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Fabian hatte seinen Wecker gestellt und weckte die anderen um Viertel vor fünf. Sie machten kein Licht, während sie sich anzogen, und sprachen nur flüsternd miteinander. Das Rascheln ihrer Kleidungsstücke war von allen Seiten in der Dunkelheit zu hören.

Als Tim und Janik sich ihre Rucksäcke aus dem Nebenraum geholt hatten und schon nach draußen streben wollten, blieben sie überrascht in der geöffneten Tür stehen.

Auf dem Rand der Holzveranda saß im schwachen Licht der Außenlampe Denis. Er trug die Jeans und die Turnschuhe vom Vortag und hatte sich eine dünne schwarze Jacke aus leicht glänzendem Stoff übergezogen. Soweit Tim es erkennen konnte, starrte er auf den Schotterweg vor sich.

»Was machst du denn hier?«, fragte Tim überrascht und erschrak im gleichen Moment, weil seine Stimme in der nächtlichen Stille unnatürlich laut geklungen hatte.

»Wonach sieht es denn aus?« Denis machte sich nicht die Mühe, sich nach ihm umzudrehen.

Janik machte drei, vier Schritte, bis er neben Denis stand. Leise sagte er: »Lass mich raten: Du sitzt hier. Hab ich recht?«

»Genau.«

Tim fröstelte trotz der Outdoorjacke und fragte sich, ob er nicht doch besser das Fell eingeknüpft hätte. Es war deutlich kälter geworden. Er hoffte, dass das nur an der Uhrzeit lag und es später wieder so warm würde wie am Vortag.

»Kommst du doch mit uns?«, fragte er Denis mit nun ebenfalls gesenkter Stimme, während er die Tür der Hütte hinter sich zuzog.

»Ja. Und?«

»Du hast keine Verpflegung dabei, und die Turnschuhe kannst du zum Wandern ja wohl voll vergessen.«

Denis erhob sich und machte einen Schritt auf die Veranda, bis er nur noch einen Meter von Tim entfernt stand. Ohne eine erkennbare Regung sah er ihm in die Augen. »Ist das dein Problem?«

Bevor Tim antworten konnte, hörte er vor sich Ralfs bemüht gedämpfte Stimme. »Hey, was ist denn hier los? Seid ihr verrückt geworden? Ihr steht da wie auf dem Präsentierteller. Wenn euch jemand von den Betreuern sieht, können wir unseren Trip vergessen.«

Er hatte wohl schon zwischen den Hütten gewartet und kam nun auf sie zu. Unmittelbar hinter ihm trottete Lucas. Dessen Rucksack war so prall bepackt, dass Tim sich fragte, ob er doch die Kletterausrüstung für Ralf und sich mitgenommen hatte.

Im Gegensatz zu allen anderen, einschließlich Lucas, sah Ralf tatsächlich nach einer langen Bergwanderung aus. Er trug klobig wirkende Wanderschuhe zu einer kakifarbenen Trekkinghose, eine schwarze Fleecejacke und offen darüber eine dünne Regenjacke.

Ralf baute sich vor Denis auf und betrachtete ihn von oben bis unten. »Wie, kommst du etwa doch mit? Mit den Klamotten? Ohne Verpflegung?«

»Was dagegen? Ralf

Einen Moment schien Ralf nachzudenken, dann zuckte er mit den Schultern. »Du musst selbst sehen, wie du mit diesen Stoffschühchen am Berg klarkommst und ob dir jemand was zu trinken und zu essen abgibt. Ich hab keine Lust, wegen dir umzukehren, und das werden wir auch nicht.«

Denis wandte sich ab, ohne ihm eine Antwort zu geben.

Kurz darauf kamen Fabian und Janik aus der Hütte. Fast zur gleichen Zeit stießen auch Jenny, Lena und Julia zu ihnen. Sie waren komplett.

Lena hatte eine dunkle Strickmütze auf dem Kopf, die ihr Gesicht als schemenhafte Insel erscheinen ließ. Ohne Umschweife ging sie zuerst zu Ralf, der hinter Lucas stand und sich an dessen Rucksack zu schaffen machte. Tim versuchte, den leichten Stich zu ignorieren, den er verspürte. Er sagte sich, dass es vollkommen normal war, dass Lena zuerst mit Ralf redete, schließlich war er der Einzige, der den Weg kannte, den sie an diesem Tag zurücklegen wollten.

Die beiden wechselten ein paar Worte und lachten leise, bevor Lena endlich zu Tim und Fabian trat und sie lächelnd begrüßte.

»Ich finde, wir sollten einen Brief für die Betreuer hinterlassen«, schlug Fabian vor, als sie fünf Minuten später aufbrechen wollten. »Damit die wissen, wo wir sind.«

»Und gleich hinter uns hermarschieren, um uns zurückzuholen?«, wiegelte Ralf ab. »Vergiss es, Kleiner.«

»Nenn mich nicht Kleiner. Und sagtest du nicht, das sei alles gar kein Problem? Warum sollten sie sich dann die Mühe machen, extra hinter uns herzukommen?«

Ralf zögerte einen Moment, den Fabian ausnutzte. »Also, ich gehe jetzt rein und schreibe denen einen Zettel.«

Er wandte sich um und wollte gerade los, als Ralf resigniert einlenkte: »Warte. Was willst du denen denn schreiben? Du weißt doch gar nicht, wohin unsere Tour führt. Schon gut, ich schreib was, wenn du so große Angst hast.«

Fabian drehte sich wieder Ralf zu. »Ich habe keine Angst. Ich habe Verstand.«

Tim senkte den Kopf, damit Ralf sein breites Grinsen nicht sehen konnte. Fabian gefiel ihm immer besser.

»Ich schreibe den Brief schnell in eurer Hütte, bei uns drüben schlafen ja noch welche. Dort lasse ich ihn auch liegen. Da werden sie ihn frühestens nach dem Frühstück finden, wenn sie merken, dass wir nicht da sind. Bis dahin sind wir schon so weit, dass sie uns nicht mehr einholen.« Und nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: »Falls sie überhaupt auf die Idee kommen, uns zu folgen.«

Als niemand widersprach, nickte Ralf Lucas zu und verschwand mit ihm zusammen für etwa drei, vier Minuten in der Hütte.

Als sie wieder auftauchten, verkündete Ralf: »Okay, ist erledigt, auf geht’s. Ab jetzt kein Wort mehr und macht keinen Krach, bis wir aus dem Camp raus sind.«

»Genau«, stimmte Sebastian ihm zu. »Wenn wir schon Ärger bekommen, dann will ich vorher wenigstens meinen Spaß gehabt haben.«

Wie bei der Wanderung bildete Denis das Schlusslicht. Keiner der anderen kümmerte sich darum.

An der letzten Biegung des Schotterwegs blieb Ralf abrupt stehen und hob die Hand. Vor ihnen lag der Zufahrtsbereich, der von einem starken Scheinwerfer in grelles Licht getaucht wurde. Vor der geschlossenen Schranke stand ein Lieferwagen mit laufendem Motor. Der Fahrer war ausgestiegen und hantierte an einem Kästchen herum, bis die Schranke sich lautlos anhob.

»Mist, versteckt euch!«, zischte Ralf mit gedämpfter Stimme und fuchtelte dabei mit beiden Händen in der Luft herum. Rechts von ihnen, nur wenige Meter vom Weg entfernt, stand ein Werkzeugschuppen. Mit ein paar schnellen Sätzen waren alle dahinter verschwunden. Tim lugte ums Eck und konnte sehen, wie sich das Fahrzeug soeben in Bewegung setzte.

Als der Transporter auf gleicher Höhe mit dem Schuppen war, konnten sie den großen Aufkleber mit dem Schriftzug einer Bäckerei aus Garmisch-Partenkirchen auf der Fahrertür sehen.

»So ein frisches Brötchen wär jetzt was«, murmelte Janik, während er den Rücklichtern des Fahrzeugs nachsah.

Sebastian staunte. »Du denkst wohl immer nur ans Futtern?«

Sie warteten kurz ab, bevor sie mit schnellen Schritten den Schutz der kleinen Hütte verließen. Die Schranke war mittlerweile wieder geschlossen, aber es gab einen schmalen Fußweg an der Rezeption vorbei, der jederzeit passierbar war.

Sie hielten sich rechts und überquerten den Vorplatz. Als sie außer Sicht-und Hörweite des Camps waren, blieb Ralf im Schein einer Laterne stehen und wartete, bis auch Denis zu ihm aufgeschlossen hatte. »Alles klar? Seid ihr bereit für das große Abenteuer?« Allgemeines Gemurmel folgte.

»Du könntest uns langsam erzählen, wo wir überhaupt hingehen«, sagte Tim. »Bisher haben wir ja immer nur von einer Bergwanderung zu einer Hütte irgendwo an der Zugspitze gesprochen.«

»Falls wir irgendwann noch aufbrechen.« Alle drehten sich zu Denis um, der den Blicken mit ausdruckslosem Gesicht standhielt.

»Mann, du gehst mir langsam echt auf den Zeiger mit deinen Kommentaren«, sagte Sebastian. »Kannst ja zurückgehen, wenn es dir nicht passt. Mit deinen bescheuerten Turnschuhen kommst du eh nicht weit.«

»Leck mich.«

Mit einem Ruck drehte Sebastian sich um und machte einen Schritt auf Denis zu. »Was sagst du?«

»Hast du ’nen Hörfehler, Mann?«

»Hey, hört auf«, sagte Jenny, die direkt neben Denis stand. »Ich dachte, diese Tour soll Spaß machen. Wenn ihr jetzt schon anfangt, euch zu streiten, könnt ihr gleich alleine weitergehen.«

»Und ich kehre dann auch um«, bekräftigte Julia.

Sebastians Aufmerksamkeit wanderte von den beiden Mädchen zu Lena, die er eine Weile betrachtete, bevor er sich erneut Denis zuwandte. »Also gut. Aber hör endlich auf mit dem Gemecker.«

»Können wir jetzt weitermachen?«, schaltete Ralf sich ein und zog damit die Aufmerksamkeit wieder auf sich. »Wir werden zuerst zur Höllentalklamm gehen. Bis zum Eingang sollten wir es in etwa einer Stunde schaffen. Durch die Klamm hindurch werden wir eine halbe Stunde brauchen, wenn wir nicht trödeln. Da machen wir dann die erste Pause.«

»Was ist diese … Klamm?«, wollte Lucas wissen. Tim fuhr der Gedanke durch den Kopf, dass es wohl der erste Satz war, den er von dem Rothaarigen seit ihrem Kennenlernen am ersten Tag gehört hatte.

»Das ist eine Schlucht, die euch gefallen wird. Sieht irre aus dort. Wir werden durch Tunnel laufen, über Stege und Felstreppen. Ich sage euch, das wird ein Riesenspaß.«

»Und dann?«, fragte Tim, der angesichts der Tatsache, was sie bei ihrer Rückkehr im Lager erwarten würde, ernste Zweifel an dem »Riesenspaß« hatte. »Gehen wir von dort aus wieder zurück?«

Ralfs Mund verzog sich schelmisch. »Von dort aus geht es erst richtig los. Wir wandern zu einer Hütte und von dort wahrscheinlich weiter über den Höllentalanger – das ist ein echt genialer Klettersteig.«

Tim überlegte, was ein Klettersteig sein könnte. Er hatte zwar eine vage Vorstellung, wusste es aber nicht sicher. Da sonst niemand fragte, hielt er sich mit seiner Frage jedoch zurück. Er würde es ja sehen.

»Tja, und danach müssen wir etwa eine Stunde lang etwas steiler bergauf. Die Hütte, zu der ich möchte, liegt abseits der bekannten Wege. Das heißt, wir werden ein Stück weit über Felsgeröll und ein paar Hänge klettern müssen.«

»Und dafür brauchen wir keine Kletterausrüstung?«, fragte Lena misstrauisch.

»Quatsch. Ich bin da schon zigmal mit meinem Vater durch. Der ist übervorsichtig und hatte alles dabei, aber wir hätten den Kram echt nicht gebraucht. Was glaubt ihr, was ihr fluchen würdet, wenn ihr das ganze Gepäck da hochschleppen müsstet.«

»Du weißt schon, dass alle außer dir Anfänger sind, nicht wahr?«, erinnerte ihn Tim. »Dass diese Kletterei für dich kein Problem ist, mag ja sein. Aber bist du sicher, dass wir das auch ohne Hilfsmittel und Sicherung schaffen?«

Mit einer theatralischen Geste verdrehte Ralf die Augen. »Zum zehnten Mal: Ja, ich bin sicher. Vertrau mir. Solange ich dabei bin, wird euch nichts passieren.« Er machte eine Pause und sah von einem zum anderen. »Und jetzt schlage ich vor, wir machen uns auf den Weg.«

Damit wandte er sich ab und marschierte los, und nach und nach folgten ihm die anderen. Lena lief neben Jenny und Julia, Tim blieb hinter den dreien.

Nach ein paar Schritten sagte Denis hinter ihm: »Der Angeberfreak überschätzt sich.«

Das war genau das, was auch Tim insgeheim befürchtete.

Er spähte zur Seite, wo sich die gewaltigen Konturen der Berge wie ein monumentaler Scherenschnitt vor dem ersten, vorsichtigen Schein der beginnenden Morgendämmerung abhoben.

Er hoffte, dass sie sich beide irrten.