Kapitel 20

Posy und Freddie landeten um zwei Uhr nachmittags am Flughafen Schiphol. Posy war müde. Sie hatte die ganze Nacht wach gelegen und sich Gedanken gemacht wegen ihrer Entscheidung, Freddie nach Amsterdam zu begleiten, und was das bedeuten könnte. Um fünf war sie schließlich eingeschlafen, doch keine zwei Stunden später hatte sie wieder aufstehen müssen, um rechtzeitig fertig zu sein, bis Freddie sie abholte.

Mehrmals hatte sie ihren Koffer umgepackt, ohne sich entscheiden zu können, was sie mitnehmen und was sie zu der Party tragen sollte. Sebastian hatte das Gepäck, ganz Gentleman, nach unten getragen, und sie hatte ihn Freddie vorgestellt.

»Darf ich sagen, dass Ihr Buch mir sehr gefallen hat, Mr. Girault?«

»Sebastian, bitte. Vielleicht könnten wir uns einmal auf ein Bier zusammensetzen? Posy hat mir erzählt, dass Sie, genau wie sie, ein Kind des Zweiten Weltkriegs sind.«

»Das wäre mir ein Vergnügen.«

»Schön. Passen Sie gut auf sie auf, ja?«

»Natürlich«, antwortete Freddie lächelnd.

»Auf Wiedersehen, Sebastian«, rief sie, als Freddie ihr Gepäck zum Auto trug und neben seines in den Kofferraum stellte.

»Abfahrbereit?«, fragte Freddie.

»Ich glaube schon.«

Er fasste sie an den Schultern und gab ihr einen kleinen Kuss auf die Wange. »Liebe Posy, du siehst verschreckt aus. Weißt du, das soll eine Vergnügungsreise sein.«

»Es gab einfach so viel zu organisieren. Ich glaube, ich bin mit dem Verreisen völlig außer Übung gekommen.«

»Na, dann sollten wir dich langsam wieder daran gewöhnen, was meinst du?«

In dem Moment beschloss sie, keine dumme alte Frau mehr zu sein und das Wochenende zu genießen.

Auf dem Weg zum Stansted Airport unterhielten sie sich über alles Mögliche, und allmählich wurde Posy etwas ruhiger. Beim Einchecken empfand sie sogar eine gewisse Aufregung.

»Kannst du dir vorstellen, dass ich seit über zwanzig Jahren nicht mehr geflogen bin, und das war nur nach Jersey zu einem Urlaub mit den beiden Jungs?«, sagte sie Freddie, als sie zur Abflughalle gingen.

»Dann sollte ich dich besser vorwarnen, dass sie dir heutzutage weder eine Flugmaske noch eine Schutzbrille aufsetzen«, scherzte er.

Den reibungslosen Flug genoss Posy sehr, und sie bedauerte es fast, als das Flugzeug in Schiphol aufsetzte. Freddie, der eindeutig viel Reiseerfahrung besaß, führte sie durch die Passkontrolle und zur Gepäckhalle, wo sie ihre Koffer vom Band nahmen.

Sie fuhren mit dem Taxi in die Stadt, und unterwegs bestaunte Posy die hohen Giebelhäuser; sie standen bisweilen gefährlich schief entlang der baumbestandenen Kanäle, die sich durch das Zentrum von Amsterdam zogen. Alle Welt war auf dem Fahrrad unterwegs, Jung und Alt stürmte die schmalen gepflasterten Gassen entlang, Klingeln ertönten zur Warnung von Fußgängern und Autofahrern gleichermaßen.

Das Taxi hielt vor einem eleganten Stadthaus aus dem siebzehnten Jahrhundert, das ebenfalls an einem Kanal stand. »Was für eine schöne Stadt«, sagte sie ergriffen, als sie ausstieg.

»Ich habe Jeremy vor vielen Jahren einmal hier besucht und mich sofort in die Stadt verliebt. Ich wollte immer schon wieder mal herkommen. Das Schöne ist, man kann fast alles zu Fuß erreichen, weil das Zentrum so kompakt ist. Oder mit dem Boot.« Freddie deutete auf einen Kahn, der in dem Moment unter der den Kanal überspannenden Brücke hindurchfuhr. »Komm, jetzt lass uns einchecken, dann können wir die Stadt erkunden.«

Die Rezeption war geschmackvoll eingerichtet, zurückhaltend und behaglich. Posy setzte sich auf einen Stuhl, während Freddie eincheckte.

»Gut«, sagte er dann und händigte ihr einen Schlüssel aus. »Wie wär’s, wenn wir auspacken und dann einen Stadtbummel machen?«

Die nächsten zwei Stunden wanderten sie durch das Kanallabyrinth, bis sie sich in ein kleines Café setzten, um einen heißen Kakao zu trinken und auf dem Stadtplan nachzusehen, wo sie eigentlich waren.

»Du weißt schon, was man hier noch bekommt, oder?«, fragte Freddie und hob die Augenbrauen.

»Was?«

»Cannabis, so viel dein Herz begehrt.« Freddie deutete auf eine Tafel, die an der Bar lehnte und auf der eine Liste der erhältlichen Gras- und Haschischsorten stand. »Hast du’s jemals versucht?«

»Nein. Früher habe ich das immer abgelehnt. Und du?«

»Ab und zu mal.« Freddies Augen blitzten. »Wie wär’s mit einem Joint zu deiner heißen Schokolade?«

»Warum nicht?«

»Im Ernst?«

»Im Ernst.« Posy nickte. »Ich finde, man sollte alles zumindest einmal probieren.«

»Also gut.« Freddie ging zum Tresen und kehrte mit einem Joint und einer Schachtel Streichhölzer zurück. »Übrigens, ich habe um das Mildeste gebeten, das sie haben.« Er steckte den Joint an und machte einen Zug, dann reichte er ihn an Posy weiter. Vorsichtig zog sie daran, doch sobald der beißende Rauch in ihre Kehle drang, hustete sie heftig.

»Pfui Teufel!« Schaudernd reichte sie ihn ihm zurück.

»Gewöhnungsbedürftig, das gebe ich zu, aber zumindest hast du’s probiert. Noch mal?«

»Nein, danke.« Lachend fuhr sie sich über die Augen. »Du meine Güte! Wenn meine Söhne mich jetzt sehen könnten – mit einem Mann und einem Joint in der Hand in einem Café in Amsterdam.«

»Garantiert würden sie dich dafür bewundern«, sagte Freddie und drückte den Joint aus. »Genau wie ich. Sollen wir gehen?«

An dem Abend nahm Posy sich viel Zeit, um sich für das Abendessen herzurichten. Sie saß in ihrem schönen Zimmer mit Blick auf den Kanal vor dem Spiegel und gab sich beim Tuschen der Wimpern und dem Auftragen des Lippenstifts mehr Mühe als sonst.

Freddie, gekleidet in ein schickes blaues Hemd und ein adrettes Jackett, holte sie von ihrem Zimmer ab.

»Du siehst sehr hübsch aus, Posy«, sagte er. »Fertig?«

Sie gingen zu einem entzückenden französischen Bistro, das die Dame am Empfang ihnen empfohlen hatte. Bei einer guten Flasche Chablis und einem köstlichen Steak unterhielten sie sich über ihre Besichtigungspläne für den kommenden Tag, bevor abends das Fest stattfand.

»Wenn möglich, würde ich gerne in das Van-Gogh-Museum gehen«, sagte Posy, als Freddie ihr nachschenkte.

»Und ich würde gerne das Anne-Frank-Haus besuchen, es ist ganz in der Nähe von unserem Hotel. Vielleicht sollten wir das als Erstes machen, denn angeblich ist der Andrang sehr groß«, meinte Freddie. »Aber was ist mit den eher anrüchigen Attraktionen der Stadt? Ich habe gehört, dass die Live-Shows in bestimmten Stadtvierteln sehr … aufschlussreich sind.«

»Ich habe mir ein Herz gefasst und Haschisch probiert, aber ich glaube, bei Live-Sexshows kneife ich«, gab Posy zu. »Aber lass dich von mir nicht abhalten.«

»Mein Ding ist das auch nicht, das kann ich dir versichern. So, und was bestellen wir jetzt zum Dessert?«

Nach dem Essen gingen sie zufrieden zum Hotel zurück. Es war zwar Ende Oktober, und die Luft war kühl, trotzdem war es eine schöne, frische Nacht.

Posy hakte sich bei Freddie ein. »Ich bin ein bisschen beschwipst«, gestand sie. »Ich habe viel mehr als sonst getrunken.«

»Ab und zu schadet das doch nicht, oder?«

»Nein.« Sie hatten das Hotel erreicht. Posy drehte sich zu Freddie. »Ich möchte dir sagen, wie gut es mir hier gefällt und wie froh ich bin, dass ich mitgekommen bin.«

»Schön«, sagte er, als sie in die Lobby weitergingen. »Ein Brandy vorm Schlafengehen?«

»Nein, danke, Freddie. Ich bin erledigt und möchte morgen frisch sein.«

»Natürlich«, sagte er, als Posy ihren Schlüssel an der Rezeption entgegennahm. Er gab ihr sacht einen Kuss auf die Wange. »Schlaf gut, meine Liebe.«

Er sah ihr nach, wie sie schwungvoll die Stufen zu ihrem Zimmer im ersten Stock hinaufging. Niemand würde sie für fast siebzig halten – sie hatte die Energie einer wesentlich jüngeren Frau. Und dieselbe Lebenslust wie damals als Einundzwanzigjährige.

Freddie ging in die behagliche Bar und bestellte sich einen Brandy. Er betrachtete die anderen Paare, die auf den bequemen Sesseln beisammensaßen und miteinander plauderten, und seufzte tief. Genau das wünschte er sich auch, und zwar mit Posy. Aufgrund von Umständen, die er sich nie hätte vorstellen können, war ihm das schon einmal im Leben versagt worden. Als er sie also da auf seinem Boot gesehen hatte, hatte er in einer Woge der Euphorie gedacht, das Schicksal gewähre ihm womöglich eine zweite Chance.

Natürlich hatte er geglaubt, dass sie es in der Zwischenzeit erfahren hatte. Fast fünfzig Jahre waren vergangen, seit sie sich das letzte Mal gesehen hatten. Irgendjemand musste es ihr doch erzählt haben …?

Freddie trank einen Schluck von seinem Brandy. Nach dem ersten Lunch, als ihm klar geworden war, dass sie es immer noch nicht wusste, hatte er einfach aufstehen und gehen müssen, so sehr hatte es ihn bedrückt.

»Was tun?«, murmelte Freddie. Ihm war klar, dass sie nicht ewig so weitermachen konnten, dass er früher oder später weggehen musste, wie schon damals. Damals wäre sie an dem, was er wusste, zerbrochen. Die Frage war, würde sie heute besser damit zurechtkommen?

Er leerte den Brandy und holte sich von der Rezeption seinen Zimmerschlüssel. Er kam zu dem Schluss, dass er jemanden brauchte, mit dem er reden konnte – jemand, der Posy relativ gut kannte, der ihm aber unparteiisch einen Rat geben konnte.

Und Freddie glaubte, die richtige Person dafür zu kennen.

Posy sah aus dem Fenster, als das Flugzeug von Schiphol abhob. Es waren drei wunderbare Tage gewesen, und sie hatte jede Minute genossen. Das Fest war sehr schön gewesen, und Freddies Freund Jeremy und seine großartige Frau Hilde hatten sie herzlich aufgenommen.

Sie blickte zu Freddie hinüber, der mit geschlossenen Augen dasaß.

Ich liebe dich, dachte sie traurig. Das war der einzige Makel des ganzen Wochenendes gewesen: Freddie hatte sich, zu ihrem Leidwesen, wie immer als perfekter Gentleman verhalten. Wie so oft kam es ihr vor, dass vieles zwischen ihnen ungesagt geblieben war.

Sei nicht undankbar, Posy. Freu dich über das, was du mit Freddie hast, und denk nicht an das, was du nicht hast, ermahnte sie sich streng.

Nachdem sie ihre Koffer vom Gepäckband geholt hatten, fuhr Freddie schweigend nach Suffolk, die Augen auf die Straße gerichtet.

»Ist alles in Ordnung?«, fragte sie, als sie seine finstere Miene bemerkte.

»Entschuldige, Posy.« Freddie warf ihr ein mattes Lächeln zu. »Alles in Ordnung, aber vielleicht bin ich ein bisschen müde.«

Als sie in Admiral House ankamen, trug Freddie ihr den Koffer ins Haus. Sebastian stand in der Küche und machte sich gerade eine Tasse Tee.

»Guten Nachmittag, ihr Weltenbummler. Wie war’s in Amsterdam?«

»Großartig!«, sagte Posy. »Bitte entschuldigt mich, aber ich muss auf die Toilette.«

Als sie die Küche verließ, bot Sebastian Freddie eine Tasse Tee an.

»Nein, danke, ich muss los. Aber wie wär’s, wenn wir uns auf ein Bier verabreden? Es gibt etwas, worüber ich mich gerne mit Ihnen unterhalten würde …«