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Sie schafften den Aufstieg alle gerade noch rechtzeitig, bevor sich ein regelrechter Orkan zu erheben schien.
Innerhalb weniger Minuten wurde es deutlich dunkler und der Wind nahm an Stärke dermaßen zu, dass er kleine Äste, Wurzeln und sonstige, undefinierbare Dinge aufwirbelte und ihnen entgegenschleuderte. Das Wasser ergoss sich in solchen Mengen aus dem pechschwarzen Himmel, wie Tim es nie zuvor erlebt hatte. Begleitet wurde das alles von einem ohrenbetäubenden Tosen und Grollen. Eine Verständigung war nur noch möglich, wenn sie dicht neben dem anderen standen und die Worte herausschrien.
»Wir müssen da rüber!«, brüllte Ralf Tim ins Ohr und zeigte schräg nach oben über eine Stein-und Geröllwüste, die nur hier und da von kleineren Gras-und Moosinseln unterbrochen wurde. Es war fast unmöglich, Details zu erkennen, so sehr schien die schiefe Fläche zu wabern und zu brodeln. Rasend schnell verwandelte sich ihre Umgebung in ein trist graues Chaos aus peitschendem Regen und umherfliegenden Gegenständen.
»Nein«, antwortete Tim in der gleichen Lautstärke. »Wir können bei dem Sturm den Weg nicht verlassen. Das ist doch bescheuert.«
»Wir haben keine Wahl. Der normale Pfad führt über ein Brett. Da geht es über eine sausteile Wand, in der nur Trittstifte stecken. Das geht schon bei gutem Wetter nicht ohne Ausrüstung. Da würden wir keine zehn Meter weit kommen. Außerdem müssen wir so schnell wie möglich zu der Hütte. Komm jetzt!«
Lena stand zusammengekauert dicht neben Tim. Er sah sich nach den anderen um. Sie hatten sich zu einem unförmigen Klumpen aneinandergedrängt, die Köpfe tief zwischen den Schultern eingezogen. Einige hielten schützend eine Hand vor die Augen. In diesem Moment hatte Tim zum ersten Mal den Gedanken, dass sie in ernsthaften Schwierigkeiten steckten.
Plötzlich zog etwas an seinem Ärmel. Er fuhr herum und sah Ralf, der wild mit den Händen gestikulierte.
Als Tim ihn verständnislos ansah, winkte Ralf erst ab und deutete dann an, ihm zu folgen. Tim zog Lena mit sich und ging Ralf hinterher. Was blieb ihm auch anderes übrig? Die anderen lösten ihre Gruppe auf und setzten sich ebenfalls in Bewegung.
Auf dem ersten Stück stellte sich ihnen der Wind wie eine Mauer entgegen, und sie mussten sich weit nach vorn beugen, um nicht umgeworfen zu werden. Tim senkte den Kopf tief, um sein Gesicht zu schützen. Wo der Regen auf die Haut prallte, stach er zu wie mit Nadelstichen. Immer öfter trafen Holzstückchen und sogar kleine Steine schmerzhaft auf seinen Kopf oder blanke Hautstellen.
Sie bewegten sich so dicht in der Gruppe, dass sie sich aneinander festhalten konnten. Die Jungs hatten die Mädchen zwischen sich genommen. Immer wieder wurden sie zur Seite gedrückt, stolperten und fielen hin, rappelten sich wieder auf oder wurden von anderen hochgezogen. Selbst Denis blieb dicht bei den Übrigen. Er wusste, wenn er sich in dieser Situation absonderte, lief er Gefahr, den Anschluss zu verlieren.
Sie arbeiteten sich mühsam die nicht enden wollende Schräge hinauf. Sie war bei Weitem nicht so steil wie die Schrofen zuvor, und doch zehrte der Anstieg unter diesen Umständen enorm an den Kräften.
Irgendwann hatten sie einen kleinen Kamm erreicht, an den sich auf verhältnismäßig gerader Fläche ein kleiner Nadelwald anschloss. Zunächst war Tim erleichtert, denn er hoffte, zwischen den Bäumen etwas Schutz zu finden. Allerdings stellte sich das schnell als Trugschluss heraus, denn die Bäume standen weit auseinander, sodass der Wind durch die Schneisen fegte und dabei Äste, Zweige, Tannenzapfen und Ähnliches mit sich riss, die wie Geschosse auf ihre Körper knallten. Es war fast unmöglich, die Augen offen zu halten, weil sofort Tannennadeln und kleine Dreckklumpen hineingerieten.
Taumelnd und immer wieder stürzend, entfernten sie sich auf dem kürzesten Weg von den Bäumen, mühten sich einen weiteren Hügel hinauf und auf der anderen Seite hinunter.
Tim konnte schlecht einschätzen, wie lange sie unterwegs waren, als Ralf plötzlich unter einem kleinen Überhang stehen blieb und sich umsah. Vielleicht war eine Stunde vergangen, vielleicht auch mehr. Das Chaos um sie herum schien sogar den Zeitfluss durcheinandergewirbelt zu haben.
Wind und Regen wurden durch den Felsvorsprung etwas gebrochen und kamen gemäßigter bei ihnen an, wobei das immer noch schlimm genug war.
»Was verdammt noch mal ist los?«, wollte Sebastian wissen und schob sich die Kapuze seines Sweatshirts vom Kopf. »Wo ist diese beschissene Hütte denn jetzt?« Die Verständigung funktionierte an dieser Stelle sogar durch einfaches lautes Reden.
»Nichts ist los, ich … orientiere mich nur.« Ralf machte ein paar Schritte unter dem schützenden Vorsprung heraus und wurde sofort abgedrängt. Alle sahen ihm dabei zu, wie er sich ein Stück weiterkämpfte und, die Hand schützend über die Augen gehalten, nach allen Seiten umsah.
»So ein Mist!«, fluchte Janik und setzte den Rucksack ab. »Tolle Abenteuertour. Scheint sich ja wettermäßig wirklich gut auszukennen, der Bergprofi aus München. Das ist nicht mehr lustig.«
»Was sucht er?«, fragte Lena. Sie hatte es nicht übermäßig laut gesagt, sodass nur Tim sie verstand.
Er atmete schnaufend aus. »Hoffentlich nicht, woran ich gerade denke.«
Nach einer Weile kam Ralf zurück, und als Tim sein Gesicht sah, murmelte er: »Doch, ich befürchte, es ist genau das.«
»Was?«, fragte Sebastian. »Was ist? Nun red schon, Mann.«
Eine starke Böe fegte in ihren Unterschlupf und presste Julia und Fabian gegen den Fels. Als sie sich wieder aufgerichtet hatten, hielt Fabian sich mit schmerzverzerrtem Gesicht den Kopf. Julia begann zu weinen. »Ich kann nicht mehr. Wie weit ist es denn noch bis zu der Hütte? Mir tut alles weh und ich friere. Ich will hier raus. Ich will nach Hause. Bitte!«
Ralf ließ sich mit der Antwort Zeit. Erst nach endlos scheinenden Sekunden sagte er: »Ich weiß es nicht.«
»Was?«, fuhr Janik hoch. »Was heißt das, du weißt es nicht?«
Ralf hob die Schultern. »Wir … sind durch den Sturm irgendwie weggedriftet, keine Ahnung. Jedenfalls kenne ich die Gegend nicht.« Und leiser fügte er hinzu: »Ich weiß nicht genau, wo wir sind.«
»Das ist nicht dein Ernst!« Lena sah entgeistert von Ralf zu Tim und wieder zurück. »Was sollen wir denn jetzt tun?«
»Wir haben uns verlaufen?«, schluchzte Julia und schlug die Hände vors Gesicht. »Oh Gott, oh Gott, wie schrecklich!«
Jenny schüttelte fassungslos den Kopf.
Plötzlich stand Sebastian vor Ralf. Sein mächtiger Brustkorb hob und senkte sich schnell, und Tim sah ihm an, dass er sich nur mühsam beherrschen konnte.
»Du wirst jetzt dein bisschen Grips gefälligst anstrengen«, sagte er mit gepresster Stimme. »Du warst doch angeblich schon hundertmal hier. Dann wirst du auch an dieser Stelle schon mal vorbeigekommen sein. Du hast uns verdammt noch mal hier reingeritten, jetzt bring uns auch wieder raus! Klar?«
»Ralf macht das schon«, warf Lucas zaghaft von der Seite ein. »Der kennt sich wirklich super aus.« Es klang nicht sehr überzeugt, aber wann war Lucas schon je überzeugt von dem, was er sagte oder tat? Mit einem Ruck drehte Sebastian sich zu ihm um, woraufhin Lucas den Kopf einzog wie eine erschrockene Schildkröte.
»Wenn noch einer was von auskennen erzählt oder so dämliche Sprüche bringt wie: Das wird schon, kann es gut sein, dass ich mich vergesse. Falls jemand von euch Schlaubergern das noch nicht mitbekommen hat: Wir haben ein Problem, Leute! Oder für die Schwerkapierer unter euch: Wir sitzen richtig dick in der Scheiße.«
»Wir müssen einfach nur weiter«, meinte Ralf, allerdings war dabei nichts mehr von der üblichen Selbstsicherheit in seiner Stimme zu hören. »Irgendwann kommen wir bestimmt an eine Hütte. Es gibt hier oben viele davon.«
»Hast du nicht mehr alle Latten am Zaun, du Freak?« Das kam von Denis, der sich bisher erstaunlich zurückgehalten hatte. »Wir sollen uns einfach weiter von diesem Sturm herumwirbeln lassen, bis wir irgendwo zufällig eine Hütte finden? Oder vielleicht auch bis sich einer den Hals gebrochen hat? Alter, du hast ja ’nen noch größeren Schaden, als ich dachte.«
»So kommen wir nicht weiter«, sagte Fabian und machte einen Schritt nach vorn, damit ihn alle besser hören konnten. Noch immer hielt er die Hand an seinen Hinterkopf gepresst. »Ralf hat doch eine Nachricht hinterlassen, auf der steht, wo wir sind. Die werden sicher schon einen Suchtrupp losgeschickt haben. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie uns hier finden, unter diesem Felsvorsprung, ist gleich null. Wenn wir da draußen sind, ist das zwar ungemütlich, aber wir könnten durchaus auf eine Hütte stoßen und haben zusätzlich die Chance, dass uns jemand findet.«
»Außerdem … wenn der Sturm noch stärker wird, sind wir hier auch nicht mehr geschützt«, fügte Ralf hinzu und seine Stimme klang schon wieder etwas fester.
»Noch stärker?«, wiederholte Jenny ungläubig.
Ralf nickte mehrmals. »Ja, das ist noch gar nichts. Wenn es richtig losgeht, reißt es dich einfach mit, wenn du kein festes Dach über dem Kopf hast. Ich hab so was mal in der Hütte erlebt, zu der ich euch eigentlich bringen wollte. Ich hatte Schiss, das ganze Ding fliegt uns um die Ohren, das kannst du mir glauben.«
»Also, was machen wir jetzt?« Janik sah von einem zum anderen.
»Ich habe Hunger.« Julia wischte sich zum wiederholten Mal mit dem Unterarm durchs Gesicht. Mittlerweile sah sie aus wie eine Vogelscheuche. »Und außerdem muss ich mal.«
»Ich bin für weitergehen«, erklärte Fabian überflüssigerweise.
»Aber ich habe Hunger. Und Durst. Außerdem will ich nicht mehr durch diesen Regen kriechen.«
Ralf wandte sich an Tim. »Was meinst du?«
»Wie wäre es, wenn wir eine Kleinigkeit essen, bevor wir weiterziehen?« Mit Blick auf Julia fügte er hinzu: »Und wer muss, kann es vielleicht irgendwo um die Ecke versuchen.«
Ralf spähte in Richtung Himmel. »Gut, aber wir sollten keine Zeit verlieren, solange wir uns überhaupt noch im Freien bewegen können. Ich weiß nicht, was sich da draußen noch zusammenbraut.«
»Na ja, viel schlimmer kann es nicht mehr werden«, sagte Tim.
Er irrte sich gewaltig.