Kapitel 3
»Ich will aber nicht dahin, Mummy, bitte!«
»Clemmie, Orwell Park ist eine wunderbare Schule, und es ist eine großartige Chance für dich.«
»Das ist mir egal. Ich möchte bei dir bleiben und nicht weggehen. Bitte, Mummy, zwing mich nicht.«
»Komm her.« Evie Newman zog ihre Tochter an sich und schloss sie fest in die Arme. »Glaubst du, ich möchte, dass du weggehst?«
»Weiß ich nicht«, schniefte Clemmie.
»Natürlich will ich das nicht, aber ich muss an deine Zukunft denken. Du bist sehr klug, und Mummy muss versuchen, dir alle Chancen offenzuhalten.«
»Aber mir hat es an meiner alten Schule in Leicester so gut gefallen. Warum können wir nicht dorthin zurück?«
»Weil wir jetzt hier leben, mein Schatz. Und selbst wenn wir noch in Leicester wären, würde ich mir trotzdem wünschen, dass du nach Orwell Park gehst.«
»Ich möchte einfach nach Hause. Ich möchte, dass alles so ist, wie es immer war«, schluchzte Clemmie an Evies Schulter. »Du brauchst mich, Mummy, ich muss mich doch um dich kümmern. Das weißt du genau.«
»Nein, das stimmt nicht, Clemmie«, sagte Evie mit Nachdruck. »Ich komme sehr gut selbst zurecht.«
»Aber wenn ich aufs Internat gehe, bist du ganz allein in diesem großen Haus. Was, wenn …«
»Clemmie, mein Schatz, ich verspreche dir, dass es mir sehr gut gehen wird.« Evie streichelte ihrer Tochter übers Haar. »Es war ziemlich egoistisch von mir, dich in den letzten Jahren ganz für mich zu haben. Es ist Zeit, dass du ein eigenes Leben hast und aufhörst, dir Sorgen um mich zu machen.«
»Das werde ich nie, Mummy. Ich mag es, wie es jetzt ist, nur du und ich.«
»Ich weiß, mir geht es ja genauso, aber vergiss nicht, du wirst jedes Wochenende nach Hause kommen, und die Ferien sind viel länger als an deiner alten Schule. Wir werden ganz viel Zeit miteinander verbringen, das verspreche ich dir.«
Clemmie befreite sich heftig aus Evies Umarmung und sprang auf. »Du willst mich ja bloß loswerden. Nein, ich gehe da nicht hin, und du kannst mich auch nicht zwingen!« Sie lief aus dem Zimmer und knallte die Tür ins Schloss.
»Verdammt! Verdammt noch mal!« Evie schlug mit der Faust aufs Sofa. Ihre geliebte Tochter aufs Internat zu schicken, zerriss ihr das Herz; sie war auf Clemmie zweifellos genauso angewiesen wie Clemmie auf sie. Als sie zu zweit in dem Reihenhäuschen in Leicester gelebt hatten, hatte Clemmie durch alles, was in der Zeit passiert war, viel zu schnell heranwachsen müssen und Verantwortung übernommen, die einen Erwachsenen überfordert hätte.
So schmerzhaft die Trennung zunächst auch sein würde, Evie wusste, dass Clemmie unbedingt auf ein Internat gehen musste. Es war höchste Zeit, dass sie wie eine normale Neunjährige lebte und lachte und ihre eigene Welt jenseits der ihrer Mutter entdeckte.
Es läutete an der Haustür. Bedrückt stand Evie auf, ging die drei Treppenabsätze hinunter und öffnete die Tür.
»Hi, Evie, ich weiß, ich bin früh dran, aber in der Stadt ist der Teufel los.«
Marie Simmonds, Evies älteste Freundin, stand lächelnd auf der Schwelle. In der Schule hatten die beiden den Spitznamen »Dick und Dünn« gehabt – Evie immer schon zierlich, Marie stets einen Kopf größer als alle anderen in der Klasse und ausgesprochen füllig. In diesem Moment, dachte Evie, würde sie auf der Stelle mit ihr tauschen.
»Komm rein. Ich fürchte, hier herrscht noch ein ziemliches Chaos.« Evie ging Marie den Flur entlang voraus in die Küche.
»Mein Gott, Evie, du hast wirklich großes Glück, dass dir dieses Haus gehört. Wenn du’s mir gibst, hätte ich es morgen für dich verkauft, Fünfzigerjahre-Dekor hin oder her.« Marie leitete in Southwold ein Maklerbüro, wo sie sich vom Empfang hochgearbeitet hatte.
»Seit meine Großeltern es renovieren ließen, ist nichts mehr daran gemacht worden«, sagte Evie achselzuckend. »Danke fürs Angebot, aber ich möchte gerne hier wohnen bleiben, zumindest fürs Erste.«
»Na ja, so, wie es im Moment läuft, wo alle Londoner verrückt danach sind, ein Haus zu ergattern, und ein Vermögen hinblättern für das Privileg, in Southwold zu leben, kannst du dich meiner Ansicht nach als Millionärin betrachten.«
»Schön zu wissen, aber wenn ich nicht verkaufen möchte, lohnt es sich nicht, weiter darüber nachzudenken. Kaffee?«
»Ja, bitte. Warum habe nicht ich eine nette Verwandte, die den Löffel abgibt und mir ihre Residenz in Southwold hinterlässt?«, fragte Marie seufzend und fuhr sich durch ihre schwarze Lockenmähne.
»Weil du wunderbare Eltern hast, die noch am Leben sind«, antwortete Evie pragmatisch. »Die habe ich nicht mehr, seit ich zehn bin.«
»Entschuldige, ich wollte nicht gefühllos klingen. Manchmal empfinde ich es einfach als ungerecht, dass bei uns im Büro unglaubliche Summen über den Tisch gehen, während meine Familie und ich, die seit Generationen hier leben, aus dem Ort verdrängt werden, weil wir uns die Preise nicht mehr leisten können.«
»Eine Scheibe Toast?«, fragte Evie und stellte eine Tasse Kaffee vor Marie auf den Tisch.
»Nein, danke. Ich mache mal wieder Diät. Ehrlich, Evie, du könntest zu meinem Lieblings-Hassobjekt werden: ein riesengroßes Haus und dazu eine Figur wie damals als Schulmädchen, obwohl du ein Kind hast und isst, worauf du Lust hast.« Neidisch beobachtete sie, wie Evie ihren Toast dick mit Butter und Marmelade bestrich.
»Marie, glaub mir, du würdest meinen Körper nicht haben wollen«, sagte Evie, als sie sich an den Tisch setzte. »Und ich könnte dich um deine glückliche Ehe beneiden und darum, dass deine Kinder noch beide Eltern haben«, schloss sie.
»Wie geht es Clemmie?«
»Sie ist unglücklich, schwierig und viel zu emotional. Sie findet Southwold schrecklich und möchte wieder nach Leicester. Momentan ist sie oben und schmollt, weil ich sie aufs Internat schicken will. Ehrlich, ich weiß nicht, was ich tun soll. Im Augenblick weigert sie sich schlicht. Ich komme mir richtig gemein vor. Sie glaubt, ich möchte sie nicht bei mir zu Hause haben, was ich entsetzlich finde, aber aus den verschiedensten Gründen finde ich es wichtig, dass sie weggeht.«
»Bist du dir sicher?«, fragte Marie. »Sie ist noch sehr jung, Evie. Könnte sie nicht noch ein paar Jahre hier die Schule besuchen und dann aufs Internat gehen? Die Grundschule in Southwold ist wirklich recht gut, ganz anders als zu unserer Zeit. Natürlich geht es dort nicht so schick zu wie in einem Internat, aber meine beiden fühlen sich sehr wohl.«
»Nein. Um ihretwillen möchte ich, dass sie jetzt geht.«
»Ich muss zugeben, ich würde meine nicht mit neun wegschicken wollen«, sagte Marie nachdenklich. »Sie würden mir wahnsinnig fehlen. Und wenn sie wirklich geht, wirst du die Leere spüren – dann bist du ganz allein hier.«
»Ach, ich habe jede Menge zu tun, damit komme ich gut zurecht.«
Marie trank von ihrem Kaffee. »Und wie findest du es, wieder hier zu sein?«
»Schön«, antwortete Evie nur.
»Hörst du je von Brian?«
»Guter Gott, nein. Er hat sich ziemlich bald nach Clemmies Geburt abgesetzt, und seitdem habe ich nichts mehr von ihm gehört.«
»Also bleibt er mit seiner Tochter nicht in Kontakt?«
»Nein.«
»Das ist sehr schade, für Clemmie, meine ich.«
»Ich kann dir versichern, dass es uns beiden ohne ihn sehr viel besser geht. Rückblickend frage ich mich, was ich bloß jemals in ihm gesehen habe.«
»Er hat dich nie für voll genommen«, räumte Marie ein.
»Er hat mich wie ein Kind behandelt. Was immer ich tat, es war nie gut genug. Dabei habe ich ihn so bewundert, ich hielt ihn für viel klüger als mich, weil er schon so viel mehr vom Leben gesehen hatte, und anfangs gefiel es mir auch, dass er mich in Watte gepackt hat.« Evie schüttete den Rest ihres Kaffees ins Spülbecken. »Jetzt ist mir klar, dass Brian nur ein Ersatz für den Vater war, den ich als Kind verloren hatte.«
»Das Leben hat es dir nicht leicht gemacht, stimmt’s?«
»Vielleicht nicht, aber genauso gut könnte man sagen, dass ich selbst mir das Leben auch nicht leicht gemacht habe. Ich habe ein paar ziemlich schwere Fehler begangen.«
»Das tut jeder, wenn er jung ist, Evie, das gehört zum Erwachsenwerden. Sei nicht zu streng mit dir. Aber sollten wir nicht langsam aufbrechen?«
»Doch. Ich schaue mal, ob ich Clemmie aus ihrem Zimmer lotsen kann. Vorhin hat sie gesagt, dass sie nicht zu dir möchte, während wir bei der Lesung sind.«
»Sobald sie da ist, wird es ihr gefallen«, beruhigte Marie sie. »Sag ihr, dass Onkel Geoff zum Essen eine Pizza macht und dass Lucy es kaum erwarten kann, sie zu sehen.«
Evie nickte. »Ich tue mein Bestes.«
Nachdem sie eine verdrießliche Clemmie bei Marie im benachbarten Reydon abgesetzt und Maries Mann Geoff gebeten hatten, sie so gut wie möglich bei Laune zu halten, fuhren die beiden Frauen nach Southwold zurück.
»Du meine Güte, hier ist ja wirklich der Teufel los«, sagte Evie, als sie auf dem Weg zur St. Edmund’s Hall, wo die Lesung stattfand, an der Brauerei vorbeifuhren.
»In einer Woche, wenn das Festival vorbei ist und die meisten Kinder wieder in der Schule sind, herrscht hier wieder tote Hose«, meinte Marie. »Schau, da steht schon eine Schlange, komm, beeilen wir uns.«
Sie fanden gute Plätze in der Mitte des kleinen Saals.
»Hast du das Buch gelesen?«, fragte Evie.
»Nein, aber ich habe die Autorenfotos gesehen, und zur Lesung zu kommen lohnt sich allein schon, um Sebastian Girault zu sehen, Buch hin oder her«, sagte Marie mit einem Lachen.
»Er ist wirklich ein großartiger Schriftsteller … o mein Gott! Schau, da ist Posy.«
»Posy?«
»Posy Montague. Da, sie kommt gerade die Treppe herunter.« Evie deutete mit der Hand in die Richtung.
»Ah, ich weiß, wen du meinst. Mit ihrer Schwiegertochter Amy. Kennt ihr euch?«, fragte Marie im Flüsterton.
»Wir sind uns einmal begegnet, aber das ist schon eine Ewigkeit her. Sie ist sehr hübsch, findest du nicht?«
»Doch. Ich kenne sie sogar, weil ihr Sohn Jake in derselben Klasse ist wie mein Josh. Sie ist wirklich nett und findet sich stoisch mit allem ab, was ihr Mann macht. Sie ist doch mit Sam Montague verheiratet, der ein Händchen für geschäftliche Misserfolge hat.« Marie verdrehte die Augen. »Sie leben in einem grauenhaften Haus an der Ferry Road, während Mummy Montague nur ein paar Kilometer weiter in einem wahren Palast residiert.«
»Meine Damen und Herren!« Schweigen breitete sich übers Publikum aus, als eine Frau die Bühne betrat.
»Im Namen des Southwold-Literaturfestivals möchte ich Sie herzlich willkommen heißen. Wir freuen uns, dass Sie so zahlreich hier erschienen sind. Uns steht zweifellos ein interessanter Nachmittag bevor, wenn der preisgekrönte Autor und Journalist Sebastian Girault aus Die Schattenfelder vorliest.«
Das Publikum klatschte, die Lichter wurden gedimmt, und Sebastian Girault betrat die Bühne.
»Wow«, flüsterte Marie, als er sich durch sein dichtes kastanienbraunes Haar strich und mit seinem Vortrag begann. »Er ist hinreißend. Kein Wunder, dass im Publikum fast nur Frauen sitzen. Was glaubst du, wie alt er ist? Anfang vierzig?«
»Keine Ahnung.«
Als es im Saal dunkler wurde, schloss Amy die Augen. Sie war völlig erschöpft. Sam war erst in letzter Minute nach Hause gekommen, sodass Posy und sie auf den geplanten Lunch im Swan verzichten und sofort ins Theater gehen mussten. Mangels Parkplatz hatten sie den Wagen auf der anderen Seite der Stadt abgestellt und waren im Laufschritt hergekommen, um nicht den Anfang der Lesung zu verpassen.
Amy war nicht danach, Sebastian Girault über ein Buch sprechen zu hören, das zu lesen sie vermutlich ohnehin nie die Zeit finden würde, aber zumindest war es eine Stunde, in der sie im Dunkeln sitzen konnte, ohne von Gästen, Kindern oder ihrem Mann bedrängt zu werden. Doch im Lauf seines Vortrags fing selbst Amy an, ihm zuzuhören. Seine volle Stimme hatte etwas Beruhigendes, Beständiges, das sie tröstlich fand. Er las Auszüge aus einer Geschichte von derartiger Traurigkeit, dass Amy ein schlechtes Gewissen bekam, sich jemals über ihr Schicksal beschwert zu haben.
Als er geendet hatte, setzte tosender Applaus ein. Dann bat er um Fragen aus dem Publikum. Posy wollte wissen, wie es ihm gelungen war, die Fakten zum Ersten Weltkrieg so akribisch zu recherchieren, aber Amy sagte kein Wort; sie hatte nicht die geringste Lust, in irgendeiner Weise noch einmal etwas mit ihm zu tun zu haben.
Das Publikum erfuhr, dass Mr. Girault im Foyer Exemplare seines Buchs signieren würde.
»Komm, ich möchte mir eins signieren lassen, nur damit ich einmal in diese unglaublichen Augen blicken kann«, sagte Marie, als sie und Evie den anderen Zuhörern zum Saal hinaus folgten. »Dann kann ich mir vorstellen, wie er mir in einem Bad voll Rosenblüten aus seinem Buch vorliest, im Gegensatz zu meinem Mann, der immer im Büro sitzt.«
»Dafür hat Geoff nicht das anspruchsvolle künstlerische Wesen, das mit dem grüblerischen guten Aussehen und dem Talent einhergeht«, widersprach Evie. »Brian hat sich immer mit sogenannten Intellektuellen umgeben. Ich kenne den Typ Mann, er reizt mich überhaupt nicht. Ich warte hier auf dich.«
Evie setzte sich auf eine Bank in einer Ecke des Foyers und sah Marie nach, die sich ans Ende der Schlange stellte, um sich ihr Exemplar signieren zu lassen. Als sie Posy mit Amy aus dem Saal kommen sah, senkte sie den Kopf und hoffte, die beiden würden sie nicht bemerken, doch vergeblich. Posy steuerte zielstrebig auf sie zu.
»Evie, wie geht es dir?«, fragte Posy mit einem Lächeln.
»Gut.« Sie nickte und spürte selbst, dass sie errötete.
»Darf ich dir Amy Montague vorstellen, Sams Frau?«
»Guten Tag, Amy.« Evie gelang ein höfliches Lächeln.
»Hi. Ich glaube, wir haben uns vor langer Zeit schon einmal kennengelernt«, sagte Amy. »Lebst du jetzt wieder in Southwold?«
»Für die nächste Zeit auf jeden Fall, ja.«
»Wo wohnst du denn?«, fragte Posy.
»Im Haus meiner Großmutter. Sie hat es mir in ihrem Testament vermacht.«
»Ach ja, stimmt, ich habe gehört, dass sie vor einigen Monaten gestorben ist. Mein Beileid.« Posy sah Evie ruhig an. »Also, was haltet ihr davon, wenn wir alle zum Tee ins Swan gehen? Ich würde so gerne hören, was es Neues bei dir gibt, Evie, und dann könnt du und Amy euch richtig kennenlernen.«
»Ach, ich bin nicht allein hier, und …«
»Tee im Swan ist eine wunderbare Idee«, sagte Marie, die gerade hinter Posy auftauchte. »Ich glaube, wir sind uns nie richtig vorgestellt worden, Mrs. Montague, aber ich weiß, wo Sie wohnen, und Ihr Haus ist einfach ein Traum. Hi, Amy«, fügte sie hinzu.
»Das ist Marie Simmonds, eine alte Freundin von mir und Immobilienmaklerin«, ergänzte Evie. Maries freundliche Verbindlichkeit gegenüber Posy war ihr peinlich, dadurch wirkte ihr eigenes Verhalten noch abweisender.
»Guten Tag, Marie. Na, dann gehen wir doch, bevor alle guten Plätze belegt sind«, schlug Posy vor.
Die vier Frauen steuerten auf den Ausgang zu.
»Verzeihung, das sind Sie doch, oder?«
Jemand berührte Amy leicht an der Schulter, sie drehte sich um und sah Sebastian Girault hinter sich stehen.
»Wie bitte?«
»Sie sind doch die Rezeptionistin vom Hotel, die ich gestern Abend mit meiner rüden Art gekränkt habe«, erklärte er.
Amy wusste, dass die Augen der drei anderen Frauen auf ihr ruhten. Sie wurde rot. »Ja.«
»Da.« Sebastian reichte Amy ein Exemplar seines Buchs. »Wahrscheinlich das Letzte, was Sie möchten, aber es ist eine Geste der Wiedergutmachung. Ich muss mich wirklich noch einmal entschuldigen.«
»Es ist in Ordnung, wirklich. Ich sagte doch gestern Abend schon, dass es nichts mit Ihnen zu tun hatte.«
»Also verzeihen Sie mir?«
Wider Willen musste Amy angesichts seiner Ernsthaftigkeit lächeln. »Natürlich. Danke für das Buch. Auf Wiedersehen.«
»Auf Wiedersehen.«
Amy folgte den anderen zum Theater hinaus. Posy und Marie bestürmten sie mit Fragen, was das denn nun gewesen sei, also musste Amy Bericht erstatten.
»Wie schön, einem Kavalier alter Schule zu begegnen«, sagte Posy, als sie den behaglichen Teesalon des Swan betraten. Evie entschuldigte sich, um zur Toilette zu gehen, während die anderen sich an einem Tisch niederließen.
»Das nicht gerade. Er war gestern ziemlich ekelhaft zu mir«, erwiderte Amy.
»Na ja, zumindest hast du dir dafür das Geld für sein Buch gespart. Ich musste für meins fünfzehnneunundneunzig hinlegen«, sagte Marie scherzhaft.
»Sollen wir Tee und Scones für alle bestellen?«, fragte Posy. »Ach, ist das schön, vier Frauen an einem Tisch. Ich kann euch gar nicht sagen, wie sehr ich mir wünschte, eine Tochter zu haben. Die arme Amy muss sich ziemlich oft mit mir abfinden, stimmt’s nicht, meine Liebe?«
»Das stört mich überhaupt nicht, Posy, das weißt du genau«, antwortete Amy.
»Marie, wir können nicht lange bleiben. Clemmie macht sich bestimmt Sorgen.« Unbehaglich wrang Evie die Hände.
»Ihr geht es bestimmt bestens«, sagte Marie. Es gefiel ihr viel zu gut, hier am Tisch zu sitzen, um auf Evies Andeutungen einzugehen.
»Dein Mann ist so gut zu den Kindern«, sagte Amy seufzend. Dann fiel ihr ein, dass Posy dabeisaß, und sie ergänzte: »Sam hat im Moment einfach zu viel zu tun.«
»Und, Evie, gefällt es dir, nach der ganzen Zeit wieder hier zu sein?«, fragte Posy freundlich.
»Ja, Posy, danke.«
Der Tee und die Scones wurden serviert, und zu Evies Erleichterung wandte Posy ihre Aufmerksamkeit Marie zu und erkundigte sich nach der Lage des Immobilienmarkts in Southwold.
»Ich kann jederzeit bei Ihnen vorbeikommen und mir das Haus ansehen«, schlug Marie eifrig vor. »Ich könnte es schätzen, dann wissen Sie zumindest, wie viel es wert ist.«
»Du überlegst doch nicht im Ernst, Admiral House zu verkaufen, Posy, oder?« Evie hatte das Ende der Unterhaltung aufgeschnappt und stellte die Frage fast wider Willen.
Zum ersten Mal sah Posy einen Funken der alten Evie aufblitzen. »Ich darf die Möglichkeit nicht ganz ausschließen, meine Liebe. Wie ich Marie gerade sagte, in das Haus muss sehr viel Geld gesteckt werden, und für mich allein ist es viel zu groß.«
»Aber was ist mit deinen Söhnen?«, fragte Evie. »Einer von ihnen wird doch bestimmt …«
»… dort wohnen wollen, wenn ich das Zeitliche segne? Das bezweifle ich. Es wäre für jedermann ein Klotz am Bein und deswegen kein gutes Vermächtnis.«
Während Amy Tee einschenkte, betrachtete Posy Evie und fragte sich, was in aller Welt passiert sein mochte, um die liebenswerte junge Frau, die vor Lebenslust und Intelligenz nur so sprühte, in eine blasse, abgemagerte Version ihres früheren Selbst zu verwandeln. Evie sah aus, als müsste sie die Last der ganzen Welt auf ihren Schultern tragen, und in ihren schönen braunen Augen lag nichts als Trauer.
»Wann soll Clemmie denn ins Internat fahren, Evie?«, fragte Marie.
»Nächste Woche.«
»Ach, ich war auf dem Internat und fand es großartig«, warf Posy ein. »Freut sie sich darauf?«
»Nein, gar nicht«, antwortete Evie.
»Das kann ich verstehen. Aber wenn sie erst mal da ist, lebt sie sich bestimmt schnell ein.«
»Das hoffe ich auch.«
Posy merkte, dass Evie angestrengt in ihre Teetasse sah und ihrem Blick nicht begegnen wollte.
»Wenn du möchtest, dass ich mich mit ihr ein bisschen darüber unterhalte, so unter Internatsschülerinnen, mache ich das sehr gern.«
»Danke, aber das ist wirklich nicht nötig.«
Posy suchte nach Worten, um die mittlerweile beklommene Stille aufzulockern. »Ach, Evie, übrigens, Nick kommt demnächst aus Australien zu Besuch.«
»Wirklich? Wie schön. Und jetzt«, sagte sie und erhob sich, »müssen wir wirklich los, Marie.«
Sie legte etwas Geld auf den Tisch und wartete, solange Marie leicht missmutig ihren Mantel anzog.
»Auf Wiedersehen in die Runde«, sagte Marie und konnte Posy gerade noch ihre Karte reichen, bevor Evie sie fast gewaltsam zum Ausgang schob. »Melden Sie sich doch bei mir.«
»Das mache ich, sobald ich es mir durch den Kopf habe gehen lassen. Auf Wiedersehen, Evie«, rief Posy ihr nach.
»Wir sollten uns auch auf den Heimweg machen, Posy«, sagte Amy. »Es ist schon spät, und Sam hat den Kindern bestimmt noch nichts zu essen gegeben.«
»Natürlich.« Traurig schüttelte Posy den Kopf. »Wenn ich nur wüsste, was ich getan habe, um Evie so zu verstören. Früher waren wir richtig eng befreundet, und alles machte so viel Spaß mit ihr. Sie hat wirklich ihre ganze Lebensfreude verloren. Außerdem sieht sie schrecklich aus.«
Amy zuckte mit den Schultern. »Zehn Jahre sind eine lange Zeit. Und sie hat eindeutig Schwierigkeiten, wenn jetzt ihre Tochter aufs Internat geht.«
Auf dem Weg zum Wagen dachte Posy wieder an den Ausdruck auf Evies Gesicht, als sie erwähnte, dass Nick zurückkäme. Etwas war da offensichtlich im Busch.