Kapitel 22

Am Tag ihrer Eröffnungsparty von »Second Life« war Tammy schon beim Aufwachen schrecklich nervös. Obwohl alles mit der Organisation wie am Schnürchen geklappt hatte, gab es noch eine Menge zu erledigen. Sie sprang aus dem Bett, duschte, kochte sich schnell einen Kaffee und fuhr in den Laden. Meena war schon da und saugte den Teppich.

»Obwohl ich nicht weiß, warum ich mir die Mühe mache, nachher laufen sowieso Hunderte Füße darüber«, sagte sie kopfschüttelnd.

Tammy warf einen Blick auf die Uhr. Um zehn hatte sie ein Gespräch mit einer Tageszeitung, mittags wurden die Blumen fürs Fenster geliefert, um drei Uhr sollten die Caterer kommen.

»Ich habe keinen blassen Schimmer, wo sie die Canapés hinstellen können«, sagte sie seufzend. »Den Bürotisch brauchen wir, um Champagner einzuschenken.« Sie ließ sich auf einen Stuhl fallen. »Mein Gott, ich glaube, so nervös war ich noch nie. Mir flattern die Nerven noch mehr als damals, als ich in Paris zum ersten Mal über den Laufsteg ging.«

»Ach, Tammy, die Leute, die heute Abend kommen, sind Ihre Freunde. Sie möchten alle, dass Sie Erfolg haben. Versuchen Sie doch, das zu genießen. Tage wie diesen gibt es nämlich nicht oft im Leben. Wann kommt Nick?«

»Erst später. Er steckt auch bis über die Ohren in Arbeit. Wir haben uns in den vergangenen drei Wochen kaum gesehen. Wenn heute Abend erst einmal alles vorbei ist, haben wir hoffentlich etwas mehr Zeit füreinander.«

»Ja, Ihr Nick ist ein netter Mann. Er gefällt mir«, erklärte Meena. »So, und jetzt spüle ich die hundert Champagnergläser, die gestern gebracht wurden. Meiner Ansicht nach sind sie nicht sauber genug.«

Nachdem die Blumen gekommen waren, dekorierte Tammy eine Stunde lang das Schaufenster und dachte dabei an Nick. Er fehlte ihr, wenn sie nicht neben ihm aufwachte. Mit dem Gedanken wählte sie seine Handynummer und kletterte aus dem Fenster. Er ging sofort ran.

»Hi, Liebling, ich bin’s.«

»Wie geht’s?«, fragte er.

»Um ehrlich zu sein, ist mir schlecht vor lauter Nervosität.«

»Das ist doch klar. Ich warte hier im Laden noch auf eine Lieferung, sobald sie da ist, komme ich rüber und leiste dir moralische Unterstützung.«

»Danke, mein Schatz, die kann ich brauchen. Du fehlst mir«, fügte sie schüchtern hinzu.

»Du fehlst mir auch. Bis später.«

Als Tammy das Handy wieder in die Gesäßtasche ihrer Jeans steckte, wurde ihr klar, dass sie das »du fehlst mir« lieber durch drei sehr viel aussagekräftigere Worte ersetzt hätte.

»Mist, Tammy«, brummelte sie, als sie ging, um Meena beim Aufbauen der Gläser zu helfen, »dich hat es richtig erwischt.«

Amy war froh, dass Posy an dem Vormittag in der Galerie arbeitete. So konnte sie die Taschen mit den Übernachtungssachen der Kinder dort vorbeibringen und brauchte nicht Gefahr zu laufen, Sebastian in Admiral House zu sehen.

»Guten Tag, Amy«, sagte Posy lächelnd. »Alles in Ordnung?«

»Einigermaßen. Allerdings bekommt Jake offenbar die Erkältung und den scheußlichen Husten, die Sara vor ein paar Wochen hatte. Er hat kein Fieber, und ich habe ihn zur Schule gebracht, aber ich habe der Lehrerin für den Notfall deine Nummer hier in der Galerie gegeben. Ich hoffe, du hast nichts dagegen.«

»Natürlich nicht.«

»Ich habe eine Flasche Fiebersaft in seine Tasche gesteckt.« Amy reichte sie Posy. »Wenn du meinst, dass er erhöhte Temperatur hat, gib ihm zwei Teelöffel. Und vielleicht sollte er heute Abend besser nicht baden.«

»Amy, bitte mach dir keine Sorgen. Ich verspreche dir, mich gut um die Kinder zu kümmern. Weißt du, ich habe auch zwei großgezogen«, antwortete Posy geduldig. »Wann trefft Sam und du euch denn?«

»Er ist in Ipswich beim Architekten, also treffen wir uns dort am Bahnhof. Jetzt sollte ich besser fahren. Und du weißt, wenn du uns brauchst, sind wir heute Abend bei Tammy«, sagte sie.

»Ja, Amy, das weiß ich. So, und jetzt geh und mach dir einen schönen Abend.«

Amy saß in Ipswich am Bahnsteig und warf nervös einen Blick auf die Uhr. In zwei Minuten sollte der Zug nach London abfahren, und von Sam war immer noch nichts zu sehen. Sie hatte mehrfach versucht, ihn am Handy zu erreichen, aber es war abgeschaltet.

Der Zug fuhr ein, und sie wählte erneut seine Nummer. Dieses Mal ging er ran. »Ja, bitte?«

»Ich bin’s. Wo bist du? Der Zug ist da!«

»Mein Schatz, entschuldige, ich bin beim Architekten aufgehalten worden und werde es nicht schaffen. Es tut mir wirklich leid, Amy. Aber mach dir einen schönen Abend.«

»Also gut, bis morgen.«

Ihr Ärger, versetzt zu werden, ging über in schuldbewusste Erleichterung, den Abend nicht mit ihm verbringen zu müssen. Aber konnte sie denn wirklich ohne ihn fahren? Doch, das kann ich! Und bevor sie es sich anders überlegte, sprang sie auf den Zug, und keinen Moment später schlossen sich die Türen.

Kurz vor sechs stand sie vor Tammys Boutique, klopfte an die Tür und wurde von einer mondänen Inderin begrüßt.

»Sie sind Amy, ja?«

»Das stimmt. Ist Tammy hier?«

»Nein. Sie ist kurz nach Hause gegangen, um sich frisch zu machen und sich umzuziehen. Ich bin Meena, ihre rechte und linke Hand. Sie sagte, dass Sie und Ihr Mann kommen.«

»Nein, ich bin allein hier. Mein Mann hat es nicht geschafft.«

»Ich verstehe.« Meena machte eine vage Geste. »Darf ich Ihnen eine Tasse Tee anbieten?«

»Sehr gern«, sagte Amy und folgte ihr ins Geschäft. Sofort fiel ihr der cremefarbene Damast ins Auge, den Tammy unter der Decke angebracht hatte, sodass der Raum fast wie ein Zelt wirkte. »Das klingt jetzt vielleicht dumm, aber wo sind denn die Kleider?«, fragte sie.

»Die haben wir alle nach unten ins Souterrain gebracht, damit hier oben mehr Platz ist. Die Kleider werden von Tammys Model-Freundinnen getragen und von allen hübschen weiblichen Gästen, die sie dazu überreden konnte. Sie hat auch ein Kleid für Sie rausgelegt, wenn Sie es tragen möchten.«

»Das ist sehr nett von ihr, aber eigentlich bin ich kein Modeltyp«, wehrte Amy ab.

»Unsinn!«, sagte Meena. »Sie sind sehr schön. Sie erinnern mich an die junge Fürstin Gracia Patricia von Monaco. Möchten Sie in der Umkleidekabine nicht einfach mal in das Kleid schlüpfen, das dort für Sie hängt?«

»Warum nicht?«, antwortete Amy und dachte an das uralte kleine Schwarze von Topshop, das zusammengeknüllt in ihrer Reisetasche lag. Sie trat hinter den Vorhang des Umkleideraums und betrachtete das schillernde, schmale nachtblaue Satinkleid, das vorne mit Hunderten winziger funkelnder Perlen besetzt war.

»Wow!«, sagte sie mit einem Blick auf das Etikett. Das Kleid war von Givenchy.

»Amy!« Entzückt klatschte Meena in die Hände, als sie herauskam. »Sie sehen perfekt aus.«

»Erstaunlich, es passt wirklich wie angegossen«, sagte Amy und wirbelte herum.

»Es bringt Ihre wunderbare Figur toll zur Geltung. Sie sollten Ihr Haar zu einem Chignon hochstecken, so.« Meena fasste Amys Haar am Hinterkopf zusammen. »Sie haben einen richtigen Schwanenhals. Darf ich Sie frisieren?«

»Ja, bitte, wenn Sie Zeit haben.«

»Ich habe Zeit, und ich tue nichts lieber, als eine Frau für ein Fest schön zu machen. Jetzt setzen Sie sich vor den Spiegel, und ich hole meine Haarnadeln.«

Zwanzig Minuten später hatte Meena nicht nur Amys Haare kunstvoll zu einem Chignon hochgesteckt, sondern sie auch geschminkt. Amy stand auf.

»Atemberaubend«, erklärte Meena.

»Ein Problem noch«, sagte Amy. »Ich habe keine Schuhe.«

»Ah!«, rief Meena lachend. »Wofür gibt es gute Feen?« Sie nahm Amy an der Hand. »Aschenputtel, folgen Sie mir in das Geschäft meiner Tochter nach nebenan, dann können Sie auf den Ball gehen!«