Admiral House

Dezember 1944

Es kränkte mich etwas, dass Maman nicht betrübter dreinsah, als ich an einem kalten Dezembermorgen auf den Pferdewagen kletterte. Obwohl es noch nicht einmal sieben Uhr in der Früh war, trug Maman schon eins ihrer schönen Kleider und hatte roten Lippenstift aufgelegt.

»Du siehst heute hübsch aus«, sagte sie, als sie in der Haustür erschien und die Treppe zu mir hinunterkam.

»Nun ja, es ist ja bald Weihnachten, chérie, und wir müssen uns alle nach Kräften bemühen«, meinte sie achselzuckend, als sie sich reckte, um mir einen Kuss auf die Wange zu geben. »Und sei schön brav bei deiner Großmutter, ja?«

»Ja. Frohe Weihnachten, Maman«, sagte ich, als Benson die Flanke des Ponys mit der Peitsche berührte. »Bis zum neuen Jahr«, fügte ich hinzu, und das Pony trabte die Auffahrt hinunter.

Aber Maman hatte schon kehrtgemacht und ging die Stufen zum Haus hinauf.

Weihnachten wurde nicht so trostlos, wie ich es mir vorgestellt hatte. Allein schon, weil es am Tag vor Heiligabend zu schneien begann. Da ich in der Nähe des Meeres wohnte, hatte es in meinem ganzen bisherigen Leben gerade einmal drei oder vier verschneite Tage gegeben, und die weiße Decke war mit dem einsetzenden Regen binnen Stunden verschwunden gewesen. Aber hier, am Rand des Bodmin Moor, fiel der Schnee in Puderzuckerklümpchen herunter und machte keine Anstalten, wieder zu schmelzen. Ich saß draußen auf dem Fenstersims, während innen die Flammen der Feuer und der Adventskerze flackerten. Bill, der junge Mann, der für Oma alle möglichen Handlangerdienste erledigte und das Holz zum Heizen ins Haus brachte, gab mir einen alten Schlitten, mit dem er früher im Winter selbst gefahren war. Ich folgte ihm durch den kniehohen Schnee, bis er auf einen Abhang deutete. Dort schlitterten kleine, bunt gekleidete Menschen auf allen möglichen rutschigen Unterlagen den Berg hinunter, von Backblechen bis hin zu alten Holzpaletten.

Er ging mit mir zum Fuß des Abhangs und stellte mich dort einem kleinen Wesen vor, dessen Gesicht unter einer rosafarbenen Wollmütze und einem Schal fast völlig verschwand; nur ein Paar leuchtend blauer Augen konnte ich sehen.

»Das ist meine Patentochter Katie«, sagte Bill. Sein starker kornischer Akzent erinnerte mich immer an die fette Sahne der Kühe, die hier und dort in der Landschaft herumstanden. »Sie passt auf dich auf.«

Und das tat sie auch. Obwohl Katie mir nur bis zur Schulter reichte, stellte sich heraus, dass sie genau in meinem Alter war und in dieser abgelegenen Gemeinde ein Persönchen, mit dem man rechnen musste. Wir stapften den Berg hinauf, und dabei winkte Katie ständig ihren Freunden und rief ihnen etwas zu.

»Das ist Boycee, der Sohn vom Metzger, und das ist Rosie, die Tochter vom Briefträger«, erzählte sie mir, als wir den schneebedeckten Gipfel erreichten. »Mein Pa ist der Melker.«

»Mein Daddy … mein Pa ist Pilot«, sagte ich, als Katie mir zeigte, wie ich mich bäuchlings auf den Schlitten legen und mit meinen Händen im Schnee rudern musste, um mir Schwung für die Abfahrt zu holen.

»Und jetzt los!«, rief Katie, versetzte meinem Schlitten einen gewaltigen Tritt, und ich schlingerte mit einem Affentempo, schreiend wie ein Kleinkind, nach unten und genoss jede Sekunde.

An dem Tag zog ich meinen Schlitten unzählige Male den Berg hinauf und schoss wieder hinunter, und von all meinen Kindheitserinnerungen war das für mich immer das schönste Vergnügen, natürlich abgesehen von der Schmetterlingsjagd mit Daddy, aber daran konnte ich nicht mehr denken, ohne gleich weinen zu wollen. Die anderen Kinder nahmen mich freundlich auf, und nachdem ich die heiße Ovomaltine getrunken hatte, die eine der Mütter uns zum Aufwärmen gebracht und in Blechbecher eingeschenkt hatte, ging ich glücklich nach Hause mit dem Gefühl, viele neue Freunde gewonnen zu haben. Das wärmte mich innerlich genauso wie die Ovomaltine.

Dann war Heiligabend, und Bill und ich stiefelten durch den Schnee zu einem kleinen Nadelwald am Rand des Dorfs. Ich wählte einen kleinen Baum, der es an Pracht zwar nicht mit der deckenhohen Tanne aufnehmen konnte, die in Admiral House immer in der Halle stand, aber er sah mit Omas altem, etwas fleckigem Silberschmuck und den Kerzen, die flackernd auf den Zweigen standen, wirklich sehr hübsch aus.

Den ganzen Tag zog ein Strom von Dorfbewohnern durch Omas Haus, und jeder ließ sich einen frisch gebackenen Mince Pie schmecken. Daisy war schier überwältigt gewesen, als sie die sechs Gläser mit der süßen, würzigen Mince-Pie-Füllung auf dem obersten Regal der Speisekammer stehen sah. Lachend hatte Oma gemeint, das könne doch niemanden überraschen, schließlich würden Mince Pies nur an ein oder zwei Tagen im Jahr gegessen. Sie erklärte Daisy, ihre alte Köchin habe vor Kriegsbeginn eine derart große Menge hergestellt, dass sie damit die halbe Westfront versorgen könnten, und die Masse hielt sich ewig. Dann setzten Oma, ich und Daisy uns zu einem köstlichen Abendessen an den Tisch, bestehend aus Würstchen im Teigbett. Viele Würstchen gab es nicht, aber der knusprige goldgelbe Teig und die dickflüssige Bratensauce machten das mehr als wett. Mir kam es vor, als hätte dieses kleine Dorf am Rand des Moors seit Kriegsanfang besser gegessen als die Herzöge und Herzoginnen in London.

»Nur weil wir alle zusammenhalten«, erklärte Oma. »Ich habe meinen Gemüsegarten und die Hühner, und ich tausche meine Karotten und Eier gegen Milch und Fleisch. Wir hier unten sind ein Völkchen, das sich selbst versorgen kann. Das mussten wir auch immer, so abgeschieden, wie wir hier leben. Schaut nur hinaus.« Sie deutete auf die Schneeflocken, die draußen herunterwirbelten. »Morgen wird die Straße unpassierbar sein, aber in der Früh wird trotzdem frische Milch vor der Tür stehen. Jack hat es noch immer geschafft durchzukommen.«

Und tatsächlich, früh am Weihnachtstag holte Daisy die noch warme Milch ins Haus, die in einer kleinen Blechkanne vor die Tür gestellt worden war. In dieser Gemeinde kümmerten sich die Menschen umeinander, schließlich waren sie vom Rest der Welt abgeschnitten. Die nächste Stadt war Bodmin, immerhin fünfzehn Kilometer entfernt. Als ich auf die Schneeberge schaute, die der Himmel dort draußen auftürmte, dachte ich mir, dass es ebenso gut tausend Kilometer sein könnten. Ich fühlte mich in diesem weichen, sicheren Schneenest geborgen, und obwohl mir Maman und Daddy und Admiral House schrecklich fehlten, gefiel mir das Gefühl.

Wir öffneten voreinander die Geschenke, und ich freute mich riesig über das Buch mit botanischen Zeichnungen von Margaret Mee, eine Forscherin für Kew Gardens. Daddy hatte es mir in dem Weihnachtspaket geschickt, das ein paar Tage zuvor bei Oma eingetroffen war.

Weihnachten 1944

Für meine geliebte Posy. Verlebe frohe Feiertage bei Oma. Ich zähle die Tage, bis ich dich wiedersehe. Alles Liebe, Daddy

Also, dachte ich mir, zumindest weiß er, wo ich bin, und darüber freute ich mich genauso wie über das schöne Geschenk, das mich viele lange, verschneite Tage beschäftigen würde. Daisy hatte mir eine Wollmütze mit Ohrklappen gestrickt, die ich unter dem Kinn zusammenbinden konnte.

»Genau das Richtige zum Schlittenfahren!«, sagte ich und umarmte sie, und sie errötete vor Freude.

Granny schenkte mir eine Kassette in Leder gebundener Bücher von drei Frauen, die Anne, Emily und Charlotte Brontë hießen.

»Wahrscheinlich sind sie noch ein bisschen zu anspruchsvoll für dich, Posy, aber als junges Mädchen habe ich diese Geschichten geliebt«, sagte sie lächelnd.

Oma hatte Daisy gebeten, an diesem Weihnachtstag mittags mit uns zu essen, was ich höchst überraschend fand. Nie im Leben konnte ich mir vorstellen, dass Daisy in Admiral House mit am Tisch im Speisezimmer saß, aber Oma hatte darauf bestanden und gesagt, es wäre gar nicht richtig, wenn Daisy am heiligsten Tag des Jahres ganz allein in der Küche essen müsse. Dafür mochte ich Oma noch lieber – es ging ihr nicht darum, welchen Platz die Lotterie des Lebens einem Menschen zugeteilt hatte oder womit er seinen Unterhalt verdiente. Um ehrlich zu sein, gefiel mir Oma überhaupt immer besser.

Außerdem fiel mir auf, dass sie nach zwei Whiskys redseliger wurde. Als wir am Weihnachtsabend vor dem Kamin saßen, ich im Nachthemd vor dem Zubettgehen mit einem Becher heißen Kakao, erzählte sie mir, wie sie und mein Großvater sich kennengelernt hatten. Das war während etwas gewesen, das Oma »die Saison« nannte, als sie »debütiert« hatte; was das bedeutete, wusste ich zwar nicht, aber es hatte offenbar viel mit Festen und Bällen zu tun und mit etwas, das »Beau« hieß. Großvater war offenbar einer gewesen.

»Ich habe ihn beim allerersten Ball gesehen … aber er war ja auch nicht zu übersehen! Zwei Meter groß, und er hatte in Oxford gerade sein Studium abgeschlossen. Mit den großen braunen Augen, die sowohl du, Herzchen, als auch dein Vater geerbt haben, hätte er in der Saison jede junge Dame haben können, obwohl er im Gegensatz zu vielen anderen keinen Titel hatte. Seine Mutter war eine ›Hon‹ gewesen …« (Was immer das bedeuten mochte, dachte ich mir, aber unverkennbar etwas Gutes.) »Und so fand am Ende der Saison unsere Verlobung statt. Die Hochzeit bedeutete natürlich, dass ich mein geliebtes Zuhause in Cornwall verlassen und nach Suffolk ziehen musste, aber das machten junge Damen damals so. Sie folgten ihrem Ehemann.«

Oma trank wieder von ihrem Whisky, und ihr Blick wurde verträumt. »Ach, Herzchen, in den ersten zwei Jahren vor dem Großen Krieg waren wir so glücklich. Schließlich wurde ich schwanger mit deinem Vater, und alles war perfekt. Und dann …« Oma seufzte schwer. »Georgie meldete sich sofort bei Kriegsausbruch und wurde nach Frankreich in die Schützengräben geschickt. Er überlebte nicht einmal lange genug, um von der Geburt seines Sohnes zu erfahren.«

»Ach, Oma, wie schrecklich«, sagte ich, als sie sich die Augen mit einem Spitzentaschentuch abtupfte.

»Ja, das war es damals wirklich. Aber zu der Zeit haben so viele Frauen ihre Männer verloren, und da im Dorf einige von ihnen deswegen in richtige Not gerieten, empfand ich es als meine Pflicht, ihnen zu helfen. Und das sowie die Geburt deines geliebten Vaters half mir über die Monate und Jahre hinweg. Lawrence war ein sehr braves, liebes Kind – vielleicht etwas zu sanft für einen Jungen, wenn man ganz ehrlich sein will, aber natürlich sah ich ihm seine Liebe zur Natur nach, schließlich scheint er sie von mir zu haben. Seine Schmetterlinge hatten es ihm damals schon angetan, und er besaß auch eine ziemlich große Sammlung anderer Insekten. Deswegen gab ich ihm auch den Raum oben im Turm, ich wollte mir nicht vorstellen müssen, dass er mit seinen Gläsern voll Insekten und Spinnen in einem Zimmer schlief.« Oma schauderte leicht. »Da hätte ja jederzeit eins von diesen Krabbeltierchen entkommen können. Dein Vater ist ein kluger Mann, auch wenn sein Kopf von seinem Herzen geleitet wird. Aber so sanft er ist, wenn er sich einmal etwas in diesen Kopf gesetzt hat, können ihn keine zehn Pferde davon abbringen. All seine Lehrer meinten, bei seiner Intelligenz müsse er, wie sein Vater, Jura in Oxford studieren, doch davon wollte Lawrence nichts hören. Die Botanik war sein erklärtes Ziel, und die studierte er in Cambridge. Dann war er natürlich wild entschlossen, deine Mutter zu bekommen, obwohl …«, Oma unterbrach sich abrupt und holte tief Luft, »… sie Französin war«, schloss sie, etwas lahm, fand ich.

»Ist es nicht gut, Französin zu sein?«, fragte ich.

»Doch, natürlich ist es gut«, sagte Oma rasch. »Sie mussten nur die Sprache des jeweils anderen lernen, sonst nichts. Und jetzt, schau mal, wie spät es schon ist! Nach neun Uhr, viel zu spät für ein kleines Mädchen. Ab ins Bett mit dir, junge Dame.«

Ich freute mich, dass der Schnee auch nach Weihnachten noch liegen blieb, denn so war ständig etwas los. Den ganzen Tag war ich mit den Kindern aus dem Dorf draußen unterwegs, wir fuhren Schlitten, lieferten uns Schneeballschlachten und wetteiferten, wer den schönsten Schneemann bauen konnte. Es gefiel mir, dass wir so nah am Dorf lebten, dass Katie mich oder ich sie besuchen konnte, denn Admiral House lag kilometerweit von jeder anderen Behausung entfernt, und nur Mabel hatte mich einmal besucht. Und obwohl Oma im herrschaftlichsten Haus im ganzen Dorf wohnte, behandelten mich die anderen Kinder nicht anders, sie zogen mich nur wegen meiner Aussprache auf, was ich ziemlich lustig fand, weil ich nur mit größter Mühe verstehen konnte, was sie sagten.

An Silvester ging das ganze Dorf in die Kirche, um an einem Gedenkgottesdienst für all die Männer, die im Krieg gefallen waren, teilzunehmen. Es wurde viel geweint, und ich betete fest für Daddy, damit er gesund nach Hause kam (obwohl Oma sagte, der Krieg sei so gut wie gelaufen, was immer das hieß, und sie hoffe, jeden Tag von ihm zu hören). Nach dem Gottesdienst wurde im Saal nebenan viel getrunken. Katie bot mir heimlich etwas von dem Punsch an, den sie aus einer der großen Schüsseln stibitzt hatte. Ich probierte ihn und hätte mich beinahe übergeben, weil er roch und schmeckte wie Benzin vermischt mit fauligen Äpfeln und vergorenen Brombeeren. Dann holte jemand eine Fiedel, jemand anderes eine Flöte, und bald hopste und sprang und wirbelte das ganze Dorf einschließlich mir, Oma und Daisy (die mit Bill tanzte) durch den Saal. Es machte großen Spaß, obwohl ich nicht die geringste Ahnung hatte, was ich da machte.

Als ich abends im Bett lag, gelang es mir noch, obwohl ich von dem ganzen Tanzen und dem Heimweg durch den Schnee todmüde war, Maman und Daddy ein gutes neues Jahr zu wünschen.

»Alles Gute, und schlaft mit den Engeln«, wisperte ich, bevor ich glücklich einschlief.

Zwei Tage später, als der Schnee tagsüber allmählich zu Matsch wurde, nachts aber tückischerweise wieder gefror, bekam Oma ein Telegramm. Wir frühstückten gerade gemeinsam und überlegten, was Daisy abends zum Essen kochen sollte, als es an der Haustür klingelte. Daisy brachte das Telegramm, und Omas Gesicht wurde so weiß wie die Asche, die vom Vorabend noch im Kamin lag.

»Entschuldige, mein Schatz«, sagte sie, als sie aufstand und das Zimmer verließ. Sie kehrte nicht zurück, und nachdem ich mir nach dem Frühstück oben in meinem Zimmer Gesicht und Hände gewaschen hatte und wieder nach unten kam, sagte Daisy, Oma telefoniere im Bürozimmer und wolle nicht gestört werden.

»Ist alles in Ordnung, Daisy?«, fragte ich zögernd. Ich wusste ja genau, dass »alles« eindeutig nicht in Ordnung war.

»Doch, und jetzt schau, wer dich besuchen kommt!«, antwortete sie und deutete nach draußen, wo Katie auf einem Fahrrad vor der Haustür erschien. Als Daisy sie öffnete, zeigte sich Erleichterung auf ihrem Gesicht. »Guten Morgen, Katie. Das ist ja ein flottes Fahrrad.«

»Das habe ich vom Weihnachtsmann bekommen, aber ich habe nicht fahren können, solange der ganze Schnee dalag. Posy, drehst du eine Runde mit mir? Ich lass dich auch mal fahren. Und Mam hat gesagt, dass du zum Mittagessen zu uns kommen sollst.«

Katie war unglaublich stolz auf ihr Fahrrad, aber ich sah, dass es überhaupt nicht neu war; die Schutzbleche hatten Rostflecken, und der Korb war gebraucht und hing völlig schief am Lenker. Ich dachte an mein glänzendes rotes Fahrrad, das in Admiral House in der Scheune stand, und das ließ mich an Daddy denken und daran, wie entsetzlich blass Omas Gesicht geworden war, als sie das Telegramm gelesen hatte. Ich drehte mich zu Daisy.

»Bist du dir sicher, dass alles in Ordnung ist?«

»Ja, Posy, und jetzt geh mit deiner Freundin schön spielen, ich sehe dich später wieder.«

So viel Spaß es mir auch machte, wieder Fahrrad zu fahren, und obwohl es mir gefiel, mit Katies drei Geschwistern an dem großen Tisch zu sitzen und die Pastete mit Fleisch und Kartoffeln zu essen, hatte ich doch den ganzen Tag einen Knoten im Bauch.

Es wurde schon dunkel, als ich nach Hause kam. Im Wohnzimmer brannte Licht, nicht aber das Feuer im Kamin, das sonst um diese Tageszeit immer munter prasselte.

»Guten Abend, Posy«, begrüßte Daisy mich an der Tür. Ihr Gesicht war so finster wie die Dunkelheit, durch die ich gegangen war. »Du hast Besuch bekommen.«

»Wen denn?«

»Deine Mutter ist hier«, sagte sie. Unterdessen half sie mir aus dem Mantel und löste die Bänder der Mütze, die sie mir zu Weihnachten gestrickt hatte. Ihre Hände zitterten.

»Maman? Sie ist hier?!«

»Ja, Posy. So, und jetzt geh dir Gesicht und Hände waschen und bürste dir die Haare, dann komm wieder runter, und ich bringe dich ins Wohnzimmer.«

Auf dem Weg die Treppe hinauf in mein Zimmer fühlten sich meine Beine an wie schmelzendes Eis, das unter mir nachgab. Und während ich mir vor dem Spiegel das Haar neu flocht, hörte ich von unten aus dem Wohnzimmer erhobene Stimmen. Dann weinte meine Mutter.

Und ich wusste, ich wusste genau, was sie mir sagen würden.

»Posy, mein Schatz, komm herein.«

Meine Großmutter führte mich durch die Tür und legte mir sacht eine Hand auf die Schulter, um mich zu dem Ohrensessel neben dem Kamin zu bringen, wo meine Mutter saß.

»Ich lasse euch eine Weile allein«, sagte Oma, als ich auf Maman hinuntersah und sie aus tränenüberströmten Augen zu mir hinaufblickte. Am liebsten hätte ich Oma gebeten zu bleiben – ihre Gegenwart hatte etwas Tröstliches, das Maman mir nicht geben konnte, das wusste ich, aber sie schloss schon wieder die Tür hinter sich.

»Posy, ich …«, sagte Maman, dann erstarb ihre Stimme, und sie fing wieder zu weinen an.

»Es ist Daddy, stimmt’s?«, brachte ich im Flüsterton hervor. Ich wusste, dass es stimmte, und hoffte gleichzeitig, dass es nicht so war.

»Ja«, antwortete sie.

Und mit dem einen Wort zerbrach die Welt, die ich gekannt hatte, in Millionen winziger Splitter.

Bombenangriff … Daddys Flugzeug getroffen … Flammen … keine Überlebenden … Held …

Die Wörter wirbelten mir durch den Kopf, immer und immer wieder, bis ich sie mir am liebsten zu den Ohren herausgezogen hätte, um sie nicht mehr hören zu müssen. Oder verstehen zu müssen, was sie bedeuteten. Maman wollte mich umarmen, aber ich wollte von niemandem umarmt werden, außer von dem einen Menschen, der mich jetzt nie wieder umarmen würde. Also lief ich in mein Zimmer hinauf, und da konnte ich nur meine Arme um mich selbst schlingen. Jeder Muskel meines Körpers tat weh vor Kummer und Grauen. Warum er und warum jetzt, fragte ich, wo doch jeder gesagt hatte, der Krieg sei fast vorüber? Warum war Gott – wenn es ihn überhaupt gab – so grausam gewesen, Daddy ganz am Ende zu holen, wo er doch so lange überlebt hatte? Ich hatte im Radio in letzter Zeit von keinen Bombenangriffen mehr gehört, nur dass die Deutschen in Frankreich auf dem Rückzug waren und nicht mehr lange durchhalten würden.

Ich kannte keine Worte, um zu beschreiben, was ich empfand – vielleicht gab es auch keine –, und so wimmerte ich stattdessen wie ein verwundetes Tier, bis mir jemand sanft eine Hand auf die Schulter legte.

»Posy, mein Herz, es tut mir so, so leid. Für dich, für mich, für Lawrence und natürlich auch«, fügte meine Großmutter nach einer kurzen Pause hinzu, »für deine Mutter.«

Ich öffnete den Mund, um etwas zu sagen, denn auch jetzt, in diesem furchtbaren Moment, war ich dazu erzogen worden, höflich zu antworten, wenn ein Erwachsener mich ansprach. Doch ich brachte kein Wort heraus. Oma schloss mich in die Arme, und dann weinte ich an ihrer tröstlichen Brust noch mehr.

»Ach, mein Schatz, mein armer Schatz«, tröstete sie mich, und schließlich muss ich eingedöst sein. Vielleicht bildete ich es mir nur ein, aber ich war mir fast sicher, dass ich leises Schluchzen hörte, das, da ich noch im Halbschlaf war, nur von meiner Oma stammen konnte.

Mein lieber, liebster Junge … wie sehr musst du gelitten haben. Und das nach allem, was du durchgemacht hast … Ich verstehe dich, mein Liebling, ich verstehe dich …

Dann muss ich richtig eingeschlafen sein, denn als ich das nächste Mal aufwachte, sah ich draußen das trübe graue Licht eines neuen Tages. Nur wenige Sekunden später erinnerte ich mich an das Entsetzliche, das passiert war, und schon liefen mir wieder Tränen über die Wangen.

Wenig später kam Daisy mit einem Tablett in mein Zimmer und stellte es aufs Bett. Und wie Oma umarmte sie mich.

»Du armes kleines Ding«, murmelte sie. »Schau mal, ich habe dir ein gekochtes Ei gebracht und gebutterte Brotstreifen zum Hineintauchen. Dann geht’s dir gleich ein bisschen besser, oder?«

Gerade wollte ich erwidern, dass es mir durch nichts, überhaupt gar nichts je wieder besser gehen würde, aber dann öffnete ich automatisch den Mund, als Daisy mich wie damals als Kleinkind mit in Ei getunkte Brotstreifen fütterte.

»Ist Maman schon wach?«, fragte ich.

»Ja, sie macht sich fertig für die Abreise.«

»Fahren wir heute nach Admiral House zurück? Dann muss ich ja packen!« Ich schob die Zudecke zurück und sprang aus dem Bett.

»Zieh dich erst an, Posy. Deine Mum möchte dich unten sehen.«

Maman saß im Wohnzimmer vor dem brennenden Kamin. Ihre zarte Haut war so weiß wie der schmelzende Schnee vor dem Fenster, und ihre Hand zitterte, als sie sich eine Zigarette anzündete.

»Bonjour, Posy. Wie hast du geschlafen?«

»Besser, als ich gedacht habe«, antwortete ich wahrheitsgemäß, als ich vor ihr stand.

»Nimm Platz, chérie. Ich möchte mit dir sprechen.«

Ich setzte mich und tröstete mich mit dem Gedanken, dass sie mir nichts sagen könnte, was schlimmer wäre als die gestrige Nachricht.

»Posy, ich …«

Sie knetete die Hände, während ich wartete zu hören, was sie mir sagen wollte.

»… es tut mir unendlich leid, was passiert ist.«

»Es ist nicht deine Schuld, dass Daddy tot ist, Maman.«

»Nein, aber … das hast du nicht verdient. Und jetzt …«

Wieder hielt sie inne, als fehlten auch ihr die Worte. Ihre Stimme klang heiser und war kaum zu verstehen. Als sich ihr Blick auf mich richtete, konnte ich den Ausdruck in ihren Augen nicht ganz deuten, aber was immer es war, Maman war der Inbegriff des Kummers.

»Posy, Oma und ich haben uns darüber unterhalten, was für dich das Beste wäre. Und wir finden, dass du, zumindest fürs Erste, hierbleiben solltest.«

»Ach. Wie lange?«

»Das weiß ich nicht. Ich muss mich … um viele Dinge kümmern.«

»Was ist mit Daddys …« Ich schluckte schwer und nahm allen Mut zusammen, um das Wort auszusprechen: »Beerdigung?«

»Ich …« Maman wandte den Blick ins Feuer und schluckte ebenfalls schwer. »Oma und ich haben beschlossen, dass es besser wäre, in ein paar Wochen eine Gedenkfeier abzuhalten. Sie müssen … sie müssen erst seine … ihn aus Frankreich zurückbringen, verstehst du?«

»Ja«, flüsterte ich und blinzelte heftig. Da wurde mir klar, dass ich Mamans wegen stark sein musste. Das »große, tapfere Mädchen«, wie Daddy mich genannt hatte, als ich im Garten meinen Finger an einem Dorn aufgerissen hatte oder von der Schaukel gefallen war, die er mir gebaut hatte. Maman war innerlich genauso wund wie ich. »Wie lange? Nächste Woche fängt die Schule wieder an.«

»Oma sagt, dass du dich hier im Dorf schon mit vielen Kindern angefreundet hast, also haben wir uns überlegt, dass du fürs Erste hier zur Schule gehen könntest.«

»Das könnte ich schon, aber wie lange?«, wiederholte ich.

»Ach, Posy«, sagte Maman und seufzte. »Das weiß ich nicht. Ich muss mich um unglaublich viele Dinge kümmern und Entscheidungen treffen. Und solange ich damit beschäftigt bin, kann ich dir nicht die nötige Aufmerksamkeit schenken. Hier hast du Oma und Daisy ganz für dich.«

»Daisy bleibt auch hier?«

»Ich habe sie gefragt, und sie hat nichts dagegen. Wie ich höre, bist du nicht die Einzige, die im Dorf neue Freunde gefunden hat.« Zum ersten Mal lächelte Maman schwach, und ihre Wangen bekamen ein wenig Farbe; sie erinnerte mich an den hellgrauen Schimmer des Teigs, den Daisy mit Schmalz zubereitete. »Also, Posy, was meinst du? Ist das ein guter Plan?«

Während ich überlegte, rieb ich mir die Nase. Und fragte mich, was ich nach Daddys Ansicht sagen sollte.

»Du wirst mir schrecklich fehlen, Maman, und Admiral House auch, aber wenn es für dich alles einfacher macht, bleibe ich hier.«

Ein wenig Erleichterung zog über ihr Gesicht, und ich wusste, dass ich die richtige Antwort gegeben hatte. Vielleicht hatte sie erwartet, dass ich schreien und weinen und betteln würde, mit ihr nach Hause fahren zu dürfen. Und ein Teil von mir wollte das auch – »nach Hause« fahren, wo alles seinem üblichen Gang folgte. Dann wurde mir klar, dass nichts mehr so sein würde, wie es gewesen war, also tat es nichts zur Sache.

»Komm her, chérie.« Maman breitete die Arme aus, und ich ging zu ihr. Ich schloss die Augen und atmete den vertrauten Moschusduft ihres Parfüms ein.

»Ich verspreche dir, dass das für dich im Moment das Beste ist«, flüsterte sie. »Natürlich schreibe ich dir, und sobald ich alles erledigt habe, komme ich dich holen.«

»Versprochen?«

»Versprochen.« Sie löste die Umarmung, ihre Hände fielen herab. Sie sah aus ihrem Sessel zu mir auf und strich mir sacht über die Wange. »Du bist deinem Papa so ähnlich, chérie: tapfer und bestimmt, und du hast ein Herz, das bedingungslos liebt. Achte darauf, dass es dich nicht eines Tages zerstört, ja?«

»Nein, Maman, weshalb auch? Lieben ist doch etwas Schönes, oder nicht?«

»Oui, natürlich.« Sie nickte, dann stand sie auf, und ich sah die Verzweiflung in ihren Augen. »So, und jetzt muss ich alles für die Abfahrt herrichten. Ich muss nach London und mit dem Anwalt deines Vaters sprechen. Es gibt viel zu organisieren. Ich komme noch mal, um mich zu verabschieden, wenn ich gepackt habe.«

»Ja, Maman.«

Ich sah sie den Raum verlassen, dann gaben meine Beine unter mir nach, ich fiel in den Sessel, auf dem sie gesessen hatte, und weinte lautlos in die Lehne.

August 1949

»Also, Posy, deine Mutter und ich haben uns am Telefon beratschlagt, ich habe ihr nämlich einen Vorschlag gemacht.«

»Ach. Zieht sie wieder nach Admiral House und möchte, dass ich auch komme?«

»Nein, mein liebes Kind, wir haben uns doch darüber unterhalten, dass es für dich und sie allein viel zu groß ist. Eines Tages vielleicht, wenn du geheiratet hast, kannst du dorthin zurückkehren und es mit einer großen, fröhlichen Familie wieder mit Leben füllen, wie das Haus es verdient. Da dein Vater … nicht mehr ist, gehört es schließlich dir.«

»Also ich wünschte mir, ich könnte morgen wieder dort wohnen, aber natürlich mit dir, liebste Oma.«

»Wenn du volljährig bist und das Haus und den Nachlass offiziell erbst, dann kannst du die Entscheidung treffen. Aber im Moment ist es vernünftiger, wenn das Haus geschlossen bleibt. Wie du früher oder später sicher feststellen wirst, verschlingen die laufenden Kosten Unsummen. So, ich wollte dir aber von meiner Idee erzählen. Ich glaube, es wäre gut, wenn wir uns überlegen, dich auf ein Internat zu schicken.«

»Was?! Ich soll dich und meine ganzen Freundinnen hier verlassen? Das kommt nicht infrage!«

»Posy, bitte beruhige dich und lass mich ausreden. Ich kann verstehen, dass du nicht von uns fortgehen möchtest, aber du brauchst eine viel bessere Ausbildung, als die Dorfschule dir geben kann, das lässt sich nicht mehr leugnen. Miss Brennan ist eigens zu mir gekommen, um mir das zu sagen. Sie muss dir Aufgaben von einem viel höheren Niveau als den anderen Schülern stellen und hat mir gestanden, dass du allmählich ihren eigenen Wissensstand überflügelst. Sie ist auch der Meinung, dass du eine Schule besuchen solltest, die dir die umfassende Ausbildung gibt, die deiner akademischen Begabung angemessen ist.«

»Aber …« Ich merkte selbst, dass ich mich wie ein bockiges Kleinkind benahm, aber ich konnte nicht anders. »Ich bin glücklich hier und in der Schule, Oma. Ich will nicht weg, wirklich nicht.«

»Das kann ich verstehen, mein Schatz, aber wenn dein Vater noch lebte, würde er bestimmt dasselbe sagen.«

»Wirklich?« Nach fünf Jahren schmerzte es mich immer noch unerträglich, von ihm zu reden.

»Ja. Und in ein paar Jahren möchtest du vielleicht einen Beruf ergreifen wie so viele Frauen heutzutage.«

»Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht«, räumte ich ein.

»Nein, und weshalb auch? Genau dafür bin ich – und natürlich deine Mutter – da: um an deine Zukunft zu denken. Und Himmel, Posy, hätte ich in einer Zeit gelebt, in der Frauen eine Ausbildung bekommen und vielleicht sogar studieren konnten, hätte ich die Möglichkeit beim Schopf gepackt. Weißt du, dass ich, bevor ich deinem Großvater begegnete, eine Suffragette war? Ein zahlendes Vollmitglied der WSPU, der Frauenorganisation, und eine überzeugte Anhängerin der lieben Mrs. Pankhurst? Ich habe mich ans Geländer ketten lassen und für das Frauenwahlrecht gekämpft.«

»Du liebes bisschen, Oma! Wirklich?«

»Aber ja! Doch dann habe ich mich verliebt, wir haben uns verlobt, und damit musste das ein Ende haben. Aber zumindest habe ich das Gefühl, dass ich einen Beitrag geleistet habe, und jetzt ändern sich zum Glück die Zeiten – auch dank dessen, was Mrs. Pankhurst und meine anderen tapferen Mitstreiterinnen damals gemacht haben.«

Ich sah Oma mit neuen Augen und erkannte plötzlich, dass auch sie einmal jung gewesen war.

»Also, Posy, die Schule, die ich im Blick habe, ist in Devon, nicht allzu weit entfernt. Sie hat einen sehr guten Ruf, insbesondere in den Naturwissenschaften, und jedes Jahr schaffen mehrere Schülerinnen den Sprung von dort auf die Universität. Ich habe mit der Direktorin gesprochen, und sie freut sich sehr, dich kennenzulernen. Ich finde, wir sollten uns das nächste Woche einmal ansehen.«

»Und wenn es mir nicht gefällt?«

»Warten wir ab, wie du es dort findest, junge Dame. Wie du weißt, halte ich nichts davon, etwas abzulehnen, bevor man es überhaupt gesehen hat. Übrigens, in deinem Zimmer liegt für dich ein Brief von deiner Mutter.«

»Ach. Ist sie immer noch in Italien?«

»Ja.«

»Ich dachte, sie wollte dort nur Urlaub machen, aber das ist jetzt schon ein Jahr her. Ein ziemlich langer Urlaub, wenn du mich fragst«, brummelte ich.

»Genug von deiner vorlauten Art, mein Fräulein. Jetzt geh dich bitte frisch machen. In zehn Minuten steht das Essen auf dem Tisch.«

Ich ging in mein Zimmer hinauf, das nicht mehr so provisorisch war wie bei meiner Ankunft. In der Zwischenzeit hatten sich die ganzen Gegenstände meines Lebens der vergangenen fünf Jahre dort angesammelt. Das Zimmer – und ich – hatten uns der Situation angepasst, gezwungenermaßen, als mir nach zwei langen Jahren des Wartens klar wurde, dass Maman mich doch nicht zu sich holen würde, zumindest nicht in näherer Zukunft. Nach Daddys Tod war sie wieder nach Paris gegangen – der Krieg war zu Ende, und viele ihrer Freunde kehrten zurück, wie sie mir auf einer der Postkarten berichtete, die sie mir bisweilen schickte. Ich hingegen schrieb ihr in den ersten beiden Jahren regelmäßig jede Woche, immer am Sonntagnachmittag vor dem Tee. Und jedes Mal stellte ich ihr dieselben zwei Fragen: Wann sie mich holen kommen würde und wann die Gedenkfeier für Daddy stattfinden würde. Die Antwort lautete unweigerlich: »Bald, chérie, bald. Bitte versuch zu verstehen, dass ich es noch nicht schaffe, wieder nach Admiral House zu kommen. Jeder Raum ist voll Erinnerungen an deinen Papa …«

Schließlich hatte ich mich damit abgefunden, dass mein Leben vorläufig hier in dieser kleinen Gemeinschaft stattfinden würde, wo man physisch und mental vom Rest der Welt abgeschnitten war. Selbst Omas kostbares Radio – das sie jeden Tag, den Gott gab, wegen der Kriegsnachrichten gehört hatte – war offenbar gleich nach Daddys Tod kaputtgegangen. Als der Sieg in Europa verkündet wurde, hatte es sich wundersamerweise für eine Stunde wieder aufgerappelt, und ich hatte Oma und Daisy umarmt, und wir hatten im Wohnzimmer zu dritt einen kleinen Freudentanz aufgeführt. Irgendwann fragte ich, weshalb wir eigentlich feierten, wo doch der Mensch, den wir am meisten liebten, nie zu uns zurückkehren würde, wie es bei einigen anderen Vätern und Söhnen im Dorf der Fall war.

»Wir müssen die Großmut aufbringen, uns für sie zu freuen, Posy, auch wenn der Mensch, den wir liebten, nicht mehr bei uns ist«, hatte Oma gesagt.

Vielleicht war ich ein schlechter Mensch, aber als sich das Dorf zu einer Feier des Siegs im Gemeindesaal versammelte, empfand ich nichts als ein hohles, taubes Gefühl.

Nach Kriegsende änderte sich wenig, obwohl Oma plötzlich regelmäßig nach London fuhr und erklärte, es gäbe viel »Bürokratisches«, um das sie sich kümmern müsse. Das musste sehr anstrengend sein, denn wenn sie von einer solchen Fahrt nach Hause kam, sah sie immer schrecklich grau und erschöpft aus. Besonders schlimm war es, als sie von ihrem letzten Londonbesuch heimkehrte. Anstatt wie sonst gleich zu mir zu kommen und mir ein kleines Mitbringsel zu geben, verschwand sie sofort in ihrem Zimmer, das sie drei Tage lang nicht verließ. Als ich zu ihr gehen wollte, sagte Daisy, sie habe sich stark erkältet und wolle nicht, dass ich mich anstecke.

Da beschloss ich, dass ich, sollte ich je Kinder haben, sie immer zu mir vorlassen würde, selbst wenn ich an etwas entsetzlich Ansteckendem wie Cholera litt. Geliebte Erwachsene, die sich hinter einer Tür verbarrikadieren, haben für Kinder etwas sehr Beängstigendes. Und im Lauf meiner Kindheit erlebte ich ziemlich viel davon.

Schließlich tauchte Oma wieder auf, und es gelang mir nur mit Mühe, nicht vor Schreck aufzuschreien, so viel hatte sie abgenommen. Sie sah aus, als habe sie tatsächlich Cholera gehabt. Ihre Haut war wächsern, und ihre Augen hatten sich tief in die Höhlen zurückgezogen. Sie wirkte sehr alt und war gar nicht lebhaft wie doch sonst immer.

»Posy, mein Schatz«, sagte sie, als wir vor dem Feuer im Wohnzimmer gemeinsam eine Tasse Tee tranken. Sie zwang sich zu einem Lächeln, das nicht ihre Augen erreichte. »Entschuldige, dass ich in den letzten Monaten so oft nicht hier war. Du wirst dich freuen zu hören, dass das nicht mehr vorkommen wird. Alles ist abgeschlossen, ich brauche jetzt nicht mehr nach London zu fahren – und hoffentlich überhaupt nie wieder. Ich kann diese gottlose Stadt nicht leiden, was meinst du?« Sie schauderte leicht.

»Ich bin nie dort gewesen, Oma, darum weiß ich es nicht.«

»Nein, obwohl du sie eines Tages bestimmt besuchen wirst, also darf ich sie dir nicht schlechtreden. Aber für mich birgt sie keine schönen Erinnerungen …«

Ihr Blick aus den eingesunkenen Augen wanderte von mir fort und kehrte dann mit gespielter Munterkeit, wie ich meinte, zu mir zurück.

»Wie auch immer, vorbei und vergessen. Und jetzt ist es Zeit, in die Zukunft zu blicken. Posy, demnächst kommt für dich eine Überraschung hier an.«

»Wirklich? Wie schön«, sagte ich, unsicher, wie ich auf diese neue, andere Oma reagieren sollte. »Danke.«

»Ich möchte dir nicht die Vorfreude verderben und schon verraten, was es ist, aber ich dachte, dass du zur Erinnerung an deinen Vater etwas von ihm haben solltest. Etwas … Praktisches. Würdest du bitte noch etwas Holz aufs Feuer nachlegen? Diese Kälte kriecht mir in die Knochen.«

Das tat ich, und dann unterhielten wir uns darüber, was ich in ihrer Abwesenheit alles gemacht hatte – wenig genug, obwohl ich ihr hätte erzählen können, dass Daisy Bill öfter in der Küche empfangen hatte, als ich für notwendig hielt –, bis Oma sagte, sie sei müde und wolle sich eine Weile hinlegen.

»Aber komm erst her und nimm deine Oma in den Arm.«

Und obwohl sie so gebrechlich aussah, umfing sie mich mit ihren Armen so fest, als wollte sie mich nie mehr loslassen.

»Und jetzt«, sagte sie, als sie aufstand, »vorwärts in die Zukunft, Posy. Sonst geht das Leben nicht weiter.«

Drei Tage später fuhr ein kleiner Lieferwagen vors Haus. Ich ging in die Halle und sah einen kräftigen Mann schwere Kartons ins Bürozimmer schleppen. Oma erschien neben mir, ich schaute fragend zu ihr auf, und sie legte mir eine Hand auf die Schulter.

»Die sind alle für dich, mein Herz. Schau dir an, was drin ist, und dann kannst du sie nach Belieben ins Bücherregal stellen. Ich habe genügend Platz gemacht.«

Ich ging ins Bürozimmer und riss das dicke Klebeband von einem der Kartons. Und darin lagen einige Bände meiner geliebten Encyclopaedia Britannica in ihrem weichen braunen Ledereinband.

»Damit dir an dunklen kornischen Abenden nicht langweilig wird«, sagte Oma, als ich einen herausnahm und mir auf den Schoß legte. »Ich habe sie für deinen Vater gekauft, immer einen zu Weihnachten und einen zum Geburtstag. Er hätte sich gewünscht, dass du sie bekommst.«

»Danke, Oma, tausend Dank«, sagte ich. Als ich mit der Hand über den Einband fuhr, traten mir Tränen in die Augen. »Das ist das Allerschönste, was ich zur Erinnerung an ihn bekommen könnte.«

In den nächsten Monaten kehrte Oma langsam wieder zu ihrer früheren Munterkeit zurück. Auch wenn ich oft Trauer in ihren Augen bemerkte, war ich froh, dass sie wieder im Haus herumhantierte und, als allmählich der Vorfrühling Einzug hielt, ihre Energie auf den großen Garten hinter dem Haus verwandte, der sehr schnell aus seinem Winterschlaf erwachte. Wenn ich nicht in der Schule oder mit meinen Freundinnen im Moor unterwegs war, half ich ihr dabei. Beim Arbeiten lehrte sie mich die verschiedenen Pflanzen unterscheiden, die wir gerade einsetzten oder versorgten. Im alten, von Flechten überzogenen Gewächshaus zeigte sie mir, wie man Keimlinge aus Samen zieht und pikiert. Sie schenkte mir sogar mein eigenes Gartenwerkzeug, zusammengepackt in einem kräftigen Weidenkorb.

»Wenn ich traurig bin«, sagte sie, als sie ihn mir gab, »grabe ich in der fruchtbaren Erde und denke an die Wunder, die sie hervorbringt. Das hilft mir über jeden Kummer hinweg. Ich hoffe, dass es dir genauso ergeht.«

Und zu meiner Überraschung ging es mir wirklich ähnlich. Ich verbrachte immer mehr Zeit damit, in der Erde zu wühlen oder mich in Omas Gartenbücher und -zeitschriften zu vertiefen. Daisy nahm mich in der Küche unter ihre Fittiche, und viele glückliche Stunden lang rollte ich Teig aus und backte. Außerdem verfertigte ich, wie Daddy mich gebeten hatte, immer noch botanische Zeichnungen.

Eines Nachmittags Ende März lud Oma den Pfarrer zum Tee ein, um die jährliche Ostereiersuche zu organisieren (sie fand immer bei uns im Garten statt, weil wir den ausgedehntesten im Dorf hatten). Unwillentlich empfand ich einen gewissen Stolz, als am großen Tag alle, die daran teilnahmen, bemerkten, wie gepflegt und hübsch der Garten aussah.

Etwa zu der Zeit kamen auch die ersten Postkarten von Maman aus Paris. Offenbar hatte sie wieder zu singen begonnen. Sehr viel mehr konnte sie auf einer Karte nicht schreiben, aber sie klang glücklich. Ich versuchte, mich darüber zu freuen, aber dadurch, dass die innere Posy so hohl war wie eine leere Kokosnuss (auch wenn die äußere Posy tat, als wäre sie genau wie früher), war es mir einfach nicht möglich. Oma sprach immer wieder von Großmut, aber die konnte ich für meine Mutter nicht aufbringen, und so kam ich zu dem Schluss, dass ich ein abscheulicher Mensch sein musste. Denn in Wahrheit wollte ich, dass es ihr genauso schlecht ging wie mir. Sie durfte auch nicht »glücklich« sein, wenn doch der Mensch, den wir beide am meisten geliebt hatten, nicht mehr da war.

Schließlich vertraute ich mich Katie an. Sie war zwar nie über Bodmin hinausgekommen (wo sie einmal zur Beerdigung einer Großtante gewesen war) und hoffnungslos in der Schule, aber sie besaß jede Menge gesunden Menschenverstand.

»Na ja, vielleicht tut deine Ma ja auch nur so, als wäre sie glücklich, genau wie du, Posy. Hast du dir das schon mal überlegt?«, fragte sie.

Und mit diesem einen Satz wurde alles einfacher für mich. Maman und ich spielten beide den anderen nur etwas vor und taten, als ob: Sie stürzte sich in ihr Singen, so wie ich mich aufs Lernen stürzte und auf das Beet, das Oma mir kürzlich überlassen hatte und wo ich pflanzen konnte, was ich wollte. Wir taten beide unser Bestes, das zu vergessen, woran wir uns ständig schmerzhaft erinnerten. Ich dachte auch an Oma, die sich ebenfalls bemühte, wieder zur Normalität zurückzukehren. Daddys Tod schmerzte sie immer noch, das wusste ich nur, weil ich manchmal Trauer in ihren Augen sah. Mamans Augen konnte ich nicht sehen, und schließlich würde Oma, wenn sie mir Postkarten aus einem fremden Land schickte, ganz bestimmt auch nur Zuversichtliches schreiben.

In den vergangenen zwei Jahren waren die Postkarten immer seltener geworden, und schließlich, vor einem Jahr, hatte ich eine aus Rom bekommen, darauf ein Bild vom Kolosseum, auf der sie schrieb, sie mache eine »petite vacance«.

»Eher eine grande vacance«, beschwerte ich mich bei meinem Spiegelbild, während ich mein widerspenstiges Haar in einem Zopf zu bändigen versuchte. Ich bemühte mich, nicht gekränkt zu sein, dass sie mich seit der Nachricht von Daddys Tod kein einziges Mal besucht hatte, aber manchmal konnte ich nicht anders, es tat mir einfach weh. Schließlich war sie meine Mutter, und fünf Jahre waren eine lange Zeit.

»Zumindest hast du deine Oma«, sagte ich zu meinem Spiegelbild. »Sie ist jetzt deine Mutter.«

Und als ich nach unten ging, um mich zu ihr an den Tisch zu setzen und über das Internat zu sprechen, das sie erwähnt hatte, wurde mir klar, dass es stimmte.

»Gut, das wär’s«, befand Daisy und schloss den Deckel des glänzenden großen Lederkoffers, den Oma mitsamt der flaschengrünen Schuluniform aus London hatte schicken lassen. Ich persönlich fand sie ausgesprochen hässlich, aber das war vermutlich Absicht. Außerdem war sie ohne Anprobe bestellt worden, sodass ich in jedem Stück ertrank.

»Der ist auf Zuwachs gekauft, Posy«, sagte Oma, als ich vor dem Spiegel in einem Blazer dastand, dessen Ärmel mir zu den Fingerspitzen reichten und der in den Schultern so weit war, dass Katie und ich zusammen hineinpassen würden. »Deine Eltern waren und sind beide groß gewachsen, und du wirst in den nächsten Monaten zweifellos in die Höhe schießen. Bis es so weit ist, heftet Daisy dir den Rock und die Ärmel hoch, dann kannst du sie bei Bedarf jederzeit auslassen.«

Daisy wuselte um mich herum, steckte die Ärmel und den Saum des Kilts hoch, der im Moment noch auf die festen schwarzen Lederschnürschuhe fiel. Ich kam mir vor, als trüge ich Boote an den Füßen, und genauso sahen sie auch aus. Allerdings fiel Daisy das »Herumwuseln« ziemlich schwer, weil sie einen dicken Bauch hatte und das Kind jeden Tag kommen sollte. Ich wollte es unbedingt sehen, bevor ich ins Internat fuhr, aber das wurde zunehmend unwahrscheinlicher.

Von uns dreien war Daisy diejenige, die im kornischen Moor wirkliches Glück gefunden hatte. Sie und Bill, Omas Mann für alles, hatten vor zwei Jahren geheiratet, und das gesamte Dorf hatte an der Hochzeit teilgenommen, wie es bei jedem Fest – und jeder Trauerfeier – der Fall war. Jetzt lebten die beiden in dem gemütlichen Gärtnerhäuschen, das zum Anwesen gehörte. Das blasse, mondgesichtige Mädchen, das ich in Admiral House gekannt hatte, war zu einer hübschen jungen Frau herangewachsen. Offenbar stimmt es, dass man durch wahre Liebe schön wird, dachte ich, als ich mich in meiner grünen Uniform im Spiegel betrachtete, und wünschte, ich würde auch eine finden.

Bei unserem letzten gemeinsamen Essen an einem warmen Abend Ende August, an dem wir draußen sitzen konnten, fragte ich Oma, ob sie ohne mich auch zurechtkommen würde.

»Ich meine, wo jetzt Daisy ihr Kind bekommt und ich weg bin, wie wird es dir damit ergehen?«

»Du meine Güte, Posy, bitte schreib mich noch nicht völlig ab! Immerhin bin ich erst Ende fünfzig. Außerdem werde ich Bill und Daisy nach wie vor haben – nur weil man ein Kind bekommt, ist man noch lange nicht arbeitsunfähig. Abgesehen davon wird es sehr schön sein, so ein kleines Wesen um sich zu haben, das heitert die Stimmung immer auf.«

Solange das Kind mir nicht deine Zuneigung streitig macht …, dachte ich, verschwieg die Befürchtung aber.

Als ich am nächsten Morgen in das alte Ford-Automobil stieg, in dem Bill mich zum Bahnhof nach Plymouth fuhr, und Oma zum Abschied einen Kuss gab, musste ich die Tränen hinunterschlucken. Zumindest brach sie, im Gegensatz zu Daisy, nicht in Schluchzen aus, obwohl ihre Augen feuchter glänzten als sonst.

»Pass gut auf dich auf, mein Schatz. Schreib regelmäßig und erzähl mir, was du alles machst.«

»Das werde ich.«

»Streng dich an, und mach deinem Vater – und mir – alle Ehre.«

»Ich verspreche, dass ich mein Bestes versuchen werde, Oma. Auf Wiedersehen.«

Auf dem Weg die Auffahrt hinunter warf ich einen Blick zurück. Welchen Kummer ich auch erlebt hatte, seitdem ich vor fünf Jahren hier angekommen war – die kleine Gemeinschaft, in der ich gelebt hatte, hatte mich beschützt. Und ich wusste, dass sie mir entsetzlich fehlen würde.

Das Internat war … in Ordnung. Sofern man die Eisblumen übersah, die, als es Winter wurde, an den Scheiben des Schlafsaals prangten, das ungenießbare Essen und die Turnstunden, zu denen wir dreimal die Woche in die Sporthalle getrieben wurden. Eine Schar linkischer Backfische, die über ein Seitpferd zu springen versuchte, musste einen denkbar ungraziösen Anblick abgeben. Für Hockey allerdings erwies ich großes Geschick, obwohl ich es, zum Entsetzen der vierschrötigen Sportlehrerin, noch nie gespielt hatte. Offenbar hatte ich einen »niedrigen Schwerpunkt«, was meiner Ansicht nach nur eine elegante Umschreibung dafür war, dass ich mit beiden Beinen fest auf dem Boden stand. Wie auch immer, es kam dem Spiel zugute, und bald war ich die beste Torschützin unseres Teams. Und auch beim Langstreckenlauf erwies ich mich als sehr gut, schließlich hatte ich einen Großteil der vergangenen fünf Jahre draußen auf dem Moor in Cornwall verbracht.

Meine sportlichen Fähigkeiten machten zumindest teilweise den Umstand wett, dass ich nach Ansicht der anderen Mädchen viel zu lernversessen war – was stimmte –, sodass sie mir den Spitznamen »Streberin« verpassten. Aber ebenso, wie sie meine Leidenschaft für Bildung nicht verstehen konnten, war mir schleierhaft, warum sie das Wissen, das ihnen jeden Tag auf dem Silbertablett serviert wurde, nicht mit Begeisterung aufnahmen. Nachdem ich jahrelang das meiste, das ich wusste, von den ehrwürdigen Seiten der Encyclopaedia Britannica gelernt hatte (Oma hatte natürlich recht gehabt, als sie sagte, Miss Brennan bereite es Mühe, mit mir mitzuhalten), fand ich es himmlisch, dass ein leibhaftiger Mensch ein Themengebiet für mich zum Leben erweckte. Und da ich als Einzelkind daran gewöhnt war, selbst in einer Gruppe wie der mit Katie und den anderen im Dorf als Außenseiterin betrachtet zu werden, traf es mich an der neuen Schule weniger als gedacht, dass die Mädchen mich etwas misstrauisch beäugten. Außerdem gab es in meiner Klasse eine andere Schülerin, die wegen ihrer Leidenschaft fürs Balletttanzen ebenfalls als Außenseiterin galt. Dadurch entstand eine Verbindung zwischen uns.

Gleich und gleich gesellt sich gern, heißt es, doch abgesehen davon, dass wir beide als Sonderlinge galten, hätten Estelle Symons und ich unterschiedlicher nicht sein können. Während ich im Vergleich zu meinen Klassenkameradinnen schon groß war, kräftig gebaut und nach meinem Dafürhalten wenig attraktiv, hatte Estelle eine kleine, zierliche Gestalt, und wenn sie einen Fuß vor den anderen setzte, erinnerten mich ihre Bewegungen eher an Spinnfäden, die in der Brise dahintrieben. Zudem hatte sie eine Mähne dicker blonder Haare und große tiefblaue Augen. Ich verbrachte meine Freizeit am liebsten in der Bibliothek, Estelle aber war immer in der Turnhalle anzutreffen, wo sie vor dem Spiegel ihre Positionen übte und die Beine streckte. Sie stammte aus einer Familie von »Bohemiens«, wie sie mir sagte – ihre Mutter war Schauspielerin, ihr Vater ein bekannter Schriftsteller.

»Sie haben mich hergeschickt, weil meine Mutter ständig zu dem einen oder anderen Theater unterwegs ist, und Paps – mein Vater – ist immer in irgendeinem Manuskript vertieft, also war ich ihnen im Weg«, sagte Estelle und zuckte nüchtern mit den Schultern.

Sie vertraute mir an, dass sie eines Tages eine berühmte Ballerina werden würde, wie Margot Fonteyn, von der ich nie gehört hatte, doch Estelle sprach nur im ehrfürchtigen Flüsterton von ihr. Wegen ihrer Besessenheit blieb ihr wenig Zeit für die Hausaufgaben, also machte ich sie oft an ihrer statt und fügte Rechtschreib- und Grammatikfehler ein, damit es wie ihre eigene Arbeit aussah. Passend zu ihrem ätherischen Äußeren hatte Estelle ein verträumtes, ätherisches Wesen. Sollte es je ein Ballett über eine schöne blonde Fee geben, dachte ich mir manchmal, müsste Estelle sie tanzen.

»Du bist so schlau, Posy«, sagte sie seufzend, als ich ihr einmal ihr Matheheft zurückgab. »Ich wünschte, ich hätte so viel Grips wie du.«

»Ich finde ja, dass man viel Grips braucht, um sich all die Tanzschritte zu merken und wie man die Arme bewegen soll.«

»Ach, das ist kinderleicht. Mein Körper weiß einfach, was er tun muss. Genauso, wie dein Kopf die Lösung einer Gleichung einfach kennt. Weißt du, jeder Mensch hat sein ganz eigenes Talent. Gesegnet sind wir alle.«

Je besser ich Estelle kennenlernte, desto mehr wurde mir klar, dass sie nur deswegen nicht im Unterricht brillierte, weil sie sich nicht dafür interessierte. Denn wenn es um die Welt an sich ging, war sie ausgesprochen intelligent – und viel philosophischer als ich. Für mich war ein Gegenstand das, was er darstellte, doch für Estelle konnte er etwas viel Fantasievolleres sein. Sie ließ mich an die Tage zurückdenken, als Daddy mich die Feenprinzessin genannt hatte und er der Feenkönig gewesen war. Da erkannte ich, dass mir im Lauf der vergangenen Jahre irgendwann der Zauber abhandengekommen war.

Als der Herbst und Winter verstrichen und wir zum Sommertrimester ins Internat zurückkehrten, legten wir uns oft in den Schatten einer Eiche und tauschten Geheimnisse aus.

»Denkst du viel an Jungs?«, fragte Estelle mich an einem sonnigen Nachmittag im Juni.

»Nein«, antwortete ich aufrichtig.

»Aber eines Tages wirst du doch bestimmt auch heiraten wollen, oder nicht?«

»Darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht, wahrscheinlich, weil ich mir nicht vorstellen kann, dass irgendein Mann mich haben möchte. Ich bin nicht wie du, Estelle, ich bin weder schön noch weiblich.« Ich schaute auf meine bleichen, sommersprossigen Beine, die vor mir ausgestreckt waren, und fand, dass sie fast wie der Baumstamm aussahen, an dem ich lehnte. Dann betrachtete ich Estelles vollkommene Waden, die sich zu eleganten, schmalen Knöcheln verschlankten – das, was Männer laut Maman an Frauen liebten. (Sie hatte sie natürlich, im Gegensatz zu ihrer Tochter.)

»Aber Posy, wieso sagst du so etwas?! Du bist schlank und sportlich und hast kein Gramm Fett an dir, du hast wunderschöne Haare in der Farbe von Herbstlaub und hinreißende große braune Augen«, widersprach Estelle. »Ganz abgesehen von deinem Verstand natürlich, der dem von jedem Mann das Wasser reicht.«

»Der wird ihnen wahrscheinlich auch nicht gefallen«, sagte ich und seufzte. »Ich habe den Eindruck, dass Männer sich Frauen wünschen, die ihre Kinder bekommen und ihnen ein schönes Zuhause bereiten, aber zu nichts eine Meinung haben. Ich glaube, ich würde eine schlechte Ehefrau abgeben, weil ich meinen Mann immer korrigieren müsste, wenn er sich täuscht. Abgesehen davon«, gestand ich, »möchte ich einen Beruf.«

»Ich auch, liebe Posy, aber mir ist nicht klar, weshalb ich deswegen nicht auch einen Mann haben sollte.«

»Ich kenne keine einzige Frau, die verheiratet ist und einen Beruf hat. Selbst meine Mutter hat nach der Hochzeit mit meinem Vater das Singen aufgegeben. Und schau dir unsere Lehrerinnen an, die sind allesamt ledig.« Ich seufzte.

»Vielleicht sind sie ja vom anderen Ufer«, sagte Estelle mit einem kleinen Lachen.

»Was meinst du damit?«

»Weißt du das nicht?«

»Nein, und jetzt hör auf, in Rätseln zu sprechen.«

»Ich meine, dass sie sich vielleicht gegenseitig mögen.«

»Was?! Eine Frau, die eine Frau mag?«, fragte ich verblüfft ob der Vorstellung.

»Ach, Posy, du magst ja klug sein, aber du bist oft unglaublich naiv. Dir muss doch aufgefallen sein, wie Miss Chuter Miss Williams anschmachtet.«

»Nein«, gab ich barsch zurück. »Das kann nicht sein. Das ist … na ja, das ist einfach wider die Naturgesetze.«

»Jetzt verwechsle Biologie nicht mit der menschlichen Natur, Posy. Und nur weil das Thema in keinem deiner dicken Nachschlagewerke steht, heißt das noch lange nicht, dass es das nicht gibt«, sagte Estelle mit Nachdruck. »Auch dass Männer andere Männer mögen. Sogar du musst von Oscar Wilde gehört haben, der wegen seiner Beziehung zu einem Mann im Gefängnis landete.«

»Siehst du? Es ist verboten, weil es nicht natürlich ist.«

»Ach, Posy, sei nicht so engstirnig! In der Theaterwelt sind solche Sachen gang und gäbe. Abgesehen davon ist es doch kaum ihre Schuld. Menschen sollten doch das sein dürfen, was sie sind, unabhängig von den gesellschaftlichen Vorschriften. Findest du nicht?«

Dank Estelle fing ich tatsächlich an nachzudenken. Nicht nur wie bislang, über Fotosynthese und chemische Verbindungen, sondern auch darüber, dass die Welt Regeln geschaffen hatte, was als annehmbares und als anstößiges Verhalten galt. Und ich begann, die Regeln zu hinterfragen.

Langsam wurde ich erwachsen.

November 1954

»Posy, wir müssen uns über deine Zukunftspläne unterhalten.«

Miss Sumpter, die Rektorin, lächelte mich von der anderen Seite des Schreibtischs an. Das bemerkte ich allerdings nur aus den Augenwinkeln, denn wie immer, wenn ich sie in den vergangenen fünf Jahren gesehen hatte, wanderte mein Blick sofort zu der Warze links neben ihrem Kinn und den langen grauen Haaren, die daraus wuchsen. Und zum x-ten Mal fragte ich mich, warum sie sie nicht einfach abschnitt, denn sonst war ihr Gesicht eigentlich ganz hübsch.

»Ja, Miss Sumpter«, antwortete ich automatisch.

»Im nächsten Sommer wirst du uns verlassen, und wenn du dich an einer Universität bewerben willst, ist jetzt die Zeit dazu. Ich gehe davon aus, dass du das möchtest?«

»Ich … ja, doch. Welche würden Sie empfehlen?«

»Angesichts deiner akademischen Leistungen finde ich, dass du es an der besten versuchen solltest. Ich würde Cambridge vorschlagen.«

»Himmel«, sagte ich. Plötzlich bekam ich einen Kloß im Hals. »Da hat mein Vater studiert. Glauben Sie wirklich, dass ich eine Chance hätte? Nach allem, was ich gehört habe, ist der Wettbewerb um einen Studienplatz – insbesondere für Frauen – erbittert.«

»Das stimmt, aber du bist eine herausragende Schülerin. Außerdem sollten wir in deinem Bewerbungsschreiben erwähnen, dass dein Vater dort war. Alte Schulverbindungen haben noch nie geschadet«, fügte sie mit einem Lächeln hinzu.

»Selbst wenn sie einer Frau zugutekommen?«, fragte ich.

»Tja, selbst dann. Wie du sicherlich weißt, sind Girton und Newnham die beiden etablierten Frauencolleges, aber hast du schon von New Hall gehört? Es wurde eben erst im September mit ganzen sechzehn Studentinnen gegründet, und die Leiterin, Miss Rosemary Murray, ist eine alte Freundin von mir. Das heißt, ich könnte ein gutes Wort einlegen, aber deine Zulassung würde trotzdem ausschließlich davon abhängen, dass du die dreistündige schriftliche Prüfung bestehst. Im vergangenen Jahr haben sich vierhundert junge Frauen um die sechzehn Plätze beworben. Die Konkurrenz ist scharf, Posy, aber ich bin überzeugt, dass du sehr gute Chancen hast. Ich vermute, du möchtest Naturwissenschaften studieren?«

»Ja, Botanik«, antwortete ich.

»Tja, Cambridge ist für seine exzellente Botanikschule bekannt. Du könntest es nicht besser treffen.«

»Ich muss natürlich erst mit meiner Großmutter sprechen, bevor wir etwas unternehmen, aber ich bin mir sicher, dass sie die Idee gutheißt. Obwohl ich die Prüfung vielleicht nicht bestehen werde, Miss Sumpter.«

»Wer nicht wagt, der nicht gewinnt, und von allen Schülerinnen, die bei mir jemals durch die Tür getreten sind, bist du eine der begabtesten. Ich habe volles Vertrauen in dich, Posy. So, und jetzt verbring schöne Weihnachten.«

Die Vorfreude, wieder nach Cornwall zu fahren – insbesondere zu Weihnachten –, hinderte mich zwar nicht mehr durch Schmetterlinge im Bauch wochenlang am Einschlafen, aber es war trotzdem immer noch ein ganz besonderer Moment, wenn Bill mit mir durch unser winziges Dorf fuhr. Langsam zog Nebel auf, der Himmel wurde dunkler und kündete die Dämmerung an, obwohl es gerade einmal drei Uhr vorbei war. Ich lächelte vor Freude, als ich die bunten Lichter auf der herrlichen Kiefer sah, die vor Omas Haus stand. Sie hatte mir erzählt, dass ihre Großeltern sie einmal zu Weihnachten gepflanzt hatten in der Hoffnung, sie würde anwachsen. Die hatte sich erfüllt, und jetzt versammelte sich alljährlich das ganze Dorf, um das traditionelle Anschalten der Lichter am Tag der Wintersonnenwende mitzuerleben.

»Posy, mein Schatz! Willkommen zu Hause!«

Meine Großmutter stand mit ausgebreiteten Armen in der Tür, doch noch bevor ich sie erreichte, drängte sich ein kleiner Junge an ihr vorbei und stürzte sich auf mich.

»Posy! Weihnachten! Er kommt!«

»Ich weiß, Ross, ist es nicht aufregend?« Ich bückte mich und nahm ihn in den Arm, gab ihm einen Kuss aufs Haar, das ebenso strohblond war wie Daisys, und trug ihn ins Haus.

Daisy stand in der Halle, um mich zu begrüßen. Ross wand sich in meinen Armen, er wollte abgesetzt werden, um mir das Bild des Weihnachtsmannes zu zeigen, das er gemalt hatte und das an einem Küchenschrank hing.

»Miss Posy kann dein Bild später ansehen, Ross«, tadelte Daisy ihren Sohn liebevoll. »Sie hat eine lange Fahrt hinter sich, sie will sich bestimmt erst einmal mit einer Tasse Tee und einem Scone vor den Kamin setzen.«

»Aber …«

»Kein Aber.« Daisy schob ihn Richtung Küche. »Hilf mir beim Teekochen.«

Ich folgte Oma ins Wohnzimmer, wo ein munteres Feuer brannte. Der Baum stand bereits in seinem Topf mit Erde, war aber noch nicht geschmückt.

»Ich dachte, das überlasse ich dir«, sagte Oma mit einem Lächeln. »Ich weiß doch, wie viel Freude es dir macht. Jetzt komm, setz dich und erzähl mir von deinem Herbsttrimester.«

Bei Tee und Scones berichtete ich Oma von den vergangenen drei Monaten. Sie war unglaublich stolz gewesen, als ich im September zur Schülersprecherin ernannt worden war.

»Aber die ganze Verantwortung, die das mit sich bringt, gefällt mir gar nicht, und das Schlimmste ist, Freundinnen bestrafen zu müssen. Zu Anfang des Trimesters habe ich Mathilda Mayhew beim Rauchen im Wald ertappt. Ich habe sie nicht gemeldet, weil sie mir versprach, es nicht mehr zu machen, aber dann habe ich sie noch einmal dabei erwischt, und da musste ich etwas sagen. Sie bekam drei Wochen Ausgangssperre, und seitdem kann sie mich nicht mehr leiden«, klagte ich seufzend.

»Sicher, aber hat es nicht andere, die sich vielleicht auch dazu versucht fühlen, davon abgehalten, dasselbe zu machen?«

»Doch, ja, oder zumindest sind die Mädchen viel vorsichtiger geworden, damit ich sie nicht erwische. Aber das heißt nur, dass sie mir aus dem Weg gehen und mich aus vielem ausschließen. Und dass ich jetzt ein Zimmer für mich habe, macht es nicht besser. Ich komme mir einsam vor, Oma, und seitdem ist die Schule nicht mehr halb so schön.«

»Ja, Posy, du lernst gerade, dass Verantwortung alle möglichen Herausforderungen und schwere Entscheidungen mit sich bringt. Ich bin mir sicher, dass das alles gutes Rüstzeug für die Zukunft ist. Aber jetzt erzähl mir mehr von deiner Bewerbung für Cambridge.«

Also berichtete ich Oma von dem neuen Frauencollege und dass Miss Sumpter meinte, ich hätte gute Chancen auf einen der wenigen Plätze. Tränen traten ihr in die Augen.

»Dein Vater wäre so unglaublich stolz auf dich, Posy, und das bin ich auch.«

»Langsam, Oma. Noch bin ich nicht drin!«

»Nein, aber es genügt, dass sie dich für geeignet hält. Mein Schatz, du wächst zu einem wirklich ganz besonderen Menschen heran, und ich bin außerordentlich stolz auf dich.«

Das war lieb gemeint von Oma, doch im Lauf der Weihnachtstage, bei den traditionellen Festivitäten im Dorf, merkte ich, dass meine »Besonderheit« selbst hier in der Gemeinschaft, in der ich fünf Jahre aufgewachsen war, meine Freundschaften beeinträchtigte. Katie, die normalerweise vor der Tür stand, sobald sie Bills Auto am Cottage ihrer Familie vorbeifahren sah, erschien erst an Heiligabend zu dem Umtrunk, den Oma fürs Dorf veranstaltete. Auf den ersten Blick hätte ich sie fast nicht erkannt; sie hatte sich ihr wunderschönes rotes Haar abschneiden und eine Dauerwelle machen lassen, wodurch sie (dachte ich etwas boshaft) wie ein Pudel aussah. Sie war stark geschminkt, und das Make-up endete abrupt unter ihrem Kinn, sodass sie durch die natürliche Blässe ihres Halses aussah, als trage sie eine Maske.

»Komm doch einen Abend zu uns, dann schminke ich dich auch so«, schlug sie vor, als wir draußen in der Kälte standen, wo sie eine Zigarette rauchte. »Du hast schöne Augen, Posy, und mit einem schwarzen Eyeliner würden sie richtig gut zur Geltung kommen.«

Sie erzählte mir, dass sie gerade eine Friseurlehre in Bodmin angefangen habe und bei einer Verwandten wohne, die dort lebte. Sie hatte einen jungen Mann kennengelernt, der Jago hieß.

»Sein Pa hat die Metzgerei in Bodmin, und die wird er eines Tages übernehmen. Mit Fleisch kann man viel verdienen«, versicherte sie mir. »Und was hast du so alles getrieben, Posy? Studierst du immer noch da an deiner Schule?«

Das bestätigte ich ihr und erzählte, dass ich hoffte, nach Cambridge zu gehen, wovon sie noch nie gehört hatte.

»Guter Gott, das klingt ja, als würdest du weiterlernen, bis du eine alte Jungfer bist! Willst du nicht mal ein bisschen Spaß haben und ab und zu mit einem Burschen tanzen gehen?«

Ich wollte ihr erklären, dass mir Lernen Spaß machte, aber ich wusste, dass sie mich nicht verstehen würde. Wir trafen uns noch zweimal, bevor sie nach Bodmin zurückkehren musste, aber es war offensichtlich, dass wir uns nichts mehr zu sagen hatten. Das machte mich sehr traurig. Dazu kam – obwohl ich es mir vielleicht nur einbildete –, dass das Leben in dem Haushalt, als dessen Mittelpunkt ich mich früher gefühlt hatte, ohne mich einfach weitergegangen war. Im Zentrum der Aufmerksamkeit stand jetzt der kleine Ross – der zugegebenermaßen entzückend war –, und selbst Oma schien mehr Zeit mit ihm als mit mir zu verbringen. Als Weihnachten vorbei war, merkte ich, dass ich tatsächlich die Tage zählte, bis ich wieder ins Internat fahren würde.

Und dabei konntest du es kaum erwarten, nach Hause zu kommen, Posy, sagte ich mir, als ich eines Nachmittags allein übers Moor spazieren ging. Hierher gehörst du also auch nicht …

Wohin gehöre ich denn dann?, fragte ich mich auf dem Rückweg und erging mich in Selbstmitleid, eine Quasi-Waise zu sein, seit Maman mich vor fast zehn Jahren hier zurückgelassen hatte und einfach nie mehr wiedergekommen war.

Die Wahrheit lautete: Ich wusste es nicht.

Am Tag, bevor ich wieder ins Internat fuhr, bekam ich einen Luftpostbrief, der in Rom abgestempelt war. Es war die Schrift meiner Mutter, also ging ich nach oben in mein Zimmer, um ihn zu lesen.

Liebste Posy,

verzeih, dass ich dir nicht früher geschrieben habe, aber das vergangene Jahr war ein einziger Wirbelwind, und ich wollte dir nichts sagen, bevor meine Pläne nicht absolut feststanden. Die Wahrheit ist, chérie, dass ich einem hinreißenden Mann begegnet bin, Alessandro heißt er. Er ist Italiener und obendrein ein Graf!, und er hat mich gefragt, ob ich ihn heiraten möchte. Anfang Juni findet die Hochzeit nun statt – die schönste Zeit des Jahres hier –, und natürlich wünsche ich mir, dass du als meine Trauzeugin daran teilnimmst. Weitere Einzelheiten und eine richtige Einladung für dich und deine Großmutter folgen noch, aber davor stellt sich schon die Frage nach einem Kleid für dich.

Ich weiß, dass du noch die Schule besuchst, aber ich dachte, dass du vielleicht in den Osterferien herfliegen und eine Anprobe machen und gleichzeitig meinen Schatz Alessandro kennenlernen könntest. Du wirst begeistert von ihm sein, das weiß ich genau. Wir werden in seinem Palazzo in Florenz leben – stell dir eine viel wärmere und ältere Version von Admiral House vor (einige Fresken stammen aus dem 13. Jahrhundert) mit Zypressen anstatt der Kastanien. Es ist himmlisch hier, und deine Maman ist zurzeit die glücklichste Frau auf Gottes weiter Welt.

Posy, ich weiß, wie sehr du deinen Papa geliebt hast – wie auch ich –, aber ich war in den letzten zehn Jahren, in denen ich um seinen Verlust getrauert habe, sehr unglücklich und einsam. Deswegen hoffe ich, dass du es über dich bringst, dich für mich zu freuen. Das Leben geht weiter, und obwohl ich deinen wunderbaren Papa nie vergessen werde, glaube ich, dass ich etwas Glück verdiene, bevor es zu spät ist.

Bitte teile mir mit, wann deine Osterferien sind, damit ich dir einen Platz im Flugzeug buchen kann. Ich verspreche dir, das allein ist ein Abenteuer.

Ich kann es gar nicht erwarten, dich zu sehen und alles von dir zu erfahren. Oma hat mir erzählt, dass du eine erstklassige Schülerin bist.

Eine Million Küsse, chérie,

Maman

Zutiefst erschüttert rannte ich zum Haus hinaus und ins Moor, wo ich mir dort, wo niemand mich hören konnte, die Seele aus dem Leib schrie. Tränen rannen mir über die Wangen, ich heulte, wie die Bestie von Bodmin Moor es täte, angesichts des Grauenvollen, was ich gerade gelesen hatte.

»Wie kann sie nur? Wie kann sie nur?!«, schrie ich ein ums andere Mal das harte Gras an. Die Worte umfassten alles, was sie mir antat: Zum einen, und am schlimmsten, dass sie von mir – Daddys geliebter Tochter – erwartete, ich solle mich freuen, dass sie eine neue, wunderbare Liebe gefunden hatte. Zum anderen, dass sie, nachdem sie sich all die Jahre nicht die Mühe gemacht hatte, mich, ihre Tochter, zu besuchen, während ich – zumal anfangs – so verzweifelt und unglücklich gewesen war, davon ausging, sie könnte mich einfach in ein Flugzeug beordern, um mir ein Kleid nähen zu lassen, während ich wie verrückt für die Abschlussprüfungen an der Schule und die Aufnahmeprüfung für Cambridge lernen musste. Ihr Egoismus war nicht zu überbieten. Und die Hochzeit im Juni selbst – hatte sie denn keine Sekunde daran gedacht, dass genau dann meine ganzen Prüfungen stattfinden würden?

Und obendrein … im Juni würde ich achtzehn werden. Ich hatte zufällig gehört, wie Oma und Daisy in der Küche etwas von einem Fest flüsterten, und ich hatte mir überlegt, dass Maman vielleicht – aber nur vielleicht – dafür nach England kommen könnte. Aber sie ging offensichtlich derart in den Planungen für ihre eigene Feier auf, dass sie an den achtzehnten Geburtstag ihrer Tochter überhaupt nicht gedacht hatte.

»Natürlich nicht, Posy! Wieso denn auch? Himmel, seit sie weg ist, hat sie keine zehnmal mit dir am Telefon gesprochen«, sagte ich laut. »Was für eine Mutter ist das denn?!«, schrie ich die grauen Wolken an, die sich über den Himmel schoben.

Urplötzlich setzte ich mich, die Gefühlsaufwallung ließ meine Beine zu Pudding werden, als ich – nicht mehr das verängstigte Mädchen Posy, das ich früher gewesen war, sondern die fast erwachsene Posy – mich schließlich der Wahrheit stellte. In den ganzen Jahren hatte ich den Gedanken eisern zu verdrängen versucht, auch wenn er mir bisweilen durch den Kopf gegangen war, aus Angst, was er bedeuten würde: dass meine Mutter mich nicht liebte. Oder dass sie zumindest sich selbst mehr liebte als mich.

»Sie ist eine entsetzliche Mutter«, sagte ich dem Moor mit Kummer in der Stimme und in meinem Herzen. Ich erkannte, dass sie mich, selbst in alten Tagen in Admiral House, meist Daisys Obhut überlassen hatte. Auch wenn es für wohlhabende Familien üblich war, dass sich vorwiegend Bedienstete um ihre Kinder kümmerten – ich konnte mich nicht erinnern, dass Maman mich auch nur ein einziges Mal von der Schule abgeholt hätte oder zu mir ans Bett gekommen wäre, um mir einen Gutenachtkuss zu geben oder eine Geschichte vorzulesen. Sosehr ich auch im Nebel meiner Erinnerungen stöberte, mir fiel nicht eine einzige derartige Gelegenheit ein.

»Posy, sie war nie grausam zu dir«, sagte ich mir, denn ich wollte um keinen Preis selbstgerecht werden, »und sie hat dir auch körperlich nicht wehgetan. Du hast immer ein Dach über dem Kopf und Essen auf dem Tisch gehabt«, ergänzte ich.

Das stimmte auch, und solange Daddy da gewesen war, der mir sein Lachen und seine Liebe schenkte, hatte ich alles gehabt, was ich brauchte. Wie die Keimlinge auf meinem Fenstersims zu Hause und in der Schule war ich mit der richtigen Menge an Sonnenschein, Wasser und Fürsorge gediehen.

Und dann dachte ich an Oma und wie großartig sie war, weil sie in die Rolle meiner Mutter geschlüpft war, und da wurde mir klar, wie viel Glück ich hatte. Niemandes Leben war vollkommen, und selbst wenn ich eine abwesende Mutter gehabt hatte (die vermutlich von Anfang an abwesend gewesen war), musste ich mich glücklich schätzen. Nicht jede Frau besaß von Natur aus einen Mutterinstinkt, der sie dazu drängte, sich um ihr Kind zu kümmern und es zu lieben. Ich dachte an bestimmte Tiere in freier Natur, die ihre Kleinen wenige Stunden nach der Geburt im Stich ließen. Das hatte Maman nicht gemacht.

»Posy, du musst sie nehmen, wie sie ist«, sagte ich mir streng. »Sie wird sich nicht ändern, und es tut dir nur weh, wenn du denkst, sie könnte sich ändern, obwohl sie es nie tun wird.«

Auf dem Rückweg redete ich mir ins Gewissen. Von allem, was ich über Psychologie gelesen hatte, wusste ich, dass es nicht nur darauf ankam, was einem zustieß, sondern vor allem, wie man damit umging.

»Von nun an musst du Maman als Tante sehen oder vielleicht als Patentante«, sagte ich mir und meiner Seele. »Dann tut es dir nicht mehr weh.«

Das Problem mit der italienischen Hochzeit war damit allerdings noch nicht gelöst.

»Oma, ich kann doch unmöglich fahren«, sagte ich am nächsten Morgen beim Frühstück, als ich mich schon etwas beruhigt hatte.

»Wenn du ihr schreibst und erklärst, dass du dann mitten in den Prüfungen steckst, versteht sie sicher, dass du nicht dabei sein kannst. Ich muss ihr auch sagen, dass ich nicht kommen kann.«

»Hast du da auch zu tun?«

»Ich … ja«, antwortete Oma nach kurzem Schweigen. »Im Juni ist im Dorf immer viel los, und das Fest muss organisiert werden.«

Da wurde mir klar, dass Oma auch keine Lust hatte hinzufahren – das Dorffest fand erst am Ende des Monats statt, und Wimpel im Garten aufzuhängen und den Kuchenstand aufzubauen dauerte bestenfalls zwei oder drei Tage. Irgendwie ging es mir deswegen besser, obwohl ich mich fragte, ob ich wohl gefahren wäre, wenn ich keine triftige Ausrede gehabt hätte. Mamans neuen Mann kennenzulernen und ein Glas auf ihre »Liebe« zu trinken, daran hatte ich nicht das geringste Interesse. Wie auch? Aber wichtiger noch: Wie konnte sie nur glauben, dass ich das tun wollte? Vielleicht wäre es anders, wenn wir uns nähergestanden und in den vergangenen zehn Jahren öfter gesehen hätten, wenn ich miterlebt hätte, wie sie um Daddy trauerte. Aber diese Eröffnung aus heiterem Himmel weckte nichts als Wut und Zorn in mir.

Erst nach zehn Entwürfen war der Brief an sie fertig. Ich bat Oma, ihn zu lesen, bevor ich ihn abschickte.

»Er ist sehr gut, Posy. In solchen Fällen ist es am besten, die Tatsachen freundlich darzulegen, und genau das hast du gemacht.«

So steckte ich schließlich den Brief in ein Luftpostkuvert und brachte ihn zu Laura, die die Dorfpost leitete. Dann packte ich meinen Koffer und fuhr zum wichtigsten halben Jahr meines Lebens wieder in die Schule.