Kapitel 25

Mit tatkräftiger Unterstützung von Meena hatte Tammy in der Boutique so weit wieder Ordnung geschaffen, dass sie das Geschäft tatsächlich öffnen konnte. Außerdem musste sie eine Reihe von Rückrufen erledigen – die Medien hatten weitere Fragen gehabt, und potenzielle Kundinnen hatten sich nach den Öffnungszeiten erkundigt.

»Morgen fangen wir richtig an«, sagte Meena, als sie noch einmal ins Souterrain gingen, um die letzten Kleider nach oben zu bringen.

»Ja. Also wenn das der Rest war, dann gehe ich jetzt zu Nick. Er hat mich zum Essen eingeladen.« Lächelnd drehte Tammy sich zu Meena. »Sie waren mein Fels in der Brandung. Darf ich Sie zum Dank nächste Woche zum Essen einladen?«

»Das wäre zwar nicht nötig, aber es würde mich sehr freuen, Tammy.«

»Ohne Sie hätte ich es überhaupt nicht geschafft.« Sie umarmte Meena herzlich.

»Und Sie haben mir wieder zu einer sinnvollen Aufgabe verholfen, also sind wir beide glücklich. Einen schönen Abend, bis morgen.«

Zwanzig Minuten später erreichte Tammy Nicks Geschäft und betrachtete vom Bürgersteig aus das Schaufenster. Zwei runde Art-déco-Spiegel hingen an unsichtbaren Drähten herab, zwischen ihnen schwebte ein exquisiter Muranoglas-Kronleuchter mit mehreren Ebenen über einer Chaiselongue, die mit ursprünglich cremefarbenem Leder bezogen war. Als sie das Geschäft betrat, durchflutete sie ein Gefühl von Liebe und Stolz. Vom Souterrain hallte lautes Hämmern herauf.

»Hi, mein Schatz, ich bin’s!«, rief sie über das Geländer nach unten.

»Komme gleich!«, antwortete Nick, und das Hämmern begann erneut.

Tammy schlenderte durch den Verkaufsraum. Allmählich füllte er sich mit den Antiquitäten, die Nick im Lauf der vergangenen zwei Monate mit viel Einsatz zusammengetragen hatte. Irgendwo klingelte ein Handy. Sie entdeckte es auf dem Sandelholztisch, den Nick als Schreibtisch verwendete.

»Nick, Telefon!«, rief sie, aber das Hämmern hörte nicht auf, also hob Tammy ab. »Guten Abend, Nick Montagues Handy.«

Erst herrschte in der Leitung Schweigen, dann legte der Anrufer auf. Tammy sah in den Gesprächsprotokollen nach und stellte fest, dass der Anrufer »EN« hieß.

Neben der vorhergehenden Nummer stand »Mum«, und da fiel ihr auf, dass Posys Vorwahl dieselbe war wie die von »EN«; der Anrufer stammte also aus Southwold. Schließlich hörte das Hämmern auf, und Nick erschien verschwitzt und staubig auf der Treppe.

»Du hast einen Anruf verpasst«, sagte Tammy. »Ich bin rangegangen, aber die Person hat aufgelegt. Sie hatte die Kennung ›EN‹.«

»Ach ja, das ist der Kumpel von mir, der zwei wunderschöne marmorne Lampenfüße für mich anschaut«, sagte Nick und schlüpfte in seine Jacke.

»Wohnt er in London?«, fragte Tammy beiläufig.

»Ja, er ist in London. Also, mein Schatz, gehen wir?«

»Guten Tag, Sebastian«, sagte Freddie, als er ihm die Haustür öffnete. »Danke, dass Sie den Weg zu mir auf sich genommen haben.«

»Ist mir ein Vergnügen«, erwiderte er. Freddie führte ihn ins Wohnzimmer, wo im Kamin ein großes Feuer brannte. »Um ehrlich zu sein, bin ich dankbar für jede Ausrede, von meinem Notebook wegzukommen.«

»Kommen Sie nicht gut voran?«

»Nein. Jetzt bin ich gerade in der Mitte der Geschichte angekommen. Ich vergleiche das Schreiben eines Romans ja gern mit dem Durchschwimmen des Ärmelkanals: Man stürzt sich voll Schwung und Vorfreude hinein, aber wenn man die Mitte erreicht und weder hinter sich noch vor sich Land sieht, wird einem klar, dass es zu weit ist, um umzukehren, aber das Ziel ist noch in weiter Ferne. Wenn Sie das nachvollziehen können«, schloss Sebastian und setzte sich auf den Stuhl, auf den Freddie gedeutet hatte.

»Bier oder ein Glas Wein?«

»Gerne ein Bier, danke.«

Freddie kehrte mit zwei Flaschen zurück, gab Sebastian eine und nahm Platz. »Prost.«

»Prost.«

Beide tranken einen Schluck, dann wartete Sebastian darauf, dass Freddie sagte, weshalb er mit ihm reden wollte. Es dauerte eine Weile, bis sein Gastgeber den Blick vom Feuer wendete.

»Ich wollte gerne über zweierlei mit Ihnen sprechen. Ich brauche das, was man vielleicht den Rat einer neutralen Person nennt. Sie kennen Posy, und ich glaube, Sie schätzen sie, haben aber keine emotionale Beziehung zu ihr. Außerdem weiß ich aus der Biografie in Ihrem Buch, dass Sie früher einmal Journalist waren, also werden Sie kaum geschockt sein von dem, was ich Ihnen sage.«

»Ich verstehe. Natürlich bleibt alles, was Sie mir erzählen, unter uns.«

»Danke. Ich weiß nicht so recht, wo ich anfangen soll.« Freddie kratzte sich am Kopf. »Also, vor allem mache ich mir etwas Sorgen, dass dieser Sohn von Posy Admiral House kauft.«

»Ah ja. Sie halten ihn nicht für vertrauenswürdig?«

»Es ist weniger er als vielmehr sein Geschäftspartner und Finanzier, ein gewisser Herr namens Ken Noakes.«

»Und?«

»Posy hat mir ein paar Unterlagen gegeben mit der Bitte, sie zu prüfen, und da ist mir aufgefallen, dass dieser Noakes weder auf dem Briefkopf der Firma noch in den Dokumenten als Vizegeschäftsführer genannt wird. In meiner über vierzigjährigen Zeit als Anwalt sind mir im Immobiliengewerbe mehr als genug dubiose Gestalten untergekommen. Da dieser Mann aber derjenige ist, der das ganze Projekt finanziert – denn wie wir beide wissen, hat Sam keinen Penny –, bin ich sofort misstrauisch geworden, als ich sah, dass er nirgends als Geschäftsführer auftritt.«

»Ich verstehe. Natürlich kann ich einen Kumpel in meiner alten Nachrichtenredaktion bitten, sich über diesen Noakes schlauzumachen. Wenn jemand Dreck am Stecken hat, findet er das sofort heraus.«

»Das wäre wirklich sehr nett von Ihnen, Sebastian. Ich möchte um jeden Preis verhindern, dass Posy beim Verkauf von Admiral House übervorteilt wird. Unter uns gesagt, ich bin Sam ja nur einmal kurz begegnet, aber ich kann nicht behaupten, dass er mir sonderlich sympathisch ist. Aber einer Mutter kann man das ja schlecht sagen, nicht wahr?«

»Nein, das geht wirklich nicht.«

»Kennen Sie ihn?«, fragte Freddie.

»Ich habe ihn ein paarmal gesehen und muss leider sagen, dass ich ganz Ihrer Meinung bin.«

»Seine arme Frau tut mir wirklich sehr leid. Ich habe den Eindruck, dass er ein aggressiver Typ ist. Posy hat mir immer wieder gesagt, wie sanftmütig Amy ist.«

»Das stimmt.«

Wieder herrschte Stille, Freddie stand auf und beschäftigte sich mit dem Feuer, das friedlich vor sich hin brannte. Abrupt drehte er sich zu Sebastian. »Verdammt! Dafür brauche ich jetzt einen Whisky. Möchten Sie auch einen?«

»Nein, danke. Den Nachmittag könnte ich im wahrsten Sinne des Wortes abschreiben«, antwortete er lächelnd. Wenig später kehrte Freddie mit dem Whisky zurück, sein Gesicht war düster. Sebastian wurde sofort klar, dass alles, was Freddie bis jetzt gesagt hatte, ein reines Vorspiel gewesen war und er jetzt schließlich hören würde, weswegen er ihn tatsächlich hergebeten hatte. Freddie setzte sich und trank einen großen Schluck von seinem Glas.

»Also«, sagte er seufzend und sah zu Sebastian. »Entschuldigen Sie, dass ich so lange um den heißen Brei herumschleiche, aber wenn ich es Ihnen erzählt haben werde, werden Sie’s verstehen. Es ist das erste Mal, dass ich die Geschichte überhaupt jemandem erzähle. Ich verlasse mich darauf, dass Sie Stillschweigen bewahren.«

»Das können Sie«, versprach Sebastian.

Freddie holte tief Luft und leerte sein Glas. »Also. Ich fange an, als …«

Eine Stunde später hatte Sebastian zusammen mit Freddie zwei Whiskys getrunken, die Flasche stand halb leer am Tisch.

»Ich weiß wirklich nicht, was ich dazu sagen soll.«

»Das verstehe ich«, meinte Freddie. »Was kann man auch dazu sagen?«

»Ich meine, ich bin Schriftsteller, aber ich glaube, nicht einmal ich könnte mir eine … derart tragische Situation ausdenken.«

»Ich kann Ihnen versichern, dass jedes Wort von mir der Wahrheit entspricht. Leider«, fügte Freddie hinzu. »Wenn man gründlich genug sucht, findet man alles im Internet.«

»Sie sind sich wirklich sicher, dass Posy es nicht weiß?«

»Ja, da bin ich mir sicher. Als ich sie nach all den Jahren wiedersah, bin ich davon ausgegangen, dass sie es in der Zwischenzeit erfahren hatte; dass irgendjemand es ihr erzählt hatte. Aber sie war über fünfundzwanzig Jahre nicht in Admiral House gewesen.«

»Ich kann mir das gut vorstellen«, sagte Sebastian. »Leute sprechen höchst ungern von unerfreulichen Dingen gegenüber demjenigen, dem sie passiert sind. Als meine Frau starb, haben selbst meine engsten Freunde das Thema nach Kräften vermieden, von Außenstehenden ganz zu schweigen.«

Freddie sah zu Sebastian und dann in die sterbende Glut im Kamin. »Können Sie verstehen, weshalb ich sie beim ersten Mal verlassen musste?«

»Ja. Sie waren in einer ausweglosen Situation.«

»Als ich entdeckte, wer sie wirklich war und dass sie nichts davon wusste, blieb mir nichts anderes übrig. Ich …« Freddie versagte die Stimme, Tränen traten ihm in die Augen. »Es hat mir fast das Herz gebrochen, aber ich wusste, sie wäre daran zugrunde gegangen.«

»Nach allem, was Sie mir erzählt haben, würde ich Ihnen recht geben.«

»Die Frage, über die ich mir jetzt den Kopf zermartere, ist«, Freddie schenkte sich noch einen Whisky ein, »kann sie es jetzt ertragen?«

Sebastian versuchte, sich in Posys Lage zu versetzen. Diese Fähigkeit hatte er sich beim Schreiben angeeignet, wenn eine Figur ihm Kopfzerbrechen bereitete.

»Ich … ich weiß wirklich nicht, wie sie reagieren würde, Freddie. Sie würde bestimmt schockiert und fassungslos sein. Andererseits würde sie zumindest verstehen, weshalb Sie sie damals verlassen mussten.«

»Und warum ich jetzt keine Beziehung mit ihr eingehe. Sie wundert sich bestimmt, was los ist. Es ist lächerlich, aber trotz der fünfzig Jahre, die seitdem vergangen sind, möchte ich mich ihr zu Füßen werfen, ihr sagen, dass ich sie liebe, und sie endlich heiraten.« Freddie holte ein Taschentuch hervor und putzte sich laut die Nase. »Vielleicht sollte ich einfach verschwinden, Sebastian, das Haus verkaufen und …«

»… zur Fremdenlegion gehen?«

Da musste Freddie zum ersten Mal lächeln. »Selbst dafür bin ich zu alt! Was würden Sie an meiner Stelle tun?«

»Ich glaube … ich glaube, ich würde versuchen, es ihr zu sagen. Aber das ist meine Einschätzung, vielleicht wegen all dem, was hinter mir liegt. Als meine Frau starb, wurde mir klar, dass man jede Gelegenheit beim Schopf packen muss, vor allem, wenn es um die Liebe geht.«

»Da gebe ich Ihnen natürlich recht, aber wenn etwas einmal ausgesprochen ist, kann man es nicht mehr zurücknehmen.«

»Das stimmt, aber vergessen Sie nicht, Sie waren beide unschuldige Opfer von etwas, das außerhalb Ihrer Kontrolle lag. Ich weiß, Sie wollten sie schützen, nur aus Liebe, aber Sie haben auch gelitten. Das wird sie verstehen, ganz bestimmt.«

»Ich habe gelitten, wohl wahr, und Sie haben recht. Also, jetzt habe ich Sie lange genug von der Arbeit abgehalten. Ich danke Ihnen sehr für Ihre klugen Worte. Vielleicht … vielleicht sollte ich es ihr aber erst erzählen, wenn sie aus Admiral House ausgezogen ist und ein neues Leben beginnt. Das könnte den Schlag lindern – sie würde nicht mehr dort leben.«

»Da gebe ich Ihnen recht. Soll sie erst den Umzug hinter sich bringen, der traumatisch genug sein wird, und lassen Sie ihr Zeit, sich in die neue Situation einzufinden.« Sebastian erhob sich, und Freddie begleitete ihn zur Tür. »Auf Wiedersehen, Freddie. Vielleicht können wir uns bei Gelegenheit ja wieder auf ein Bier treffen.«

»Unbedingt! Übrigens bin ich froh, dass Sie bei Posy wohnen. Ich habe sie mir nie gern so ganz allein in dem großen Haus vorgestellt.«

»Wenn es Ihnen etwas hilft: Posy ist einer der stärksten Menschen, die ich kenne«, antwortete Sebastian. »Jetzt bitte ich meinen Kumpel in der Nachrichtenredaktion, sich über diesen Ken Noakes zu erkundigen. Ich melde mich dann bei Ihnen.«

Posy schlief nicht gut. Ihr gingen die vielen Dinge im Kopf um, die sie bis zum Umzug erledigen musste. An dem Morgen rief Nick an, um sich wegen seiner impulsiven Reaktion auf den Verkauf des Hauses zu entschuldigen. Er sagte auch, er habe seinen alten Schulfreund Paul gebeten, sich die Gemälde anzusehen. »Er hofft, dass mir ein van Gogh entgangen ist«, sagte er lachend.

»Lieber Junge, du weißt genau, die Gemälde in diesem Haus sind Klecksereien, die auf den Sperrmüll gehören und nicht zu Sotheby’s.«

»Schlimmstenfalls ist es für ihn ein Grund, nach Southwold zu fahren. Du weißt doch, wie gern Paul dich immer hatte, Mum, und Admiral House. Er möchte sich verabschieden.«

»Von mir oder dem Haus?«

»Sehr witzig. Also, Paul wird am Samstag gegen zehn bei dir sein, und ich schaue am Wochenende auch vorbei.«

»Wie schön! Ich mache Lunch. Bringst du auch deine liebenswerte Freundin mit?«

»Nein, Tammy hat im Moment mit ihrer Boutique alle Hände voll zu tun.«

»Früher oder später muss sie mal herkommen und aussuchen, welche Kleider sie aus der Sammlung deiner Großmutter haben möchte. Du lädst sie doch zu Weihnachten ein, oder? Es wird unser letztes in Admiral House sein, und es sollen so viele Menschen wie möglich hier feiern, damit es fröhlich wird.«

»Ich … Ja, natürlich.«

»Ist zwischen euch alles in Ordnung?«, fragte Posy. Sie kannte ihren Sohn zu genau, als dass sein kurzes Zögern nicht ihr Misstrauen geweckt hätte.

»Ja, alles bestens, Mum. Wir haben nur beide unglaublich viel zu tun, das ist alles. Ich muss jetzt auch gleich Schluss machen, ich möchte zu einer Auktion in der Lots Road. Ich simse dir die Nummer des Auktionators in Southwold, den ich kenne, er soll sich mal die Einrichtung ansehen und schätzen. Ich warne dich, erwarte nicht zu viel dafür, Mum. Holzmöbel sind heutzutage praktisch wertlos, wenn es nicht gerade etwas wirklich Ausgefallenes ist. Ich an deiner Stelle würde alles, woran du hängst, beiseitestellen, dann zwei Container ordern und die Betten und Sofas und derlei auf die Art entsorgen. Du wirst nichts dafür bekommen.«

»Das erwarte ich auch nicht, mein Schatz.«

»Der Verkauf geht also wirklich über die Bühne?«

»Meines Wissens schon.«

»Du findest es immer noch gut?«

»Ob ich es gut finde oder nicht, tut nichts zur Sache. Ich habe schlicht keine andere Wahl, Nick, es sei denn, ich bekomme wie durch Zauberhand eine Million oder so, um zu renovieren.«

»Du hast natürlich völlig recht. Ich wünschte, ich hätte das Geld, aber ich habe alles Ersparte in mein Geschäft gesteckt.«

»Genau so soll es ja auch sein, Nick. Es ist Zeit, mich zu verändern, so schwer es mir auch fallen mag. Am meisten wird mir der Garten fehlen, aber Sam hat gesagt, dass sie für die Wohnungen und den Garten eine Hausmeisterfirma engagieren werden. Abgesehen davon hätte ich nichts gegen ein paar moderne Möbel und Doppelglasfenster.«

»Ja, also, ich sollte los. Bis morgen, Mum.«

»Bis morgen, lieber Junge.« Seufzend legte Posy den Hörer auf. Wenig später simste Nick ihr die Telefonnummer des Auktionators, und sie rief bei ihm an und vereinbarte, dass er in zwei Tagen kommen und den Inhalt des Hauses schätzen sollte.

Als sie Nicks Rat folgte und von Zimmer zu Zimmer ging, wurde ihr klar, dass sie eigentlich nur sehr wenig in ihr neues Leben mitnehmen wollte. Das eine oder andere Gemälde, die Art-déco-Uhr aus Jade, die im Salon auf dem Kamin stand, den Schreibtisch ihres Vaters mit der abgeschabten Ledereinlage …

Posy ließ sich auf die durchgelegene Matratze in einem der Gästezimmer sinken und betrachtete sich in dem alten, sehr fleckigen goldgerahmten Spiegel, in dem sich Generationen von Andersons betrachtet hatten. Was würden sie alle denken, dass sie, Posy, dreihundert Jahre Familiengeschichte wegwarf? Wenn man jenseits des Grabs noch »denken« konnte, was sie zunehmend bezweifelte. Und doch, seit sie in den Verkauf des Hauses eingewilligt hatte, spürte sie die Gegenwart ihres Vaters stärker als seit vielen Jahren.

»Posy, es ist Zeit«, sagte sie ihrem Spiegelbild.

»Sebastian, ich habe mich gefragt, ob Sie wohl eine halbe Stunde erübrigen könnten, um mich in den Turm im Garten zu begleiten. Wissen Sie, das war das Refugium meines Vaters, und als Kind war mir der Zutritt streng verboten. Mein Vater – und Sie wissen ja, dass ich ihn über alles geliebt habe – hat mir im Garten beigebracht, Schmetterlinge mit dem Netz zu fangen. Dann hat er sie in seinen Turm mitgenommen, um sie zu ›studieren‹, und anschließend, so sagte er mir, habe er sie immer freigelassen. Einmal habe ich mich heimlich hineingeschlichen, und was habe ich entdeckt? Eine große Sammlung gerahmter und sehr toter Schmetterlinge, die an der Wand hing. Es hat mir damals das Herz gebrochen, dabei war er einfach ein Sammler. Das war damals gang und gäbe, er hat sie für die Nachwelt dokumentiert – es sind bestimmt einige Exemplare darunter, die mittlerweile ausgestorben sind.«

Sebastians Hand, in der er eine Scheibe Toast dick bestrichen mit selbst gemachter Marmelade hielt, stockte auf halbem Weg zu seinem Mund. »Na, zumindest werden sie einiges wert sein.«

»Wahrscheinlich, aber ich würde kein Geld dafür haben wollen. Wenn sie wirklich einen Wert haben, würde ich sie dem Naturkundemuseum in London schenken. Wie auch immer, ehrlich gesagt graut mir ein wenig davor, den Turm zu betreten. Ich war seit über sechzig Jahren nicht dort. Nach dem Tod meines Vaters habe ich bei meiner Großmutter in Cornwall gelebt, und als ich schließlich mit meinem Mann und den Kindern hierher zurückkam, konnte ich mich einfach nicht dazu überwinden.«

»Das kann ich gut verstehen, Posy«, antwortete Sebastian ruhig.

»Ich glaube auch nicht, dass es mir jetzt leichter fällt, aber es hilft nichts, es muss sein. Der Turm muss ja vor dem Umzug leer geräumt werden.«

»Natürlich begleite ich Sie, Posy. Sagen Sie einfach, wann es Ihnen passt.«

»Wie wär’s mit heute Nachmittag? Ich muss das jetzt angehen, und wenn am Wochenende Nicks Freund Paul kommt, der Kunsthändler, wäre es vielleicht eine gute Idee, ihm die Schmetterlinge zu zeigen.«

Mit schwerem Herzen sah Sebastian Posy nach, als sie die Küche verließ, und fragte sich, weshalb sie nicht Sam bat, sie zu begleiten. Als ihr ältester Sohn wäre er doch eigentlich die offensichtlichste Person. Er stand auf, um seinen Teller und den Becher abzuspülen, und überlegte sich, dass er womöglich voreingenommen war. Aber selbst wenn er nicht in Sams Frau verliebt wäre, würde er den Mann fies und arrogant finden, davon war er überzeugt.

»Bei den Genen kann man nie wissen«, sagte er sich, als er die fantastisch gedrechselte Treppe hinaufging, und hoffte, Posy würde es ihm nicht verübeln, dass er deren Schönheit als zentrales Motiv für sein Buch verwendete.

»Hätten Sie jetzt die halbe Stunde Zeit, mich zum Turm zu begleiten?«, fragte Posy ihn nach dem Lunch.

Sebastian legte Messer und Gabel auf den Teller. »Der Rindereintopf war der beste, den ich je gegessen habe, und wenn Sie mir den demnächst noch mal vorsetzen, begleite ich Sie auch auf den Mond. Also, lassen Sie mich nur noch schnell zwei Taschenlampen holen, ich bezweifle, dass es dort Strom gibt.«

Posy brachte ein kleines Lächeln zustande, aber als Sebastian aufstand, merkte er, wie angespannt sie war.

Auf dem Weg durch den Garten sah Sebastian durch den Dunst, der sich den ganzen Tag nicht gelichtet hatte, den Turm hinter einer Reihe kahler Kastanien aufragen. Unwillkürlich schauderte er, und angesichts dessen, was er wusste, war ihm womöglich genauso beklommen zumute wie Posy.

Sie erreichten die Tür, die aus ehemals solider Eiche bestand, durch die jahrzehntelange Vernachlässigung aber teilweise morsch geworden war. Posy führte den schweren Schlüsselbund zum Schloss, aber ihre Hand zitterte so stark, dass sie den Schlüssel nicht ins Loch stecken konnte.

»Darf ich helfen?«

Sebastian musste alle Kraft aufbringen, um das Schloss aufzusperren, das seit über sechzig Jahren nicht betätigt worden war. Sein Herzschlag beschleunigte sich. Wer wusste schon, was sie dort erwartete, was von der Tragödie zurückgeblieben war, die sich in diesen Mauern ereignet hatte …?

Schließlich bewegte sich der Schlüssel, und bevor er sich noch weiter Gedanken machen konnte, hatte Posy die Tür aufgestoßen. Sie traten in einen düsteren Raum. Das Fenster verschwand hinter Spinnweben, außen war es von Efeu überwuchert. Beide schalteten ihre Taschenlampen an und leuchteten umher.

»Hier hat mein Vater sein ganzes Sportgerät aufbewahrt«, erzählte Posy, als sie über eine Ansammlung von Stöcken trat, die unter grünem Schimmel verschwanden. »Cricketstäbe«, sagte sie. »Und schauen Sie sich das an.« Sie hob etwas Hölzernes auf und wedelte damit herum. »Ein Krocketschläger. Krocket haben wir immer gespielt, wenn meine Eltern hier Feste veranstaltet haben.«

Sebastian richtete den Strahl seiner Taschenlampe auf einen großen Schrank. Die Tür stand einen Spalt auf, und als er sie ganz öffnete, sah er eine Reihe von Gewehren, die ordentlich dort aufgereiht standen; das Metall war dunkelbraun verrostet. Sein Herz setzte einen Schlag aus, als er feststellte, dass eins eindeutig fehlte.

»Die Jagdgewehre meines Vaters«, sagte Posy. »Manchmal hörte ich nachts einen Schuss. Daddy sagte immer, das sei der Bauer, der Kaninchen vertreibe, aber die Farm ist ziemlich weit weg, und der Schuss klang immer recht nah, also vermute ich, dass er es war.«

»Das ist ein Purdey. Wenn es richtig gereinigt würde, wäre es ziemlich wertvoll«, sagte er, als er eins der Gewehre herausnahm.

»Jagen Sie?«

»Guter Gott, nein, aber ich kenne mich mit Purdeys etwas aus, weil ich für meinen letzten Roman über sie recherchieren musste«, erklärte er lächelnd. Posy leuchtete mit ihrer Lampe die Treppe hinauf.

»Soll ich vorausgehen?«, erbot er sich.

»Wenn Sie nichts dagegen hätten. Aber passen Sie auf, wenn ich mich recht erinnere, ist die Spindeltreppe sehr eng.«

»In Ordnung.«

Auf ihrem Weg nach oben hallten ihre Schritte auf den alten Steinstufen durch den Turm. Die Luft roch modrig, und als sie oben auf dem kleinen Absatz standen, bekam Posy einen Niesanfall.

»Du meine Güte«, sagte sie, wühlte in ihrer Barbourjacke nach einem Taschentuch und putzte sich die Nase. »Wahrscheinlich atmen wir hier Luft aus Kriegszeiten ein!«

»Also.« Sebastian betrachtete die Tür vor sich – eine kleinere Version der Eingangstür, aber in weit besserem Zustand. »Da wären wir.«

»Ja.« Als Posy die Tür ansah, kam es ihr vor, als würden ihr aus dem Holz Hunderte Erinnerungen entgegenwirbeln.

»Soll ich sie öffnen?«

Posy reichte ihm den großen Schlüsselbund, der sie an ein überdimensionales Armband denken ließ, dessen Anhänger Schlüssel unterschiedlicher Größe bildeten.

Sebastian drehte am Knauf, doch die Tür war tatsächlich verschlossen. Erst mit dem vierten Schlüssel, mit dem er es versuchte, ließ sich das Schloss öffnen.

»Gehen wir rein?«

»Kann ich eine Augenbinde tragen, um nicht die ganzen armen toten Schmetterlinge sehen zu müssen?«

»Das liefe dem Zweck der Übung allerdings zuwider.«

Sebastian reichte ihr eine Hand, und Posy versuchte, tief durchzuatmen, um ihren Herzschlag zu beruhigen. Hinter dieser Holztür befand sich alles, was ihren Vater ausmachte. Sie folgte Sebastian in den Raum, die Augen auf den Boden gerichtet, der unter einer jahrzehntedicken Staubschicht lag.

Sebastian leuchtete den runden Raum ab, der Lichtstrahl wanderte über eine große Anzahl von Rahmen, die lauter Schmetterlinge enthielten und schief an der Wand hingen. Er bemerkte einen Schreibtisch, einen lederbezogenen Stuhl und ein Regal voll Bücher. Jenseits davon fiel der Strahl seiner Taschenlampe auf einen großen Fleck an der Wand. Er war kupferfarben und umgeben von kleinen Spritzern, als hätte ein moderner Künstler Farbe auf eine Leinwand gekleckst.

Er brauchte einen Moment, um zu erkennen, was es war, aber nachdem er den Fleck gedeutet hatte, musste er erst einmal tief Luft holen. Er drehte sich zu Posy um, doch die hatte sich von ihm abgewandt und betrachtete eingehend einen Schaukasten.

»An den Schmetterling erinnere ich mich – ich habe ihn gefangen, und Daddy war begeistert, weil Quendel-Ameisenbläulinge sehr selten waren. Ich glaube, das war sogar der letzte Falter, den ich je gefangen habe«, sagte sie seufzend. »Vielleicht bitte ich Amy, ihn zu malen, zur Erinnerung daran, wie schön er war, ohne seinen Tod vor Augen haben zu müssen«, sagte sie, als sie sich mit einem traurigen Lächeln zu ihm wandte.

Als ihr Blick durch den Raum wanderte, hätte Sebastian sie am liebsten gedrängt zu gehen, bevor sie den Fleck bemerkte, doch es war zu spät. Posy leuchtete mit ihrer Taschenlampe direkt darauf.

»Was ist denn das?« Sie trat näher, um den Fleck genauer zu untersuchen.

»Vielleicht etwas, das von der Decke getropft ist.«

Er hörte selbst, wie lahm das klang.

»Nein …« Posy berührte den Fleck fast mit der Nase. »Sebastian, für mich sieht das aus wie getrocknetes Blut. Um genau zu sein sieht es aus, als hätte jemand vor der Wand gestanden und wäre erschossen worden.«

»Vielleicht einer Ihrer Vorfahren, der sich mit jemandem duelliert hat?«

»Das wäre möglich, aber ich bin mir sicher, dass mir das aufgefallen wäre, als ich damals als Kind hereingeschlichen bin. Ich meine, er ist ja kaum zu übersehen, so direkt gegenüber der Tür.«

»Vielleicht hingen damals mehr Schaukästen hier.«

»Da könnten Sie recht haben. Doch, ich bin mir sicher, dass Daddys Admiral-Sammlung hier hing. Wenn ich mich richtig erinnere, waren das die ersten Schmetterlinge, die ich sah, als ich die Tür öffnete, und dann bin ich nur noch die Treppe hinuntergestürzt. Ja, das ist die Erklärung.«

Sebastian zitterten vor Erleichterung die Knie, als Posy sich fortdrehte und zum Schreibtisch ging. Sie griff nach einem großen Vergrößerungsglas und blies darauf. Tausende Staubflöckchen wirbelten durch die Luft, und im Strahl der Taschenlampe glitzerten sie wie Strass.

»Das war eines seiner Folterwerkzeuge. Die Lügen, die Erwachsene Kindern erzählen, um sie zu beschützen«, sagte sie seufzend. »Das tun wir natürlich alle, aber langfristig gesehen bin ich mir nicht sicher, ob es wirklich so gut ist.«

Wieder musste Sebastian tief Luft holen. »Soll ich die ganzen Schaukästen ins Haus hinübertragen?«, fragte er.

»Ja, bitte, Sebastian.« Posy zeigte auf die Bücher im Regal. »Abgesehen von denen kann alles andere vermutlich in den Container wandern.« Sie fröstelte. »Es gefällt mir hier überhaupt nicht. Die Atmosphäre ist seltsam. Dabei habe ich mir als Kind immer vorgestellt, Daddy säße hier in seinem hellen Thronzimmer – der Feenkönig oben in seinem Schloss. Tja«, meinte sie achselzuckend, »dabei war es bloß ein Spiel.«

»Das stimmt. Gehen Sie schon mal voraus, Posy, und ich komme mit den Schmetterlingen nach.«

»Danke, Sebastian«, antwortete sie.