxierte Tim, als erwartete er, dass er ihm zuliebe nachgab. Das ärgerte Tim so sehr, dass er die Flucht nach vorn antrat. »Fein, ich wünsche euch viel Spaß. Wer kommt mit mir zurück?«
»Ich«, meldete sich Julia sofort und hob zur Unterstreichung die Hand.
»Ich auch.« Die Stimme drang von einer Stelle hinter ihm und gehörte Jenny. Zu ihr drehte Tim sich nicht um, denn neben Jenny stand Lena, und die wollte er gerade auf keinen Fall ansehen. Am Ende würde das noch so wirken, als bettle er sie an, ihm zu folgen. Das ging gar nicht.
Er hoffte trotzdem, sie würde sich dafür entscheiden, mit ihm umzukehren. Dabei ging es ihm nicht einmal darum, dass sie sich damit dieses Mal nicht auf Ralfs, sondern auf seine Seite gestellt hätte. Nein, er wollte einfach nicht, dass sie sich da hochmühte und vielleicht verletzte.
Aber sie sagte nichts. Und er musste bald irgendwas tun.
Plötzlich lag eine Hand auf seiner Schulter. »Kommst du bitte kurz mal mit?«
Es war Lena, die neben ihm auftauchte und mit dem Kinn zur Seite deutete. Tim sah kurz zu den anderen, die ihn nun selbstverständlich alle anstarrten.
»Ja, klar«, sagte er so locker, wie es ihm möglich war, und folgte ihr. Innerlich fühlte er sich so angespannt wie schon lange nicht mehr. Was sollte das? Würde sie versuchen, ihn dazu zu überreden, dem großen Bergführer Ralf zu vertrauen, den sie so bewunderte? Ihrem Helden? Das würde ihr nicht gelingen. Tim mochte Lena sehr, schon von der ersten Minute an, aber er würde sich von ihr nicht zu diesem Irrsinn überreden lassen. Schon gar nicht, wenn sie Ralf damit einen Gefallen tun wollte.
Sie gingen den geschwungenen Weg zurück, bis die anderen sie nicht mehr sehen und hören konnten. Als Lena anhielt und sich zu Tim umdrehte, stockte ihm der Atem, so umwerfend gut sah sie aus. Ihre langen glatten Haare waren ebenso nass wie die aller anderen, aber anders als bei den meisten klebten sie nicht strähnig und wild durcheinander am Kopf, sondern schmiegten sich wie ein edles schwarzes Seidentuch um ihr feines Gesicht. Der Regen hatte einen nass glänzenden Film über ihre Haut gelegt, was sie geradezu majestätisch aussehen ließ. Lena lächelte ihn an, und es war, als wäre mit einem Mal eine kleine Heizung in seinem Inneren angestellt worden. Er konnte die wohlige Wärme tatsächlich körperlich spüren. Als ihre Lippen sich bewegten, konnte er nicht anders, er musste auf ihren Mund starren, der sich …
»Tim?«
»Ja?« Prickeln auf den Wangen. Verdammt. »Ähm … Tut mir leid, was hast du gesagt?«
»Ich sagte, du würdest mir einen großen Gefallen tun, wenn du mitkommst.«
Es war, als schüttete sie einen Eimer kalten Wassers über ihn, obwohl er sowieso schon keine trockene Stelle mehr am Körper hatte. Alle schönen Gedanken waren mit einem Mal verschwunden. Zurück blieb nur die Ernüchterung. Sie wollte ihn dazu bringen, Ralf zu folgen. Also doch.
Tim spürte, wie sein Körper sich ohne sein bewusstes Zutun straffte. »Nein. Ich halte das für glatten Selbstmord. Und ich muss zugeben, ich wundere mich gerade sehr. Dass Ralf versucht, die Leute zu dieser Idiotie zu überreden, passt zu ihm. Er hält sich für den absoluten Profi, hat aber überhaupt kein Verantwortungsgefühl. Aber dass du ihm dabei hilfst … Na ja, du musst selber wissen, was du tust.«
Zu Tims Überraschung nahm Lena seine Hand und hielt sie fest. »Es geht nicht um Ralf, sondern um mich. Meine Eltern fahren immer nur ans Meer, aber ich liebe die Berge, seit wir einmal für ein Wochenende in Österreich waren. Dieses Jahr darf ich zum ersten Mal alleine was unternehmen und ich freue mich seit einem halben Jahr auf dieses Camp. Ich würde wirklich gerne da hoch, aber ich traue Ralf nicht. Ich … möchte dich dabeihaben.«
Eine Weile sahen sie sich stumm in die Augen. Fünf Sekunden … zehn? Als Tim endlich wieder Worte fand, sagte er: »Ich dachte, du … Also ich war der Meinung, du würdest dich für … Ralf interessieren.« Wieso klang seine Stimme plötzlich so rau?
Lena stieß ein bezauberndes Lachen aus. »Du Riesendussel.«
»Was?«
Ihr Lächeln wurde überirdisch. »Ich habe gesagt, du bist ein Riesendussel. Hast du denn nichts gemerkt?«
Tim hörte deutlich, wie das Blut in seinen Ohren rauschte. Tausend Ameisen schienen gleichzeitig über sein Gesicht zu rennen. An seinem Hals pochte etwas im Rhythmus seines rasenden Herzschlags, er spürte es so deutlich, dass er befürchtete, Lena müsse es sehen. Seine Hand schloss sich fester um ihre. Wie zart sie sich anfühlte. Plötzlich war Lena ganz dicht vor ihm, ihr wunderschönes Gesicht wurde größer …
Tim hätte nicht sagen können, wie lange sie sich geküsst hatten, aber es kam ihm vor wie eine Reise in eine andere Welt. Als Lena zurückwich, war das Lächeln aus ihrem Gesicht verschwunden. Es hatte Platz gemacht für einen Ausdruck, den Tim nicht beschreiben konnte. Er wusste nur, dass sie wunderschön war.
»Hast du jetzt was gemerkt?«, flüsterte sie.
Tim schluckte trocken und musste fast husten. »J…ja.« Er kam sich so hilflos vor wie selten zuvor in seinem Leben und fühlte sich gleichzeitig so leicht und beschwingt wie noch nie.
»Und?« Nun lächelte sie wieder.
»Ich komme mit«, sagte er, dann nahm er allen Mut zusammen, beugte sich vor und küsste sie noch einmal.