Kapitel 38
»Also, Amy, Nick hat Sam gestern zur Reha gefahren. Was sagst du dazu?«, fragte Posy, als sie im Hopfenhaus zusammen eine Tasse Tee tranken.
»Um ehrlich zu sein, bin ich erleichtert. Zumindest weiß ich jetzt, dass er nicht plötzlich auftauchen wird, wenn ich morgen wieder zur Arbeit gehe. Davor hatte ich Angst.«
»Ich wollte dir auch sagen, dass ich Nick am Wochenende gesehen habe. Er hat mir erzählt, dass Sam in ihrer Kindheit schrecklich aggressiv ihm gegenüber war. Es ist wichtig für dich zu wissen, dass es nichts mit dir zu tun hatte, dass Sam schon anderen gegenüber gewalttätig geworden ist. Du kannst dir vorstellen, wie sehr ich mich schäme, nicht gesehen zu haben, was direkt vor meiner Nase passierte – weder bei dir noch bei ihm.«
»Ich kann dir versichern, Posy, Sam hat immer dafür gesorgt, dass niemand es merkt«, sagte Amy mit einem Seufzen.
»Willst du wegen der Scheidung zu einem Anwalt gehen?«
»Irgendwann schon, aber vielleicht warte ich noch, bis er aus der Reha kommt. Eine schmutzige Scheidung wird es nicht werden, schließlich gibt es nichts, worüber wir uns streiten könnten, abgesehen von den Kindern.«
»Du wirst sehr vorsichtig sein müssen, Amy. Wenn Sam sich nicht drastisch ändert, wäre es einfach nicht sicher, ihn mit den beiden allein zu lassen.«
»Ich weiß. Aber ich hoffe, dass er, wenn er herauskommt, ein anderer Mensch sein wird. Weißt du, wie lange er dort bleiben wird?«
»Mindestens sechs Wochen, sagte Nick, dann beurteilen die Ärzte, wie er sich macht. Und jetzt muss ich los – nachher kommt Nick mit Tammy und Clemmie.«
»Clemmie? Evies Tochter?«
»Genau. Und Nicks Tochter. Sara und Jake haben eine Cousine bekommen.«
Amy starrte Posy erstaunt an. »Clemmie ist Nicks Tochter?«
»Ja. Leider ist Evie sehr krank. Sie hat sich vor ein paar Wochen aus heiterem Himmel bei Nick gemeldet, um es ihm zu sagen.«
»Das ist also der Grund, weswegen Tammy und ich sein Auto vor ihrem Haus gesehen haben. Tammy war überzeugt, dass sie eine Affäre haben. Sie war außer sich. Aber wenn sie heute mitkommt, heißt das offenbar, dass sie sich wieder versöhnt haben.«
»Ja, das stimmt, und ich freue mich für sie alle. Obwohl sie zu mir kommen, um näher am Krankenhaus zu sein. Evie bleibt nicht mehr viel Zeit. Jetzt muss ich aber wirklich los. Vielleicht möchtest du mit den Kindern in den nächsten Tagen mal abends zum Essen kommen?«
»Das wäre sehr schön, Posy. Danke für alles, du bist einfach unglaublich.«
»Unsinn. Wenn ich wirklich unglaublich wäre, wäre diese ganze Sache mit Sam nie passiert. Aber jetzt muss ich sausen.«
Posy ging über den Hof, als sich die Tür zu Freddies Cottage öffnete.
»Posy, meine Liebe, hast du Zeit für eine Tasse Tee?«
»Leider nicht, Freddie.«
»Für eine Umarmung?«
»Für die habe ich immer Zeit«, antwortete sie, als Freddie sie an sich zog und sie zum ersten Mal an diesem Tag tief durchatmete.
»Ich weiß, dass du viel zu tun hast, aber ist in deinem Terminkalender irgendwann diese Woche vielleicht noch Platz für ein Mittag- oder Abendessen mit mir?«
»Natürlich, Freddie, du weißt doch, wie gerne ich dich sehen möchte. Es ist einfach viel los, weil Nick, Clemmie und Tammy ein paar Tage bei mir bleiben, aber du musst vorbeikommen und sie alle kennenlernen.«
»Ja, das würde mir gefallen. Aber bitte, Liebste, übernimm dich nicht, ja?«
»Ich tue mein Bestes, Freddie, versprochen.«
»Gut«, sagte er, als Posy sich aus seiner Umarmung löste. »Erinnre dich bisweilen daran, dass du weit über das Renteneintrittsalter hinaus bist und jedes Recht der Welt hast, dir bei allem etwas Zeit zu lassen.«
»Das mache ich«, sagte sie und küsste ihn auf die Wange. »Tschüss, Freddie, bis bald.«
Auf der Heimfahrt nach Admiral House erlaubte sie sich, nur ein paar Sekunden lang, alles andere auszublenden und an Freddie und die Verheißung von Glück zu denken, die er in ihr Leben gebracht hatte. Sie hoffte, dass sie bald Zeit haben würde, das auch zu genießen, doch im Moment galten ihre Gedanken nur Evie und ihrer Tochter.
Zu Hause angekommen, bezog sie die Betten für ihre Gäste, backte einen Kuchen für Clemmie und bereitete für das Abendessen einen Fischauflauf zu. Als es dämmerte, machte sie einen flotten Gang durch den Garten, um sich etwas zu beruhigen und frische Luft zu schnappen. Vor dem Turm blieb sie stehen und sah zum oberen Zimmer hinauf, dessen Fenster teilweise hinter Efeu verschwanden.
Nachdenklich kehrte sie ins Haus zurück. Dann holte sie ihr Handy hervor und ging die Nummern durch. Sie zögerte kurz, holte tief Luft und wählte.
»Guten Abend, Posy«, sagte die tiefe, melodische Stimme nach zweimaligem Klingeln. »Was verschafft mir die Ehre? Ist alles in Ordnung?«
»›Alles‹ ist so kompliziert wie eh und je, Sebastian«, sagte Posy und lächelte. »Aber ich werd’s überleben. Wie geht es Ihnen?«
»Ähnlich wie Ihnen. Ich vermeide es nach allen Regeln der Kunst, mich an den Schreibtisch zu setzen und das Buch abzuschließen, schaue bei zahllosen Weihnachtsfeiern vorbei, auf die ich eigentlich gar keine Lust habe, aber nein, ich kann nicht klagen, danke.«
»Sebastian, ich weiß nicht, ob Sie mir vielleicht bei einer Sache helfen können.«
»Wenn es in meiner Macht steht, Posy, jederzeit, das wissen Sie doch.«
»Freddie hat mir gesagt, dass er sich mit Ihnen über … meinen Vater unterhalten hat.«
»Ja, das stimmt. Ich gehe davon aus, dass er es Ihnen gesagt hat.«
»Ja. Es war natürlich ein furchtbarer Schock, das können Sie sich ja denken, aber allmählich komme ich darüber hinweg. Es bleibt einem ja nichts anderes übrig, nicht wahr?«
»Leider haben Sie recht. Aber wenn jemand über etwas Derartiges hinwegkommen kann, Posy, dann Sie. Sie sind die stärkste Frau, die ich kenne. Das habe ich auch zu Freddie gesagt, als er mich fragte, ob er es Ihnen erzählen soll. Er hat sich unendlich Sorgen gemacht, Sie könnten es nicht verkraften. Er hat Sie wirklich sehr gern, Posy.«
»Und ich ihn. Zwischen uns ist jetzt alles gut.«
»Das freut mich sehr«, antwortete Sebastian. »Nach all den Jahren haben Sie es beide verdient.«
»Danke, lieber Sebastian. Auf die eine oder andere Art war das Leben in den letzten Wochen wirklich sehr bewegt. Was die Sache mit meinem Vater betrifft – ich habe hin und her überlegt, wie ich meinen Frieden machen kann mit dem, was passiert ist, und mit ihm.«
»Und mit allem abschließen?«
»Genau. Mir ist auch eine Möglichkeit eingefallen.«
»Sehr schön. Dann sagen Sie doch, wie ich Ihnen helfen kann.«
Das tat Posy.
»Ich verstehe«, sagte Sebastian nach einer Pause. »Also, ich kann bei meiner Kontaktperson im Innenministerium anrufen. Er hat mir bei der Recherche zu Die Schattenfelder geholfen und sollte mir einen Tipp geben können. Ich habe keine Ahnung, ob das üblich ist oder nicht.«
»Vielleicht können Sie zumindest herausfinden, wo er liegt, Sebastian. Das wäre schon etwas.«
»Natürlich. Ich lasse von mir hören, sobald ich etwas erfahre, dann können Sie weitersehen.«
»Danke, Sebastian, das ist wirklich sehr nett von Ihnen. Aber jetzt muss ich Schluss machen, sonst verbrennt noch der Fischauflauf.«
»Der Duft zieht bis zu mir herüber! Ihre Küche war mein Verderben, Posy. Seitdem schmeckt mir kein Takeaway mehr. Ich melde mich so bald wie möglich. Ciao.«
Posy legte das Handy fort und sah nach dem Fischauflauf.
»Nick, mein Schatz.« Posy gab ihrem Sohn einen innigen Kuss, als er zur Küche hereinkam.
»Guten Tag, Mum, hier riecht es köstlich, wie immer.« Lächelnd drehte er sich zu Clemmie, die seine Hand sehr fest hielt. »Deine Oma macht den allerbesten Schokoladenkuchen überhaupt.«
»Guten Abend, Clemmie«, sagte Posy, als sie zu dem kleinen Mädchen mit dem blassen Gesicht blickte, das seiner Mutter so ähnlich sah. »Darf ich dich umarmen?«
»Ja, Posy … Oma, meine ich.« Sie errötete.
»Ich weiß, das ist ganz schön verwirrend, stimmt’s?« Sie drückte die Kleine an sich. »Aber es ist doch toll, dass wir verwandt sind, oder nicht?«
»Ich glaube schon«, flüsterte Clemmie schüchtern.
»Zieh dir doch den Mantel aus, dann gebe ich dir ein Stück von dem Schokokuchen, von dem dein Daddy gesprochen hat. Nach der Fahrt musst du doch einen Riesenhunger haben.«
»Guten Abend, Posy«, sagte Tammy, die die Küche als Letzte betrat.
»Meine Liebe, wie schön, dich wiederzusehen. Ich setze mal den Wasserkessel auf.« Posy nahm ihn vom Herd und füllte ihn mit Wasser. »Wie war die Fahrt?«
»Ganz gut, und wir haben’s vor dem Stoßverkehr geschafft«, sagte Nick, während er Clemmie ein Stück Kuchen abschnitt.
»Wenn du das gegessen hast, Clemmie, zeige ich dir dein Zimmer. In dem hat dein Daddy als Kind geschlafen«, sagte Posy.
»Das Haus ist so groß, Oma.« Clemmie schaute sich in der Küche um. »Wie ein Schloss.«
»Ja, es ist sehr groß, und es braucht viele Leute, die es füllen«, sagte Posy lächelnd.
»Du hast Glück gehabt, als Kind hier zu leben, Daddy«, meinte Clemmie, als sie den Kuchen in kleine Stückchen brach und sich eins anmutig in den Mund steckte.
»Da gebe ich dir recht.«
»Sollen wir den Tee im Frühstückszimmer trinken?«, schlug Posy vor. »Ich habe Feuer gemacht.«
Eine halbe Stunde später war Tammy mit Clemmie nach oben gegangen, damit sie beide auspacken konnten, und Posy saß allein mit ihrem Sohn vor dem Kamin.
»Hast du etwas Neues aus dem Krankenhaus gehört?«
»Unverändert, fürchte ich. Ich fahre morgen mit Tammy zu ihr, Evie möchte sie kennenlernen. Kannst du so lange auf Clemmie aufpassen?«
»Natürlich. Sie kann für ein paar Stunden in die Galerie mitkommen. Wie geht es ihr?«
»Sie weiß, dass ihre Mutter noch im Krankenhaus ist. Evie wollte sie eigentlich erst wiedersehen, wenn sie wieder zu Hause ist, aber ich glaube, dafür ist es zu spät.« Nick seufzte. »Ich wünschte bloß, es wäre nicht bald Weihnachten – durch die festliche Stimmung überall wird alles noch schlimmer.«
»Na, wir werden auf jeden Fall unser Bestes tun, damit Clemmie sich hier wohlfühlt. Morgen Nachmittag kommt der Weihnachtsbaum, da kann sie mir beim Schmücken helfen.«
»Und vielleicht kannst du auch Evie besuchen fahren, je nachdem, wie es ihr geht.«
»Natürlich, mein Schatz. So, jetzt sollte ich das Gemüse aufsetzen, das es zum Fischauflauf gibt.«
Nach dem Essen ging Nick mit Clemmie nach oben, um sie bettfertig zu machen, während Tammy und Posy in der Küche Geschirr spülten.
»Amy sagte, du hättest herausgefunden, dass Nick Evie besucht hat«, begann Posy vorsichtig.
»Ja.«
»Es spricht für dein großes Herz, dass du bereit bist, ihn und Clemmie zu unterstützen.«
»Ich liebe ihn, Posy«, erwiderte Tammy schlicht. »Zugegeben, ich war mir alles andere als sicher, ob ich Clemmie eine gute Ersatzmutter sein könnte – bis letzte Woche wusste ich nicht, ob ich auch nur ansatzweise Muttergefühle aufbringen könnte, und ich hatte richtig Angst, wie Clemmie und ich zurechtkommen würden. Aber sie war unglaublich, Posy. Es war, als wüsste sie, dass ich schrecklich nervös war, und sie hätte es mir nicht leichter machen können, mich in sie zu verlieben. Sie ist hinreißend, und es erschreckt mich regelrecht, wie viel Sorgen ich mir jetzt schon um sie mache.«
»Genau das musst du Evie sagen, wenn du sie morgen siehst, Tammy.«
»Mir graut davor, Posy.« Tammy seufzte. »Glaubst du wirklich, dass sie das hören möchte? Wird sie nicht das Gefühl bekommen, ich möchte ihr ihr Kind wegnehmen?«
»Ich glaube, sie möchte genau das hören, Tammy. Für sie zählt jetzt nur noch, dass ihre Kleine geliebt und behütet wird. Oder zumindest würde es mir an ihrer Stelle so gehen.«
»Ich kann mit solchen Situationen überhaupt nicht umgehen«, gestand Tammy. »Wahrscheinlich werde ich die ganze Zeit weinen.«
»Du hast geglaubt, du hättest nicht das Zeug zur Mutter, Tammy, dabei sieht jeder, dass du das wunderbar machst. Du bürdest dir eine große Verantwortung auf, und du kannst nur jeden Tag aufs Neue versuchen, ihr gerecht zu werden. Ich auf jeden Fall bin überglücklich, dass du für meinen Sohn und meine Enkeltochter da bist, und ich bin mir sicher, dass es Evie, wenn sie dich getroffen hat, genauso geht.«
»Danke, Posy, deine Unterstützung hilft mir sehr. Und jetzt«, sagte Tammy und trocknete sich die Hände, »sollte ich Clemmie wohl besser Gute Nacht sagen.«
Tammy war übel, als Nick mit ihr durch die Station zu Evies Zimmer ging. Krankenhäuser machten ihr panische Angst – die ganzen piepsenden und surrenden Geräte, die das Leben, mit dem sie verbunden waren, überwachten.
»Sie liegt dort.« Nick deutete auf eine Tür.
»O mein Gott.« Tammy umklammerte seinen Arm. »Ich weiß nicht, ob ich das schaffe, Nick, ich …«
»Natürlich schaffst du das, mein Schatz, das weiß ich. Sie schläft sowieso die meiste Zeit, und ich bin ja bei dir. Also mach dir keine Gedanken, in Ordnung?« Er hob ihr Kinn an, damit sie ihm in die Augen blicken musste.
»In Ordnung. Entschuldige.«
Nick schob die Tür auf, und sie betraten den Raum. Tammy betrachtete die winzige blasse Gestalt, die im Bett lag. Durch die ganzen Geräte, die um Evie herumstanden, wirkte sie ganz klein – und kaum älter als ihre Tochter.
»Setz dich dahin«, flüsterte Nick und deutete auf einen Stuhl.
Tammy saß neben Nick und schaute unverwandt auf den Apparat, der Evies regelmäßigen Herzschlag überwachte. Es war für sie unvorstellbar, dass eine Frau in ihrem Alter innerhalb von wenigen Tagen einfach nicht mehr existieren sollte. Tammy schluckte schwer. Was für ein Recht hatte sie zu weinen, wo sie sich auf den Rest ihres Lebens mit dem Mann freute, den sie liebte, und mit Evies geliebter Tochter?
Nach einer ganzen Weile zuckten Evies lange Wimpern, sie öffnete die Augen.
Sofort griff Nick nach Evies Hand.
»Guten Tag, Evie. Hier ist Nick. Hast du gut geschlafen?«
Evies Mund verzog sich millimeterweise zur Ahnung eines Lächelns, sie nickte kaum merklich.
Er holte aus seiner Jackentasche eine Karte, auf die Clemmie am Vormittag lauter rote Herzchen gemalt hatte. »Die soll ich dir von Clemmie geben.« Nick stellte sie vor Evie, damit sie sie sehen konnte. »Soll ich dir vorlesen, was sie geschrieben hat?«
Wieder ein fast unmerkliches Nicken.
»›Allerliebste Mummy, du fehlst mir und ich habe dich gaaanz, gaaanz schrecklich lieb. Sag Daddy, wann ich dich besuchen kommen darf. Liebe Grüße, Clemmie.‹«
Tammy sah eine Träne in Evies Augenwinkel treten und hörte sie schlucken.
»Evie, ich habe Tammy mitgebracht, sie sitzt gleich neben mir.«
Langsam drehte Evie den Kopf und betrachtete Tammy eine Weile. Tammy spürte, dass sie vor Verlegenheit rot wurde.
»Hi, Evie, ich bin Tammy. Ich freue mich so, dich kennenzulernen.«
Evie lächelte und fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. »Ich mich auch«, flüsterte sie. Schwach streckte sie den Arm in ihre Richtung aus und öffnete die Hand. Tammy umfasste sie sanft.
»Du bist sehr schön, wie Nick gesagt hat.«
»Bei Frauen hat er einen guten Geschmack«, sagte Tammy lächelnd und drückte Evie die Hand.
»Ja.« Dann schwieg Evie eine Weile, als sammele sie Kraft, um weiterzusprechen. »Hast du … Clemmie kennengelernt?«
»Ja. Sie ist einfach hinreißend, Evie. Wirklich, du hast sie ganz wunderbar erzogen. Ich …« Tammy schluckte schwer. »Du musst so stolz auf sie sein.«
»Ja, sehr.«
Langsam fielen Evie die Lider wieder zu. Eine Schwester steckte den Kopf zur Tür herein.
»Guten Tag allseits, ich kontrolliere nur kurz Evies Medikamente«, sagte sie munter, als sie ein Klemmbrett vom Fußende des Betts nahm. Tammy fragte sich, wie in aller Welt die Schwester es schaffte, in dieser Umgebung noch zu lächeln.
»Alles in Ordnung«, bestätigte sie. »Bis später.«
Evie schlief weiter. Nick drehte sich zu Tammy. »Du machst das großartig«, sagte er. »Wie wär’s mit einer Tasse Tee? Solange sie schläft, hole ich uns eine aus dem Café.«
Am liebsten hätte Tammy ihn gebeten zu bleiben und gesagt, ohne ihn schaffe sie das nicht, aber sie schwieg. Sie fragte sich, wie wohl Meena im Laden zurechtkam, und dachte daran, dass ihre Kleider langsam knapp wurden, und dann sah sie zu Evie und erkannte, dass nichts davon wichtig war. Worauf es ankam, war einzig, dass sie sich so gut wie möglich um das Kind dieser Frau vor ihr kümmerte.
»Tammy?«
Evies Stimme riss sie aus ihren Gedanken.
»Ja?«
»Wo ist Nick?«
»Er holt Tee, aber er ist gleich wieder da.«
»Nein, es ist gut, dass wir allein sind. Ich … möchte dir sagen, dass ich froh bin, dass du für Clemmie da sein wirst. Nick ist …«, Evie schluckte, was ihr sichtlich Schmerzen bereitete, »er ist wundervoll, aber er ist ein Mann, verstehst du?«
»Ja, ich weiß«, erwiderte Tammy lächelnd.
»Clemmie braucht eine Frau um sich, eine Mutter. Ist das … ist das für dich in Ordnung?«
»Ach, Evie, das ist völlig in Ordnung! Erst gestern Abend habe ich Posy erzählt, dass ich dachte, ich wäre kein mütterlicher Typ. Aber dann habe ich Clemmie gesehen, und ich … ich habe mich richtig in sie verliebt. Ich könnte sie schon jetzt mit Fürsorge überschütten.«
»Das ist gut, da bin ich froh.« Evie nickte. »Ich weiß … ich habe nicht mehr viel Zeit. Ich will Clemmie sehen. Mich … verabschieden.« Sie biss sich auf die Lippe.
»Wann soll sie denn kommen?«
»So bald … so bald wie möglich.«
»Gut, das richte ich Nick aus.«
»Kümmerst du dich an meiner statt um sie? Hab sie für mich lieb …«
»Das verspreche ich dir, Evie.«
»Danke.«
Evies Augen fielen zu, gerade als Nick den Tee hereinbrachte.
»Alles in Ordnung, Tammy?«, fragte er, als er sich wieder neben sie setzte und ihr einen Styroporbecher mit Tee reichte. Sacht wischte er ihr eine Träne fort, die ihr über die Wange rann.
»Sie sagte, sie möchte Clemmie sehen, um … um sich zu verabschieden. So bald wie möglich.«
»Okay.« Nick trank einen Schluck Tee, dann saßen sie schweigend da, während Evie schlief. Vierzig Minuten später schlief sie noch immer, und Nick bedeutete Tammy, dass sie gehen sollten.
»Auf dem Weg zurück vom Café habe ich mit dem Arzt gesprochen«, sagte er, als sie durch die Station gingen. »Ich fahre dich jetzt nach Hause und komme mit Clemmie heute Abend wieder her. Evie hat recht, es bleibt nicht mehr viel Zeit.«
»In Ordnung«, sagte Tammy.
»Mum soll auch mitkommen, dann kann sie Clemmie hinterher nach Hause fahren, und ich bleibe hier bei Evie«, fuhr er fort. Sie traten durch die Flügeltür ins Freie, und Tammy atmete die frische Luft ein. »Ich möchte nicht, dass sie allein ist, wenn …«
»Natürlich, Nick. Ich und Posy sind für Clemmie da, also kannst du für Evie da sein«, sagte sie, als sie in seinen Wagen stiegen.
»Das macht dir wirklich nichts aus?«
»Natürlich nicht. Warum auch?«
»Manchen Frauen würde es schon etwas ausmachen«, sagte Nick und ließ den Motor an. »Immerhin habe ich sie früher einmal geliebt, und mir ist klar, dass diese ganze Situation nicht gerade ideal ist für den Anfang unserer Beziehung.«
»Bitte, Nick, jetzt hör auf damit. Wenn ich nicht für dich und Clemmie da sein wollte, dann wäre ich nicht hier, in Ordnung? Evie braucht dich jetzt mehr als ich.«
»Danke, Tammy.« Er warf ihr ein mattes Lächeln zu. »Es war gut, dass du sie heute gesehen hast. Was hat sie noch gesagt?«
»Sie …«, Tammy schluckte schwer, »sie hat mich gebeten, sich an ihrer Stelle um Clemmie zu kümmern. Ich habe ihr gesagt, dass ich mein Bestes tun werde.«
»Das tust du doch schon, mein Schatz, und dafür kann ich dir gar nicht genug danken.«
Nachdem Nick, Clemmie und Posy zum Krankenhaus aufgebrochen waren, schenkte Tammy sich gerade ein großes Glas Wein ein, als sie Autoscheinwerfer die Auffahrt heraufkommen sah.
»Wer kann das denn sein?«, fragte sie sich halb laut, als der Wagen vor die hintere Küchentür fuhr.
Sie äugte zum Fenster hinaus und sah Amy auf die Tür zukommen.
»Jemand da?«, rief Amy, als sie sie öffnete.
»Ich!« Tammy gab Amy einen herzlichen Kuss auf die Wange. »Wie schön, dich zu sehen. Ich dachte, Posy hätte dir gesagt, dass sie heute Abend mit Nick und Clemmie ins Krankenhaus fährt.«
»Das hat sie auch, aber ich wollte dich sehen, und Freddie sagte, dass er für mich auf die Kinder aufpasst. Er ist wirklich fantastisch – kennst du ihn?«
»Nein, wer ist er denn?«
»Posys Kavalier. Aber auch mein Retter in der Not. Er ist wirklich ein ganz besonderer Mensch, und im Ernst, wenn Posy ihn nicht will, dann überlege ich mir, ihn zu heiraten.« Sie grinste. »Ist noch Wein da?«
»Klar.« Tammy schenkte ihr ein Glas ein. »Wow, Amy«, sagte sie, als sie es ihr reichte. »Nick hat mir erzählt, was du in letzter Zeit alles durchgemacht hast, aber du siehst richtig gut aus.«
»Jetzt, wo ich den Schock ein bisschen überwunden habe, geht es mir allmählich auch besser. Wahrscheinlich ist es einfach die Erleichterung zu wissen, dass Sam mir nichts antun kann, dass sich nicht im nächsten Moment der Schlüssel im Schloss dreht … Prost.«
Sie stießen an.
»Du hättest etwas sagen sollen, Amy. Ich hätte wirklich alles getan, um dir zu helfen.«
»Ich weiß, aber ich hatte einfach zu große Angst, dass er das nur wieder an mir auslässt. Er hätte sowieso alles geleugnet. Du hast ihn ja kennengelernt. Wenn er seinen Charme spielen lässt, hat man keine Chance.«
»Also, mich hat er nicht beeindruckt«, sagte Tammy kopfschüttelnd. »Ich kenne solche Typen.«
»Ach ja?« Amy warf ihr einen fragenden Blick zu und setzte sich an den Küchentisch.
»Leider. Zu meinem Glück hatte ich keine Kinder und war finanziell unabhängig mit einem Job, bei dem ich durch die Welt gereist bin. Ich konnte entkommen, im Gegensatz zu dir. Also kann ich mir ein bisschen vorstellen, was du mitgemacht hast. Es geht um Kontrolle, hat meine Therapeutin mir hinterher erklärt. Kleine Männer, die sich nur groß fühlen, wenn sie ihre Frauen mit Wut und Aggression unterdrücken. Wie auch immer, Prost darauf, dass er weg ist.«
»Aber leider nicht sehr lang. Womöglich bleibt er nur sechs Wochen in der Reha.« Amy schauderte. »Was mich zu der Sache bringt, über die ich mit dir sprechen wollte. Posy hat mir erzählt, dass Sam Nick schon als Kind verprügelt hat. Dann habe ich mich länger mit Freddie unterhalten, der früher Strafverteidiger für Kriminalfälle war, und ich … Also, ich möchte ihn wegen Körperverletzung anzeigen.«
»Ah ja. Und wie geht es dir damit?«
»Ich habe panische Angst und ein schlechtes Gewissen, ich fühle mich illoyal …« Amy zuckte mit den Achseln. »Aber wie Freddie und auch Posy sagten, wenn ich es nicht mache, rastet Sam bei der nächsten Frau möglicherweise wieder genauso aus. Den Vorwurf möchte ich mir nicht machen müssen. Was meinst du?«
»Ich finde das unglaublich mutig von dir, Amy, und ja, ich glaube auch, dass du es tun solltest.«
»Freddie glaubt nicht, dass Sam zu einer längeren Gefängnisstrafe verurteilt werden würde. Allein schon die Tatsache, dass er eine Reha macht, um seine Alkoholsucht und seine Gewalttätigkeit in den Griff zu bekommen, beweist dem Richter ja, dass er bereit ist, Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen. Er könnte sogar mit einer Bewährungsstrafe davonkommen, aber darum geht es mir gar nicht. Ich möchte einfach, dass das Ganze aktenkundig wird, damit es schwarz auf weiß dasteht, sollte er rückfällig werden. Mir graut davor – mich im Gerichtssaal hinzustellen und gegen meinen Mann auszusagen …« Amy schauderte wieder. »Aber er hätte mich an dem Abend umbringen können, und ich will nicht dafür verantwortlich sein, dass es einer anderen Frau genauso ergeht.«
»Es ist gut, dass du es so siehst, und wir werden dich alle dabei unterstützen, das verspreche ich dir. Im Ernst, Amy, ich bin stolz auf dich. So viele Frauen haben verständlicherweise zu große Angst davor, den Mann, der sie misshandelt, vor Gericht zu bringen, vor allem, wenn es ihr Ehemann oder ihr Partner ist. Aber wenn mehr von uns Frauen das tun würden, würde den Männern vielleicht klar werden, dass sie damit nicht mehr ungeschoren davonkommen.« Tammy griff über den Tisch hinweg nach Amys Hand und drückte sie. »Mach’s für uns alle, Amy, aber vor allem, mach’s für dich und deine süßen Kinder.«
»Ich werde auf jeden Fall bis nach Weihnachten damit warten – in der Familie Montague gibt es im Moment weiß Gott genügend andere Schwierigkeiten, aber danke für deine Unterstützung, Tammy.« Amys Augen glänzten vor Tränen, und sie trank einen großen Schluck Wein. »Aber jetzt lass uns über etwas anderes reden, ja? Wie geht’s Evie?«
»Leider gar nicht gut. Ich war heute bei ihr.«
»Und?«
»Ich musste ständig an mich halten, um nicht loszuheulen. Es ist einfach entsetzlich, Amy. Clemmie ist jetzt im Krankenhaus, um sich von Evie zu verabschieden.«
»Das Leben ist wirklich grausam. Der arme Nick und die arme Clemmie.«
»Ich weiß. Und Nick geht so gut mit ihr um, so fürsorglich und liebevoll.«
»Nick ist ein guter Kerl, Tammy. Du darfst nicht glauben, dass er und Evie …«
»Nein, das glaube ich auch nicht mehr, Amy. Ich freue mich einfach für Evie, dass er jetzt bei ihr ist.«
»Wie können zwei Brüder nur so unterschiedlich sein?«, fragte Amy mit einem Seufzen. »Wie’s aussieht, habe ich mir einfach den Falschen ausgesucht.«
Tammy trank einen Schluck von ihrem Wein und warf einen Seitenblick zu Amy hinüber. »Hast du in letzter Zeit von Sebastian gehört?«
»Nein. Weshalb sollte ich?«
»Weil ihr bei meiner Party … na ja, es sah aus, als wärt ihr zusammen, wenn ich ganz ehrlich sein darf.«
»Tja, das waren wir auch, eine Zeit lang. Ich wollte Sam sogar schon verlassen, aber dann ist er wegen des Betrugs mit Admiral House festgenommen worden. Als sie ihn dann auf Kaution gehen ließen, wusste ich, dass ich es nicht schaffe. Ich habe Sebastian gesagt, dass ich ihn nie mehr wiedersehen will.«
»Ah ja. Und ist es wirklich vorbei? Sogar jetzt, nachdem du Sam verlassen hast?«
Amy starrte in die Ferne. »Ich sage meinem Herzen ständig, dass es aus und vorbei ist, aber es will nicht auf mich hören. Wie auch immer, ich hatte meine Chance, und jetzt ist sie vorüber. Außerdem muss ich mich im Moment wirklich auf die Kinder konzentrieren. Durch die ganze Geschichte haben sie von einem Tag auf den anderen ihren Vater verloren.«
»Du willst Sebastian also nicht sagen, dass du Sam verlassen hast?«
»Nein«, bekräftigte Amy. »Wie auch immer, er hat wahrscheinlich schon eine andere. Ich war für ihn nur ein netter Zeitvertreib hier in Southwold.«
»Nach dem zu urteilen, was ich gesehen habe, kam es mir wie sehr viel mehr vor, Amy.«
»Tammy, entschuldige, können wir das Thema sein lassen?«
»Entschuldige, natürlich. Wie geht’s den Kindern?«
»Denen geht es sehr gut, danke.« Amys Gesicht hellte sich auf. »Sie finden ihr neues Zuhause einfach klasse und lieben ihren neuen Babysitter namens Freddie. Er verwöhnt sie nach Strich und Faden. Ach, wisst ihr, du und Nick, schon, was ihr an Weihnachten macht?«
»Ich glaube, das hängt ganz von Evie ab. Wir haben noch keine konkreten Pläne.«
»Natürlich. Ich freue mich so, dass ihr trotz der Schwierigkeiten wieder zusammengefunden habt, Tammy. Übrigens, willkommen im Kreis der Mütter.« Amy lächelte, und sie stießen noch einmal an.
»Ich weiß. Es ist ein ganzes Stück früher, als ich es mir vorgestellt hätte, aber Clemmie ist so ein liebes Mädchen. Außerdem sind mir bei ihr die Wehen erspart geblieben.«
»Wohl wahr.« Amy lachte kurz auf. »Obwohl das bestimmt noch kommt. Wohnt du und Nick schon zusammen?«
»Nein. Clemmie braucht Zeit, um sich an die Situation zu gewöhnen. Aber ich glaube, dass ich nach Weihnachten zu ihnen in Nicks neues Haus in Battersea ziehen werde.«
»Ich hoffe sehr, dass ihr heiratet, Tammy. Es wäre schön, ein Fest zu haben, auf das wir uns alle freuen können.«
»Eins nach dem anderen, aber ja, das wünsche ich mir auch, und für Clemmie wäre es wahrscheinlich auch gut. Allerdings sollte ich wohl warten, bis er mir einen Antrag macht«, sagte Tammy lachend. »Irgendwie haben wir bei allem die Reihenfolge etwas durcheinandergebracht.«
»Tja, so ist das wohl bei Familien heutzutage. Übrigens, hat Posy schon entschieden, was sie wegen Admiral House unternehmen will?«
»Wir haben uns heute Vormittag kurz darüber unterhalten – ich glaube, sie will es im Januar wieder zum Verkauf anbieten.«
»Es ist wirklich traurig – das Haus ist seit dreihundert Jahren im Besitz ihrer Familie. Und es ist so schön. Sebastian hat sich richtig verliebt, und ich mag es sowieso sehr gern. Bevor es verkauft wird, muss ich es wirklich malen. Ich habe mir überlegt, dass ich Posy das Bild zum siebzigsten Geburtstag schenken könnte.«
»Posy ist siebzig?«, fragte Tammy verblüfft. »Wow! Ich habe sie für zehn Jahre jünger gehalten.«
»Ich weiß. Mit ihrer Energie stellt sie uns alle in den Schatten. Aber jetzt sollte ich wirklich gehen und Freddie erlösen, er hat sich heute zum zwölften Mal Die Muppets-Weihnachtsgeschichte angesehen. Es war schön, dich zu sehen, Tammy, und wenn du Zeit hast, schau doch bei mir vorbei. Ich wohne gleich um die Ecke von der High Street, aber wenn du vorher anrufst, erkläre ich dir, wie du hinfindest. Und bring Clemmie mit, dann kann sie gleich ihren frechen Cousin und ihre nicht minder freche Cousine kennenlernen.«
»Wenn ich Zeit habe, mache ich das gern. Es war wirklich schön, dich zu sehen, Amy.« Tammy stand auf und umarmte sie kurz. »Pass auf dich auf, ja?«
»Jetzt kann ich sagen, dass ich das tue, Tammy. Ciao.«