Kapitel 37
»Hi«, sagte Tammy zaghaft, als sie die Tür zu Nicks Geschäft öffnete. »Ich dachte, ich schaue auf dem Heimweg mal vorbei, wie du vorankommst.«
»Langsam, aber sicher wird’s.« Er lächelte ihr zu und wuchtete eine Frisierkommode mit Spiegel aus den Dreißigerjahren durch den Verkaufsraum.
»Die ist ja traumhaft schön, Nick. Ich wünschte, ich hätte genug Geld, um sie zu kaufen.«
»Wenn ich sie gewinnbringend verkaufe, kann ich bestimmt eine ähnliche für dich finden.«
»Weißt du schon, wann du den Laden eröffnen wirst?«
»Ich warte, bis Clemmie nach Weihnachten wieder im Internat ist. Im Moment braucht sie mich zu viel.«
»Natürlich.«
Ein Schweigen lastete zwischen ihnen. Schließlich ging Nick zu ihr.
»Wie ist es dir ergangen?«
»Gut. Doch, gut. Ich habe viel nachgedacht.«
»Und …?«
Tammy sah die Hoffnung in Nicks Augen. »Und ich habe mir gedacht, dass ich Clemmie kennenlernen sollte.«
»Wirklich?«
»Ja. Ich verspreche nichts, Nick. Nur um zu sehen, wie wir miteinander klarkommen.«
»Natürlich. Also, eigentlich muss ich dringend meine Mutter besuchen und ihr alles erklären. Sie sollte wissen, dass sie eine Enkeltochter hat und was mit Evie ist, bevor es zu spät ist. Sie mochte sie sehr gern.«
»Ja, Nick, das solltest du.«
»Ich dachte, das könnte ich am Mittwoch machen. Wäre es für dich in Ordnung, an dem Tag auf sie aufzupassen?«
»Ich weiß nicht, Nick.« Tammy zog die Stirn kraus. »Ich werde im Laden sein. Was soll ich da mit ihr machen?«
»Du findest bestimmt etwas, um sie zu beschäftigen, Tam. Wenn nicht, dann bringe ich sie zu Jane und Paul.«
»Aber wenn du nach Southwold fährst, wird sie doch bestimmt ihre Mutter sehen wollen, oder nicht?«
»Evie ist momentan im Krankenhaus in Ipswich. Es geht ihr ziemlich schlecht. Sie hat eine Nierenentzündung, und sie versuchen, sie zu stabilisieren. Ich werde sie natürlich besuchen, aber sie möchte nicht, dass Clemmie sie in dem Zustand sieht.«
»Ich … Also gut. Wie schlecht geht es ihr denn? Ich meine …«
»Ob das das Ende ist?«, beendete Nick ihre unausgesprochene Frage. »Wer weiß? Es ist gut möglich, dass sie sich noch einmal aufrappelt, aber leider ist es nur eine Frage der Zeit, bis sie das nicht mehr kann.«
»O Gott, Nick, es ist so schrecklich. Natürlich werde ich auf Clemmie aufpassen«, willigte Tammy ein.
»Danke.« Nick drückte sie fest an sich. »Also, dann rufe ich jetzt Mum an, und dann sollte ich besser Clemmie bei Jane und Paul abholen. Sie war heute mit Jane bei einem Fotoshooting. Sie war ganz aufgeregt – es war ein Video für die neueste Single von irgendeiner Boyband, von der ich noch nie gehört hatte, sie aber schon.«
»Wow.« Tammy verdrehte die Augen. »Da wird sie es in der Boutique vergleichsweise furchtbar langweilig finden.«
»Bestimmt nicht. Also dann bis Mittwoch.«
»Bis dann. Tschüss, Nick.«
Tammy gab ihm einen Kuss und verließ das Geschäft. Als sie sich ins Auto setzte, seufzte sie schwer. »Worauf habe ich mich da bloß eingelassen?«, fragte sie sich, als sie den Motor anließ und nach Hause fuhr. Die Beziehung mit Nick war eine Sache, aber sein Kind mit zu übernehmen, eine ganze andere. Sie wusste nicht, ob sie auch nur einen Hauch Muttergefühle aufbringen konnte.
Und was, wenn sie mich nicht mag? Tammy biss sich auf die Unterlippe, während sie an einer Ampel wartete. Was mache ich dann? Abgesehen davon habe ich mein Geschäft, und ihre richtige Mum kann ich sowieso nie ersetzen, und …
Vor ihrem Haus angekommen, stellte Tammy den Wagen ab und ging hinein. Sie schenkte sich ein großes Glas Weißwein aus dem Kühlschrank ein und trank einen Schluck. Es war sinnlos, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Sie würde einfach sehen müssen, wie es am Mittwoch lief.
»Hi, Tam. Da sind wir.«
Nick kam mit Clemmie an der Hand in die Boutique.
»Hi, Nick, hi, Clemmie.« Tammy strahlte das kleine Mädchen an und erhielt als Reaktion ein scheues Lächeln.
»Hi, Tammy.«
»Es wäre schön, wenn du mir heute helfen könntest.«
»Ich kann’s versuchen«, meinte Clemmie, »aber ich habe noch nie in einem Geschäft gearbeitet.«
»Also ich bin dann weg. Ich melde mich, bevor ich in Southwold wegfahre, aber ich sollte gegen sechs wieder hier sein.«
»Kein Problem, Nick. Grüß deine Mutter von mir«, bat Tammy.
»Mach ich. Tschüss, Clemmie.« Nick gab seiner Tochter einen Kuss auf die seidigen Haare.
»Tschüss, Daddy«, sagte sie, als Nick mit einem Winken davonging.
»Und wen haben wir hier?« Meena tauchte aus dem Büro auf und eilte durch das Geschäft zu ihnen.
»Ich bin Clemmie. Es freut mich, Sie kennenzulernen.«
»Und ich bin Meena. Du hast ja wunderbare Manieren, Clemmie. Also, was würdest du dazu sagen, wenn du mit mir nach unten kommst, und wir machen für deine Mummy zu Weihnachten eine Kette? Ich habe Perlen in lauter verschiedenen Farben, und du kannst die aussuchen, die ihr am besten gefallen.«
»Das würde mir gefallen, danke.«
Seufzend sah Tammy ihnen nach. Meena hatte selbst einige Kinder großgezogen, sodass sie vollkommen ungezwungen mit ihnen umgehen konnte.
Zum Glück herrschte in der Boutique Hochbetrieb, und Tammy war den ganzen Vormittag mit Kundinnen beschäftigt. Angesichts der vielen bevorstehenden Weihnachtsfeiern verkaufte sie mehr als je zuvor.
Mittags kamen Meena und Clemmie wieder in den Verkaufsraum. »Wir gehen zum Feinkostladen. Möchten Sie auch etwas, Tammy?«
»Meinen üblichen Salat, das wäre schön, danke. Und eine Cola. Ich brauche das Koffein.« Sie sah Clemmie zu, die die Stangen mit den Kleidern entlangging.
»Deine Kleider sind so schön, Tammy«, sagte sie ergriffen.
»Danke, Clemmie. Ich … Also, bis später.«
Tammy drehte sich um und ging ins Büro. Sie wusste selbst, wie unaufrichtig sie geklungen hatte. Dabei war sie die Erwachsene, aber sie hatte keine Ahnung, wie sie mit Clemmie reden sollte.
Zehn Minuten später waren die beiden mit dem Lunch wieder da, und sie setzten sich zum Essen zu dritt ins Büro.
»Ich mag Cola gern, aber ich darf keine trinken. Meine Mum sagt, dass einem davon die Zähne verfaulen«, sagte Clemmie, als Tammy einen Schluck aus ihrer Dose trank.
»Deine Mum hat recht«, sagte Tammy. »Cola ist ganz schlecht für die Zähne.«
»Aber Tammy, deine sehen perfekt aus«, sagte Clemmie, den Blick auf die Dose gerichtet.
»Möchtest du ein bisschen? Ein paar Schlucke werden dir nicht schaden, denke ich.«
»Ja, bitte, aber sag’s Daddy nicht, sonst wird er vielleicht sauer.«
»Ich sage nichts, versprochen«, antwortete Tammy und schenkte etwas Cola in ein Glas. Die Glocke läutete und kündigte weitere Kundschaft an.
»Ich gehe«, erbot Meena sich. »Ihr zwei lasst euch euren Lunch schmecken.«
»Meena ist so nett«, sagte Clemmie. »Sie hat versprochen, dass sie das nächste Mal, wenn ich komme, ein Curry macht. Ich mag Currys gern, aber ich kenne sie nur vom Takeaway, nicht selbst gekocht.«
»Dann mach dich darauf gefasst, dass dir der Kopf explodiert. Ihre Currys sind sehr scharf.« Tammy lächelte, und Clemmie lachte.
»Daddy hat gesagt, dass du Model warst, bevor du den Laden hattest.«
»Ja, das stimmt.«
»Du hast schöne Haare, Tammy. Ich wünschte, meine wären auch so. Aber meine sind langweilig.«
»Das sind sie gar nicht. Sie sind sehr dicht und gerade, und sie glänzen wunderbar. Genau solche Haare wollte ich immer haben.«
»Ich wette, sie haben dich ständig frisiert, als du Model warst.«
»Ja, ständig, und ich konnte es nicht leiden.«
»Aber hat es dir Spaß gemacht, Model zu sein?«
»Zum Teil schon. Das Reisen hat mir gefallen, und die neuen Orte, die ich ständig gesehen habe, und manche Kleider, die ich tragen musste, waren himmlisch, aber im Grunde ist es richtig harte Arbeit.«
»Ich dachte, dass Models Prinzen heiraten.« Clemmie trank einen Schluck Cola und betrachtete Tammy sorgenvoll. »Warum bist du dann mit Daddy zusammen?«
»Weil ich ihn liebe«, antwortete sie mit einem Achselzucken.
»Ich hab ihn auch lieb. Als Mummy mir von ihm erzählt hat, wusste ich nicht, ob ich ihn mögen würde, aber jetzt bin ich richtig froh, dass er mein Dad ist. Kennst du Posy?«
»Ja, ich bin ihr einmal begegnet. Magst du sie?«
»Ja, sehr. Sie ist für jemand, der alt ist, sehr jung.« Clemmie biss von ihrem Baguette ab. »Weißt du, dass sie meine richtige Oma ist?«
»Ja.«
»Daddy fährt heute zu ihr, um ihr von mir zu erzählen. Ich bin gespannt, was sie sagt.«
»Sie wird begeistert sein, davon bin ich überzeugt. Deine Mum und sie waren früher gute Freundinnen; das hat dein Daddy mir erzählt.«
»Ich weiß. Daddy hat gesagt, dass ich auch einen Cousin und eine Cousine habe und einen Onkel und eine Tante. Ich habe noch nie eine Familie gehabt. Da waren immer nur ich und Mummy.«
Clemmie seufzte tief, und ihre Augen nahmen einen traurigen Ausdruck an. Instinktiv griff Tammy nach ihrer kleinen Hand. »Und sie und Daddy werden alle für dich da sein.«
»Ich glaube, sie könnte ganz bald sterben, Tammy. Ich habe Daddy auf dem Handy mit dem Arzt sprechen hören. Ich hoffe, ich kann sie vorher noch mal sehen. Ich möchte …« Clemmie biss sich auf die Unterlippe, ihre Augen füllten sich mit Tränen. »Ich möchte Auf Wiedersehen zu ihr sagen.«
»Das kann ich gut verstehen. Komm her.« Tammy streckte die Arme aus, und Clemmie setzte sich zu ihr auf den Schoß. Sie streichelte ihr über das dunkle Haar und spürte einen Kloß im Hals. »Weißt du was, Clemmie? Ich finde, du bist der tapferste Mensch, den ich kenne.«
»Nein, das ist Mummy.«
»Ich kenne sie ja nicht, aber ich bin mir sicher, sie würde genau dasselbe sagen.«
»Manchmal ist es ganz schön schwer, tapfer zu sein, aber ich versuche es ihretwegen.«
»Sie muss sehr stolz auf dich sein, Clemmie. Ich wäre es, wenn du meine Tochter wärst.«
»Na ja, wenn du Daddy heiratest, bin ich doch deine Tochter, oder?«
»Ich … ja. Ich werde die stolzeste Stiefmutter aller Zeiten sein, das garantiere ich dir«, sagte Tammy und kämpfte gegen die Tränen an. Ihr wurde bewusst, dass sie das ehrlich meinte. »Ich weiß, ich kann nie deine richtige Mum sein, aber ich hoffe, dass wir Freundinnen sein können.«
»Ja.« Clemmie nahm eine von Tammys Händen und betrachtete die Fingernägel. »Die Farbe gefällt mir richtig gut, Tammy. Darf ich meine auch so lackieren?«
»Natürlich. Der Lack ist in meiner Handtasche.« Tammy deutete darauf. »Nimm ihn doch raus, dann male ich sie dir gleich an.«
»Aber du hast doch Kunden.«
»Um die kümmert sich Meena. Ich mache kurz die Tür zu und sage ihr, dass wir in einer Besprechung sind.«
Sie zwinkerte Clemmie verschwörerisch zu, als sie von ihrem Schoß kletterte und nach der Handtasche griff. Lächelnd schloss sie die Tür.
»Hi, Mum, wie geht’s dir?«, fragte Nick, als er in Admiral House die Küche betrat.
»Nick, mein Lieber! Wie geht es dir?«, fragte Posy, als sie den Holzlöffel beiseitelegte, mit dem sie die Suppe umgerührt hatte, und umarmte ihren Sohn.
»Mir geht’s gut, Mum, ich muss nur … ein bisschen mit dir reden, das ist alles.«
Posy sah Nicks ernste Miene. »Soll ich die Weinflasche öffnen, die im Kühlschrank steht?«
»Ich mache sie auf, aber für mich nur ein kleines Glas. Ich fahre später wieder nach London.«
»Wirklich? Ich hatte gehofft, du würdest über Nacht bleiben.«
»Das geht leider nicht«, sagte Nick, als er die Weinflasche aus dem Kühlschrank holte.
»Erwartet Tammy dich?«
»Ja. Mum, sollen wir uns setzen?« Nick kam mit der Flasche zum Tisch und schenkte die zwei Gläser ein, die Posy schon zum Mittagessen hingestellt hatte.
»Also, dann schieß los. Danach habe ich dir auch ein paar Sachen zu erzählen«, sagte Posy. »Wo warst du die vergangenen Wochen, Nick? Du bist nicht ans Handy gegangen.«
»Entschuldige, Mum, ich hätte dir Bescheid geben sollen, aber … Ich hatte so viel anderes im Kopf. Ist bei dir alles in Ordnung?«
»Im Moment schon, aber das erzähle ich dir später. Jetzt berichte du erst mal, Nick.« Posy trank einen Schluck Wein, um ihre Nerven zu beruhigen. Sie hoffte nur, es wären nicht noch mehr schlechte Nachrichten – sie wusste nicht, wie viele sie noch verkraften konnte.
»Erinnerst du dich an Evie Newman?«
»Natürlich, Nick. Du weißt doch, wie gern ich sie hatte. Sie ist wieder nach Southwold gezogen, und ich habe einmal etwas mit ihrer Tochter unternommen – ein süßes kleines Ding –, aber Evie geht mir eindeutig aus dem Weg.«
»Na ja, wenn du gehört hast, was ich dir sagen will, wirst du den Grund wahrscheinlich verstehen, Mum.« Nick nahm einen Schluck von seinem Wein und versuchte dann, seiner Mutter so schonend wie möglich zu erläutern, was vorgefallen war.
»Ich verstehe.« Posy tat ihr Bestes, alles zu verarbeiten, was Nick ihr erzählt hatte. »Du meine Güte.« Sie blickte auf. »Du willst mir also sagen, dass Clemmie deine Tochter ist?«
»Ja, Mum, genau.«
»Was heißt, dass sie meine Enkeltochter ist?«
»Ja.«
»Ich … Wie lang weißt du das schon?«
»Erst seitdem ich wieder in England bin.«
»Ist das der Grund, weshalb du nach Hause gekommen bist?«
»Nein, das war reiner Zufall. Evie hatte mir nach Australien geschrieben – sie hat mich durch mein Geschäft gefunden –, aber dann hast du ihr erzählt, dass ich hier war, also hat sie den Brief für mich in der Galerie abgegeben und mich gebeten, mich bei ihr zu melden.«
»Ich verstehe. Glaube ich zumindest. Aber warum gerade jetzt, Nick?« Posy runzelte die Stirn. »Warum hat sie zehn Jahre gewartet, um es dir zu sagen?«
»Mum, an der Stelle wird es leider traurig. Der Grund, weswegen sie sich bei mir gemeldet hat, ist, dass sie sehr krank ist. Sie hat Leukämie, und es sieht ganz so aus, als würde sie Weihnachten nicht mehr erleben. Es tut mir so leid, Mum, ich weiß doch, wie gern du sie hattest.« Nick griff über den Tisch hinweg nach der Hand seiner Mutter.
»Ach, wie fürchterlich! Diese hübsche Frau, und so jung …« Posy kramte ein Taschentuch heraus und putzte sich die Nase. »Während ich mit meinen fast siebzig Jahren hier sitze, gesund und munter wie ein Fisch im Wasser. Das Leben ist einfach verdammt ungerecht! Aber weißt du, ich hätte ahnen können, dass etwas nicht stimmt. Als ich bei ihr war, um Clemmie abzuholen, sah sie entsetzlich aus.«
»Ich weiß, Mum. Es ist eine einzige Tragödie.«
Eine Weile saßen Mutter und Sohn schweigend da und hingen ihren Gedanken nach.
»Das heißt, Evie hat Clemmies wegen Kontakt mit dir aufgenommen«, sagte Posy schließlich. »Weil du ihr Vater bist.«
»Genau.«
»Evie hat ja keine Familie – sie war ja schon sehr früh Waise. Wie geht es Clemmie?«
»Sehr gut angesichts der Umstände, aber das hat auch viel damit zu tun, wie Evie sie erzogen hat. Sie ist so tapfer – das sind sie beide.«
»Versteht ihr euch, du und Clemmie?«
»Und wie! Mum, ich war so nervös, bevor ich sie das erste Mal sah, aber es hat sich von Anfang an ganz normal angefühlt, als würden wir uns immer schon kennen. Ich weiß, dass ich Evie nie ersetzen kann, darum versuche ich es auch gar nicht, aber ich bin für sie da, wann immer sie mich braucht.«
»Was ist mit Tammy? Wie kommt sie mit der Situation zurecht?«
»Leider habe ich das ziemlich vermasselt.« Nick zuckte schuldbewusst mit den Schultern. »Ich hatte so Angst, sie zu verlieren, dass ich nicht wusste, wie ich ihr von Clemmie erzählen sollte, also habe ich mich einfach aus dem Staub gemacht. Die Wahrheit habe ich ihr nur gesagt, weil Jane und Paul uns wieder zusammengebracht haben. Sie ist großartig damit umgegangen, Clemmie ist im Moment sogar bei ihr. Es ist seltsam, Mum, mehr als zehn Jahre war ich allein – länger, wenn man die Zeit mitzählt, die ich in Evie verliebt war –, und plötzlich habe ich, fast ohne mein Zutun, eine Familie.«
»Clemmie und auch Tammy sind zwei sehr ungewöhnliche Menschen, Nick. Ich hoffe, du weißt dein Glück zu schätzen.«
»Doch, das weiß ich. Tammy war sehr nervös, ob sie heute mit Clemmie zurechtkommt. Ich hoffe, es geht gut.«
»Davon bin ich überzeugt. Das beweist nur, wie sehr sie dich liebt, Nick.«
»Ich weiß, und ich werde wirklich alles tun, um ihr zu zeigen, wie dankbar ich ihr dafür bin.«
»Liebst du sie? Das Wiedersehen mit Evie muss doch viele Gefühle heraufbeschworen haben.«
»Das hat es auch – das tut es immer noch –, aber ich glaube, ich habe sie auf ein Podest gehoben. Was ich für Tammy empfinde, ist anders. Es fühlt sich …«, Nick suchte nach dem richtigen Wort, »real an. Sie fühlt sich real an.«
»Und was ist mit Evie? Wer kümmert sich um sie?«
»Im Moment ist sie im Krankenhaus in Ipswich. Aber wenn sie zu Hause ist, ist rund um die Uhr eine Schwester für sie da.«
»Ich wünschte nur, ich hätte es gewusst – ich hätte ihr helfen können. Aber sie hat mir deutlich zu verstehen gegeben, dass sie mich nicht sehen wollte.«
»Mum, es war ihr unangenehm. Aber jetzt, wo du es weißt, freut sie sich bestimmt, dass du offiziell eine Rolle in Clemmies Leben spielen kannst.«
»Aber natürlich, Nick. Bitte versichere ihr, dass ich für Clemmie da sein werde. So, und jetzt«, Posy räusperte sich und stand auf, »finde ich, dass wir essen sollten. Suppe?«
»Gern, Mum.«
Posy füllte zwei Suppenteller und legte etwas aufgewärmtes Brot aus dem Ofen dazu.
»Und?«, erkundigte sich Nick. »Was ist hier alles passiert?«
»Mehr als genug, fürchte ich, und nicht alles ist schön.«
»Sam?«, mutmaßte Nick.
»Ja«, antwortete sie und nahm Platz. »Aber lass uns essen, bevor die Suppe kalt wird. Ein erfreuliches Thema ist es nicht gerade.«
Beim anschließenden Kaffee berichtete Posy ihrem Sohn vom gescheiterten Verkauf von Admiral House.
»Es tut mir leid, das sagen zu müssen, aber es ist doch typisch. Werden sie ihn verklagen?«
»Wenn er gegen diesen Ken Noakes aussagt, was er sicher tun wird, kommt er höchstwahrscheinlich mit einer Verwarnung davon. Aber ich fürchte, da ist noch etwas, Nick, etwas viel Gravierenderes.«
Mit schwerem Herzen erzählte Posy Nick, dass sein Bruder seine Frau misshandelt hatte.
»Trotzdem weigert er sich, in eine Klinik zu gehen und sich behandeln zu lassen. Er glaubt nicht, dass er ein Problem hat.«
»Aber er hat eins, Mum«, bestätigte Nick mit Nachdruck. »Das hätte ich dir schon vor Jahren sagen können. Er hat mich als Kind nichts als schikaniert und drangsaliert.«
Alle Farbe wich aus Posys Gesicht.
»Es tut mir wirklich leid, Mum. Das zu hören muss schrecklich für dich sein, aber es ist wichtig, dass du weißt, Amy ist kein Einzelfall. Im Internat hat er auch andere Jungen geschlagen, aber irgendwie hat er es immer so hingedreht, dass er nicht bestraft wurde.«
»Nick, ich bin sprachlos. Hat er dir sehr wehgetan?«
»Alle Brüder streiten sich, und du weißt, ich war kein aggressiver Typ, also habe ich nicht zurückgeschlagen. Aber das fand ein Ende, als ich dreizehn war und größer und kräftiger als er. Da habe ich ihm ein paar Schläge verpasst, die er nie vergessen wird. Danach ließ er mich in Ruhe.«
»Das hätte ich doch sehen müssen … Warum hast du mir nichts davon gesagt, Nick?«
»Ich hatte zu viel Angst, dass er sich rächt. So machen Schulhoftyrannen es doch immer. Amy sollte ihn anzeigen, das hätte Sam mehr als verdient. Mum, ist alles in Ordnung?«
»Ehrlich gesagt, nein. Das ist doch klar. Ich meine, in eurer Kindheit habe ich mich manchmal gefragt, ob Sams wildes Gebaren vielleicht eine Reaktion darauf wäre, dass er so früh seinen Vater verloren hatte. Aber nie hätte ich ihm diese Bösartigkeit zugetraut. Und jetzt zu erfahren, dass du deine Kindheit in Angst und Schrecken vor deinem Bruder verbracht hast … Ich habe das Gefühl, eine entsetzliche Mutter gewesen zu sein. Ich hätte die Anzeichen erkennen und dich beschützen müssen, Nick, aber ich habe versagt.«
»Wirklich, Mum, mein Leben war nie in Gefahr, und du warst – du bist – eine wunderbare Mutter und Großmutter.«
»Himmel!« Posy griff wieder nach ihrem Taschentuch. »Seit einiger Zeit hat das Leben es wirklich in sich. Aber ich will mich hier nicht in Selbstmitleid ergehen – Evies Schicksal relativiert alles. Ich kann nur sagen, dass es mir unendlich leidtut, nicht gesehen zu haben, was Sam mit dir gemacht hat.«
»Hör mal, Mum«, sagte Nick. »Wie wär’s, wenn du Sam mir überlässt? Ich fahre auf dem Weg ins Krankenhaus bei ihm vorbei und versuche, ihn zu überzeugen, dass er in eine Reha-Klinik geht.«
Posy sah ihn fragend an. »Das klingt ominös. Du wirst aber nicht auf ihn losgehen, oder?«
»Hör mal, Mum, natürlich nicht! Eher geht er auf mich los. Du hast schon genug gemacht, überlass das mir.«
»Danke, Nick. Bitte sag ihm, dass es zu seinem eigenen Besten ist.«
»Das werde ich. So, und jetzt sollte ich besser los.« Nick stand auf. »Hättest du etwas dagegen, wenn Clemmie und ich eine Weile hier in Admiral House wohnen? Dann hätten wir es nicht so weit zum Krankenhaus für den Fall, dass etwas passiert.«
»Natürlich nicht, Nick, im Gegenteil, das würde mich sehr freuen. Aber was ist mit deiner Arbeit?«
»Die muss bis nach Neujahr warten. Ausnahmsweise einmal haben die wirklich wichtigen Dinge Vorrang.« Er lächelte.
»Ich bin jederzeit für Clemmie da, wann immer sie mich braucht. Für Evie natürlich auch. Bitte grüß sie ganz lieb von mir, ja?«
»Natürlich, Mum. Und wenn wir mehr Zeit haben, müssen wir uns noch mal über Admiral House unterhalten.«
»Ja, das stimmt. Ich stehe wieder ganz am Anfang, aber das soll im Moment die geringste deiner Sorgen sein. Und um dir zum Schluss noch etwas Positives zu erzählen, Nick. Ich … Es gibt jemanden, den ich dir gerne vorstellen möchte«, sagte sie, als sie ihn zur Tür begleitete.
»Wirklich? Einen ›er‹?« Nick musste schmunzeln, als er sah, dass seine Mutter errötete.
»Ja, er heißt Freddie, und er ist der liebste Mensch, den ich kenne.«
»Das klingt ernst, Mum.«
»Vielleicht ist es das auch«, meinte Posy. »Ich habe ihn vor vielen, vielen Jahren kennengelernt, und jetzt haben wir uns vor Kurzem wiedergesehen. Er ist nach Southwold gezogen.«
»Macht er dich glücklich?«
»Ja.« Posy nickte. »Sehr.«
»Dann freue ich mich für dich, Mum, und zwar von Herzen. Du bist schon viel zu lang allein.«
»Und du auch.« Posy küsste ihn herzlich. »Tschüss, Nick, und bitte melde dich, wenn du mit Sam gesprochen hast.«
»Mache ich. Ciao, Mum.«
Drei Stunden später, bereits auf der Rückfahrt nach London, rief Nick bei seiner Mutter an. Sie hob beim zweiten Läuten ab. »Hi, Mum. Alles in Ordnung?«
»Ja. Und bei dir?«
Nick hörte die Beklommenheit, die in ihrer Stimme mitschwang.
»Alles bestens, und mit Sam auch. Wir haben uns unterhalten, und er hat zugestimmt, eine Reha zu machen. Wir haben eine Klinik rausgesucht und gleich dort angerufen, und ich hole ihn morgen ab und liefere ihn ein.«
»Ach, das ist ja großartig! War er … Ich meine, wie hat er es aufgenommen?«
»Ich glaube, nach ein paar Tagen allein in dem entsetzlichen Haus und ohne Geld, um sich was zu trinken zu kaufen, hat er Vernunft angenommen«, antwortete Nick diplomatisch. Er wollte seiner Mutter nichts von der Aggressivität erzählen, mit der Sam anfänglich reagiert hatte, ebenso wenig davon, wie er ihn dazu gebracht hatte, in die Reha einzuwilligen.
»Was ist mit den Kosten? Ich habe mir im Internet eine Klinik angesehen, und sie sind doch sehr teuer.«
»Mach dir keine Sorgen, Mum, das bezahle ich.«
»Danke, mein Schatz. Ich habe mir solche Sorgen um ihn gemacht. Aber viel wichtiger – wie geht es Evie?«
»Sie ist sehr schwach. Sie bekommt Unmengen Medikamente, deswegen hat sie, als ich da war, die meiste Zeit geschlafen. Ich habe sie von dir gegrüßt, und wenn du nichts dagegen hast, komme ich nächste Woche wirklich mit Clemmie nach Admiral House. Ich glaube, wir sollten in der Nähe sein. Evie hat auch gesagt, dass sie Tammy kennenlernen möchte, also kommt sie vielleicht auch mit.«
»Umso schöner, mein Schatz. Ach, es tut mir für euch alle so unendlich leid.«
»Danke. Ich gebe dir noch Bescheid, wann wir kommen. Ich glaube, je früher, desto besser.«
»In Ordnung. Fahr vorsichtig, Nick, und danke für alles.«
»Mach ich. Pass auf dich auf, Mum. Ciao.«
Nick lächelte, als er den Anruf beendete. Selbst wenn er schon Rentner wäre, würde seine Mutter ihn noch bitten, vorsichtig zu fahren. Er machte sich Vorwürfe, ihr von Sam erzählt zu haben; er hatte ja gewusst, dass es sie treffen würde. Aber jetzt verstand sie wenigstens, weshalb er seinem Bruder nie richtig nahegestanden hatte.
Auf der Fahrt nach Chelsea wanderten Nicks Gedanken wieder zu Tammy und Clemmie. Gerade als er das Krankenhaus verließ, hatte Tammy ihm gesimst, dass sie mit Clemmie zu sich nach Hause ging und sie sich eine Pizza bestellen wollten. Das klang vielversprechend, dachte er.
»Hi, mein Schatz«, sagte er, als Clemmie die Tür zu Tammys Haus öffnete.
»Hi, Daddy«, antwortete sie, und ihre Augen funkelten. »Wir warten auf die Pizza. Dir haben wir auch eine bestellt.«
»Danke«, sagte er und ging in die Küche. Tammy stellte gerade drei Teller auf den Tisch. »Schönen Tag gehabt?«
»Ja«, sagte Clemmie mit Nachdruck und streckte ihre Hände aus, damit er ihre Nägel bewunderte. »Tammy hat sie mir lackiert. Wie findest du das?«
Nick sah auf die leuchtend türkisblaue Farbe und nickte. »Sehr schick.«
»Das ist das schönste Haus, das ich je gesehen habe, Daddy, findest du nicht auch?«, sagte Clemmie. »Es ist wie ein Puppenhaus für Erwachsene. Können wir hier wohnen anstatt in Battersea?«
»Ich glaube, es wäre für uns zu dritt ein bisschen klein, aber ja, es ist wirklich sehr schön. Hi, Tammy.« Nick gab ihr einen sanften Kuss auf die Wange. »Wie geht’s?«
»Alles bestens.« Tammy lächelte. »Wir haben uns einen schönen Tag gemacht, Clemmie, oder?«
»Ja. Wir wollten beim Pizzaessen Tammys alte Barbie-Videos angucken, aber wahrscheinlich hast du keine Lust dazu, oder?«
»Das können wir gern machen, Clemmie. Was immer du möchtest.«
»Ach, das brauchen wir gar nicht. Tammy hat nämlich gesagt, dass ich mal bei ihr übernachten darf. Wie geht es Mummy?«
»Ganz in Ordnung, ich soll dich von ihr grüßen.« Tammy deutete fragend auf das Glas, in das sie sich Wein einschenkte, und er nickte. »Posy, deine Großmutter, habe ich auch gesehen. Sie hat gefragt, ob wir nicht eine Weile bei ihr wohnen möchten. Dann wären wir näher bei Mummy.«
»Kann Tammy auch mitkommen?«
»Natürlich. Wenn sie nicht in der Boutique gebraucht wird.«
»Ich kann Meena bestimmt ein paar Tage allein lassen«, sagte Tammy und reichte Nick ein Glas Wein.
Es läutete an der Tür, und Clemmie ging, um die Pizzas in Empfang zu nehmen.
»Wir war’s heute?«, fragte Nick im Flüsterton.
Tammy schüttelte den Kopf. »Nick, deine Tochter ist einfach unglaublich. Ich habe sie schon richtig ins Herz geschlossen.«
Unwillkürlich traten Nick bei ihren Worten Tränen in die Augen. Mühsam schluckte er sie hinunter. »Wirklich?«
Tammy drückte seine Hand. »Ja, wirklich.«