Kapitel 14
Am nächsten Morgen beim Ankleiden hörte Posy einen Wagen die Auffahrt heraufkommen und stellte überrascht fest, dass es Sams uralter roter Fiat war. Sie ging nach unten und fand ihren Sohn im Eingang stehen, wo er zum Kronleuchter hinaufblickte.
»Guten Morgen, mein Lieber. Was für eine schöne Überraschung!«
»Hi, Mum.« Sam gab ihr einen Kuss. »Wie geht’s?«
»Ach, ganz gut, wie immer. Ich habe dich schon lange nicht mehr gesehen. Wie komme ich zu der Ehre deines Besuchs?«, fragte sie.
»Es tut mir leid, Mum, ich weiß, dass ich mich schon lange nicht mehr habe blicken lassen«, sagte Sam. »Aber im Moment belegt mich meine neue Firma wirklich völlig mit Beschlag. Wie auch immer, ich bin gerade vorbeigefahren und wollte doch wenigstens kurz bei dir reinschauen. Habe ich Chancen auf eine Tasse Kaffee?«
Posy schaute auf die Uhr. »Eine schnelle, ja. Ich muss ein paar Sachen in der Stadt erledigen.«
Sam folgte ihr in die Küche und ging umher, während sie Wasser aufsetzte. »Dieser Raum ist wirklich fantastisch«, sagte er und ließ sich am Küchentisch nieder. »Da könnte man jederzeit vier moderne Küchen unterbringen.«
»Ja, wahrscheinlich«, pflichtete Posy ihm bei.
»Die Fenster sind gar nicht so schlecht in Schuss, wenn man bedenkt, wie alt sie sind«, meinte er.
»Nein.« Posy machte ihrem Sohn eine Tasse Kaffee und stellte sie neben ihn. »Wie geht’s Amy und den Kindern? Die habe ich auch schon länger nicht gesehen.«
»Denen geht’s bestens, wirklich bestens«, sagte Sam und begutachtete unterdessen den Fußboden. »Das sind die alten Sandsteinplatten, oder?«
»Doch. Hat Amy dir gesagt, dass ich euch am Sonntag zum Lunch eingeladen habe? Du weißt, dass Nick wieder in England ist, oder?«
»Ja. Lunch geht in Ordnung. Mum?«
»Ja, Sam, was ist?« Posy wartete darauf, sein Anliegen zu hören. Sam besuchte sie nur, wenn er etwas brauchte.
»Ein kleines Vögelchen hat mir gezwitschert, dass du gestern das Haus hast schätzen lassen, um es womöglich zu verkaufen.«
»Guter Gott, das macht ja schnell die Runde. Ja, das stimmt. Tut dir die Vorstellung weh?«
»Na ja, klar, es ist mein Zuhause, und ich wünschte, es könnte im Familienbesitz bleiben und so …« Sam unterbrach sich und überlegte offenbar, wie er seine nächste Bemerkung formulieren sollte. »Zufällig habe ich vielleicht eine Möglichkeit gefunden, wie das zumindest ansatzweise ginge.«
»Ach ja? Hast du das große Los gezogen, Sam, und bist gekommen, um mir zu sagen, dass deine Geldprobleme der Vergangenheit angehören?«
»In gewisser Weise schon.«
»Dann erzähl«, bat Posy und wappnete sich innerlich.
»Also, weißt du, dass ich seit Neuestem einen Partner habe und der Geschäftsführer einer Bauträgerfirma bin?«
»Amy hat etwas in der Art erwähnt, ja«, antwortete Posy langsam. Allmählich konnte sie zwei und zwei zusammenzählen.
»Ich habe einen Geldgeber, der bereit ist, die Projekte zu finanzieren, die ich an Land ziehe. Ich organisiere das Projekt und überwache es von Anfang bis Ende. Dann teilen wir den Gewinn, der beim Verkauf hereinkommt.«
»Ich verstehe«, sagte Posy, entschlossen, die Ahnungslose zu spielen.
»Mum, die Sache ist, dass Marie in ihrer Eigenschaft als Immobilienmaklerin den Auftrag hat, mich über alle Objekte zu informieren, die auf den Markt kommen und für uns passend sein könnten. Ganz zufällig habe ich gestern Nachmittag mit ihr gesprochen, und sie hat mir erzählt, dass sie gerade zum Schätzen bei dir war.«
»Aha.«
»Mum, Admiral House ist genau das, wonach meine Firma sucht. Ein fantastisches Haus mit viel Charakter, das sich in vier oder sechs hochpreisige Wohnungen umbauen lässt.«
Eine Weile betrachtete Posy ihren Sohn schweigend, dann fragte sie: »Sam, hat Marie dir erzählt, auf wie viel sie es geschätzt hat?«
»Ja, rund eine Million.«
»Und du willst mir sagen, dass deine Firma eine Million Pfund bar auf die Hand hat, um Admiral House zu erwerben?«
»Genau«, antwortete Sam zuversichtlich.
»Plus das Geld für die Renovierungs- und Umbauarbeiten, die sich bestimmt auf mehrere Hunderttausend, wenn nicht das Doppelte belaufen würden?«
»Ja, überhaupt kein Problem.«
»Na, dann spielst du ja offensichtlich in der ganz großen Liga«, meinte Posy.
»Absolut. Mein Partner ist wirklich sehr finanzkräftig. Er will sich nicht mit kleinteiligen Projekten abgeben.«
»Und wie viele andere Projekte hast du bislang umgesetzt, Sam?«
»Na ja, das wäre das Erste. Die Firma gibt es erst seit ein paar Wochen.«
»Und um was genau möchtest du mich bitten?«
»Ich möchte wissen, ob die bereit wärst, Admiral House an meinen Bauträger zu verkaufen. Wir würden den vollen Marktpreis bezahlen, ich würde nicht um Familienrabatt oder sonst etwas in der Art bitten. Es wäre wirklich ganz zu deinem Vorteil, Mum. Das Haus bräuchte nicht auf dem offenen Markt angeboten zu werden, wir könnten den Verkauf diskret unter uns abwickeln. Und es würde natürlich einen Anreiz für dich geben.«
»Ach ja? Welchen denn?«, fragte Posy.
»Ich habe mit meinem Partner darüber gesprochen, und er war auch meiner Meinung – wenn du uns das Haus verkaufst, würden wir dir eine der Wohnungen verbilligt überlassen. Dann könntest du quasi hier wohnen bleiben! Was hältst du davon?«
»Ich weiß nicht, was ich von irgendetwas halten soll, Sam. Erst muss ich mir überlegen, ob ich das Haus überhaupt verkaufen will.«
»Natürlich. Aber wenn du dich dazu entscheidest – würdest du dann mir das Vorkaufsrecht geben? Mit einem solchen Projekt könnten ich und die Firma uns wirklich einen Namen machen, wir würden in der obersten Liga einsteigen. Das würde andere potenzielle Verkäufer ermutigen, uns zu vertrauen. Wenn nicht meinetwegen, dann wegen Amy und der Kinder. Du hast ja gesehen, wo wir im Moment leben.«
»Ja, und ich war entsetzt«, stimmte Posy zu.
»Sie haben etwas Besseres verdient, und ich würde es ihnen so gerne bieten. Bitte, Mum, kannst du dir überlegen, es mir zu verkaufen?«
Posy sah ihren Sohn an, und seine blauen Augen – die denen seines Vaters so ähnlich waren – flehten sie an, Ja zu sagen.
»Ich verspreche dir – wenn ich einen Entschluss gefasst habe, bedenke ich dein Angebot als Erstes.«
»Danke, Mum.« Sam stand auf und umarmte sie. »Ich verspreche dir, du kannst dich darauf verlassen, dass ich auf dieses alte Haus aufpasse. Wenn es schon sein muss, dann ist es doch besser, es bleibt in der Familie und gelangt nicht in die Hände eines Fremden, der es nur als einen Haufen Steine betrachtet, mit dem Geld zu verdienen ist. Oder?«
»Natürlich.« Am liebsten hätte Posy über Sams unverhohlene emotionale Erpressung laut gelacht.
»Ich werde dich auch nicht drängen, versprochen. Lass dir alle Zeit der Welt. Ich muss allerdings sagen, dass das Haus wirklich zusehends verfällt.«
»Na ja, es steht seit dreihundert Jahren, also glaube ich kaum, dass es innerhalb der nächsten Wochen über mir zusammenbricht«, antwortete Posy knapp. »Aber jetzt, mein Lieber, musst du mich entschuldigen. In fünf Minuten muss ich los.«
»Natürlich. Also, melde dich, sobald du dich entschieden hast. Es wäre fantastisch, alles unter Dach und Fach zu haben, damit wir im Frühjahr mit den Arbeiten anfangen könnten. Es ist so viel kostensparender, im Sommer zu bauen.«
»Ich dachte, du hast versprochen, mich nicht zu drängen«, erinnerte Posy ihn, als sie die Küche Richtung Haustür verließ.
»Entschuldige, Mum. Ich weiß einfach, dass ich damit ein gemachter Mann wäre. Amy und den Kindern bin ich das schuldig.«
»Auf Wiedersehen, Sam.« Posy seufzte matt und gab ihm einen Kuss auf die Wange. »Wir sehen uns am Sonntag.«
An dem Abend trafen sich Posy und Freddie wie vereinbart vor dem Kulturzentrum. Aufgrund der vielen Gedanken, die ihr durch den Kopf gingen, musste Posy hinterher gestehen, dass ihr einige Details des Films entgangen waren.
»Mir auch, meine Liebe. Weiß der Himmel, welche Bedeutung der Skorpion haben sollte.«
»Offensichtlich eine Metapher, die nur intelligentere Menschen als wir verstehen.« Posy lächelte.
»Was hältst du jetzt von einem Schnäpschen bei mir? Das sind zu Fuß keine fünf Minuten.«
»Warum nicht?«, willigte Posy ein und versetzte sich insgeheim einen Tritt, dass sie so bereitwillig zugestimmt hatte.
In einvernehmlichem Schweigen gingen sie die High Street entlang. Schließlich bog Freddie in eine Gasse ab, die in einen kleinen Hof mündete, und dort standen ein Cottage aus Feuerstein und daneben eine alte Hopfendarre. Im Hof wuchs ein Fächerahorn, beiderseits der frisch gestrichenen Tür standen zwei kleine Lorbeerbüsche. Freddie schloss auf und bat sie einzutreten.
»Freddie, das ist ja entzückend!«, sagte sie, als sie in das mit vielen Holzbalken abgestützte Wohnzimmer kam, wo ein riesiger vorspringender Kamin den Mittelpunkt bildete.
»Danke.« Freddie verbeugte sich scherzhaft, nahm Posy den Mantel ab und hängte ihn an einen Haken. »Ich muss zugeben, ich bin selbst ganz angetan. Aber jetzt komm und sieh dir mein Schmuckstück an – die Küche.«
Posy folgte ihm in einen luftigen Raum, bei dem drei Wände ausschließlich aus Glas bestanden, wie ihr nach kurzem Stutzen klar wurde. Freddie betätigte einen Schalter, und Posy blickte durch die Fenster in einen kleinen, aber sehr gepflegten Garten hinaus.
»Als ich es kaufte, war es ein ganz normales Cottage mit zwei Zimmern im Erdgeschoss und zweien im ersten Stock, also habe ich diesen Anbau drangesetzt, der im Grunde ein Wintergarten ist. Die Fläche hat sich dadurch verdreifacht, vom Licht ganz zu schweigen.«
»Es ist ein Traum.« Vor Entzücken klatschte Posy in die Hände. »Und die ganze moderne Kücheneinrichtung«, staunte sie und drehte sich um die eigene Achse, um den Kühlschrank, den Herd und die Spülmaschine, allesamt aus Edelstahl, unter der dicken marmornen Arbeitsfläche zu bewundern. »Das führt mir vor Augen, wie alt bei mir alles ist.«
»Es freut mich, dass es dir gefällt«, sagte Freddie. »Einen Brandy?«
»Ja, bitte. Das ist genau die Art Haus, die ich mir kaufen würde. Klein, praktisch, aber mit Charakter«, sagte sie. Zum ersten Mal konnte sie sich vorstellen, dass es tatsächlich eine Alternative gäbe, wenn sie Admiral House verkaufte.
»Überlegst du dir denn umzuziehen?«, fragte Freddie beiläufig, als er ihr ein Glas Brandy reichte und ihr voraus ins Wohnzimmer zurückging.
»Ja.« Aus irgendeinem Grund hatte Posy es bislang vermieden, Freddie von der Schätzung und dem möglichen Verkauf des Hauses zu erzählen.
»Das ist eine schwerwiegende Entscheidung«, sagte er und setzte sich.
»Das stimmt.«
»Aber vielleicht die richtige. Manchmal ist es gut, etwas Neues anzugehen und die Vergangenheit hinter sich zu lassen«, meinte Freddie sinnierend.
»Aber doch nur, wenn die Vergangenheit belastet ist. Für mich ist Admiral House voll glücklicher Erinnerungen.«
»Ja, natürlich. Das heißt, du würdest es aus rein praktischen Gründen verkaufen?«
»Ja. Ich habe sogar schon ein erstes Angebot bekommen, wenn man es so nennen kann. Sam, mein Ältester, ist heute Morgen aufgekreuzt und hat gesagt, er würde es gerne kaufen und in Wohnungen aufteilen.« Posy seufzte. »Ich muss sagen, das bringt mich in ein gewisses Dilemma.«
»Wieso das?«
»Zum einen habe ich es gerade erst gestern schätzen lassen. Das war eher eine Art Versuchsballon, um herauszufinden, wie viel es überhaupt wert ist.«
»Und jetzt hast du schon ein Angebot bekommen?«
»Ja, und das Problem ist, dass ich in einer Zwickmühle stecke. Wenn ich wirklich verkaufe, wie kann ich dann das Angebot meines eigenen Sohnes ablehnen? Aber um ehrlich zu sein, hat er geschäftlich bislang immer Schiffbruch erlitten, und diese neue Firma, die er hat, ist ein unbeschriebenes Blatt. Wenn ich ihn richtig verstanden habe, wäre Admiral House ihr erstes größeres Projekt.«
»Bist du sicher, dass er das Geld dafür hat?«
»Sam behauptet es, aber glauben tue ich es ihm nicht so ganz, nein.«
»Aber er möchte keine Vergünstigung?«
»Er hat den vollen Preis geboten.«
»Aha. Würde er versuchen, seine eigene Mutter aufs Kreuz zu legen?«
»Ich würde die Frage gerne verneinen können, aber ich bin seine Mutter und unterstelle ihm natürlich immer das Beste. Auch wenn mir klar ist, dass er seine Fehler hat, muss ich glauben, dass er das Herz am rechten Fleck hat.«
»Natürlich. Aber Sam hat dich auch wirklich in eine schwierige Lage gebracht. Natürlich fühlst du dich verpflichtet, es ihm zu verkaufen. Aus meiner Zeit als Anwalt weiß ich allerdings, dass Geldgeschäfte zwischen engen Verwandten oft in Tränen enden.«
»Ich weiß«, sagte Posy und nickte.
»Ich glaube, da kannst du nur ganz pragmatisch vorgehen. Das Haus ist von unabhängiger Seite geschätzt worden, also weißt du, was es wert ist. Warum gibst du Sam und seiner Firma nicht das Vorkaufsrecht und setzt ihm einen Termin, bis wann die ersten Verträge unterschrieben sein müssen und er eine kräftige Anzahlung hinlegt? Für dich eilt es nicht, wenn Sam die Sache also vermasselt, hast du höchstens ein paar Wochen Zeit verloren, mehr nicht. Und dann hast du ihm wenigstens die Chance gegeben.«
»Ja, Freddie, danke. Du bist so vernünftig. Ich glaube, du hast völlig recht. Genau das werde ich tun.«
»Stets zu Diensten, Mylady.«
»Ach, übrigens, ich wollte dich fragen, ob du am Sonntag zum Familienlunch in Admiral House kommen möchtest? Mein Sohn Nick und seine Freundin kommen, dazu Sam, Amy und die Kinder.«
»Ich muss Joe fragen, ob er beim Bootsdienst für mich einspringen kann, aber gerne, das klingt schön.«
»Gut.« Posy stand auf. »Aber jetzt sollte ich besser nach Hause gehen. Danke für den netten Abend und deine klugen Worte.«
Posy ging in den Flur, wo Freddie ihr in den Mantel half.
»Gute Nacht, Posy, und dir auch danke.« Er beugte sich zu ihr, um ihr einen Kuss zu geben, und den Bruchteil einer Sekunde glaubte sie, er werde sie auf die Lippen küssen. Doch im letzten Moment drehte er den Kopf ein wenig zur Seite, es blieb beim zarten Küsschen auf die Wange.
»Gute Nacht, Freddie.«
Mit einem letzten Blick zu ihm drehte sie sich um und ging davon. Wobei sie sich fragte, weshalb er so unendlich traurig dreinblickte.