Kapitel 41
»Amy, hättest du etwas dagegen, einen alten Freund von mir in Halesworth am Bahnhof abzuholen? Wir kommen von unseren Mince Pies hier nicht weg, oder, Clemmie?«
»Nein«, stimmte Clemmie zu und löffelte konzentriert weiter Füllmasse in die kleinen Mürbteigförmchen.
»Natürlich kann ich das machen. Wen denn?«
»Ach, er heißt George. Ich schicke ihm eine SMS, dass er nach einer schönen Blondine Ausschau halten soll«, sagte Posy lächelnd.
Freddie, der am Tisch saß, verdrehte belustigt die Augen.
»In Ordnung. Schaust du bitte immer mal wieder nach den Kindern? Sie sind im Frühstückszimmer und versuchen zu erraten, was in den Geschenken unterm Weihnachtsbaum ist.«
»Dann sollte ich wohl besser aufpassen, dass sie sie nicht öffnen«, sagte Clemmie, wischte sich die Hände an der Schürze ab und verließ die Küche.
»George, ah ja?«, sagte Freddie, der sich hinter Posy gestellt hatte und ihr die Schultern massierte.
»So heißt der Held in Sebastians Buch«, sagte sie achselzuckend. »Ein anderer Name ist mir auf die Schnelle nicht eingefallen.«
»So, so. Kann ich etwas tun?«
»Gerne. Du kannst den Tisch decken. Tammy und Nick sind oben und packen die letzten Geschenke ein. Die Kinder bekommen dieses Jahr regelrechte Berge.«
»Also«, sagte Freddie und holte das Besteck aus der Anrichte, »ich habe mir überlegt …«
»Was?«, fragte Posy und schob das Blech Mince Pies in den Ofen.
»Ob ich dich, wenn dieser Wahnsinn vorbei ist, für zwei Wochen entführen könnte. Du hättest dir einen Urlaub mehr als verdient, Posy.«
»Ich würde ja schon gern, aber …«
»Kein Aber, Posy. Ich bin überzeugt, dass alle zwei Wochen ohne dich auskommen können. Wir sollten uns auch einmal etwas Zeit für uns gönnen, Liebste.« Mit dem Besteck in den Händen gab er ihr einen Kuss auf die Wange. »Ich habe an den Fernen Osten gedacht. Vielleicht Malaysia?«
»Himmel! Dahin würde ich so gerne noch einmal fahren, Freddie.«
»Gut. Dann tun wir das doch, solange es noch geht.«
»Da hast du recht«, stimmte Posy ihm zu. »Das würde mir so gut gefallen.«
Dann kamen die drei Kinder in die Küche, und Posy richtete ihre Aufmerksamkeit auf sie.
Amy stand am Bahnsteig und rieb die Hände zum Wärmen aneinander. Der Zug hatte eine Viertelstunde Verspätung, und es war eiskalt. Endlich fuhr er in den Bahnhof ein, und Passagiere ergossen sich auf den Bahnsteig, beladen mit Taschen, aus denen Weihnachtsgeschenke ragten. Amy ließ den Blick über die Menschenmenge schweifen und hoffte nur, dass Posys SMS angekommen war, denn sonst würde sie diesen George nie finden. Langsam leerte sich der Bahnsteig, und Amy wollte gerade gehen, um ihr Handy aus dem Auto zu holen und Posy anzurufen, als sie in einigen Metern Entfernung eine große Gestalt stehen sah.
Sie schluckte und fragte sich, ob sie halluzinierte, aber nein, es war Sebastian. Langsam kam er auf sie zu.
»Guten Tag, Amy.«
»Guten Tag. Ich muss jetzt leider sofort zum Auto, weil ich jemanden namens George abholen soll, einen Freund von Posy, und …«
»Das bin ich«, sagte er lächelnd.
Schweigend starrte Amy ihn an.
»Wenn du mir nicht glaubst, dann ruf sie an.«
»Aber warum …?«
»Weil sie einer der erstaunlichsten Menschen ist, denen ich je begegnet bin, aber wenn du nicht möchtest, dass ich dabei bin, dann fahre ich mit dem nächsten Zug nach London zurück. Möchtest du mich dabeihaben, Amy?«
»Du meinst, zu Weihnachten?«
»Na ja, das mit dem Umtauschen könnte ein bisschen schwierig werden«, sagte er grinsend. »Also vielleicht etwas länger.«
»Ich …« Amy drehte sich alles.
»Weißt du – Posy hat mir alles erzählt, und es tut mir sehr leid, dass du das mit Sam alles durchmachen musstest. Ehrlich gesagt würde ich ihn am liebsten eigenhändig erwürgen, aber ich bezweifle, dass das etwas bringt, also versuche ich, mich zu beherrschen. Und jetzt – könntest du vielleicht zu einer Entscheidung kommen, bevor wir beide erfrieren?«
Amy konnte ihn nicht richtig sehen, weil ihre Augen in Tränen schwammen. Ihr Herz, das sie seit Sebastians Abreise hinter Schloss und Riegel gehalten hatte, wollte schier bersten.
»Na ja«, sagte sie und schluckte. »Du bist Posys Gast, und sie hat gesagt, ich soll dich nach Hause fahren.«
»Aber bist du dir sicher, dass du das auch möchtest?«
»Ja, da bin ich mir sicher.«
»Dann lass uns gehen.« Er streckte die Hand aus, und sie nahm sie. Dann gingen sie gemeinsam zum verwaisten Bahnhof hinaus.