Kapitel 27
Posy war erschöpft, als sie von ihrem Essen mit Freddie nach Hause kam. Mittlerweile hatte sie sich zwar an seine Launenhaftigkeit gewöhnt – in einem Moment herzlich und überschäumend, im nächsten distanziert und schweigsam –, aber an diesem Abend war er außergewöhnlich einsilbig gewesen, und sie hatte das Gespräch fast allein bestritten.
Obendrein hatte Nicks Freund Paul Lyons-Harvey die Gemälde im Haus begutachtet. Sie hatte zwar geglaubt, sie hätte sich mit dem Verkauf von Admiral House abgefunden, doch als er über den Wert der Bilder – oder, in den meisten Fällen, deren Wertlosigkeit – gesprochen hatte, war ihr zum ersten Mal bewusst geworden, auf was für ein gewaltiges Unterfangen sie sich eingelassen hatte.
Überrascht sah sie Nicks Wagen in der Auffahrt stehen. Sie hatte ihn erst am kommenden Vormittag erwartet, und ausnahmsweise einmal freute sie sich gar nicht darüber, ihren Sohn zu sehen. Alles, wonach ihr der Sinn stand, war, sich mit einer Wärmflasche ins Bett zu legen.
»Mum!« Nick marschierte panisch in der Küche auf und ab. »Gott sei Dank bist du wieder da. War Tammy heute Abend hier?«
»Ich war nicht da, Nick, aber weshalb hätte sie hier sein sollen?«
»Weil sie mir auf meiner Mailbox eine Nachricht hinterlassen hat, dass sie hierherkommt, um mit mir zu sprechen, und dass sie gegen acht hier sein würde. Ich habe die Nachricht erst vor einer Viertelstunde abgehört und bin sofort hergefahren.«
»Ah so. Also, Amy war hier und Sebastian auch. Du solltest ihn fragen.«
»Ach, Mum, lieber nicht. Ich möchte ihn nicht stören.«
»Vor zwei schläft er selten«, meinte Posy.
»Das bin ich, der Vampir, der nur in der Dunkelheit sein Versteck verlässt«, sagte Sebastian, der in dem Moment mit einem Becher in der Hand die Küche betrat. »Ich wollte mir einen Kakao machen. Guten Abend, Nick. Himmel, heute Abend geht es hier ja zu wie am Piccadilly Circus.«
»Sebastian, war Tammy vorhin hier?« Nick folgte ihm zum Herd, wo er in einem Topf Milch erhitzte.
»Ja.« Er nickte. »Kurz nach acht ist sie gekommen.«
»Wie ging es ihr?«
»Das weiß ich nicht. Ich habe sie mit Amy allein gelassen und bin nach oben gegangen, um zu arbeiten. Aber sie wirkte ziemlich überrascht, dass Sie nicht hier waren. Ich glaube, sie ging davon aus, dass Sie hier sein sollten.«
»Mist! Und wie lang ist sie geblieben?« Verstört fuhr Nick sich durchs Haar.
»Ach, ungefähr eine Viertelstunde. Dann sind sie und Amy in ihrem Wagen davongedüst. Eine halbe Stunde später waren sie wieder hier. Ich muss gestehen, ich habe von meinem Fenster aus spioniert und gesehen, wie Amy aus Tammys Auto stieg und sich in ihr eigenes setzte, und dann sind beide Frauen getrennt wieder weggefahren. Mehr weiß ich nicht.«
»Höchst merkwürdig«, meinte Posy.
Nick schaute auf seine Uhr. »Jetzt ist es zehn. Amy wird doch noch auf sein, oder?«, fragte er und ging schon zum Telefon, wo er in Posys Adressbuch blätterte und eine Nummer wählte. »Amy? Hier ist Nick. Ich habe gehört, dass du heute Abend Tammy gesehen hast. Hättest du etwas dagegen, wenn ich gleich kurz bei dir vorbeischaue? Schön, danke. Bis gleich.« Nick warf den Hörer auf die Gabel, griff sich seine Autoschlüssel und eilte zur Tür. »Ciao, Mum. Ich melde mich wegen morgen, aber angesichts der Umstände könnte es sein, dass ich heute Abend noch nach London fahren muss, also warte nicht auf mich.«
»Okay. Meld dich einfach.«
»Das mache ich, Mum. Gute Nacht.«
Sebastian runzelte die Stirn, als sie Nicks Wagen auf dem Kies beschleunigen und die Auffahrt hinunterrasen hörten. »Da versuche ich, einen fiktiven Roman zu schreiben, während um mich her im echten Leben die Verstrickungen immer undurchsichtiger werden.«
»Möchte ich erfahren, was da vor sich geht?«, fragte Posy verhalten.
»Dazu kann ich nichts sagen, weil ich ebenso wenig weiß wie Sie. Möchten Sie einen Kakao? Sie sehen ziemlich mitgenommen aus.«
»Ja, bitte, das bin ich auch«, sagte Posy.
»Möchten Sie darüber reden?«
»Heute Abend nicht, aber danke für das Angebot.« Posy füllte ihre Wärmflasche. »Dabei würde man doch meinen, dass das Leben mit dem Älterwerden weniger kompliziert wird.«
»Tut es das nicht?«, fragte er und reichte ihr einen Becher Kakao.
»Nein, leider nicht. Gute Nacht, Sebastian.«
Amy war schon im Morgenrock, als sie Nick die Tür öffnete.
»Hi, Amy, entschuldige, dass ich so spät noch vorbeischaue. Ist Sam da?«, fragte er.
»Nein, er ist im Pub. Er musste die Kinder hüten, also sagte ich ihm, als ich heimkam, er könne gehen. Komm rein«, bat sie, und er folgte ihr in das bescheidene Wohnzimmer. »Setz dich doch, Nick.«
Aber Nick wollte sich nicht setzen, er ging im Raum auf und ab. »Amy, was war heute Abend mit Tammy?«
»Ich glaube nicht, dass es mir zusteht, dir das zu sagen. Ich denke, du solltest besser mit ihr reden.«
»Wo ist sie?«
»Sie sagte, sie würde nach London zurückfahren, also ist sie wahrscheinlich zu Hause.«
»Verdammt! Wie hat sie reagiert, als sie merkte, dass ich nicht in Admiral House war?«
»Sie war aufgebracht. Sehr aufgebracht.«
»Habt ihr nach mir gesucht?«
Amy nickte.
»Und habt ihr mich gefunden?«
»Ja, Nick, wir haben deinen Wagen gesehen. Es tut mir leid.«
»Aber wie …?« Er schüttelte den Kopf. »Du hast ihr doch nichts gesagt, oder?«
»Nein! Tammy ist aus dem Grund nach Southwold gekommen, weil sie einen Verdacht hatte, dass etwas nicht ganz mit rechten Dingen zugeht. Sie wusste von Evie. Sie hatte einen Anruf von ihr auf deinem Handy angenommen und zwei und zwei zusammengezählt.«
»Dann hat Tammy dich wohl gebeten, ihr zu zeigen, wo Evie wohnt? Und wo sie mich vermutet hat?«
»Ja, genau. Sie hat dein Auto gesehen … Wir haben es gesehen. Was hätte ich tun sollen? Ich hatte keine Ahnung, ob du da sein würdest oder nicht.« Allmählich stieg in Amy Unmut auf. »Das Ganze hat nichts mit mir zu tun, und ich möchte für nichts verantwortlich gemacht werden und möchte auch nichts damit zu schaffen haben.«
»Nein, natürlich nicht.« Nick ließ sich in einen Sessel fallen. »Entschuldige, dass ich dich angefahren habe. Ach, Amy, was soll ich ihr bloß sagen? Wie kann ich ihr das klarmachen?«
»Nick, das weiß ich nicht. Ich dachte, du liebst Tammy.«
»Das tue ich auch, sehr sogar. Aber es gibt ein Problem … ach Gott …« Hilflos schüttelte er den Kopf. »Mir sind einfach die Hände gebunden.«
»Weißt du, dein Privatleben geht mich wirklich überhaupt nichts an, aber es ist ja wohl klar, dass du heute Abend bei Evie warst. Wenn du versuchst, Tammy den Grund dafür zu erklären, kann sie es vielleicht verstehen. Ich weiß, dass sie dich sehr liebt, aber du hast sie verletzt, zutiefst verletzt.«
Nick starrte in die Ferne. »Vielleicht ist es ja besser so. Ich meine, wie konnte ich je so vermessen sein zu glauben, ich könnte alles haben? Es hätte nie geklappt. Wie auch?«
Verwirrt sah Amy ihn an. »Nick, das verstehe ich jetzt nicht.«
»Ja, das glaube ich sofort.« Er stand auf. »Entschuldige die Störung, Amy. Es ist spät, ich sollte gehen. Danke, dass du es mir gesagt hast.«
»Fährst du jetzt nach London?«, fragte sie, als sie ihn zur Haustür begleitete.
Nick machte eine hilflose Geste. »Das wäre sinnlos. Ich kann es ihr sowieso nicht erklären, und wie schon gesagt, ich kann es nicht ändern. Bis die Tage.«
Als Amy ihn in seinen Wagen steigen sah, fragte sie sich, weshalb sie Mitleid mit ihm empfand, obwohl sie doch wusste, was er getan hatte.