23
Wieder wurde etwas mit einem lauten Knall gegen die Hüttenwand geschleudert, aber sie beachteten es schon gar nicht mehr, ebenso wenig wie das allgegenwärtige Heulen, Ächzen und Pfeifen.
»Du hast gesagt, du drehst ihm den Hals um?«, versicherte sich Lena. »Hast du Ralf verletzt, Lucas? Bei einem Handgemenge vielleicht? Ralf war doch über deine Drohung sicher nicht erfreut.«
Lucas wehrte ab. »Der war doch viel zu besoffen. Er hat mich beschimpft, dann hat er sich hingelegt und ist eingepennt. Mist war nur, dass er die Decke schon wieder für sich allein beschlagnahmt hatte. Aber ich hatte keine Lust mehr, mich noch einmal mit ihm rumzustreiten. Deshalb habe ich mich hinten ganz dicht an die Wand gelegt. Da hat es wenigstens nicht so im Rücken gezogen. Dann bin ich eingeschlafen. Als ich wieder aufgewacht bin, war Ralf verschwunden.«
»Ich verstehe eure Gedankengänge nicht«, sagte Fabian mit krächzender Stimme. Denis saß noch immer neben ihm. »Die sind nicht sehr logisch. Gehen wir mal davon aus, jemand von uns hätte Ralf wirklich im Streit oder wie auch immer verletzt.«
Er machte eine Pause, in der er nach Atem rang. Das klang böse, und Tim hoffte, dass er keine Lungenentzündung bekam.
»Also, Ralf ist verletzt. Er blutet. Okay. Aber wieso ist er dann verschwunden?«
»Na, zum Beispiel, weil er weglaufen wollte«, warf Lucas ein. »Er ist da rausgerannt und hat sich verlaufen.«
Der Blick, mit dem der Vierzehnjährige ihn daraufhin ansah, sprach Bände. Er sagte jedoch nichts dazu, sondern schüttelte nur den Kopf.
Dafür brachte jemand anders seine Meinung dazu an, aber das hörte Tim schon nicht mehr. Die Gedanken, die sich in ihm in einem wilden Kreis drehten, waren gerade wieder so übermächtig geworden, dass sie die Stimmen in der Hütte übertönten.
Vielleicht hat jemand Ralf so schwer verletzt, dass der befürchten musste, umgebracht zu werden, dachte Tim. Mit einem Messer zum Beispiel. Und vielleicht hat derjenige Ralf dann mit diesem Messer bedroht und ihn gezwungen, die Hütte zu verlassen. Und neben der Hütte, am Holzstapel, ist es Ralf dann gelungen, den Täter zu überrumpeln, sodass er fliehen konnte. Was für Ralf umso leichter gewesen wäre, wenn sein Angreifer ein Schlafwandler war. Irgendwo da draußen ist Ralf dann entweder verletzt zusammengebrochen oder er hat sich verlaufen. Der Täter hat das Messer entsorgt und ist wieder in die Hütte. An der Hand hatte er noch frisches Blut, und als er sich durch das Gesicht gerieben hat, hat er das Blut dort verteilt. Und am nächsten Morgen wusste der Täter nichts mehr davon. Weil er Schlafwandler war. Er hat so was schon einmal getan. Und … er wird es vielleicht wieder tun.
Tim hatte den Eindruck, ein dicker, gummiartiger Kloß würde sich in seinem Hals festsetzen und verhindern, dass die Luft, die er einatmete, bis in die Lunge gelangen konnte.
Er war kurz davor, von seinem Verdacht zu erzählen. Dann aber lugte er zu Sebastian neben sich und ließ es bleiben. Die anderen diskutierten noch immer über Fabians Frage, während der sich hingelegt hatte. Denis hatte ein Stück Stoff in der Hand, vielleicht ein Taschentuch. Er beträufelte es gerade mit Wasser aus Sebastians Flasche und drückte es auf Fabians Stirn. Tim traute seinen Augen nicht.
»Seltsam, oder?«, flüsterte Lena neben ihm, die seinem Blick gefolgt sein musste. »Das hätte ich ihm nicht zugetraut.«
»Ja«, stimmte Tim ihr zu. »Denis ist mir ein Rätsel.«
Er sah zu Lena und wartete, bis sie seinen Blick erwiderte. Dann beugte er sich zu ihr und senkte seine Stimme so weit, dass niemand außer ihr ihn hören konnte. »Ich muss dir was erzählen. Es ist wichtig.«
Sie wich ein Stück zurück, damit sie ihn ansehen konnte. »Gut, erzähl es mir.«
Tim sah sich um. »Nicht hier.«
»Aber … wo denn?«
»Ich weiß es ja eben nicht. Aber es ist wirklich wichtig, ich … Später, okay?«
Tim hörte seinen Namen und wandte sich um. Julia sah ihn direkt an und wiederholte: »Ich weiß nicht, was er da gemacht hat.«
»Was?« Tims Herzschlag beschleunigte sich. »Was hast du gesagt? Ich habe nicht verstanden …«
»Ich sagte, ich habe dich heute Morgen gesehen.«
Sie hatte ihn gesehen? War das der Grund für Julias seltsames Verhalten?
»Erzähl mal genau, was du beobachtet hast«, forderte Janik sie auf.
Julia nahm Sebastians Hand und hob die Schulter. »Ich weiß nicht, was es war, aber es war unheimlich. Ich bin wach geworden und hab gefroren. Es war laut und ganz komisch, und ich wusste erst nicht, was los ist. Aber dann habe ich gesehen, dass die Tür ein Stück weit offen stand. Und Tim … er stand vor der geöffneten Tür, der Regen ist gegen ihn geprasselt … Draußen war es schon nicht mehr ganz dunkel, deswegen konnte ich ihn gut erkennen. Er hat reglos dagestanden, die Türklinke in der Hand, und hat ins Freie gestarrt. Der Wind hat immer wieder gegen die Tür gedrückt, aber er hat sie festgehalten, als wäre das ganz leicht.« Sie unterbrach ihre Schilderung und sah vorsichtig wieder zu Tim.
Der hörte das Blut in seinen Ohren rauschen, und sein Puls hämmerte so stark, dass er ihn am Hals spürte.
»Ich wollte nach ihm rufen, aber dann habe ich mich doch nicht getraut. Es hat so … unheimlich ausgesehen, wie er dagestanden und nach draußen gestarrt hat. Ich dachte, wenn er mich bemerkt, dann … Ich hatte einfach Angst. Ich wollte Sebastian wecken und habe ihn vorsichtig gerüttelt, damit Tim nichts davon merkt, aber Sebastian hat geschlafen wie ein Stein. Da hab ich mir die Decke bis zum Hals hochgezogen und mich nicht mehr bewegt.« Wieder machte sie eine Pause, sah aber nicht mehr Tim an, sondern Janik. »Er war lange an der Tür, bestimmt fünf Minuten, ohne sich zu bewegen. Dann hat er sie geschlossen und ist zu seinem Platz zurück. Ich habe mich so gefürchtet, dass ich mich nicht mal getraut habe, den kleinen Finger zu bewegen. Irgendwann muss ich dann wieder weggedöst sein.«
»Hm …«, machte Janik. »Hast du gesehen, ob Ralf noch da war, als das passierte?«
Julia schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht, ob Ralf noch da war, darauf habe ich nicht geachtet.«
»Und warum erzählst du das erst jetzt?«, fragte Sebastian und es klang nicht sehr freundlich.
Julia schlug die Augen nieder. »Weil … Das war so unheimlich, so … unwirklich. Ich dachte … ich dachte heute Morgen, ich habe das vielleicht nur geträumt. Und dass ihr mich vielleicht auslacht, wenn ich das erzähle.«
»Und jetzt denkst du das nicht mehr?«, hakte Janik nach.
»Nein, weil das alles so komisch ist und weil …« Nun sah sie Tim doch an. »Weil ich nachgedacht habe und mittlerweile glaube, dass Tim was mit Ralfs Verschwinden zu tun hat. Vielleicht hat er da an der Tür gestanden, weil er sicher sein wollte, dass Ralf nicht zurückkommt.«
Tim war nicht in der Lage, zu reagieren. Er wusste, dass Julia mit großer Wahrscheinlichkeit die Wahrheit sagte. Ihre Beschreibung passte zu seinen früheren Schlafwandleraktionen. Er hatte reglos vor einem geöffneten Fenster oder einer geöffneten Tür gestanden und nach draußen gestarrt. Anfangs so lange, bis seine Mutter ihn verstört weckte. Später dann hatte sie ihn einfach nur beobachtet, bis er nach einer Weile selbst zurück ins Bett ging. Am nächsten Morgen hatte er nie etwas davon gewusst.
»Das wird ja immer spannender«, sagte Sebastian selbstgefällig. »Und, Timmi, was sagst du dazu?«
Tim wusste nicht, was er dazu sagen sollte. Oder konnte.
Lena berührte ihn am Arm. »War es das, was du mir sagen wolltest?« Sie versuchte erst gar nicht, so leise zu sein, dass es sonst niemand hörte.
»Ja«, sagte Tim. »So ungefähr.«
»Ach, du wolltest was erzählen?« Wieder war es Sebastian, und Tim spürte, dass er seine Wut über dessen provokantes Verhalten nicht mehr lange im Zaum halten konnte. »Erfahren wir jetzt endlich, was mit Ralf passiert ist? Dann sind wir alle sehr gespannt.«
»Nein, wir erfahren nicht, was mit Ralf passiert ist«, antwortete Tim. »Jedenfalls nicht von mir, weil ich es nicht weiß. Ich werde euch etwas erzählen, ja. Aber das hat nichts mit Ralf zu tun, sondern damit, was Julia gesehen hat.«
Julia rückte näher an Sebastian heran, legte mit ängstlicher Miene ihre Hand auf sein Bein und ihre Wange an seinen Oberarm. Tim empfand ihr Gehabe als lächerlich, jetzt, wo er wusste, worum es ging. Als ob er sich plötzlich auf sie stürzen und ihr etwas antun würde, weil er geschlafwandelt war.
»Ich dachte eigentlich, dass es schon seit ein paar Jahren endgültig vorbei ist. Aber da habe ich mich wohl getäuscht.«