Kapitel 15
»Nick! Was in aller Welt ist denn das?«, fragte Tammy lachend, als sie sich auf den Beifahrersitz eines uralten Sportwagens niederließ, der tomatenrot und tipptopp in Schuss war.
»Das, liebe Tammy, ist ein antiker Austin Healey.«
»Die Farbe gefällt mir«, sagte sie und schnupperte den Geruch nach Leder und Autopolitur. »Er wird aber nicht liegen bleiben, oder?«, fragte sie, als Nick vergeblich versuchte, den Motor anzulassen.
»Wer weiß? Dann müssen wir eben schieben.«
»Du hast eindeutig einen Hang zu alten Sachen«, sagte sie, als der Wagen schließlich doch ansprang.
»Du meinst, einschließlich dir?«, scherzte er. Er schaltete in den nächsthöheren Gang und griff nach ihrer Hand.
»Du bist einfach zu charmant.«
»Bist du nervös?«, fragte er, als sie durch ein relativ ausgestorbenes London zügig nach Osten fuhren. Die Stadt wachte an diesem Sonntagmorgen erst allmählich auf.
»Du meinst, weil ich deine Mum kennenlerne – und deinen Bruder und seine Familie? Ein bisschen schon, glaube ich.«
»Du wirst Mum gefallen, davon bin ich überzeugt, und Sam wahrscheinlich auch, allerdings aus dem falschen Grund. Er wollte immer das, was ich habe. Aber Amy wirst du mögen, sie ist eine äußerst liebenswerte Frau. Ich weiß, dass du sie alle bezaubern wirst.«
»Das hoffe ich«, sagte Tammy seufzend und überlegte sich, weshalb ihr genau das so wichtig war.
Posy hatte gerade den Tisch in der Küche fertig gedeckt und arrangierte bunte Astern in eine Vase, die in der Mitte des Tischs stehen sollte. Am Morgen war sie in einem Zustand höchster Aufregung aufgewacht – die Aussicht, dass zum ersten Mal seit vielen Jahren ihre ganze Familie wieder beim Lunch zusammensitzen würde, bereitete ihr große Freude. Von einem kurzen Gang durch den Garten abgesehen, um die Astern zu pflücken – von denen sie jedes Jahr Unmengen in den Garten pflanzte, weil sie noch spät im Jahr Nektar für überwinternde Schmetterlingsarten lieferten –, stand sie seit sieben Uhr in der Küche, backte und bereitete den Rinderbraten zu, den sie am Tag zuvor gekauft hatte.
Das Telefon läutete, und sie hob ab. »Ja, bitte?«
»Posy, hier ist Freddie. Es tut mir wirklich sehr leid, dir so kurzfristig absagen zu müssen, aber leider schaffe ich es zum Lunch heute doch nicht.«
»Ach.«
Sie wartete auf Freddies Erklärung, bis ihr klar wurde, dass keine folgen würde.
»Wie schade. Ich hatte mich darauf gefreut, dich meiner Familie vorzustellen.«
»Und ich hatte mich darauf gefreut, sie alle kennenzulernen. Leider ist es nicht zu ändern. Ich rufe dich im Lauf der Woche an, Posy.«
Sie legte den Hörer auf. Der Tag hatte ein wenig von seinem Glanz verloren. Er hatte so kurz angebunden geklungen, so abweisend …
»Sie sehen sehr gedankenversunken aus, Posy.«
Bei Sebastians Stimme fuhr sie zusammen. Er war vor zwei Tagen eingezogen, und sie musste sich erst daran gewöhnen, dass außer ihr noch jemand anderes im Haus war.
»Ach ja?« Sie drehte sich zu ihm. »Entschuldigen Sie.«
»Haben Sie etwas dagegen, wenn ich mir einen Kaffee mache?«, fragte Sebastian. »Ich verspreche, morgen kaufe ich mir einen Wasserkocher, dann brauche ich Sie nicht immer hier unten zu stören.«
»Sie stören mich überhaupt nicht, wirklich nicht.« Posy ging zum Tisch und machte sich daran, Freddies Gedeck wegzuräumen. Sebastian sah ihr zu.
»Hat jemand abgesagt?«
»Ja«, sagte Posy und füllte den leeren Platz, indem sie die Sets verrückte. »Mein guter Freund Freddie.«
»Entschuldigen Sie, wenn ich das so sage, aber das ist wirklich sehr kurzfristig, oder nicht?«
»Doch.« Mit einem Seufzen setzte Posy sich auf einen Stuhl, das Besteck noch in der Hand. »Sebastian, Sie sind ein Schriftsteller, und ein Mann. Vielleicht können Sie mir ja sagen, was es heißt, wenn jemand … sehr aufmerksam ist und offenbar gern mit einem zusammen ist, und im nächsten Moment gibt er sich ganz distanziert und unterkühlt und sagt eine Verabredung ab.«
»Wer weiß?« Sebastian gab mehrere Löffel löslichen Kaffee in einen Becher. »Wie Sie wissen, sind Männer gemeinhin ein ganzes Stück schlichter gestrickt als Frauen und emotional meistens auch weniger komplex. Sie nennen die Dinge beim Namen, während Frauen etwas zurückhaltender sind und einen Spaten etwa ein metallenes Grabwerkzeug für den Garten nennen.«
Bei dem Bild musste Posy lächeln.
»Deshalb würde ich schlussfolgern, dass Ihr Freddie heute nicht kommen kann, weil er einen ganz einfachen Grund hat, der ihn daran hindert.«
»Warum nennt er den dann nicht?«
»Weiß Gott.« Sebastian füllte seinen Becher mit kochendem Wasser auf. »Wenn Männer sich treffen, tun sie nach meiner Erfahrung nichts anderes, als zu trinken, über Sport zu debattieren und ein paar Witze zu reißen. Was Kommunikation betrifft, sind sie etwas unterbelichtet, insbesondere – entschuldigen Sie, wenn ich das so sage – Männer einer bestimmten Generation, denen von klein auf beigebracht wurde, ihre Gedanken und Gefühle für sich zu behalten. Zudem müssen britische Männer in der Hinsicht die allerschlimmsten sein. Schweigsamkeit ist ihr Markenzeichen.«
»Da sind Sie offensichtlich aus ganz anderem Holz geschnitzt. Sie können sich wunderbar ausdrücken.«
»Das muss mein französisches Erbe sein«, sagte Sebastian und rührte seinen Kaffee um.
»Ach, ich bin auch halbe Französin durch meine Mutter«, sagte Posy, während sie den Braten aus dem Ofen holte und mit Bratensaft begoss.
»Ach wirklich?« Sebastian lächelte. »Das ist also der Grund, weshalb Sie mir so gut gefallen.«
»Also, da ich eine Frau bin und eine halbe Französin obendrein, bin ich jetzt ganz dreist und frage Sie, ob Sie nicht heute Mittag an Freddies statt mit uns essen möchten?«
»Wirklich? Sind Sie sicher, dass Sie mich dabeihaben möchten, wenn Ihre ganze Familie kommt?«
»Absolut sicher. Ich habe Ihnen ja schon bei Ihrem ersten Besuch neulich gesagt, dass Sie sich gerne dazugesellen können. Außerdem werden sich alle viel mehr zusammenreißen und freundlicher zueinander sein, wenn ein Fremder am Tisch sitzt.«
»Rechnen Sie mit einem Duell am Teetisch?«
»Ich hoffe nicht, obwohl Nick vermutlich nicht allzu glücklich darüber sein wird, wenn Sam erwähnt, dass er das Haus kaufen und in Wohnungen aufteilen möchte. Die Entscheidung ist noch nicht gefallen.«
»Ich bin auch nicht allzu glücklich darüber, dabei bin ich nicht einmal mit Ihnen verwandt.« Sebastian seufzte. »Ich habe mich richtig in dieses Haus verliebt. Wie auch immer, für eine Stunde oder so komme ich gerne dazu, wenn Sie sicher sind, dass ich nicht störe.«
»Absolut sicher«, beruhigte Posy ihn. »Abgesehen davon sind Sie jetzt mein offizieller Tischherr.«
»Dann bin ich Punkt eins zur Stelle«, sagte er. »Bis später.«
Kurz nach zwölf sah Posy einen alten roten Sportwagen die Auffahrt heraufkommen und auf dem Kies parken. Die Beifahrertür ging auf, es erschien ein Paar langer, schlanker Beine in einer schicken Wildlederhose, gefolgt von einem schmalen Oberkörper und einer rotgoldenen Mähne.
»Oh, die Frau ist aber ausgesprochen hübsch«, sagte Posy etwas enttäuscht. Sie war im Lauf ihres Lebens nur sehr wenigen schönen Frauen begegnet, die sie auch gemocht hatte, und sie konnte nur hoffen, dass Tammy zu den Ausnahmen zählte.
Innerhalb von zehn Minuten hatte sie gemerkt, dass diese hinreißende, freimütige junge Frau tatsächlich zu den Ausnahmen gehörte. Obwohl sie unverkennbar nervös war, was Posy sympathisch fand, wirkte sie klug, freundlich und völlig uneitel. Am wichtigsten aber war, dass sie eindeutig sehr in Nick verliebt war; immer wieder griff sie nach seiner Hand und folgte ihm mit dem Blick, wenn er durch den Raum ging.
»Kann ich Ihnen irgendwie helfen, Posy?«, fragte Tammy, als sie zu dritt in der Küche standen und ein Glas Wein tranken.
»Nein, ich …«
»Jetzt sind gerade Sam und Amy vorgefahren, Mum.« Nick schaute zum Küchenfenster hinaus. »Himmel, mein Neffe und meine Nichte! Entschuldigt mich bitte, ich muss mich doch als Onkel vorstellen.«
»Natürlich.«
»Posy, das Haus ist wirklich wunderschön«, sagte Tammy.
»Danke, Tammy, ich liebe es auch sehr. Noch einen Schluck Wein?«
Tammy ließ sich nachschenken.
»Ich glaube nicht, dass ich Nick jemals so glücklich gesehen habe«, bemerkte Posy, während sie ihr eigenes Glas nachfüllte. »Sie müssen ihm guttun.«
»Das hoffe ich«, sagte Tammy mit einem Nicken. »Ich weiß, dass er mir guttut.«
»Ich finde es sehr positiv, dass Sie beide unabhängig voneinander Erfolg haben. Dadurch ist eine Beziehung viel ausgewogener.«
»Na ja, Posy, im Moment habe ich noch nichts vorzuweisen. Meine Boutique könnte krachend scheitern.«
»Meine Liebe, das bezweifle ich, und selbst wenn, würden Sie die Scherben aufklauben und etwas Neues anfangen. Ah, da höre ich doch das Trappeln kleiner Füße.« Posy wandte sich zur Tür.
Nick kam zur Küche herein, Sara auf dem Arm, Jake neben ihm.
»So, und jetzt stelle ich euch eure Tante Tammy vor.« Nick ging mit den beiden zu Tammy und setzte Sara am Boden ab, und die beiden Kinder lächelten schüchtern zu ihr hinauf.
»Hallo, ihr zwei.« Tammy bückte sich zu ihnen.
»Bist du mit Onkel Nick verheiratet?«, fragte Jake.
»Nein.«
»Wieso bist du dann unsere Tante?«, wollte er wissen.
»Deine Haare sind schön«, sagte Sara leise zu ihr. »Sind die echt?«
Tammy nickte ernst. »Ja. Magst du sie mal anfassen, nur um sicherzugehen?«
Sara griff mit einem pummeligen Händchen nach einer kupferroten Strähne. »Die sind so lang wie bei meiner Barbie-Prinzessin. Aber ihre Haare sind nicht echt.«
»Guten Tag, Posy, wie geht’s dir?«
Tammy sah hoch, als eine sehr attraktive blonde Frau zur Tür hereinkam.
»Amy!« Posy begrüßte sie mit einem herzlichen Kuss. »Du siehst bildhübsch aus. So, und jetzt stelle ich dir Tammy vor. Tammy, das ist Amy, meine allerliebste Schwiegertochter.«
»Das ist nur, weil ich im Moment ihre einzige Schwiegertochter bin«, sagte Amy und lächelte, und Tammy wusste auf Anhieb, dass sie sich verstehen würden. »Hi, Nick. Wie schön, dich nach all den Jahren wiederzusehen.«
Amy umarmte Nick, der sie fest in die Arme schloss.
»Du siehst großartig aus«, sagte Amy und sah lächelnd zu ihm hoch. »Übrigens, ich entschuldige mich schon vorab für alles, was meine Kinder beim Lunch sagen oder tun könnten. Tammy, pass bloß auf, dass sie deine traumhafte Wildlederhose nicht mit ihren klebrigen Fingern verschmieren.«
»Hi, Mum.«
Tammy sah einen kleinen, breitschultrigen Mann mit blonden Haaren Posy auf die Wange küssen und merkte, dass Nick sich verspannte, bevor er zu ihm hinüberging.
»Nick, alter Junge, schön, dich zu sehen.«
»Guten Tag, Sam«, sagte Nick förmlich und streckte die Hand aus, die sein Bruder kräftig schüttelte.
Tammy musterte Sam und fand, dass das Alter weniger freundlich zu ihm war als zu Nick. Am Scheitel lichtete sich sein Haar bereits, und er hatte einen Bierbauch, der sich deutlich unter seinem Hemd abzeichnete. Von der Nase einmal abgesehen, hatte er keinerlei Ähnlichkeit mit Nick, der ganz nach seiner Mutter schlug.
»Und was bringt dich in die alte Heimat zurück? Ist das Geschäft in Perth etwa den Bach runtergegangen?«
Die Muskeln in Nicks Kinnpartie spannten sich an.
»Im Gegenteil, alles läuft besser, als ich es mir hätte träumen lassen«, antwortete Nick kalt.
»Schön, schön. Na, demnächst solltest du dich auf Konkurrenz von deinem großen Bruder gefasst machen«, sagte Sam. »Aber davon erzähle ich dir später.«
»Ich kann’s gar nicht erwarten«, meinte Nick. Der Sarkasmus in seiner Stimme war nicht zu überhören.
Tammy sah zu Amy hinüber, und sie tauschten einen verständnisvollen Blick.
»Also, wer hat Lust auf ein Glas von dem Champagner, den Tammy und Nick freundlicherweise mitgebracht haben?«, fragte Posy genau im richtigen Moment.
»Ich öffne sie, ja?«, schlug Nick vor und ging die Flasche holen.
»Schöne Frau, wo hat Nick dich denn aufgegabelt?«, fragte Sam an Tammy gewandt. Seine Augen wanderten an ihr auf und ab. Tammy wusste sofort, dass sie es mit einem Mann zu tun hatte, der seinen Charme gekonnt einzusetzen verstand. Die Art Mann, mit der sie im Lauf ihres Lebens immer wieder zu tun gehabt hatte … die Art Mann, die sie nicht ausstehen konnte.
»Durch gemeinsame Freunde.«
»Mit deinem Akzent kommst du eindeutig nicht von Down Under, oder?«
»Nein, Sam. Tammy ist ein bekanntes Model«, unterbrach Posy.
»Das war ich früher«, stellte Tammy richtig. »Mittlerweile bin ich eher Geschäftsfrau.«
»Na, klar ist auf jeden Fall, dass du keine Kinder hast, so, wie du aussiehst«, sagte Sam. »Kinder und schlaflose Nächte lassen Frauen alt aussehen, im wahrsten Sinn des Wortes, stimmt’s nicht, mein Schatz?« Er bedachte seine Frau mit einem wenig schmeichelhaften Blick. »Also gut, dann überlasse ich die Damen mal sich selbst. Ich muss mich kurz mit Mum unterhalten.« Mit einem Zwinkern ging er davon.
Tammy empfand das bekannte und unangenehme Gefühl, neben einer Frau zu stehen, deren Mann gerade unmissverständlich klargemacht hatte, dass er sie attraktiv fand. Sie wusste nicht genau, was sie sagen sollte, bis Amy das Schweigen mit einem Seufzen brach.
»Leider hat Sam ja recht. Was gäbe ich nicht dafür, einmal auszuschlafen und mir vorm Weggehen passende Kleidung zurechtzulegen, aber das ist der Preis, wenn man Kinder hat.«
»Ich weiß wirklich nicht, wie Frauen es schaffen. Aber es muss sich lohnen. Ich meine, schau dir doch deine beiden an«, sagte Tammy und lächelte. »Sie sind hinreißend.«
Sara und Jake kicherten mit Nick über etwas, das ihr neu entdeckter Onkel gesagt hatte.
»Vielleicht. Aber allmählich frage ich mich, ob Muttersein nicht ein schlechter Scherz der Natur ist. Ich würde auf dem Spielplatz natürlich standrechtlich erschossen werden, wenn ich gestehen würde, dass ich es nicht unbedingt als bereichernd empfinde, den ganzen Tag mit einer Vier- und einem Sechsjährigen zu verbringen, die endlos Tweenie-Videos gucken, aber manchmal könnte ich schreien.«
»Wenigstens bist du so ehrlich und gibst es zu«, sagte Tammy, die Amy immer sympathischer fand. »Von außen betrachtet kommt es mir vor, als bestünde das Muttersein zu neunzig Prozent aus Schwerarbeit und zu zehn Prozent aus Vergnügen.«
»Na ja, auf lange Sicht lohnt es sich natürlich. Alle sagen, dass es großartig ist, wenn sie älter sind und so etwas wie Freunde werden. Das Problem ist, die meisten erwachsenen Kinder, die ich kenne, finden es dröge, ihre Eltern zu besuchen. Oje«, sagte Amy mit einem Lachen, »ich rühre nicht gerade die Werbetrommel fürs Familienleben, stimmt’s? Aber wirklich, im Grunde möchte ich nicht auf sie verzichten.«
»Ich verstehe dich schon, Amy. Du meinst nur, dass du hin und wieder ein bisschen Zeit für dich haben möchtest.«
»Genau«, stimmte Amy ihr zu und blickte zu ihren Kindern hinüber, die neben Nick standen. »Schau, das ist ein Mann, dem es offenbar gefällt, wenn zwei Kinder wie Kletten an ihm hängen. Du könntest enden wie ich: eine erschöpfte, jammernde Mum. Aber jetzt sollte ich ihn wohl besser erlösen.«
»Der Champagner wird serviert. Kommt doch alle mal her.« Posy stand am Tisch und schenkte die Gläser ein. »Ich möchte auf Nick trinken. Willkommen zu Hause, mein Schatz.«
»Danke, Mum«, sagte Nick.
»Und ein herzliches Willkommen an Tammy«, fügte Posy hinzu. »Das Essen ist in zehn Minuten fertig. Nick, darf ich das Aufschneiden dir überlassen?«
Tammy sah, dass Sams Blick sich verfinsterte angesichts der Aufmerksamkeit, die seine Mutter seinem Bruder schenkte. Eifersucht strömte ihm aus jeder Pore.
Sebastian kam in dem Moment in die Küche, als sich alle an den Tisch setzten.
»Perfektes Timing«, sagte Posy und deutete auf den Stuhl zwischen sich und Tammy. »Ihr Lieben, das ist mein neuer Untermieter, Sebastian Girault.«
»Guten Tag.« Sebastian begrüßte die Runde mit einem Lächeln und setzte sich. »Ich hoffe, es stört niemanden, dass ich einfach so dazukomme.«
»Gar nicht. Nick Montague.« Nick streckte seine Hand über den Tisch hinweg aus. »Ich habe Ihr Buch gelesen und fand es großartig.«
»Danke.«
»Ich bin Sam Montague, und das ist meine Frau Amy.«
»Ja. Amy und ich kennen uns vom Hotel«, antwortete Sebastian. »Wie geht es Ihnen?«, fragte er sie.
»Gut, danke.«
Tammy bemerkte, dass Amy leicht errötete und den Blick senkte.
»Was machen Sie denn in Admiral House, Sebastian?«, fragte Sam, leerte seinen Champagner und griff zum Nachschenken nach der Flasche.
»Ich schreibe an meinem nächsten Buch. Ihre Mutter hat mir freundlicherweise Kost und Logis angeboten.«
»Stille Wasser gründen ja sehr tief, Mum«, scherzte Nick.
»Ja«, sagte Sam. »Als Sebastian hereinkam, dachte ich mir im ersten Moment, du hättest dir einen Galan zugelegt.«
»Schön wär’s«, sagte Posy lächelnd. »So, hat jeder alles, was er braucht?«
In der nächsten Stunde saß Posy zufrieden am Kopfende des Tisches und freute sich, dass ihre Familie nach zehn Jahren wieder zusammensaß. Selbst Sam und Nick hatten zumindest vorübergehend ihre Feindseligkeit eingestellt, und Nick erzählte ihm von seiner Zeit in Australien. Tammy und Sebastian unterhielten sich angeregt, und die Einzige, die nicht entspannt wirkte, war Amy. Vermutlich wegen der Kinder – Posy erinnerte sich nur zu gut an die Male, wenn sie mit ihren Söhnen sonntags zum Lunch gegangen war und ständig befürchtet hatte, sie könnten unangenehm auffallen. Amy sah erschöpft aus, und unwillkürlich verglich Posy ihre verhärmte, besorgte Miene mit Tammys frischem, faltenlosem Gesicht.
»Und jetzt, Posy, muss ich wirklich nach oben und anfangen zu arbeiten oder, um ehrlich zu sein, nach dem vielen köstlichen Wein erst einmal ein Nickerchen halten, bevor ich mich an die Arbeit setze«, sagte Sebastian und stand auf. »Bis zum nächsten Mal allseits.« Mit einem Winken verließ er die Küche.
Während Posy Kaffee machte und Amy den Tisch abräumte, setzte Nick sich zu Tammy. Besitzergreifend legte er ihr einen Arm um die Schulter.
»Hi, mein Schatz.« Er gab ihr einen Kuss auf den Nacken. »Lange nicht gesehen. Wie findest du Mums Untermieter?«
»Sehr nett«, sagte Tammy. »Überhaupt nicht arrogant, dabei ist er doch in der Literaturszene ein solcher Star.«
»Mummy, ich muss mal«, meldete sich Sara vom anderen Ende des Tisches.
»Also gut, Jake, komm du auch mit, dann erkunden wir ein bisschen das Haus und gönnen den anderen etwas Ruhe.« Amy nahm ihre Kinder an die Hand und verschwand aus der Küche.
»Mum hat dir sicher erzählt, dass sie Admiral House an mich verkauft?«, sagte Sam und schenkte sich Wein nach.
»Was?! Nein. Wieso hast du mir nichts davon gesagt, Mum?«
Bestürzt stellte Posy das Kaffeetablett auf den Tisch. »Noch ist nichts entschieden, Nick, deswegen.«
»Du willst Admiral House verkaufen? An Sam?«, fragte Nick fassungslos nach.
»Ja, an meine Firma. Warum denn nicht?«, gab Sam zurück. »Wie ich ihr sagte, wenn sie es schon verkaufen muss, dann ist es doch besser, wenn es in der Familie bleibt. Außerdem habe ich Mum Rabatt auf eine der Wohnungen angeboten, das heißt, wenn sie möchte, kann sie sogar hier wohnen bleiben.«
»Sam, immer mit der Ruhe, ich habe dir gesagt …«
»Wohnungen? Von was zum Teufel spricht er da?« Alle Farbe war aus Nicks Gesicht gewichen.
»Mum verkauft das Haus an meinen Bauträger, und wir renovieren es und teilen es in mehrere hochpreisige Wohnungen auf. Die sind jetzt der letzte Schrei – dafür bekommt man richtig Geld, vor allem hier, die Gegend ist bei Rentnern sehr gefragt. Keine Gartenarbeit – wir werden jemanden einstellen, der sich laufend darum kümmert –, anständige Sicherheitsvorkehrungen und derlei mehr.«
»Mein Gott, Mum.« Nick schüttelte den Kopf und versuchte, seinen Zorn zu beherrschen. »Ich kann’s nicht glauben, dass du nicht vorher mit mir darüber gesprochen und mir Gelegenheit gegeben hast, meine Meinung dazu zu sagen.«
»Bruderherz, seien wir doch ehrlich, du warst die letzten zehn Jahre am anderen Ende der Welt. Das Leben geht weiter«, sagte Sam. »Mum schlägt sich seit Jahren allein mit diesem Kasten herum.«
»Ich verstehe. Ihr habt das also alles zwischen euch abgesprochen und braucht mich gar nicht dazu.« Zitternd vor Wut und Empörung stand Nick auf. »Komm, Tam, wir gehen.«
Tammy erhob sich ebenfalls. Vor Verlegenheit hatte sie den Kopf gesenkt. Am liebsten wäre sie im Erdboden versunken.
»Nick, bitte geh nicht. Natürlich wollte ich mit dir darüber sprechen und dich um deine Meinung fragen. Ich …« Hilflos zuckte Posy mit den Achseln.
»Wie’s klingt, steht dein Entschluss schon fest.« Nick gab Posy einen flüchtigen Kuss auf die Wange. »Danke fürs Essen, Mum.«
»Ja, haben Sie vielen herzlichen Dank«, sagte Tammy und bemerkte Posys bedrückte Miene, als Nick zur Tür marschierte. Ihr blieb nichts anderes übrig, als ihm zu folgen. »Ich hoffe, wir sehen uns bald wieder. Auf Wiedersehen.«
Die Küchentür fiel hinter ihnen ins Schloss. Posy schlug die Hände vors Gesicht.
»Tut mir leid, Mum.« Sam zuckte beiläufig mit den Achseln. »Ich habe natürlich gedacht, dass er davon weiß. Er kommt schon drüber weg. Eigentlich wollte ich dir ja vorschlagen, Nick vielleicht die Pläne …«
»Es reicht, Sam! Du hast für einen Tag schon genug Schaden angerichtet. Ich möchte nicht weiter darüber reden. Verstanden?«
»Klar.« Er besaß so viel Anstand, geknickt dreinzusehen. »Und jetzt helfe ich dir beim Aufräumen, ja?«
Amy ging durch die Zimmer im ersten Stock und spielte mit ihren Kindern halbherzig Verstecken. Sie warf einen Blick auf die Uhr und hoffte, dass Sam bald nach Hause fahren wollte. Auf sie wartete ein Berg Bügelwäsche. Wie schön wäre es, Tammy zu sein, dachte sie, einfach nach Hause fahren und vor dem Kamin ein Buch lesen zu können, ohne gestört zu werden.
»Mummmyyy! Such mich!«, ertönte eine gedämpfte Stimme vom anderen Ende des Gangs.
»Ich komme«, antwortete sie und folgte dem Ruf in einen der Räume.
Sebastian saß vor dem Laptop an einem Schreibtisch, der vor einem der deckenhohen Fenster stand, mit herrlichem Blick auf den französischen Garten und die Beete.
»Mein Gott, das tut mir leid, ich dachte …«
»Kein Problem.« Sebastian drehte sich zu ihr. »Um ehrlich zu sein, freue ich mich über etwas Ablenkung. Der herausragende Rote zum Rinderbraten hat ein paar Tausend weitere Gehirnzellen abgetötet, und ich kämpfe.«
»Wie viele Seiten haben Sie denn schon geschrieben?«
»Nicht annähernd genug. Ich habe etwa ein Drittel und stelle fest, dass Nummer zwei sehr viel schwieriger zu schreiben ist als Nummer eins.«
»Ich hätte gedacht, dass es einfacher ist, weil Sie beim Schreiben des Ersten Erfahrung gesammelt haben.«
»Das stimmt, aber manchmal ist Erfahrung von Nachteil. Als ich Die Schattenfelder schrieb, kritzelte ich es einfach hin, ich hatte keine Ahnung, ob es gut war oder schlecht, und im Grunde war es mir egal. Wahrscheinlich eine Art Bewusstseinsstrom. Aber weil das ein solcher Erfolg wurde und so gute Kritiken bekam, stecke ich mit dem Kopf jetzt in meiner eigenen Schlinge. Jeder wartet nur darauf, dass ich scheitere.«
»Das ist, wenn ich das mal so sagen darf, eine sehr negative Sicht.«
»Da gebe ich Ihnen recht, aber es ist sehr gut möglich, dass mein Genie nur für ein Buch reicht.« Sebastian seufzte. »Bei diesem Buch habe ich das Gefühl, es schreiben zu müssen, und ich weiß nicht, ob es gut ist oder völliger Unsinn.«
»Mummmyyyy! Wo bleibst du?!«
»Ich sollte gehen«, sagte Amy.
Sebastian lächelte sie an. »Das Essen hat mir gefallen. Sie sind eine nette Familie.«
»Tammy wirkt sympathisch. Außerdem ist sie eine sehr schöne Frau«, sagte Amy bewundernd.
»Ja, sie ist eine interessante und warmherzige Person, aber nicht mein Typ.«
»Was ist denn Ihr Typ?« Die Frage rutschte ihr einfach so heraus.
»Ach, zierlich, schlank und blond mit großen blauen Augen.« Sebastian betrachtete sie. »Erstaunlicherweise ein bisschen wie Sie.«
Ein heißer Schauer kroch Amy das Rückgrat hinauf, als sie und Sebastian sich einen Moment in die Augen sahen.
»Mummy!« Schmollend erschien Sara in der Tür. »Ich habe gewartet, aber du bist nicht gekommen.«
»Nein, ich …« Amy brach den Blickkontakt ab. »Entschuldige, mein Schatz. Wir sollten jetzt sowieso gehen.«
»Auf Wiedersehen, Sara. Ciao, Amy.« Sebastian winkte ihnen nach, in seinen Augen funkelte es amüsiert. »Bis bald.«
Amy entdeckte Jake unter dem Bett seiner Großmutter, und dann gingen sie zu dritt die Treppe hinunter. Was hatte sie bloß zu dieser Frage getrieben? Sie hatte ja regelrecht mit ihm geflirtet, was ihr überhaupt nicht ähnlich sah. Vielleicht war es der Wein, oder vielleicht … vielleicht war es die Tatsache – die sie sich nun gar nicht eingestehen wollte –, dass sie sich zu Sebastian hingezogen fühlte?
Sie gingen in die Küche, wo Sam und Posy schweigend die Geschirrberge spülten.
»Wo sind Nick und Tammy?«, fragte sie.
»Sie sind zurückgefahren«, antwortete Posy knapp.
»Ihr hättet mich rufen sollen. Ich hätte mich gerne von ihnen verabschiedet.«
»Die sind einfach davongerauscht«, sagte Sam. »Offenbar habe ich etwas gesagt, das Nick geärgert hat.«
»Sam hat Nick erzählt, dass ich ihm Admiral House verkaufe. Das war natürlich ein Schock für ihn. Ich hätte es ihm lieber auf meine Art beigebracht, aber so ist es nun einmal«, erklärte Posy.
»Es tut mir leid, Mum.«
Amy fand nicht, dass Sam besonders zerknirscht aussah.
»Na, jetzt ist es nicht mehr zu ändern. Ich werde Nick anrufen und mit ihm reden müssen.« Posy lächelte bemüht. »So, und jetzt – hätte jemand von euch Lust auf eine Tasse Tee und eine Scheibe von Omas köstlichem Schokoladenkuchen?«
»Ich kann’s nicht fassen! Wie kann Mum auch nur im Traum daran denken, Admiral House an Sam zu verkaufen? Das ist der reinste … Wahnsinn!«
Tammy saß schweigend auf dem Beifahrersitz neben Nick, der mit überhöhtem Tempo nach London zurückfuhr. Seine Knöchel waren weiß, so fest umklammerte er das Lenkrad in seiner Wut.
»Liebling, deine Mutter wollte es dir bestimmt sagen. Es ist einfach so passiert.«
»Ich habe sie letzte Woche zum Lunch besucht, und ja, da hat sie davon gesprochen, das Haus schätzen zu lassen, aber kein Wort davon, dass sie es an Sam verkauft. Nein, ich wette, der eigentliche Grund ist, weil sie genau wusste, wie ich reagieren würde.«
Vierzig Minuten hörte Tammy bereits seinen Verwünschungen zu und wusste nicht, ob Nick sich mehr über den Verkauf von Admiral House aufregte – dem geliebten Haus seiner Kindheit – oder eher über den Umstand, dass seine Mutter es Sam verkaufte.
»Nick, es ist natürlich sehr traurig, aber du musst auch die Position deiner Mutter verstehen. Das Haus überfordert sie einfach, das sieht man doch. Es ist ja nicht ihre Schuld, dass sie nicht das Geld für die Instandhaltung und die Renovierung hat, oder? Und wenn Sams Firma es kaufen kann, dann bleibt es doch, wie er ja auch gesagt hat, zumindest in gewisser Hinsicht in der Familie.«
»Tammy, du hast keine Ahnung, was für ein Mensch Sam wirklich ist. Wenn ich sage, dass er seine eigene Mutter über den Tisch ziehen würde, um zu kriegen, was er will, dann meine ich das nicht im Scherz.«
»Du glaubst, das tut er?«
»Ich habe keine Ahnung, weil Mum ja nicht will, dass ich irgendetwas davon erfahre. Sie hat klipp und klar gesagt, dass sie weder meinen Rat noch meine Hilfe braucht. Aber gut, das hat sie sich jetzt selbst eingebrockt, dann soll sie’s verdammt noch mal auch selbst auslöffeln!«