Kapitel 1

Posy erntete im Küchengarten gerade Karotten, als in den Tiefen ihrer Barbourjacke ihr Handy klingelte. Sie fischte es heraus und nahm das Gespräch an.

»Guten Morgen, Mum. Ich habe dich doch nicht geweckt, oder?«

»Guter Gott, nein, und selbst wenn, ich freue mich doch, von dir zu hören. Wie geht es dir, Nick?«

»Alles bestens, Mum.«

»Und wie sieht’s in Perth aus?«, fragte sie, richtete sich auf und schlenderte durch den Garten zur Küche.

»Langsam wird es heiß, gerade wenn es bei euch wieder kühler wird. Wie sieht’s bei dir aus?«

»Mir geht’s gut. Wie du weißt, ändert sich hier herzlich wenig.«

»Ich rufe an, um dir zu sagen, dass ich gegen Ende des Monats nach England komme.«

»Ach, Nick! Wie schön. Nach all den Jahren.«

»Zehn, um genau zu sein«, bestätigte ihr Sohn. »Langsam ist es an der Zeit, dass ich nach Hause komme, findest du nicht?«

»Aber ja. Ich bin überglücklich, mein Schatz. Du weißt doch, wie sehr du mir fehlst.«

»Und du mir, Mum.«

»Wie lang wirst du bleiben? Vielleicht sogar lang genug, um beim Fest zu meinem siebzigsten Geburtstag kommenden Juni der Ehrengast zu sein?«, fragte Posy und lächelte.

»Sehen wir mal, wie alles läuft, aber selbst wenn ich beschließen sollte, wieder herzukommen, bin ich bei deinem Fest auf jeden Fall dabei.«

»Soll ich dich vom Flughafen abholen?«

»Nein, nicht nötig. Ich werde erst ein paar Tage in London bei meinen Freunden Paul und Jane bleiben. Es gibt einige Dinge, die ich erledigen muss. Ich rufe dich an, sobald ich weiß, wann ich nach Admiral House fahren und dich besuchen kann.«

»Ich kann es gar nicht erwarten, mein Schatz.«

»Ich auch nicht, Mum. Wir haben uns viel zu lang nicht gesehen. Jetzt sollte ich langsam Schluss machen, aber ich melde mich bald wieder.«

»Sehr gut. Ach, Nick … Ich kann es gar nicht glauben, dass du nach Hause kommst.«

Er hörte die Rührung in ihrer Stimme. »Ich auch nicht. Lass dich drücken, und ich melde mich, sobald ich klarer sehe. Ciao.«

»Tschüss, mein Schatz.«

Von Gefühlen überwältigt sank Posy auf den alten Lederstuhl, der neben dem Kochherd stand.

Von ihren beiden Söhnen war Nick derjenige, an den sie die lebhaftesten Erinnerungen als Kleinkind hatte. Posy hatte immer das Gefühl, dass Nick ganz allein ihr Sohn war – vielleicht weil er so bald nach dem tragischen Tod seines Vaters zur Welt gekommen war.

Sicher war seine vorzeitige Geburt ausgelöst worden durch den entsetzlichen Schock, Jonny zu verlieren, mit dem sie dreizehn Jahre verheiratet gewesen war. Und da sie nun neben dem dreijährigen Sam noch das Baby Nick zu versorgen hatte, war ihr wenig Zeit zum Trauern geblieben.

Es hatte so viel zu organisieren und so viele schwerwiegende Entscheidungen zu treffen gegeben, und das zu einer Zeit, in der sie sich so schwach wie nie zuvor im Leben gefühlt hatte. Alle Zukunftspläne, die sie und Jonny gemacht hatten, mussten auf Eis gelegt werden. Wenn sie zwei kleine Kinder allein großziehen wollte – Kinder, die ihre Liebe und Fürsorge mehr denn je brauchten –, würde es ihr unmöglich sein, Admiral House in das Unternehmen zu verwandeln, das sie gemeinsam geplant hatten.

Wenn es einen besonders schlechten Zeitpunkt gab, um seinen Mann zu verlieren, dachte Posy, dann war der es gewesen. Nachdem Jonny zwölf Jahre lang in aller Herren Länder stationiert worden war, hatte er beschlossen, den Armeedienst zu quittieren und den sehnsüchtigen Traum seiner Frau zu erfüllen, nach Admiral House zurückzukehren und ihrer kleinen Familie – und sich – ein richtiges Zuhause zu schaffen.

Posy stellte den Kessel an und erinnerte sich, wie heiß es in dem August vor vierunddreißig Jahren gewesen war, als Jonny mit ihr durch die goldene Landschaft Suffolks hergefahren war. Sie war gerade mit Nick schwanger geworden. Wegen Nervosität gepaart mit Schwangerschaftsübelkeit hatten sie unterwegs zweimal anhalten müssen, und als sie schließlich das gusseiserne Tor passierten, hatte Posy die Luft angehalten.

Sobald Admiral House aufgetaucht war, hatten Bilder von früher sie überflutet. Es sah genauso aus, wie sie es in Erinnerung hatte, vielleicht etwas älter und weniger glanzvoll, aber das war sie selbst ja auch. Jonny hatte die Wagentür geöffnet und ihr beim Aussteigen geholfen, Sam war zu ihr gelaufen und hatte sich an ihrer Hand festgehalten, während sie die Stufen zu der gewaltigen Eingangstür hinaufgingen.

»Willst du aufschließen?«, hatte sie ihren Sohn gefragt und ihm den schweren Schlüssel in die Patschhand gelegt.

Er hatte genickt, und sie hatte ihn hochgehoben, damit er den Schlüssel ins Schloss stecken konnte.

Gemeinsam hatten sie die schwere Tür aufgeschoben, und die Sonne hatte ihnen einen Weg in das dunkle, mit Fensterläden verschlossene Haus geleuchtet. Rein nach dem Gedächtnis hatte Posy den Lichtschalter gefunden. Plötzlich war die Halle von elektrischem Licht erfüllt, und alle hatten zu dem prachtvollen Leuchter hinaufgeblickt, der sechs Meter über ihnen hing.

Weiße Laken bedeckten die Möbel, der Boden verschwand unter einer dicken Staubschicht, die aufwirbelte, als Sam die hochherrschaftliche Freitreppe hinaufstürmte. Tränen waren Posy in die Augen getreten, sie hatte sie fest zusammengekniffen, überwältigt von den Anblicken und Gerüchen ihrer Kindheit – Maman, Daisy, Daddy … Als sie sie wieder öffnete, hatte Sam von oben auf der Treppe zu ihr heruntergewunken, und sie war zu ihm hinaufgegangen, um die anderen Räume in Augenschein zu nehmen.

Auch Jonny verliebte sich sofort in das Haus, auch wenn er nachvollziehbare Bedenken wegen der Instandhaltung hatte.

»Es ist riesig, mein Schatz«, hatte er gesagt, als sie sich an den alten Eichentisch in der Küche setzten, wo Posy unwillkürlich Daisy beim Ausrollen von Teig vor sich sah. »Und es muss wieder in Schuss gebracht werden.«

»Nun ja, es hat ja seit über fünfundzwanzig Jahren niemand mehr hier gewohnt«, hatte sie geantwortet.

Nachdem sie sich häuslich eingerichtet hatten, waren sie diverse Möglichkeiten durchgegangen, wie Admiral House einen dringend notwendigen Zuschuss zu Jonnys Offizierspension liefern könnte. Sie hatten beschlossen, das Haus zu renovieren und es später als Bed-und Breakfast-Pension für zahlende Gäste zu eröffnen.

Nach all den Jahren bei der Armee war Jonny ein paar Monate später ironischerweise durch die Metallzähne eines Mähdreschers ums Leben gekommen, der ihn frontal erwischte, als er wenige Kilometer von Admiral House entfernt um eine enge Kurve fuhr.

Jonny hatte ihr seine Pension hinterlassen sowie zwei Lebensversicherungen. Darüber hinaus war sie zwei Jahre zuvor beim Tod ihrer Großmutter deren Alleinerbin gewesen und hatte das Geld vom Verkauf des Herrenhauses in Cornwall angelegt. Außerdem hatte sie etwas Vermögen von ihrer Mutter geerbt, die im Alter von fünfundfünfzig Jahren an Lungenentzündung gestorben war (was Posy nach wie vor verwunderte, schließlich hatte sie viele Jahre in Italien gelebt).

Sie hatte erwogen, Admiral House zu verkaufen, aber wie der Makler sagte, den sie um eine Schätzung gebeten hatte, gab es kaum noch Leute, die ein Haus dieser Größe besitzen wollten. Selbst wenn sie einen Käufer fände, würde sie weit weniger dafür bekommen, als es tatsächlich wert war.

Abgesehen davon liebte sie das Haus, sie war ja gerade erst wieder eingezogen, und nach Jonnys Tod tat es ihr gut, die vertrauten, tröstlichen Hausmauern ihrer Kindheit um sich zu spüren.

Nach langem Rechnen war sie zu dem Schluss gekommen, dass ihnen das Geld zu dritt gerade genügen sollte, sofern sie, Posy, ihre Ansprüche nicht zu hoch schraubte und für größere Ausgaben bisweilen ihre Ersparnisse und Investitionen angriff.

In den einsamen, dunklen Tagen der ersten Monate ohne Jonny war Nicks sonniges, genügsames Wesen ihr ein großer Trost gewesen, und als er zu einem zufriedenen, fröhlichen Kleinkind heranwuchs, das sorglos durch den Küchengarten tapste, hatte sie Hoffnung für die Zukunft geschöpft.

Natürlich war es für Nick sehr viel einfacher gewesen – er konnte nicht vermissen, was er nie gekannt hatte. Sam hingegen war alt genug gewesen, um den kalten Hauch des Todes zu spüren, der sein Leben verändert hatte.

»Wann kommt Daddy wieder?«

Posy erinnerte sich, dass er diese Frage wochenlang jeden Abend gestellt hatte, und es brach ihr das Herz, das Unverständnis in seinen großen blauen Augen zu sehen, die denen seines Vaters so sehr ähnelten. Jeden Abend hatte sie sich gewappnet und gesagt, Daddy werde nie mehr wiederkommen, er sei in den Himmel gegangen und beschütze sie von dort oben. Irgendwann schließlich hatte Sam aufgehört zu fragen.

Das Wasser kochte. Posy rührte Instantkaffee in die Milch in ihrem Becher und füllte ihn mit heißem Wasser auf.

Damit stellte sie sich ans Fenster und sah auf den uralten Baum hinaus, der Generationen von Kindern zuverlässig eine üppige Kastanienernte beschert hatte. Die stachligen grünen Früchte hingen, wenn auch noch klein, bereits an den Zweigen, verkündeten das Ende des Sommers und läuteten den Herbst ein.

Der Gedanke an die Kastanien ließ sie an den Beginn des Schuljahres denken – vor dem ihr, als die Jungen kleiner gewesen waren, immer gegraut hatte, mussten dann doch neue Schuluniformen gekauft, mit Etiketten versehen und die großen Koffer aus dem Keller gewuchtet werden. Und dann, nach ihrer Abfahrt, die entsetzliche Stille.

Posy hatte lang mit sich gerungen, ob sie ihre geliebten Söhne tatsächlich aufs Internat schicken sollte. Auch wenn Generationen von Kindern sowohl in Jonnys als auch in ihrer Familie fortgeschickt worden waren – es war Ende der Siebzigerjahre, die Zeiten hatten sich geändert. Allerdings wusste sie aus eigener Erfahrung, dass sie durch das Internat nicht nur eine Ausbildung, sondern auch Unabhängigkeit und Disziplin erworben hatte. Jonny hätte sich gewünscht, dass seine Söhne aufs Internat gingen; er hatte oft davon gesprochen, sie auf seine Schule zu schicken. Also hatte Posy ihre Investitionen angetastet – und sich mit dem Gedanken beruhigt, dass auch ihre Großmutter das gutheißen würde – und zuerst Sam, dann auch Nick bei einem Internat in Norfolk angemeldet: nicht so weit entfernt, als dass sie nie zu einem ihrer Rugbyspiele oder einer Schultheateraufführung fahren konnte, aber zu weit, um sie bei jedem Anfall von Heimweh abzuholen.

Sam hatte sie häufig angerufen. Er hatte sich nur schwer eingelebt und sich ständig mit dem einen oder anderen Freund zerstritten. Von Nick allerdings, der seinem Bruder drei Jahre später gefolgt war, hatte sie nur selten gehört.

Anfangs, als die Jungen noch klein waren, hatte sie sich oft danach gesehnt, Zeit für sich zu haben, aber als ihre beiden Söhne dann auf dem Internat waren und sie diese Zeit schließlich hatte, hatte die Einsamkeit sie überwältigt und nicht mehr aus ihrem Griff entlassen.

Zum ersten Mal in ihrem Leben war Posy morgens beim Aufwachen kein einziger Grund eingefallen, weshalb sie aufstehen sollte. Ihr war klar geworden, dass ihr der Mittelpunkt ihres Lebens genommen worden war und dass alles, was darum herum existierte, letztlich bedeutungslos war. Als sie ihre Söhne fortschickte, kam es ihr vor, als müsse sie sich zum zweiten Mal mit einem Verlust abfinden.

Bei dem Gedanken hatte sie innerlich Abbitte geleistet: Bis zu dem Zeitpunkt hatte sie Depressionen weder gekannt noch verstanden und als Zeichen von Schwäche betrachtet. Doch in dem schrecklichen Monat, nachdem Nick zum ersten Mal ins Internat gefahren war, bekam sie ein schlechtes Gewissen, jemals geglaubt zu haben, man könne das einfach abstellen. Ihr war klar geworden, dass sie ein Projekt brauchte, um sich davon abzulenken, wie sehr ihre Söhne ihr fehlten.

Eines Vormittags im Herbst war sie im Arbeitszimmer ihres Vaters in seiner Schreibtischschublade auf einen Stapel alter Pläne für den Garten gestoßen. Offenbar hatte er vorgehabt, die parkähnlichen Anlagen in etwas Spektakuläres zu verwandeln. Die Tinte auf dem Pergamentpapier, das stets im Dunkeln gelegen hatte, war noch frisch wie am ersten Tag, und sie konnte die Linien und Abmessungen, die ihr Vater in seiner akkuraten Schrift eingetragen hatte, deutlich erkennen. Abgesehen vom Turm hatte er einen Bereich für einen Schmetterlingsgarten vorgesehen und mehrjährige Pflanzen aufgelistet, die viel Nektar produzierten und zu einer üppigen Farbenpracht erblühen würden. Ein Glyzinienweg führte zu einem Obstgarten mit ihren liebsten Früchten: Birnen, Äpfel, Pflaumen und selbst Feigen.

Neben dem Küchengarten hatte er auch ein großes Gewächshaus geplant sowie einen kleineren ummauerten Garten, aber laut einer Anmerkung auch einen »Weidenbogenweg für Posy zum Spielen«. Gewundene Gartenpfade verbanden die einzelnen Bereiche. Über seine Idee für einen Teich neben dem Krocketrasen (»um erhitzte Gemüter abzukühlen«) hatte sie gelacht. Es gab auch einen Rosengarten mit dem Vermerk »für Adriana«.

Und so war sie noch am selben Nachmittag, ausgestattet mit Schnur und Weidenstöcken, nach draußen gegangen und hatte einige Rabatten abgesteckt, die er geplant hatte und die sie mit Traubenhyazinthen, Winterlingen und Krokussen bepflanzen würde. Die brauchten wenig Pflege und boten den Bienen die erste Nahrung, wenn sie aus ihrem Winterschlaf erwachten.

Einige Tage später, als ihre Hände tief in der weichen Erde steckten, lächelte Posy zum ersten Mal seit Wochen. Der Geruch des Komposts, die milde Sonne auf ihrem Kopf und das Setzen der Zwiebeln, die im nächsten Frühjahr in bunter Herrlichkeit erblühen würden, erinnerten sie an ihre Zeit in Kew.

An diesem Tag hatte eine mittlerweile fünfundzwanzig Jahre währende Leidenschaft begonnen. Sie hatte das riesige Gelände in Bereiche unterteilt und sich jeweils im Frühjahr und im Herbst einen davon vorgenommen. Dabei hatte sie die Gestaltung ihres Vaters mit eigenen Entwürfen ergänzt, darunter ihr Schmuckstück – ein französischer Garten unterhalb der Terrasse, in dem verschlungene niedrige Buchsbaumhecken Beete mit süß duftendem Lavendel und Rosen umfassten. Sie instand zu halten war zwar eine höllische Arbeit, aber aus den Empfangsräumen und den Schlafzimmern boten sie einen traumhaften Anblick.

Kurz gesagt, der Garten war ihr Herr und Meister, ihr Freund und Geliebter geworden und hatte ihr wenig Zeit für anderes gelassen.

»Mum, das ist fantastisch«, sagte Nick, wann immer er in den Ferien nach Hause kam und sie ihm ihr neuestes Beet zeigte.

»Ja, aber was gibt’s zum Essen?«, fragte Sam dann meist und kickte einen Ball quer über die Terrasse. Dreimal waren dabei die Fenster des Gewächshauses zu Bruch gegangen.

Als sie die Zutaten für den Kuchen zusammensuchte, den sie später ihren Enkelkindern vorbeibringen wollte, regte sich in Posy das vage Schuldgefühl, das sich bei jedem Gedanken an ihren älteren Sohn einstellte.

Sosehr sie Sam auch liebte, sie hatte ihn immer als weit schwieriger empfunden als Nick. Vielleicht, weil sie und ihr jüngster Sohn so viele Gemeinsamkeiten hatten. Seine Vorliebe für »alten Plunder« etwa, wie Sam es nannte, als er zusah, wie sein Bruder hingebungsvoll eine von Holzwürmern zerfressene Truhe restaurierte. Während Sam ständig voll Tatendrang steckte, ohne sich lange auf etwas konzentrieren zu können, und schnell in die Luft ging, war Nick viel ruhiger. Er hatte ein Auge für alles Schöne, was er, wie Posy gerne dachte, von ihr geerbt hatte.

Die erschreckende Wahrheit lautete, dachte sie, während sie die Eier unter die Backmischung rührte, dass man seine Kinder zwar lieben konnte, aber das bedeutete nicht, dass man sie deswegen unbedingt gleichermaßen gernhatte.

Was sie am meisten schmerzte, war, dass die beiden sich nicht nahestanden. Posy erinnerte sich noch, wie Nick als kleiner Junge seinem großen Bruder im Garten immer hinterhergewackelt war; es war unverkennbar, dass er ihn über alles verehrte. Doch als die Jahre vergingen, hatte sie mit ansehen müssen, dass Nick ihm in den Ferien zusehends aus dem Weg ging und lieber bei ihr in der Küche blieb oder in der Scheune seine Möbel restaurierte.

Sie waren natürlich grundverschieden – Sam extravertiert selbstbewusst, Nick nach innen gekehrt. Ihr Leben war zwar verbunden durch den Faden, den die Jahrzehnte seit ihrer Kindheit gesponnen hatten, doch es hatte sie in sehr unterschiedliche Richtungen geführt.

Nach dem Schulabschluss hatte Sam nach einem Intermezzo an der Universität das Studium geschmissen und war nach London gezogen. Dort hatte er sein Glück mit IT, als Koch und als Immobilienmakler versucht, doch alle Vorhaben hatten sich nach wenigen Monaten sang- und klanglos in nichts aufgelöst. Vor zehn Jahren war er nach Southwold zurückgekehrt, hatte geheiratet und versuchte momentan, nach weiteren gescheiterten Unternehmensgründungen sein eigenes Maklerbüro auf die Beine zu stellen.

Und wann immer er mit seinem neuesten Vorhaben zu Posy gekommen war, hatte sie ihn nach Kräften unterstützt. Aber vor Kurzem hatte sie beschlossen, ihm kein Geld mehr zu leihen, sosehr er sie auch bedrängte. Allein schon, weil sie nur noch wenig zu verleihen hatte, da ihr geliebter Garten das Gros ihrer Investitionen aufgefressen hatte. Vor einem Jahr dann hatte sie eine ihrer kostbaren Staffordshire-Figuren verkauft, um Sams »wasserdichten« Geschäftsplan zu finanzieren, Filme für das Marketing lokaler Unternehmen zu machen. Der Erlös der Figur war für immer verloren gewesen, als die Firma nach neun Monaten Pleite gemacht hatte.

Die Schwierigkeit, die es ihr bereitete, Sam etwas abzuschlagen, hing auch damit zusammen, dass er einen richtigen Schatz zur Frau gefunden hatte. Amy war ein wahrer Engel und hatte sogar noch gelächelt, als Sam ihr kürzlich eröffnete, sie müssten zum x-ten Mal wegen Geldmangel aus ihrem gemieteten Haus in ein kleineres ziehen.

Amy hatte von Sam zwei gesunde Kinder bekommen – Jake, der mittlerweile sechs, und Sara, die vier war –, außerdem hatte sie eine feste Stelle als Rezeptionistin in einem Hotel in Southwold, womit sie ein zwar kleines, aber dringend benötigtes regelmäßiges Einkommen zum Haushalt beisteuerte. Zudem unterstützte sie ihren Mann vorbehaltlos, was sie in Posys Augen zu einer Heiligen machte.

Was Nick betraf, schlug Posy das Herz höher, wenn sie daran dachte, dass ihr Sohn endlich nach England zurückkehren würde. Nach dem Schulabschluss hatte er die Angebote mehrerer erstklassiger Universitäten ausgeschlagen und stattdessen erklärt, er wolle ins Antiquitätengeschäft einsteigen. Zunächst hatte er Teilzeit bei einem Auktionshaus im Ort gearbeitet und mit etwas Glück schließlich eine Lehrstelle bei einem Antiquitätenhändler in Lavenham gefunden, zu dem er jeden Tag von Admiral House gependelt war.

Bereits mit einundzwanzig Jahren hatte er in Southwold sein eigenes Antiquitätengeschäft eröffnet und sich schon bald einen Ruf für interessante und ausgefallene Antiquitäten erworben. Posy war überglücklich gewesen, dass ihr Sohn sein Leben offenbar hier verbringen wollte. Zwei Jahre später hatte er die benachbarten Räumlichkeiten angemietet und sein florierendes Unternehmen erweitert. Wenn er unterwegs auf Einkaufstour war, verließ Posy ihren geliebten Garten, verbrachte den Tag im Geschäft und bediente die Kunden.

Einige Monate später berichtete er ihr, er habe eine Vollzeitkraft eingestellt, die den Laden führen solle, wenn er auf Auktionen unterwegs sei. Evie Newman war keine klassische Schönheit, denn durch ihre zierliche Gestalt und ihr elfengleiches Gesicht wirkte sie eher wie ein Kind als eine Frau. Aber ihre großen braunen, seelenvollen Augen hatten einen geradezu betörenden Reiz. Als Nick sie ihr vorstellte, hatte Posy gesehen, dass ihr Sohn nicht den Blick von Evie lassen konnte, und gewusst, dass er sich verliebt hatte.

Nicht, dass er seinem Herzen folgen konnte. Evie hatte einen langjährigen Freund, dem sie treu ergeben war. Posy war ihm einmal begegnet und überrascht gewesen, dass Evie sich zu diesem pinschergesichtigen pseudointellektuellen Brian hingezogen fühlen konnte. Als geschiedener Soziologiedozent am College in Southwold, der gut fünfzehn Jahre älter als Evie war, hatte er feste Überzeugungen, die er bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit zum Besten gab. Posy war er auf Anhieb unsympathisch gewesen.

Als Nick zunehmend häufiger auf Einkaufstour unterwegs war, hatte Posy Evie geholfen, sich in die Finessen des Geschäfts einzuarbeiten, und trotz des Altersunterschieds waren sie gute Freundinnen geworden. Evie hatte ihre Eltern schon als kleines Kind verloren und lebte bei ihrer Großmutter in einem verwinkelten viktorianischen Haus in Southwold. Und Posy, die keine eigene Tochter hatte, freute sich an der Gesellschaft der jungen Frau.

Bisweilen begleitete Evie Nick auf seinen Reisen, und Posy blieb zurück, um im Geschäft die Stellung zu halten. Sie freute sich immer, wenn Evie dann mit funkelnden Augen von einer solchen Fahrt zurückkam und mit ihren ausdrucksvollen Händen etwa eine elegante Chiffoniere beschrieb, die sie für so gut wie nichts bei einer Auktion in einem prachtvollen Schloss in Südfrankreich erstanden hatten.

Trotz ihres Vorsatzes, sich nicht auf Nicks Anwesenheit in ihrem Leben zu verlassen, hatte es ihr doch einen Schock versetzt, als er nach den Jahren des einträchtigen Neben- und Miteinanders in Admiral House aus heiterem Himmel erklärte, er werde das Geschäft verkaufen und nach Australien gehen. Dazu kam, dass Evie wenig später verkündete, Brian habe an einem College in Leicester eine gute Stelle bekommen. Offenbar hatte er ihr einen Heiratsantrag gemacht, den sie angenommen hatte. Sie sollten Southwold sofort verlassen.

Posy hatte herauszufinden versucht, weshalb ihr Sohn glaubte, das erfolgreiche Geschäft, das er mit so großem Einsatz aufgebaut hatte, aufgeben und auf die andere Seite der Welt ziehen zu müssen, aber Nick hatte sich in Schweigen gehüllt. Sie hatte vermutet, dass es etwas mit Evie zu tun hatte, zumal auch sie fortzog; irgendetwas konnte nicht ganz stimmen.

Nick fand praktisch sofort einen Käufer für sein Geschäft und reiste wenig später nach Perth ab. Einen Teil seiner Lagerbestände verschiffte er als Starthilfe in seine neue Heimat. Posy hatte ihm gegenüber mit keiner Silbe erwähnt, wie verloren sie sich ohne ihn vorkommen würde.

Dass Evie nicht kam, um sich von ihr zu verabschieden, ehe sie Southwold verließ, hatte Posy tief getroffen, aber sie hatte sich gesagt, dass sie nun einmal eine ältere Frau im Leben eines jungen Menschen war, und nur weil sie Evie ins Herz geschlossen hatte, bedeutete das nicht, dass ihre Gefühle erwidert werden mussten.

Dann wurden die Tage kürzer, und die Einsamkeit hatte sich wieder in ihr Leben geschlichen, zumal sie in der Jahreszeit in ihrem geliebten Garten, der nun Winterschlaf hielt, nichts verrichten konnte. Ohne die Ablenkung, die er ihr bot, wusste Posy, dass sie sich dringend etwas suchen musste, um die Leere zu füllen. Also hatte sie sich in Southwold umgehört und eine Teilzeitstelle gefunden, in der sie drei Vormittage die Woche in einer Kunstgalerie arbeitete. Auch wenn moderne Gemälde nicht ganz ihre Sache waren, verdiente sie damit etwas Nadelgeld, abgesehen davon war sie beschäftigt. Sie hatte den Inhaber nie über ihr wahres Alter aufgeklärt, und so arbeitete sie zehn Jahre später immer noch dort.

»Fast siebzig«, murmelte Posy, als sie den Kuchen in den Herd schob und die Zeituhr zum Mitnehmen stellte. Auf dem Weg zur Treppe überlegte sie sich, dass Mutter zu sein eine Herkulesarbeit war. So erwachsen ihre beiden Söhne mittlerweile auch sein mochten, sie machte sich nach wie vor Sorgen um sie. Wenn überhaupt, sogar noch mehr, denn als sie klein gewesen waren, hatte sie zumindest in jedem Moment gewusst, wo sie waren und wie es ihnen ging. Sie hatte immer ein Auge auf sie gehabt, was jetzt, nachdem sie längst das Nest verlassen hatten, natürlich nicht mehr der Fall war.

Die Beine taten ihr beim Treppensteigen etwas weh, was sie an all die Dinge erinnerte, die sie am liebsten beiseiteschob. Auch wenn sie in ihrem Alter legitimerweise anfangen könnte, sich über Wehwehchen zu beschweren, wusste sie, dass sie sich glücklich schätzen musste, so fit zu sein.

»Aber«, sagte sie zu einem Vorfahren, dessen Porträt auf dem Treppenabsatz hing, »wie lange noch?«

In ihrem Zimmer trat sie ans Fenster und zog die schweren Vorhänge zurück. Nie war das Geld da gewesen, sie zu ersetzen, und das ursprüngliche Muster des Stoffs war völlig verblasst.

Von hier hatte sie den schönsten Blick auf den Garten, den sie geschaffen hatte. Bereits jetzt im Frühherbst bereitete sich die Natur auf den Winter vor. Die schräg einfallenden Strahlen der Nachmittagssonne färbten das Laub der Bäume allmählich zu einem satten Gold, die letzten Rosenblüten hingen betörend duftend an den Sträuchern. Im Küchengarten wuchsen die orangefarbenen Kürbisse zu immenser Größe heran, die Bäume im Obstgarten waren beladen mit rotwangigen Äpfeln. Und der französische Garten direkt unter ihrem Fenster sah schlichtweg atemberaubend aus.

Posy wandte sich von der Schönheit vor ihrem Fenster ab und betrachtete das geräumige Zimmer, in dem Generationen von Andersons geschlafen hatten. Ihr Blick wanderte von der ehemals erlesenen chinesisch gemusterten Tapete, die sich in den Ecken ablöste und hier und da Flecken aufwies, über den fadenscheinigen Teppich, auf dem allzu oft etwas verschüttet worden war, zu den verblichenen Mahagonimöbeln.

»Und das ist nur der eine Raum. Es gibt fünfundzwanzig weitere, die von Grund auf renoviert werden müssten, ganz zu schweigen von der Bausubstanz selbst«, murmelte sie vor sich hin.

Posy war sich bewusst, dass sie an dem Haus in den vergangenen Jahrzehnten nur das Allernötigste getan hatte, zum Teil aus finanziellen Gründen, aber vor allem, weil sie ihre ganze Aufmerksamkeit, wie einem Lieblingskind, dem Garten geschenkt hatte. Währenddessen aber war das Haus, wie jedes vernachlässigte Kind, unbemerkt etwas verlottert.

»Meine Zeit hier neigt sich allmählich dem Ende zu«, sagte sie seufzend und gestand sich ein, dass dieses wunderschöne alte Haus allmählich zu einer Last wurde. Selbst wenn sie für eine Frau von neunundsechzig Jahren fit und gesund war, konnte sie nicht wissen, wie lange das noch so blieb. Was sie allerdings wusste, war, dass das Haus bald nicht mehr renovierbar sein würde, wenn nicht in näherer Zukunft große Investitionen getätigt würden.

Der Gedanke, die Segel zu streichen und in etwas Kleineres zu ziehen, erschreckte sie, allerdings wusste sie auch, dass sie realistisch sein musste. Sie hatte weder mit Sam noch mit Nick über die Möglichkeit gesprochen, Admiral House zu verkaufen, aber das sollte sie jetzt angesichts von Nicks Rückkehr vielleicht tun.

Beim Entkleiden erhaschte Posy im kippbaren Standspiegel einen Blick auf sich. Das Grau in ihren Haaren, die Falten um ihre Augen und die Haut, die nicht mehr so straff war wie früher, bedrückten sie, und sie wandte den Kopf ab. Es war einfacher, nicht hinzusehen, denn innerlich war sie noch eine Frau voll jugendlichem Schwung, dieselbe Posy, die getanzt und gelacht und geliebt hatte.

»Himmel, mir fehlt Sex!«, erklärte sie der Kommode, als sie nach frischer Unterwäsche suchte. Vierunddreißig Jahre waren eine sehr lange Zeit, um nicht von einem Mann berührt zu werden, seine Haut nicht an ihrer zu spüren, nicht liebkost zu werden, während er sich in ihr bewegte …

Nach Jonnys Tod hatte es durchaus Männer gegeben, die Interesse an ihr bekundet hatten, vor allem in den ersten Jahren. Vielleicht aus dem Grund, weil ihre Aufmerksamkeit allein den Jungen galt und später dem Garten, aber nach ein oder zwei »Dates«, wie ihre Söhne sie bezeichneten, hatte Posy nie das Bedürfnis verspürt, die Beziehung zu vertiefen.

»Und jetzt ist es zu spät«, sagte sie ihrem Spiegelbild, als sie sich an die Frisierkommode setzte und die billige Hautcreme – die einzige Kosmetik, die sie regelmäßig verwendete – auf ihrem Gesicht verrieb.

»Sei nicht undankbar, Posy. Zweimal im Leben die Liebe gefunden zu haben, ist mehr, als den meisten anderen vergönnt ist.«

Als sie aufstand, schob sie alle dunklen und abwegigen Gedanken beiseite und konzentrierte sich auf die weit erfreulichere Aussicht, dass ihr Sohn aus Australien zurückkehren würde. Unten holte sie den Kuchen aus dem Ofen, nahm ihn aus der Form und stellte ihn zum Abkühlen auf die Arbeitsfläche. Dann ging sie durch die Küche in den Hinterhof, schloss ihren betagten Volvo auf, fuhr die Auffahrt hinunter und bog rechts auf die Straße ein, die sie in zehn Minuten nach Southwold bringen würde.

Auf dem Weg zur Uferstraße kurbelte sie trotz des frischen Septemberwinds das Fenster nach unten, um die salzige Seeluft einzuatmen, in die sich wie immer der Geruch von gebackenen Krapfen und Fish and Chips vom Stand am Pier mischte. Der Pier ragte in die Nordsee hinaus, stahlgrau unter diesig-blauem Himmel. Adrette weiße Reihenhäuser säumten die Straße, die Geschäfte im Erdgeschoss boten Strandutensilien feil, am Bürgersteig patrouillierten Möwen auf der Suche nach Essensresten.

Im Grunde hatte sich der Ort seit ihrer Kindheit kaum verändert, nur hatte seine altmodisch anmutende Seebad-Atmosphäre unglücklicherweise wohlhabende Mittelschichtfamilien dazu veranlasst, sich hier Ferienwohnungen anzuschaffen. Dadurch waren die Immobilienpreise in irrwitzige Höhen geklettert. Das mochte der Wirtschaft der kleinen Stadt zwar nutzen, doch das Gefüge der früher eng vernetzten Gemeinschaft hatte sich dadurch unwiederbringlich verändert. Die Besitzer von Zweitwohnungen strömten im Sommer in den Ort, sodass die Parkplatzsuche zum Albtraum geriet, und verschwanden Ende August wieder wie ein Schwarm Geier, der einen Kadaver abgefressen hatte.

Jetzt, im September, wirkte die Stadt leblos und verwaist, als hätten die Horden sie jeglicher Energie beraubt. Beim Parken in der High Street sah sie in der Boutique ein Schild mit der Aufschrift »Schlussverkauf«, vor dem Buchladen standen keine Tische mit Romanen aus zweiter Hand mehr.

Flott ging sie die Straße entlang und nickte allen, denen sie begegnete und die sie grüßten, ein »Guten Morgen« zu. Das Gefühl, hierher zu gehören, gefiel ihr; das zumindest hatte sie. Beim Zeitschriftenhändler holte sie ihr tägliches Exemplar des Telegraph ab.

In die Schlagzeilen vertieft, stieß sie beim Herauskommen mit einem kleinen Mädchen zusammen.

»Entschuldigung«, sagte sie und senkte den Blick, um dem eines Kinds mit braunen Augen zu begegnen.

»Keine Ursache.« Die Kleine zuckte mit den Schultern.

»Du meine Güte«, sagte Posy nach einer kurzen Pause, »entschuldige, dass ich dich so anstarre, aber du erinnerst mich sehr an jemanden, den ich früher einmal kannte.«

»Ach.« Unbehaglich trat das Mädchen von einem Bein aufs andere. Posy machte einen Schritt zur Seite, um ihr den Weg in den Laden frei zu räumen. »Auf Wiedersehen.«

»Auf Wiedersehen.« Damit ging Posy weiter die High Street entlang Richtung Galerie, bis eine vertraute Gestalt ihr im Laufschritt entgegenkam.

»Evie? Das bist doch du, oder nicht?«

Die junge Frau blieb abrupt stehen, vor Verlegenheit wurde ihr blasses Gesicht rot.

»Ja. Guten Morgen, Posy«, sagte sie leise.

»Wie geht es dir, meine Liebe? Und was in aller Welt machst du hier in Southwold? Besuchst du alte Freunde?«

»Nein.« Evie betrachtete angelegentlich ihre Füße. »Wir sind vor zwei Wochen wieder hergezogen. Ich … wir wohnen jetzt wieder hier.«

»Wirklich?«

»Ja.«

»Ach, ich verstehe.«

Evie vermied auch weiterhin jeden Blickkontakt. Sie war viel schmaler als früher, und statt ihrer langen, dunklen Haare trug sie einen Kurzhaarschnitt.

»Ich glaube, ich habe vor dem Zeitungsladen gerade deine Tochter gesehen. Ich dachte mir doch, dass sie dir sehr ähnlich sieht. Seid ihr drei auf Dauer wieder hier?«

»Wir zwei, ja«, antwortete Evie. »Und wenn du mich jetzt entschuldigen würdest, Posy, ich bin furchtbar in Eile.«

»Natürlich. Und«, fügte Posy hinzu, »ich arbeite mittlerweile in der Mason’s Gallery, drei Häuser weiter vom Swan. Wenn du einmal Lust auf einen Lunch hast, komm vorbei, ich würde mich wirklich freuen, dich zu sehen. Und deine Tochter, wie heißt sie?«

»Clemmie. Sie heißt Clemmie.«

»Die Abkürzung von Clementine, vermute ich, wie Winston Churchills Frau?«

»Ja.«

»Ein schöner Name. Also, Evie, auf Wiedersehen, und willkommen in Southwold.«

»Danke. Auf Wiedersehen.«

Auf der Suche nach ihrer Tochter steuerte Evie auf den Zeitungsladen zu, und Posy ging die letzten Schritte zur Galerie. Evies offensichtliches Unbehagen in ihrer Gegenwart kränkte sie, und sie fragte sich, was sie getan haben konnte, dass Evie sich ihr gegenüber so abweisend verhielt.

Während sie die Tür aufschloss und nach dem Lichtschalter tastete, dachte sie darüber nach, was Evie ihr indirekt mitgeteilt hatte – nämlich, dass sie nicht mehr mit ihrem langjährigen Partner Brian zusammen war. So gern Posy mehr darüber erfahren würde, glaubte sie nicht, dass es je dazu kommen würde. Evies Reaktion nach zu urteilen, würde die junge Frau bei der nächsten Begegnung vermutlich eher auf die andere Straßenseite wechseln.

Eines allerdings hatte sie in ihren fast siebzig Lebensjahren gelernt, nämlich, dass Menschen merkwürdige Wesen waren und immer wieder für eine Überraschung gut. Evie hat ihre Gründe, sagte sie sich, als sie ins Büro am anderen Ende der Galerie ging und den Kessel für ihre traditionelle zweite Tasse Kaffee anschaltete.

Allerdings wüsste sie nur zu gerne, welche Gründe das waren.