London

Sommer 1958

Ich stand im Bus, eingezwängt zwischen einer Frau mit Kinderwagen und einem Jugendlichen, der nach kaltem Schweiß roch. Obwohl alle Fenster geöffnet waren, war es heißer als in jedem Gewächshaus, in dem ich je gearbeitet hatte. Ich war froh, als wir uns Baron’s Court näherten. Ich drückte auf die Klingel und drängte mich durch die Menge, um hinten aus dem Bus zu steigen.

London im August war wirklich unangenehm, dachte ich und erinnerte mich sehnsüchtig an die schönen Sommertage in Cornwall. Die Stadt war nicht für die wenigen wirklich heißen Tage im Jahr gebaut, überlegte ich, als ich die Straße entlang zu unserem Wohnblock ging. Estelle und ich lebten im obersten Stock, was bedeutete, sechs Treppen hinaufzusteigen. Die Bewegung tat mir sicher gut, aber nicht, wenn es knapp dreißig Grad hatte. Schweißgebadet schloss ich die Wohnungstür auf und ging direkt in das kleine und ziemlich schäbige Badezimmer, um mir ein lauwarmes Bad einzulassen. Im Wohnzimmer roch es wie immer nach Zigarettenrauch, und ich öffnete das Fenster so weit wie möglich, um den Raum zu lüften. Dann machte ich mich daran, den Kaffeetisch abzuräumen, auf dem leere Bierflaschen, Gingläser und überquellende Aschenbecher herumstanden.

Während ich alles in die Küche trug und wahlweise ins Spülbecken stellte oder in den Mülleimer warf, fragte ich mich, ob es wirklich eine gute Idee gewesen war, bei Estelle einzuziehen. Unser Alltag verlief völlig konträr. Während ich jeden Morgen früh aufstand, um Punkt neun Uhr bei der Arbeit in Kew Gardens zu sein, konnte Estelle viel länger schlafen – ihr Unterricht in Covent Garden fing erst um elf an. Nachmittags kam sie nach Hause, um sich vor der Aufführung auszuruhen, und zu der brach sie auf, gerade wenn ich nach Hause kam. Bis um elf hatte ich dann Ruhe und legte mich, erschöpft von der Arbeit, ins Bett. Regelmäßig war ich gerade am Einschlafen, wenn die Wohnungstür aufging und Estelle mit einer Schar Bekannter, allesamt aus der Künstlerszene, nach Hause kam, um weiterzufeiern, nachdem die Bars rund ums Theater geschlossen hatten. Schlaflos lag ich dann da, während die Musik auf volle Lautstärke gedreht wurde. Früher einmal hatte ich Frank Sinatra geliebt, aber mittlerweile war er zu meinem Foltermeister geworden, wenn er mich mit seiner samtenen Stimme bis in die Morgenstunden wachhielt.

Nachdem ich im Wohnzimmer aufgeräumt und mich gefragt hatte, warum eigentlich Estelle nie auf die Idee kam, das zu machen, bevor sie ins Theater ging, zog ich mich aus und setzte mich in die Wanne. Sie war so klein, dass ich nur mit angezogenen Knien Platz darin hatte.

»Heute Abend gehe ich um acht ins Bett«, nahm ich mir vor. Schließlich stieg ich aus der Wanne und trocknete mich ab. Im Morgenrock machte ich mir einen überbackenen Käsetoast und setzte mich zum Essen aufs Sofa. Bin ich langweilig, weil ich Keimlinge spannender finde als nächtliche Partys?, fragte ich mich. Als ich mich vor einigen Tagen über den Lärm beschwert hatte, hatte Estelle gesagt, ich würde frühzeitig vergreisen.

»Schlafen kannst du, wenn du vierzig oder fünfzig bist, Posy-Herzchen. Genieß deine Jugend, solange du sie hast.« Und sie hatte noch einmal an dem Joint gezogen, den ein junger Mann ihr gereicht hatte. Ich war in mein Zimmer zurückgeschlichen und hatte mir Watte in die Ohren gesteckt.

Zumindest machte mir meine Arbeit Spaß. Mr. Hubbard, der neue Kustos des Herbariums, mochte mich offenbar gern und unterstützte mich sehr. Jeden Morgen erhielten wir aus aller Welt neue Pflanzen. Einige brachten die Sammler persönlich in besonderen Behältern vorbei, in denen die Pflanzen während der monatelangen Reisen über Berge und durch Dschungel aufbewahrt worden waren, um nicht einzugehen; andere wurden uns, in Kisten verpackt, von botanischen Gärten in Singapur, Australien oder Nord- oder Südamerika geschickt. Nachdem ich die Pflanzen eingehend nach kleinen Mitreisenden wie Läusen und Fliegen abgesucht hatte, studierte ich sie, machte an meinem kleinen Schreibtisch naturwissenschaftliche Zeichnungen von ihnen und fotografierte sie; den Film entwickelte ich dann selbst in der Dunkelkammer.

Ich lernte, die Pflanzen auf Archivpapier zu pressen und ihren Fundort, den Sammler, die Familie und die Gattung auf kleinen Etiketten zu vermerken. Die Notizen der Botaniker aus aller Welt zu entziffern, kostete die meiste Zeit, doch sie lieferten uns wichtige Informationen über die Bedürfnisse und die Pflege der Pflanzen. Sobald die Bögen mit den gepressten Pflanzen – die Belege, wie sie korrekt hießen – getrocknet waren, stellte ich sie in die hohen Schränke in der Mitte des Herbariums. Das war ein zweistöckiger Raum, der vor Belegen bereits überquoll. Einmal fragte ich meine Kollegin Alice, wie viele es insgesamt seien, und sie biss nachdenklich auf ihren Bleistift, ehe sie antwortete. »Vielleicht viereinhalb Millionen?«

Ich hätte mir keinen fantastischeren Arbeitsplatz wünschen können, und der Garten ringsum bildete einen dringend benötigten Ausgleich zum Trubel der Stadt.

Im Grunde bin ich ein Mädchen vom Lande, dachte ich mir, als ich gähnend meinen Teller und das Besteck abspülte und in mein Zimmer ging. »Mir fehlt Cambridge, und Jonny fehlt mir auch«, murmelte ich und legte mich ohne Zudecke auf die harte Matratze – für ein Laken war es viel zu heiß. Immer noch schwitzend zog ich mein Nachthemd aus, sodass ich nackt dalag. Ich griff nach dem Buch auf meinem Nachttisch und versuchte zu lesen, aber ich war so erschöpft, dass ich bald einschlief, eingelullt von der ganz leichten Brise, die zum offenen Fenster hereinwehte.

Ein paar Stunden später kam ich wieder zu mir – die Wohnungstür fiel krachend ins Schloss, Gelächter hallte im schmalen Flur wider.

»O mein Gott«, stöhnte ich, als ich Frankie aus dem Grammofon röhren hörte. Durstig trank ich von dem Glas Wasser, das auf meinem Nachttisch stand, legte mich wieder hin, schloss die Augen und wünschte mir, ich könnte auch auf den Mond fliegen, wie Sinatra es sich von einem Mädchen erflehte. Zumindest hätte ich dort meine Ruhe.

»Einen Moment, ich gehe nur kurz …«

Unvermittelt wurde die Tür zu meinem Zimmer geöffnet, und im Türrahmen stand ein Mann. Ich schrie auf und tastete noch nach einem Laken, um mich zu bedecken, als das Licht angeschaltet wurde.

»Verschwinden Sie!«, rief ich. Zwar konnte ich sein Gesicht kaum sehen, trotzdem erkannte ich schockiert, wer es war.

»Oh, bitte entschuldigen Sie, ich suche nach der Toilette«, sagte der Eindringling, fuhr sich durch sein dichtes, welliges Haar und starrte mich unentwegt an. Errötend zog ich das Laken enger um mich.

»Schon in Ordnung«, sagte ich atemlos. »Die Toilette ist am anderen Ende des Flurs.«

»Natürlich. Ich bitte nochmals um Verzeihung.« Er kniff die Augen zusammen und betrachtete mich noch eindringlicher. »Kennen wir uns nicht? Sie kommen mir sehr bekannt vor.«

»Bestimmt nicht«, sagte ich und wünschte mir nur, er würde verschwinden.

»Waren Sie zufällig in Cambridge?«

»Ja«, gestand ich seufzend. »Das stimmt.«

»Und hatten Sie eine Freundin, die Andrea hieß?«

»Ja.«

Er lächelte. »Gesichter vergesse ich nie. Andrea hat Sie zu einer meiner Partys mitgebracht – ich erinnere mich lebhaft daran. Sie trugen ein rotes Kleid.«

»Ja, das war ich«, sagte ich. Meine Augen hatten sich an das Dämmerlicht gewöhnt, und ich sah seine großen hellbraunen Augen.

»Tja«, sagte er lächelnd, »die Welt ist klein. Ich bin Freddie Lennox. Ich freue mich sehr, Sie wiederzusehen, Miss …?«

»Posy Anderson.«

»Natürlich, jetzt fällt es mir wieder ein. Darf ich fragen, weshalb Sie sich wie Aschenputtel in dieser Kammer verstecken, während nebenan gefeiert wird?«

»Weil ich im Gegensatz zu den meisten Gästen einer geregelten Arbeit nachgehe.«

»Das klingt ernst«, sagte Freddie mit einem Lächeln. »Na, dann überlasse ich Sie wohl besser Ihrem Schönheitsschlaf. Es hat mich sehr gefreut, wieder Ihre Bekanntschaft zu machen, Posy. Gute Nacht.«

»Gute Nacht.«

Als er das Licht ausschaltete und die Tür hinter sich schloss, legte ich mich mit einem Seufzer der Erleichterung wieder ins Bett. Ich wusste noch, wie ich Andrea auf das Fest begleitet hatte – und ich erinnerte mich lebhaft an Freddie. Damals hatte ich ihn für den attraktivsten Mann gehalten, den ich je gesehen hatte, und völlig außer Reichweite für mich, sowohl wegen seines Aussehens als auch wegen seines Selbstvertrauens und der Tatsache, dass er im dritten Jahr war. Es überraschte mich, dass er sich an mich erinnerte, ich hatte damals nur kurz mit ihm gesprochen.

Während nebenan die Musik dröhnte, stellte ich mir vor, wie Freddie, ein Glas in der Hand, sich nur wenige Meter von mir entfernt mit einer von Estelles ausgesprochen hübschen Freundinnen aus dem Ballett unterhielt. Ich griff nach der Watte, die ich in der Schublade aufbewahrte, riss zwei Bäusche ab und stopfte sie mir in die Ohren.

Am nächsten Morgen kam ich aus meinem Zimmer und seufzte angesichts des Durcheinanders im Wohnzimmer. Auf dem Boden lag jemand und jemand anderes auf dem Sofa, doch ich achtete nicht darauf, sondern ging in die Küche, um mir eine Tasse Tee und Toast zu machen. Den bestrich ich gerade mit Marmelade, als hinter mir eine vertraute Stimme erklang.

»Guten Morgen, Posy. Wie geht es Ihnen an diesem herrlichen Tag?«

Freddie stand in der Tür und sah mir zu.

»Sehr gut, danke«, sagte ich höflich und schnitt den Toast in zwei Hälften.

»Das sieht gut aus«, sagte er und deutete auf den Toast. »Kann ich auch eine Scheibe haben?«

»Bitte bedienen Sie sich«, sagte ich. »Ich fürchte, ich bin in Eile.« Mit meinem Tee und dem Teller ging ich zur Küchentür. Lächelnd trat er beiseite, um mich durchzulassen.

»Danke.«

»Ich muss sagen«, flüsterte er, als ich an ihm vorbeiging, »ohne Kleider haben Sie mir viel besser gefallen.«

Errötend hastete ich in mein Zimmer, setzte mich aufs Bett, aß den Toast und trank meinen Tee. Ich musste unbedingt mit Estelle über die Situation reden: Es ging wirklich nicht an, dass fremde Männer mich belästigten, während ich mir Frühstück machte. Ich griff nach meiner Handtasche und dem Aktenkoffer, schminkte mir die Lippen und brach auf.

»Wohin gehen Sie?«, fragte Freddie, als ich die Wohnungstür öffnete.

»Nach Kew Gardens.«

»Das ist ja sehr … botanisch«, antwortete er und folgte mir, als ich mich an den endlosen Abstieg die Stufen hinunter machte. »Zum Vergnügen?«

»Nein, ich arbeite dort.«

»Sind Sie Gärtnerin?«

»Nein, Wissenschaftlerin.«

»Ach ja, natürlich. Das haben Sie mir ja damals schon erzählt. Sehr beeindruckend.«

Ich fragte mich, ob er sich über mich lustig machte, was er offenbar bemerkte, denn er fügte ein »wirklich« ans Ende seines Satzes an. »Ich habe in Cambridge Jura studiert.«

»Ach ja?«, erwiderte ich. Wir hatten das Ende der Treppe erreicht, und ich öffnete die Haustür.

»Ja, aber eigentlich möchte ich Schauspieler werden, deswegen versuche ich mein Glück in London.«

»Ah ja«, sagte ich, als wir auf den Bürgersteig traten. Er ging weiter neben mir her.

»Ich habe ein bisschen fürs Radio gearbeitet und hatte eine kleine Rolle in einem Fernsehspiel, aber das war’s auch schon.«

»Nach allem, was Estelles Freunde mir sagen, geht es im Leben eines Schauspielers mehr um Glück als um Talent.«

»Wohl wahr«, stimmte Freddie zu. »Vielleicht wissen Sie ja noch, dass ich Andrea durch das Footlights kennengelernt habe.«

»Ja, ich weiß.«

»Das war der Hauptgrund, weshalb ich nach Cambridge gehen wollte. Die Stadt fehlt mir, Ihnen auch?«, fragte er, als wir meine Bushaltestelle erreichten.

»Ja, sehr. Aber wenn Sie mich jetzt entschuldigen, da kommt mein Bus, und ich muss wirklich zur Arbeit.«

»Natürlich, Posy, und ich muss nach Hause und mich salontauglich machen. Ich habe nachher einen Vorsprechtermin.«

»Viel Glück«, sagte ich und stieg in den Bus.

»Wann kommen Sie nach Hause?«, rief er mir nach, als der Schaffner die Glocke betätigte, um den Busfahrer zu informieren, dass er losfahren konnte.

»Normalerweise gegen sechs«, rief ich zurück.

»Auf Wiedersehen, Posy, bis bald!«

An dem Tag war ich beim Zeichnen nicht so konzentriert wie sonst. Unwillentlich wanderten meine Gedanken immer wieder zu Freddies hinreißenden Augen und dem vollen, glänzenden Haar, das ich so gerne berühren wollte …

»Posy, wirklich!«, ermahnte ich mich, als ich mittags im Garten meine Sandwiches aß. »Du bist verlobt, und er ist ein mittelloser Schauspieler. Jetzt reiß dich zusammen!«

Auf der Heimfahrt im Bus malte ich mir aus, wie er vor der Haustür stehen und auf mich warten würde, und rief mich auf dem Fußweg nach Hause wieder streng zur Ordnung. Fast wollte mich der Schlag treffen, als er dann tatsächlich dort stand und in einem Smokingjackett aus blauem Samt und einem Paisleyschal sehr auffällig vor meiner Haustür herumlungerte.

»Guten Abend, Posy. Ich wollte mich entschuldigen, dass ich gestern Nacht in Ihr Zimmer geplatzt bin.« Er reichte mir einen leicht verwelkten Blumenstrauß und eine braune Papiertüte. »Ich habe Gin und süßen Wermut mitgebracht. Haben Sie schon einmal Gin and It getrunken?«

»Ich glaube nicht, nein«, sagte ich und schloss die Haustür auf.

»Dann, liebe Posy, werden Sie heute Abend den ersten trinken. Wir feiern.«

»Ach ja?«

»Aber ja. Das Vorsprechen war ein Erfolg!«, sagte er und folgte mir die Treppe hinauf. »Ich habe eine Statistenrolle in einem Noël-Coward-Stück, das im Lyric an der Shaftesbury Avenue gegeben wird. Vier Sätze, Posy, unglaublich! Ist das nicht großartig?«

»Doch«, antwortete ich. Ich wusste nicht genau, was ich empfand. Weshalb war er hier? Denn für eine junge Frau wie mich konnte er sich doch unmöglich interessieren … oder doch?

Schließlich erreichten wir den kleinen obersten Treppenabsatz, und ich öffnete die Tür. Freddie folgte mir in die Wohnung und sah sich im Wohnzimmer um, wo wie üblich die Überreste vom Feiern des Vorabends herumstanden.

»Du lieber Himmel, hier sieht es ja aus! Ich helfe Ihnen beim Aufräumen.«

Das tat er auch, was ich sehr nett von ihm fand, dann machte er uns beiden einen Gin and It.

»Prost«, sagte er und hob sein Glas. »Auf mich, dass ich in die Fußstapfen Oliviers trete.«

»Auf Sie«, sagte ich und trank einen Schluck des Cocktails, der wirklich sehr gut schmeckte.

»Wenn ich mich recht erinnere, kommen Sie ursprünglich aus Suffolk, genau wie ich. Fahren Sie noch oft dorthin?«

»Nie«, sagte ich mit einem Seufzen. »Ich war nicht mehr dort, seit ich neun war.«

»Schöne Landschaft«, meinte Freddie, »aber mir ist die Stadt viel lieber. Ihnen nicht auch?«

»Eigentlich nicht, nein. Ich mag weite, offene Flächen.«

»Ach ja?«

»Ja. Wenn ich das Geld habe, ziehe ich nach Richmond, ganz in der Nähe von Kew, wo es einen wunderschönen Park gibt.«

»Da war ich noch nie. Was halten Sie davon, wenn wir morgen dort ein Picknick machen?«

»Ich … also …« Mir fehlten die Worte.

»Haben Sie zu viel zu tun? Oder möchten Sie mir sagen, dass ich verschwinden und Sie in Ruhe lassen soll?«

Spätestens jetzt müsste ich ihm sagen, dass ich verlobt war, das wusste ich. Hätte ich einen Ring am Finger getragen, wäre es eindeutig und sehr viel einfacher gewesen. Aber da ich mit meinen Händen ständig in der Erde wühlte, bewahrte ich meinen schönen Verlobungsring in seinem Kästchen in der Nachttischschublade auf. Hin und her gerissen zögerte ich. Die »artige« Posy drängte mich zu sagen, was ich sagen sollte, die »böse« Posy weigerte sich, ebendiese Worte auszusprechen.

»Also?« Freddie blickte mich unverwandt an.

»Nein, ich habe nichts vor«, hörte ich eine trügerische Stimme sagen, die zufällig mir gehörte. »Das würde mir gefallen.«

Nach meinem zweiten Gin and It erklärte Freddie, er habe Hunger und werde aus den bescheidenen Vorräten in unserem Schrank etwas zubereiten. Einträchtig aßen wir Sardinen mit Butterbrot, während Freddie mich mit Geschichten aus seinem Leben in London unterhielt und von den berühmten Schauspielern, denen er begegnet war.

»Und jetzt«, sagte er schließlich, »sollte ich besser gehen, sonst verpasse ich noch den letzten Bus nach Clapham.«

Ich schaute auf die Uhr und konnte kaum glauben, dass es schon nach elf Uhr war.

»Das war ein höchst vergnüglicher Abend«, sagte er beim Aufstehen.

»Das stimmt«, pflichtete ich ihm bei und erhob mich ebenfalls. Vom Gin drehte sich alles ein wenig.

»Und ich muss es Ihnen einfach sagen, liebste Posy, Sie sind hinreißend, absolut hinreißend.«

Ehe ich wusste, wie mir geschah, hatte Freddie mich an sich gezogen und küsste mich. Ich fühlte mich wie im siebten Himmel. Mein Körper reagierte sofort, wie ich es von Jonny überhaupt nicht kannte. Ich war enttäuscht, als er die Umarmung löste.

»Jetzt muss ich aber wirklich gehen, sonst verbringe ich die Nacht noch auf einer Parkbank«, sagte er lächelnd. »Morgen stehe ich um Punkt zwölf Uhr wieder hier. Sie sind für das Essen zuständig, ich sorge für den Alkohol. Gute Nacht, meine Liebe.«

Nachdem er gegangen war, schwebte ich in mein Zimmer, zog mich aus und legte mich in einem köstlichen Nebel von Gin und Verlangen aufs Bett. Ich stellte mir vor, wie Freddies elegante Hände langsam über meine Brüste und meinen Bauch wanderten … Als Estelle mit ihrem üblichen Schwarm Freunde heimkam, störte es mich kaum, und zumindest konnte ich am nächsten Tag etwas länger schlafen.

»Gute Nacht, liebster Freddie«, flüsterte ich und schloss die Augen.

Obwohl ich am nächsten Morgen mit dröhnenden Kopfschmerzen und einem entsetzlich schlechten Gewissen aufwachte, muss ich zu meiner Schande gestehen, dass nichts davon mich veranlasste, das Picknick mit Freddie im Park abzusagen. Wir saßen auf einer Decke im vertrockneten Gras und tranken Wein, und mein Kopf lag auf seiner Schulter.

Ich konnte einfach nicht glauben, wie selbstverständlich es sich anfühlte – vor allem, wenn ich daran dachte, dass Jonny und ich Monate gebraucht hatten, um uns körperlich wirklich wohl miteinander zu fühlen. Wir küssten uns viel, redeten wenig, und zu guter Letzt schliefen wir ein. Dann fuhren wir mit dem Bus in meine Wohnung zurück, und er begleitete mich nach oben. Wie üblich stand das Chaos des vergangenen Abends noch da, doch wir achteten nicht darauf und küssten uns weiter.

»Posy«, sagte er, als er meinen Hals mit den Lippen liebkoste, »am liebsten würde ich dich jetzt in dein Zimmer tragen und …«

»Nein, Freddie!« Abrupt setzte ich mich auf, benommen vom vielen Wein und der Sonne, und sah ihn streng an. »Ein solches Mädchen bin ich nicht.«

»Das respektiere ich auch«, antwortete er und nickte. »Ich sage dir nur, dass es mich danach verlangt. Jedes Mal, wenn ich die Augen schließe, sehe ich dich wie eine Alabasterstatue der Aphrodite auf deinem Bett sitzen, lediglich mit einem Laken bedeckt.« Er lächelte.

»Weshalb möchtest du mich, Freddie? Du musst dir doch eine glamouröse Schauspielerin wünschen, keine biedere Naturwissenschaftlerin wie mich.«

»Du meine Güte, Posy, du bist alles andere als bieder. Was mir an dir unter anderem so gefällt, ist, dass du nicht weißt, wie hinreißend du bist. Du bist so natürlich«, sagte er, und sein Mund näherte sich meinem. »Eine Wohltat nach den Mädchen, die ich normalerweise kenne …«

Ich rückte von ihm fort. »Also, ich bin in vieler Hinsicht ganz anders als sie. Bist du nur meines Körpers wegen hinter mir her?«, fragte ich kühn.

»Hinter dem bin ich auch her, doch, das habe ich dir ja auch schon gestanden. Aber es ist mehr als das. Weißt du, hinter dieser oberflächlichen Schauspielerfassade steckt im Grunde ein ziemlich ernsthafter Mensch. So viele Frauen, die ich kenne, sind seicht und haben keinen Verstand. Aber wenn der anfängliche Reiz verflogen ist, muss man doch in der Lage sein, sich zu unterhalten, oder nicht?«

»Ja, das finde ich auch.«

»Und du bist so intelligent, Posy. Es gefällt mir sehr, wenn du über Folientunnel und Kompost sprichst. Das erregt mich regelrecht.«

Beschwichtigt von seinen Worten erlaubte ich ihm, mich noch einmal zu küssen. Als er gegangen war, dachte ich mir, das Schlimmste, was passieren konnte, war, dass er seinen Willen bekam und mich dann mit gebrochenem Herzen sitzenließ. Aber wenn ich für den Rest meines Lebens mit Jonny verheiratet sein würde, war es doch in Ordnung, mich vorher auf ein kleines Abenteuer einzulassen, oder nicht …?

Im Handumdrehen war aus dem Sommer Herbst geworden, und meine Affäre mit Freddie ging immer noch weiter. Jonny schrieb mir jede Woche von seiner Basis in Aldershot und meinte, er werde bald Urlaub bekommen und könne mich ein Wochenende in London besuchen. Glücklich sprach er von dem Regiment, dem er sich anschließen werde – die 7. Gurkha Rifles –, und wo »wir« stationiert sein würden, wenn er seine sechsmonatige Ausbildung zum Offiziersanwärter abgeschlossen haben würde. Er hoffe auf etwas Exotisches wie Malaya.

Plötzlich ging mir auf, dass ich die Zukunft noch überhaupt nicht richtig durchdacht hatte, aber jetzt, wo Jonny seine Militärausbildung absolvierte und für mich mein Traum in Erfüllung gegangen war, in Kew zu arbeiten, lebte ich unvermittelt in ihr. Wenn ich ihn heiratete, würde ich ihm folgen müssen, wo immer er hingeschickt wurde, und das bedeutete, meine eigenen Hoffnungen für die Zukunft zu begraben. Mit Freddie hingegen könnte ich in London bleiben und meine Laufbahn fortsetzen …

Freddies Stück lief, und ich hatte es mir angeschaut, ihn seine vier Sätze sagen sehen und ihm, als er sich verbeugte, stürmisch applaudiert. Wegen seiner abendlichen Vorstellungen sahen wir uns seltener, aber die Sonntage verbrachten wir immer miteinander.

»Hast du schon mit ihm geschlafen?«, fragte Estelle, als ich mich herrichtete, um ihn zum Lunch im Lyon’s Corner House an der Charing Cross Road zu treffen.

»Aber Estelle, natürlich nicht«, antwortete ich, als ich mir vor dem Spiegel, der im Wohnzimmer über dem Sofa hing, die Lippen schminkte.

»Das überrascht mich. Ihr seht nämlich so aus.«

»Was meinst du damit?«

»Euer Umgang miteinander ist so vertraut.«

»Wir haben aber nicht miteinander geschlafen.«

»Du musst dich doch versucht fühlen, oder? Er ist so charmant«, drang Estelle weiter in mich. »Und was machst du mit Militär-Jonny?«

»Ich … Das weiß ich nicht.«

»Weiß Freddie von ihm und dass du verlobt bist?«

»Äh, nein.«

»Also ehrlich, Posy«, sagte Estelle lachend. »Da mache ich mir Sorgen wegen meiner Moral, und du betrügst deinen Verlobten!«

Auf dem Weg zum Lunch gingen mir Estelles Worte durch den Kopf. Ich wusste, dass sie recht hatte. In Gedanken rechtfertigte ich meine Affäre praktischerweise damit, dass wir noch nicht miteinander geschlafen hatten, aber ich wusste, dass ich mich damit selbst ebenso belog wie Freddie. Ich war bis über beide Ohren in ihn verliebt, das ließ sich nicht leugnen.

Ich musste Jonny sagen, dass es vorbei war. Alles andere wäre nicht fair.

Aber was, wenn Freddie dich verlässt …?

Wenn, dachte ich mir, dann hätte ich es nur verdient, Jonny zu verlieren. Er war so gut und liebenswert und solide – der perfekte zukünftige Ehemann. Er wäre am Boden zerstört, wenn er wüsste, was seine Verlobte trieb.

Nach dem Lunch sagte ich Freddie, ich hätte Kopfweh, fuhr mit dem Bus nach Hause und setzte mich in mein Zimmer, um Jonny zu schreiben. Ich musste mindestens sechsmal neu anfangen, weil es mir so schwerfiel, die richtigen Worte zu finden. Aber schließlich faltete ich den Brief zusammen und steckte ihn ins Kuvert. Ich holte meinen Verlobungsring aus dem Kästchen, umwickelte ihn mit Watte und Klebeband und legte ihn zu dem Brief. Dann schloss ich den Umschlag, adressierte ihn an Jonnys Basis und klebte eine Marke darauf. Und bevor ich es mir anders überlegen konnte, ging ich zum Briefkasten, holte tief Luft und warf den Brief ein.

»Es tut mir wirklich sehr leid, lieber Jonny. Alles Gute.«

Drei Tage später ging ich mit Freddie ins Bett. Und all meine Bedenken, es könnte womöglich falsch gewesen sein, die Verlobung aufzukündigen, lösten sich in Luft auf angesichts der Gefühle, die Freddie in mir hervorrief. Das Ereignis fand in seiner Wohnung in Clapham statt. Hinterher lagen wir im Bett, rauchten und tranken Gin and It, was unser Lieblingsdrink geworden war.

»Du warst also keine Jungfrau mehr.« Freddies Hand wanderte über meine Brust. »Ich dachte, du wärst es noch. Wer war der Glückliche?«

»Freddie, ich muss dir etwas gestehen«, sagte ich seufzend.

»Dann spuck’s aus, Liebste. Habe ich einen Nebenbuhler?«

»Du hattest einen, ja. Ich war … Als du und ich uns trafen, war ich verlobt, er heißt Jonny. Er macht gerade seine Militärausbildung, und, na ja, vor ein paar Tagen habe ich ihm geschrieben, dass ich die Verlobung auflöse und dass ich ihn nicht heiraten kann.«

»Meinetwegen?«

»Ja«, antwortete ich aufrichtig. »Aber jetzt bekomm bitte keinen Schreck, ja? Ich erwarte nicht, dass du und ich uns verloben, aber ich fand es richtig, es ihm zu sagen.«

»Du stilles Wasser, Posy«, sagte Freddie mit einem Lächeln. »Da habe ich die ganze Zeit gedacht, du wärst so lieb und unschuldig, und dabei gab es einen anderen.«

»Ja, ich weiß, ich habe mich schändlich verhalten, und ich entschuldige mich dafür. Ich habe ihn nicht gesehen, seit du und ich uns kennen, weil er auf seiner Basis ist. Ich bin dir nicht untreu geworden, Freddie.«

»Das ist also der Grund, weshalb du nicht mit mir schlafen wolltest?«

»Ja.«

»Ich für meinen Teil bin auf jeden Fall froh, dass es ihn nicht mehr gibt und deine moralischen Skrupel dir nicht mehr im Weg stehen.« Er zog mich an sich. »Sollen wir das Ganze zur Feier noch mal wiederholen?«

Ich war nur froh, dass mein Geständnis Freddie offenbar nicht verstörte. Ich hatte befürchtet, er könnte sich von mir unter Druck gesetzt fühlen, was ich natürlich überhaupt nicht wollte. Ich sagte mir, dass es auch andere Gründe gab, die Verlobung zu beenden, nicht zuletzt die Vorstellung, meine geliebte Arbeit aufgeben zu müssen. Aber wenn ich ehrlich war, wusste ich, dass ich Freddie, ohne zu überlegen, bis ans Ende der Welt folgen würde, wenn er mich darum bäte.

Nach dem ersten, himmlischen Mal im Bett zog ich mehr oder minder ganz zu Freddie. Ich erwartete ihn, wenn er vom Theater nach Hause kam, dann liebten wir uns bis in die frühen Morgenstunden, und ich schlief in seinen Armen ein. Das Erstaunliche war, dass ich trotz des wenigen Schlafs, den ich bekam, frisch und munter war, wenn ich morgens aufstand und nach Kew fuhr. In meiner Jugend hatte ich zahllose Liebesromane gelesen, aber erst jetzt verstand ich, was die Schriftsteller wirklich gemeint hatten. Ich war so glücklich wie nie zuvor im Leben.

Als ich Mitte Oktober meinen wöchentlichen Besuch in Baron’s Court machte, um Kleidung zum Wechseln und meine Post zu holen, lag in meinem Zimmer ein Kuvert aus dickem Velinpapier mit einer italienischen Briefmarke darauf.

Maman, dachte ich, als ich es aufriss.

Ma chère Posy,

sehr viel Zeit ist vergangen, seit ich das letzte Mal schrieb, und ich hoffe, du kannst mir verzeihen. Das Leben war durch die Hochzeit eines von Alessandros Söhnen sehr hektisch. Herzlichen Glückwunsch zu deinem Abschluss in Cambridge. Ich bin stolz, eine so intelligente Tochter zu haben.

Posy, ich und Alessandro fliegen Anfang November nach London, und ich würde dich sehr gerne treffen. Wir steigen vom 1. bis zum 9. im Ritz ab, bitte ruf mich dort an, um mir mitzuteilen, wann du kommen kannst. Es war allzu lang, also bitte sag, dass du deine Maman sehen und ihren Mann kennenlernen wirst.

Alles Liebe,

Maman

Ich saß da, starrte auf den Brief und überlegte mir, dass ich Maman seit dreizehn Jahren nicht mehr gesehen hatte. Wie man es auch drehte und wendete, meine Mutter hatte mich im Stich gelassen. Auch wenn die erwachsene, vernünftige Seite in mir sagte, dass es besser gewesen war, in stabilen Verhältnissen bei meiner Großmutter in Cornwall aufzuwachsen, als durch Europa geschleppt zu werden, war der emotionale Teil von mir so verletzt und wütend wie jedes Kind, das von seiner Mutter verlassen worden war.

Auf der Busfahrt nach Clapham fragte ich mich, ob ich mit Freddie darüber sprechen sollte, und entschied mich dagegen. Ich könnte es nicht ertragen, wenn er mich tröstete, also sagte ich nichts. Allerdings merkte er, dass ich gedrückter Stimmung war.

»Liebste, was ist? Ich sehe dir an, dass etwas nicht in Ordnung ist.«

»Nichts, Freddie, ich habe nur Kopfweh, das ist alles.«

»Dann komm her und lass mich deine heiße Stirn streicheln.«

Ich schmiegte mich in seine Arme und fühlte mich getröstet.

»Weißt du was, mein Schatz, ich habe mir überlegt, ob du und ich uns nicht eine gemeinsame Wohnung suchen sollten. Dieses Einzelbett wird allmählich zum Ärgernis, findest du nicht?«

Ich sah zu ihm hoch. »Du meinst, wir sollen zusammenziehen?«

»Jetzt schau mich nicht so schockiert an, mein Schatz. Wir leben doch schon zusammen, nur inoffiziell.«

»Himmel, Freddie, ich weiß nicht, was meine Großmutter dazu sagen würde. Ich meine, es ist doch ein bisschen gewagt, oder nicht?«

»Wir leben in den Fünfzigerjahren, Posy, und glaub mir, viele andere machen es auch. Ich möchte, dass du eine anständige Küche hast und mir die ganzen leckeren Sachen kochen kannst, von denen du ständig erzählst«, sagte er mit einem Lächeln.

»Darf ich es mir überlegen?«

»Aber natürlich.« Freddie gab mir einen Kuss auf die Wange.

»Danke.«

Als Weihnachten 1958 näher rückte, hatte ich das Gefühl, dass mein Leben nicht wundervoller sein könnte. Nichts, wirklich gar nichts fehlte mir zum Glück: Ich hatte meine wunderbare Arbeit, und ich hatte Freddie, der mein ganzes Denken, meinen Körper und mein Herz ausfüllte. Fast ängstigte mich das Gefühl, denn so etwas konnte doch nicht von Dauer sein. Oder doch?

Davon beflügelt beschloss ich, Maman zu treffen, wenn sie in London war, allein schon aus Gründen der Höflichkeit. In der Woche, in der sie im Ritz sein wollte, rief ich dort an und wurde zu ihrem Dienstmädchen durchgestellt. Ich sagte ihr, ich könne Maman am kommenden Samstag zum Tee treffen. Dann ging ich zu Swan & Edgar am Piccadilly und kaufte mir ein schickes Kostüm, das ich auch zu allfälligen späteren Anlässen tragen konnte.

Als ich einige Tage später das Ritz betrat, fühlten sich meine Beine an, als bestünden sie aus Watte, und das Herz klopfte mir bis zum Hals.

»Kann ich Ihnen helfen, Madam?«, fragte der Oberkellner, der die prachtvolle Lounge überwachte, wo Tee serviert wurde.

»Ja, ich bin mit Graf und Gräfin d’Amici verabredet.«

»Ah ja, Madam, sie erwarten Sie bereits. Bitte folgen Sie mir.«

Während der Oberkellner mich durch die gut gekleideten Gäste führte, die an ihrem Tee nippten und kleine Sandwiches verspeisten, schaute ich umher, um schon vorher einen ersten Eindruck von meiner Mutter zu bekommen. Und da saß sie, perfekt geschminkt, das blonde Haar zu einem eleganten Chignon gesteckt. Sie sah genauso aus wie früher, abgesehen von der dreireihigen, cremig schimmernden Perlenkette um ihren Hals und einer Vielzahl funkelnder Diamanten an ihren Fingern und ums Handgelenk. Neben ihr saß ein sehr kleiner, kahlköpfiger Mann, der doppelt so alt wirkte wie sie, aber vielleicht hatte Maman sich ja auch nur außergewöhnlich gut gehalten.

»Liebe Posy, darf ich dir Alessandro vorstellen, deinen Stiefvater?«

»Cara mia, Sie sind ja noch schöner, als Ihre Mama gesagt hat. Ich fühle mich geehrt, Sie kennenzulernen.« Alessandro stand auf und nahm meine beiden Hände in seine, und überrascht stellte ich fest, dass ihm Tränen in den Augen standen. Ich hatte mir fest vorgenommen, ihn nicht zu mögen, aber seine Güte war nicht zu verkennen, und ich merkte, wie sehr er meiner Mutter ergeben war.

Während ich Gurkensandwiches aß und ein Glas Champagner nach dem anderen trank, unterhielt Alessandro mich mit Geschichten von ihrem Leben in Italien, von ihrem Palazzo und ihren sommerlichen Kreuzfahrten entlang der Amalfiküste.

»Ihre Mutter, sie ist – wie sagt man? – grrroßartig! Sie bringt Licht und Freude in mein Leben!«

Ich schaute auf meinen Teller, als er ihre Hand küsste. Maman strahlte ihn an, und da fiel mir auf, dass ich sie in Admiral House nie so hatte lächeln sehen.

»Du musst uns besuchen kommen!«, sagte Maman, nachdem die Kellner den Tisch abgeräumt hatten. »Weihnachten im Palazzo ist einfach wunderschön, und im nächsten Sommer fahren wir im Boot die Küste entlang und zeigen dir die Schätze Italiens.«

»Ich weiß nicht, ob ich von der Arbeit wegkann«, antwortete ich ausweichend.

»Aber du musst doch Urlaub bekommen«, sagte sie. »Ich …« Maman drehte sich zu ihrem Mann. »Amore mio, könntest du mich einen Moment mit meiner Tochter allein lassen?«

»Si, certo.« Mit einem letzten Handkuss verließ Alessandro den Tisch.

Sobald wir allein waren, beugte sie sich zu mir. »Posy, ich weiß, ich habe einen Großteil deines Lebens versäumt …«

»Maman, ich verstehe das schon, du brauchst dich nicht …«

»Doch, das tue ich aber«, sagte sie heftig. »Du bist zu einer schönen, klugen und starken Frau herangewachsen, und leider hatte ich nur sehr wenig damit zu tun.« Kurz stockte ihr der Atem. »Es gibt so vieles, das ich dir gern erklären würde, aber …« Sie schüttelte den Kopf. »Vergangenheit ist Vergangenheit, und es ist sinnlos, zurückzublicken.« Sie tätschelte meine Hand. »Chérie, bitte überleg dir, uns zu Weihnachten zu besuchen, ja?«

Beim Verlassen des Ritz war ich vom Champagner etwas beschwipst und fragte mich, ob ich meine Mutter womöglich doch falsch eingeschätzt hatte. Sie hatte sich so überzeugend gegeben, dass sie mir wirklich leidgetan hatte. Erst auf der Busfahrt nach Baron’s Court verlor sich der Glanz ein wenig, und mir wurde klar, dass sie mich wieder einmal eingewickelt hatte und ich darauf hereingefallen war. Sie hatte sich so gut wie gar nicht nach meinem Leben erkundigt, abgesehen davon, wo ich arbeitete und wohnte. Ich war sogar bereit gewesen, ihr von Freddie und meiner Liebe zu ihm zu erzählen, aber das Thema war gar nicht zur Sprache gekommen. Die ganze Zeit hatte sie nur von ihrem mondänen Leben erzählt, bei dem sie und Alessandro zu dieser oder jener spektakulären Gala quer durch Europa jetteten. Ich brauchte einen Abend für mich. Ich rief Freddie bei sich zu Hause an und sagte, ich würde die Nacht bei mir verbringen. Dann saß ich in meinem Zimmer und trank Tee, um wieder nüchtern zu werden und nachzudenken.

Und dabei verhärtete sich mein Herz wieder. Ich beschloss, dass es nicht infrage kam, Weihnachten im Palazzo zu verbringen oder im nächsten Sommer mit ihnen zu verreisen … Maman versuchte nicht, ihre Abwesenheit mir gegenüber wettzumachen, sie tat das alles nur, um ihr schlechtes Gewissen zu beruhigen, weil sie mich verlassen hatte.

»Posy, du hast die vergangenen dreizehn Jahre ohne sie überlebt, dann wirst du auch die nächsten dreizehn überleben«, sagte ich mir und wischte mir brüsk die Tränen fort.

Es klopfte an der Tür, und Estelle schaute herein.

»Alles in Ordnung, Posy?«

Ich machte eine missmutige Geste.

»Kann ich dir helfen?«

»Ja. Glaubst du, dass man jemals aufhören kann, ein Elternteil zu lieben? Ich meine, selbst wenn sie einem schreckliche Sachen antun, ist die Liebe dann noch da?«

»Guter Gott, Posy, das ist eine tiefschürfende Frage.« Estelle setzte sich neben mich aufs Bett. »Andrea mit ihrem Literaturstudium wäre dir da wahrscheinlich eher eine Hilfe.«

»Aber Liebe ist doch nichts Mechanisches, oder? Sie ist nichts, das man messen kann. Sie … ist einfach.«

»Ja, das stimmt natürlich, und was deine Frage betrifft, Posy – das weiß ich wirklich nicht. Ich meine, ich liebe meine Eltern sehr, also brauchte ich nie darüber nachzudenken, aber letztlich meine ich, dass man sich seine Freunde aussuchen kann, aber nicht die Familie. Man muss sie nicht zwingend mögen, aber wenn es um Liebe geht, vor allem die zur eigenen Mutter – vielleicht ist diese Liebe immer da, so unmöglich sie sich einem gegenüber auch verhält. Sie ist bedingungslos, oder nicht?«

»Ja, wahrscheinlich. Was ein Jammer ist, denn ich würde es vorziehen, sie nicht zu lieben.«

»Dann war das Treffen also schwierig?«

»Nein, es war perfekt.« Ich lächelte. »Genau das ist das Problem. Ich möchte einfach nicht, dass sie mich noch einmal im Stich lässt. Sie aber glaubt, sie könnte nach all den Jahren einfach wieder in mein Leben treten … Sie hat mir doch glatt vorgeschlagen, mit ihr einen Einkaufsbummel zu machen!«

»Na ja, das könnte sich doch lohnen, Posy. Nach allem, was du gesagt hast, hat sie viel Geld.«

Estelle, die ewige Pragmatikerin, lächelte mich an.

»Ich will aber nicht gekauft werden, Estelle, doch genau das würde sie tun. Und dann würde sie glauben, dass alles gut ist und wir uns bestens verstehen.«

»Das kann ich nachvollziehen. Aber das Gute ist, dass sie in Italien lebt und sich nicht allzu oft bei dir melden wird. Aus den Augen, aus dem Sinn, heißt es schließlich.«

»Du findest also nicht, dass ich kleinlich bin?«

»Nein, überhaupt nicht. Sie hat dich mit acht Jahren im Stich gelassen, als du gerade deinen Vater verloren hattest. Ein paar hübsche Kleider dreizehn Jahre später sind kein Ausgleich dafür.«

»Danke, Estelle.« Ich drehte mich zu ihr. »Sie hat mir ein richtig schlechtes Gewissen gemacht, weil ich auf ihr Angebot, sie zu besuchen, nicht sofort eingegangen bin.«

»Du brauchst kein schlechtes Gewissen zu haben, Posy. Sie ist die Erwachsene, nicht du. So, und jetzt muss ich aber los, ich habe ein Rendezvous!«, sagte Estelle mit leuchtenden Augen.

»Du bist ja richtig aufgeregt! Ist er der erste Tänzer in Covent Garden?«

»Nein, und genau deswegen bin ich ja auch so aufgeregt. Ob du es glaubst oder nicht, er hat eine richtige Arbeit. Er macht in der City irgendetwas mit Aktien und Fonds. Er trägt einen Anzug, den ich ihm natürlich am liebsten vom Leib reißen würde, aber ich habe das Gefühl, dass er furchtbar anständig ist.«

»Du sagst also, dass er normal ist?«

»Herrlich normal«, sagte Estelle lachend und ging zur Tür. »Jetzt mache ich mich mal auf die Suche nach meinem züchtigsten Kleid.«

»Beim nächsten Mal musst du mir alles erzählen!«, rief ich ihr nach.

»Mach ich!«

»Und was wirst du über Weihnachten machen, Posy?«, fragte Freddie, als wir an einem Samstag zwischen seiner Vormittags- und Abendvorstellung in einem Café Tee tranken.

»Dasselbe wie immer – ich fahre nach Hause, zu meiner Großmutter in Cornwall«, sagte ich. »Und du?«

»Ach, ich werde die Feiertage wohl oder übel wieder bei meiner Mutter verbringen. Ich habe dir doch erzählt, dass sie es mit den Nerven hat, oder? Und Weihnachten und Neujahr sind für sie immer eine besonders schlimme Zeit. Aber zumindest habe ich dieses Jahr eine echte Ausrede! Ich brauche nur drei Tage bei ihr zu überstehen, weil wir gleich nach Weihnachten wieder spielen.«

Freddie sprach nie viel über sein Zuhause oder seine Kindheit (die offenbar schwierig gewesen war, wie ich dem wenigen entnahm, das er erzählt hatte), und obwohl ich ihm von Daddy vorgeschwärmt hatte und wie wunderbar er zu mir gewesen war, bevor er im Krieg gefallen war, hatte ich sonst kaum über meine Kindheit geredet. Wenn wir je auf das Thema zu sprechen kamen, meinte er, die Vergangenheit sei belanglos, wir sollten beide in die Zukunft blicken, was mir sehr zupasskam.

»Das heißt, du hast keine Zeit, nach Cornwall zu kommen?«

»Leider nicht, obwohl ich große Lust hätte. Dein Weihnachten klingt himmlisch.«

»Ach, es ist nichts Großartiges, Freddie, nur sehr … weihnachtlich, glaube ich. Ich würde mich so freuen, wenn du meine Großmutter kennenlernst.«

»Ich verspreche dir, das mache ich auch, sobald dieses Stück abgesetzt wird«, sagte Freddie seufzend. »Ich habe die Nase voll davon, Posy, ehrlich. Stundenlang in meiner Garderobe herumzusitzen, nur um meine vier Sätze aufzusagen … Und ich bin überzeugt, der blöde Schauspieler, für den ich die zweite Besetzung bin, wird absichtlich nicht krank. Alle anderen hat die Erkältung erwischt, die bei uns umgeht, nur ihn nicht. Ich hatte gehofft, Agenten in die Vorstellung einzuladen, um mich in der Rolle zu sehen.«

»Na ja, zumindest hast du ein Engagement, das ist doch etwas.«

»Ja, und damit verdiene ich so gut wie nichts«, sagte er düster. »Im Ernst, Posy, ich überlege mir, das Handtuch zu werfen und ab nächsten September wieder zu studieren, um die Zulassung als Anwalt zu bekommen, wenn sich in den nächsten Monaten nichts tut. Ich meine, man kann nicht allein von Sardinen leben, oder?«

»Ich habe mein Gehalt, Freddie, und wir kommen doch über die Runden, oder nicht?«

»Natürlich. Aber auch wenn ich gern so tue, als wäre ich für Gleichberechtigung, und sage, es sei egal, wer von uns beiden das Geld verdient, bin ich mir nicht sicher, ob es mir wirklich gefällt, ausgehalten zu werden.«

»Aha«, sagte ich lächelnd. »Da kommt doch wieder der Traditionalist zum Vorschein.«

»Ja, das gebe ich auch unumwunden zu. Ich habe meinen Ausflug in die Theaterwelt unternommen, und zumindest kann ich sagen, dass ich es versucht habe. Aber um ehrlich zu sein, habe ich mir gerade heute Vormittag überlegt, dass ein Anwalt vor Gericht ja auch nichts anderes ist – der steht vor seinem Publikum und liefert eine Vorstellung ab. Der Unterschied ist, dass man da für seinen Einsatz richtig gut bezahlt wird, und eventuell tut man obendrein vielleicht sogar noch etwas Gutes. Schauspielen ist doch im Grunde ein sehr oberflächlicher Beruf, oder nicht? Ich meine, alles dreht sich um einen selbst.«

»Einerseits ja, aber andererseits bereitest du anderen Menschen damit auch eine große Freude – das Theater entführt sie für ein paar Stunden aus ihrem eigenen grauen Alltag.«

»Da hast du natürlich recht«, sagte er seufzend. »Vielleicht werde ich ja nur alt, aber eines Tages würde ich dir gern ein schönes Zuhause bieten und genug Geld, um zwei oder drei Kinder zu bekommen.«

Ich senkte den Blick, damit er nicht die Freude in meinen Augen bemerkte. Ich konnte mir nichts Schöneres vorstellen, als Freddie zu heiraten und den Rest meines Lebens mit ihm zu verbringen. Ich hatte mich sogar schon dabei ertappt, in Frauenzeitschriften mit Brautmoden zu blättern.

»Wir würden das zusammen schon gut hinbekommen, du und ich, oder?«, fragte er mit einem Lächeln.

»Ich glaube schon. Du … würdest doch nicht erwarten, dass ich aufhöre zu arbeiten, oder?«

»Natürlich nicht! Ich meine, ich würde mir natürlich wünschen, dass du dir ein oder zwei Wochen freinimmst, wenn wir Kinder bekommen sollten, und ich müsste natürlich sehr viel mehr verdienen als du, aber …«

Ich boxte Freddie scherzhaft gegen den Arm, ich wusste ja, dass er mich aufzog. Er schaute auf seine Uhr.

»Jetzt sollte ich aber besser wieder meine Gefängniszelle namens Garderobe aufsuchen, damit ich auch die verlangte halbe Stunde vor Vorstellungsbeginn da bin. Tschüss, Liebste, bis später in der Wohnung.«

Ich sah ihm nach, wie er zwischen den Tischen davonging; ein paar Frauen blickten auf, als er an ihnen vorbeikam. Er war wirklich außergewöhnlich attraktiv, und ich fragte mich zum zigsten Mal, wie in aller Welt es dazu gekommen war, dass er sich ausgerechnet für mich entschieden hatte.

Er ist einfach perfekt, dachte ich, als ich beschloss, die Regent Street entlangzulaufen und die weihnachtlich geschmückten Schaufenster der ganzen Warenhäuser zu betrachten. Die Straße war voller Menschen, die genau dasselbe im Sinn hatten, und die Maroniverkäufer machten ein Bombengeschäft.

»Heute Abend finde ich es himmlisch zu leben«, sagte ich der Marone, die ich mir in den Mund steckte, und dann lief ich los, um den Bus zu erwischen, der mich zu Freddies Wohnung in Clapham zurückbringen würde.

Der Abend, bevor ich mit dem Zug nach Cornwall fahren würde, war bittersüß. Sosehr ich mich darauf freute, Oma und Daisy zu sehen – jetzt erst wurde mir klar, dass Freddie und ich in den vergangenen Monaten kaum einen Abend getrennt verbracht hatten. Als Freddie an dem Tag vom Theater nach Hause kam und sich zu mir ins Bett legte, liebte er mich mit ganz besonderer Leidenschaft, erschien es mir.

»Mein Gott, du wirst mir grausam fehlen«, sagte er, als ich hinterher in seinen Armen lag. Er streichelte mir übers Haar. »Posy, Liebste, willst du mich heiraten?«, flüsterte er mir ins Ohr.

»Ich … Ist das dein Ernst?« Ich drehte den Kopf, damit ich ihn im flackernden Kerzenlicht richtig sehen konnte.

»Natürlich!« Freddie sah gekränkt drein. »Bei so etwas würde ich doch nicht scherzen. Also?«

»Und das soll alles sein? Du sinkst nicht vor mir auf die Knie?«, spöttelte ich. Mein Herz wollte vor Liebe und Aufregung schier zerspringen.

»Wenn Madam das wünschen, so sei’s.«

Seufzend stand er auf und sank vor mir auf ein Knie. Dann nahm er meine Hand und schaute zu mir hoch, während ich auf der Matratze saß. »Liebste Posy, ich …«

»Da das ein offizieller Heiratsantrag ist, solltest du meinen richtigen Namen verwenden.«

»Welchen richtigen Namen?«, fragte er stirnrunzelnd.

»Der, der auf meiner Geburtsurkunde steht, natürlich. Posy ist nur mein Spitzname.«

»Also gut. Und welcher Name steht auf deiner Geburtsurkunde?«

»Adriana Rose Anderson.«

»Adriana Anderson?« Scheinbar verwirrt wandte er den Blick von mir ab.

»Ich weiß, er ist furchtbar. Leider wurde ich nach meiner Mutter benannt. Aber du brauchst ihn ja nur zweimal zu verwenden – jetzt und dann am Hochzeitstag. Also …?«

Freddie sah wieder zu mir und zuckte dann mit den Schultern, ziemlich bekümmert, wie mir schien.

»Ich … Also, ich finde, du hast recht, Posy. Ich sollte das richtig machen. Bekleidet, zum Beispiel.« Er lachte nervös und richtete sich auf.

»Ach, Freddie, das war doch nur zum Spaß. Du brauchst doch nicht meinen richtigen Namen zu sagen.«

»Nein, wenn du nach Neujahr wiederkommst, dann … dann arrangiere ich etwas.«

Er legte sich wieder neben mich, und ich blies die Kerze aus und schmiegte mich in seinen Arm.

»Du bist bekümmert«, flüsterte ich.

»Nein, gar nicht. Ich bin nur müde nach den zwei Vorstellungen.«

»Posy?«, fragte er mich, als ich gerade am Einschlafen war. »Wie hieß das Haus, in dem du als Kind in Suffolk gelebt hast?«

»Admiral House«, sagte ich verschlafen. »Gute Nacht, liebster Freddie.«

Es war wunderschön, zu Hause bei Oma in Cornwall zu sein, und Weihnachten verging auf dieselbe traditionelle Art wie jedes Jahr.

»Und wann lerne ich deinen Freddie kennen?«, fragte Oma, als ich das Gespräch zum hundertsten Mal auf etwas zurückbrachte, das er gesagt oder getan hatte.

»Wenn das Stück in London abgesetzt wird. Er hat mir gesagt, dass er sich schon sehr darauf freut.«

»Na, du bist unverkennbar bis über beide Ohren verliebt, mein Schatz. Natürlich mache ich mir etwas Sorgen, weil er ein Schauspieler ist mit allem, was das mit sich bringt. Der zuverlässigste Beruf ist es nicht gerade, oder?«

»Freddie hat schon gesagt, dass er mit großer Wahrscheinlichkeit im September für seine Zulassung als Anwalt studieren wird. Er möchte mich gut versorgen können, Oma, also mach dir deswegen bitte keine Sorgen.«

»Du glaubst also, dass er dich heiraten wird, Posy?«

»Aber ja, wir haben uns schon darüber unterhalten. Im Grunde ist er unglaublich traditionell.«

»Du hast es also nie bedauert, dass du die Verlobung mit Jonny gelöst hast?«

»Nein, Oma, kein einziges Mal.«

»Er war sehr nett, Posy. Er wäre dir ein guter Ehemann gewesen.«

»Das wird Freddie auch.«

»Wenn er dich heiratet.«

»Oma, er hat mich schon gefragt, zumindest inoffiziell.«

»Verzeih mir, Posy, ich mache mir einfach nur etwas Sorgen, weil du dich von Jonny getrennt hast und das vielleicht noch bereuen wirst. Ich kann den Reiz einer neuen Leidenschaft gut verstehen, aber meiner Ansicht nach währt Beständigkeit am längsten.«

»Oma, nur weil Freddie sein Glück als Schauspieler versucht, heißt das nicht, dass er ein unsteter Vogel ist. Wenn du ihn kennenlernst, wirst du das verstehen, das verspreche ich dir. So, und jetzt muss ich ins Bett, bevor der Weihnachtsmann kommt«, sagte ich lächelnd und gab ihr einen Kuss. »Gute Nacht, liebste Oma.«

Den ganzen ersten Weihnachtstag wartete ich auf Freddies versprochenen Anruf, aber aus irgendeinem Grund blieb er aus. Ich schob es auf eine Störung in der Telefonzentrale, schließlich wurden an diesem Tag unzählige Telefonate quer durchs ganze Land geführt, und unsere Leitung war nie die zuverlässigste gewesen.

Morgen ruft er ganz bestimmt an, tröstete ich mich, als ich mich an dem Abend ins Bett legte.

Am zweiten Feiertag besuchte ich vormittags Katie in dem kleinen Cottage, wo sie mit ihrem Mann und den beiden Kindern lebte.

»Sie sind entzückend«, sagte ich lächelnd, als Mary, die gerade gehen gelernt hatte, zu mir auf den Schoß kletterte, während Katie Jack, den Neugeborenen, stillte. »Ich kann gar nicht glauben, dass du schon zwei hast. Ich fühle mich noch nicht alt genug fürs Kinderkriegen.«

»Na ja, das gehört zur Ehe doch dazu, oder?« Katie zuckte mit den Achseln. »Aber es ist verdammt harte Arbeit. Ich wünschte, ich könnte endlich mal wieder eine Nacht durchschlafen.«

»Hilft Thomas dir mit den Kindern?«

»Machst du Witze?« Sie verdrehte die Augen. »Abends sitzt er meist im Pub.«

Auf dem Heimweg dachte ich, dass Katie nicht gerade ein Aushängeschild fürs Kinderkriegen war. Früher war sie immer so gepflegt gewesen, aber jetzt hatte sie ihr fettiges Haar mit einem Gummiband zusammengebunden und um elf Uhr vormittags noch im Morgenrock dagesessen.

Hoffentlich lasse ich mich nicht so gehen, wenn Freddie und ich Kinder haben, dachte ich, als ich das Herrenhaus betrat und in die Küche ging, wo Daisy ihren traditionellen Reste-Eintopf machte.

»Hat jemand für mich angerufen, während ich weg war, Daisy?«

»Nein, Miss Posy, tut mir leid.«

»Ah so. Kann ich dir helfen?«

»Nein, alles im Griff, danke.«

Oma hatte den Pfarrer und seine Frau zum Lunch eingeladen, aber ich war geistesabwesend und zermarterte mir den Kopf, weshalb Freddie nicht angerufen hatte, um mir verspätet frohe Weihnachten zu wünschen. Dann überlegte ich mir besorgt, dass ihm etwas zugestoßen sein könnte, dass er irgendwo ganz allein und mit Schmerzen im Krankenhaus liegen könnte …

»Oma, kann ich bei Freddie in London anrufen? Ich mache mir Sorgen, weil ich nichts von ihm gehört habe.«

»Natürlich, mein Schatz«, sagte Oma.

Ich holte mein Adressbuch und wählte mit zitternden Fingern die Nummer. Es war ein Gemeinschaftstelefon, das im Hausflur stand und von allen drei Parteien in dem umgebauten Haus genutzt wurde.

»Bitte, jemand soll rangehen«, flüsterte ich. Ich wollte nur hören, dass ihm nichts fehlte.

»Ja, hier ist Clapham 6951.«

»Guten Tag, Alan, sind Sie das?«

»Ja.«

»Alan«, sagte ich zu Freddies Mitbewohner, »ich bin’s, Posy. Ist Freddie da?«

»Nein. Ich dachte, Sie wüssten, dass er für zwei Tage zu seiner Mutter gefahren ist. Aber er sollte heute Abend nach der Vorstellung wieder hier sein.«

»Ich bin nur ein bisschen in Sorge, dass ihm etwas zugestoßen ist, weil ich nichts von ihm gehört habe. Könnten Sie ihm bitte einen Zettel hinlegen, dass er mich anrufen soll, sobald er heute Abend nach Hause kommt? Sagen Sie ihm, dass es völlig egal ist, wie spät es wird.«

»Das mache ich, Posy. Ich bin überzeugt, dass alles in bester Ordnung ist. Sie wissen doch, wie es zu Weihnachten ist.«

»Natürlich, Sie haben recht. Danke, Alan, und bis bald.«

»Auf Wiederhören, Posy.«

Als ich den Hörer auflegte, kam ich mir ziemlich dumm vor. Natürlich war Freddie nichts zugestoßen, wahrscheinlich hatte seine Mutter ihn nur mit Beschlag belegt. Zumindest würde ich später von ihm hören. Erleichtert kehrte ich zu Oma zurück, um mit ihr Karten zu spielen.

Obwohl ich bis lang nach Mitternacht auf der untersten Stufe gegenüber dem Tisch, auf dem das Telefon stand, sitzen blieb, um den Anruf auf keinen Fall zu verpassen, klingelte es nicht.

Bekümmert ging ich nach oben, während mir schreckliche Vorstellungen durch den Kopf geisterten. Freddie hatte bislang immer zurückgerufen. Nach einer schlaflosen Nacht wusste ich, dass ich es keine Stunde mehr hier aushalten würde. Bis Oma zum Frühstücken nach unten kam, hatte ich bereits gepackt und war aufbruchbereit.

»Es tut mir wirklich leid, Oma, aber eine meiner Freundinnen ist in London ins Krankenhaus gekommen, und ich möchte sie unbedingt besuchen. Offenbar schwebt sie zwischen Leben und Tod«, log ich.

»Wirklich? Ich habe das Telefon weder gestern Abend noch heute Morgen läuten hören.«

»Dann bin ich froh, dass ich dich nicht gestört habe, Oma.«

»Kommst du zu Silvester wieder her oder eher nicht?«

»Das kommt darauf an, wie es meiner Freundin geht. Ich melde mich so bald wie möglich. Aber jetzt muss ich mich sputen, wenn ich den Zug um neun erreichen will. Auf Wiedersehen, liebste Oma, und hoffentlich bis bald.«

»Gute Fahrt, Posy«, rief sie mir nach, als ich zur Haustür hinauslief. Bill wartete schon mit laufendem Motor im alten Ford, meinen Koffer hatte er bereits verstaut.

Ich wusste, dass meine Großmutter mir nicht glaubte, aber das war nicht zu ändern. Was immer Freddie zugestoßen war, ich konnte es einfach nicht ertragen, weitere fünf Tage im Ungewissen zu bleiben.

Endlich fuhr der Zug in Paddington ein, ich nahm die U-Bahn nach Baron’s Court und stieg die vielen Stufen zu meiner Wohnung hinauf. Bevor ich zu Freddie fuhr, wollte ich noch meinen schweren Koffer dort abstellen und mich etwas frisch machen. Estelle hatte am Abend zuvor unverkennbar wieder gefeiert, im Wohnzimmer herrschte die übliche Unordnung. Ich achtete gar nicht darauf, ging zur Toilette und dann in mein Zimmer.

Und dort, auf meinem Kissen, lag ein Umschlag. Ich erkannte Freddies Schrift sofort. Meine Finger zitterten so sehr, dass ich den Brief kaum öffnen konnte. Als ich zu lesen begann, verschwamm mir vor Tränen bereits der Blick.

Liebste Posy,

ich werde es kurz und schmerzlos halten. Als ich dir, wenige Stunden vor deiner Abreise nach Cornwall, einen Heiratsantrag machte, hast du wahrscheinlich gemerkt, dass ich danach etwas merkwürdiger Stimmung war. Vielleicht wurde mir, indem ich die Worte tatsächlich aussprach, klar, dass du und ich einfach nicht füreinander bestimmt sind. Auch wenn ich geglaubt hatte, ich wäre bereit, mich häuslich niederzulassen und eine Ehe einzugehen, stelle ich nun fest, dass das nicht stimmt. Liebste Posy, das hat ausschließlich etwas mit mir zu tun, nicht mit dir, aber ich versichere dir um deinetwillen, du musst mir glauben, dass keinerlei Möglichkeit einer Zukunft für uns besteht.

Es tut mir leid, so hart zu klingen, aber ich möchte, dass du mich so bald wie möglich vergisst und einen anderen Mann findest, der deiner wirklich würdig ist. Und ich bitte dich auch nicht um Vergebung, denn die habe ich nicht verdient.

Ich wünsche dir ein langes und glückliches Leben,

Freddie

Mein Atem ging in kurzen, hektischen Stößen, mein Herz pochte wie verrückt, um die Lunge mit genügend Sauerstoff zu versorgen. Ich steckte den Kopf zwischen die Beine, um gegen den Schwindel anzukämpfen und nicht in Ohnmacht zu fallen.

Das musste doch ein gemeiner Scherz sein? Kein Wort klang wie der Freddie, den ich gekannt und geliebt hatte. Es war, als hätte sich ein böser Dämon seiner Seele bemächtigt und ihn gezwungen, diese kalten, herzlosen Worte zu schreiben. Ich könnte die Zeilen hunderttausend Mal lesen, ich wusste, ich würde keine Wärme darin finden. Genauso gut hätte er es bei einem »Ich liebe dich nicht mehr« belassen können.

Als der Schwindel nachließ, legte ich mich matt aufs Bett. Ich stand zu sehr unter Schock, um zu weinen. Ich konnte einfach nicht verstehen, was passiert sein sollte in der kurzen Zeit, nachdem wir uns geliebt und er mich gefragt hatte, ob ich ihn heiraten wolle, und seinem merkwürdigen Verhalten wenige Minuten danach. Offenbar musste er beim Aussprechen der Worte gemerkt haben, dass es für ihn doch nicht Liebe war. Außer, natürlich, dachte ich mir, und wieder fuhr mir ein Stich mitten durchs Herz, er hatte eine andere kennengelernt …

Ja. Das war die einzige Erklärung für seinen plötzlichen Sinneswandel. Vielleicht die junge, hübsche Schauspielerin in seinem Stück? Ich war mir sicher gewesen, dass sie ihm ständig bewundernde Blicke zugeworfen hatte, als wir nach der Vorstellung einmal mit der gesamten Besetzung auf einen Drink ausgegangen waren. Oder das Mädchen von der Requisite mit seinen rabenschwarzen Haaren, dem Eyeliner und dem roten Lippenstift …

»Hör auf, Posy«, sagte ich mir stöhnend, als ich den Kopf auf dem Kissen hin und her warf. Aus welchem Grund auch immer, die Worte auf dem Blatt Papier sagten mir, dass unsere Affäre aus und vorbei war, und die goldene Zukunft, die ich mir noch vor drei Tagen ausgemalt hatte, lag in Trümmern vor mir.

Ich stand auf und zerknüllte den Brief wütend zu einem Ball, dann trug ich ihn mit Fingerspitzen, als könnte er mich noch mehr verletzen, ins Wohnzimmer. Dort warf ich ihn in den Kamin, zündete ihn an und sah zu, wie er zu Asche verbrannte.

Vielleicht könnte ich so tun, als hätte ich ihn nicht bekommen, könnte heute Abend vor der Bühnentür stehen, als wäre nichts passiert …

Nein, Posy, dann müsstest du nur dieselben Worte hören, die er dir geschrieben hat, und das würde den Schmerz noch vergrößern …

Ich ging in die Küche, um nach Überresten von der Party des Vorabends zu suchen. Ich schüttete einen üppigen Schuss Gin in ein Glas, schenkte den Rest Wermut darauf und leerte es auf einen Zug. Dann machte ich mir noch einen Drink und danach noch einen – alles, um den Schmerz zu betäuben. Eine Stunde später fiel ich aufs Bett, mir drehte sich der Kopf, und kurz darauf beugte ich mich über die Bettkante und erbrach mich über den Boden. Es war mir egal, weil nichts mehr wichtig war. Meine goldene Zukunft mit dem Mann, den ich liebte, würde es nie geben. Nichts würde jemals wieder wichtig sein.