Kapitel 4

»Clemmie, öffnest du bitte die Tür? Ich komme gerade aus der Dusche!«, rief Evie ihrer Tochter zu.

»In Ordnung, Mum, ich gehe schon.« Clemmie rollte sich vom Bett, lief nach unten und schloss die Haustür auf.

»Guten Morgen, Clemmie, ich bin Posy Montague, eine alte Freundin deiner Mutter. Erinnerst du dich noch, wir haben uns vor ein paar Tagen beim Zeitungsladen gesehen?«

»Ja.« Clemmie nickte. »Möchten Sie zu Mum?«

»Eigentlich bin ich gekommen, um dich zu sehen. Warst du schon einmal Krebse angeln?«

»Nein«, sagte Clemmie und machte ein ängstliches Gesicht.

»Dann wird’s aber höchste Zeit. Ich habe im Wagen Speck als Köder dabei, Leinen und Eimer. Wenn deine Mum es dir erlaubt, setzen wir im Ruderboot über den Fluss nach Walberswick über. Frag deine Mutter, ob du mitkommen darfst.«

»Aber … Ich weiß nicht …«

»Guten Morgen, Posy.«

Evie war, in einen Bademantel gehüllt, hinter Clemmie erschienen. Sie machte eine finstere Miene.

»Ach, Evie, schön, dich wiederzusehen. Hättest du etwas dagegen, wenn ich mit Clemmie zum Krebsangeln gehe? Es ist ein wunderschöner Tag, und ich bringe sie rechtzeitig zum Tee zurück.«

»Das ist nett von dir, Posy, aber wir haben noch viel zu tun, bevor Clemmie ins Internat fährt, und …«

»Wenn du allein bist, schaffst du das bestimmt in der Hälfte der Zeit. Also, Clemmie, was meinst du?«

Mit einem Blick auf Posy wurde Clemmie klar, dass diese Dame ein Nein nicht akzeptieren würde. Sie zuckte mit den Schultern. »Na gut. Wenn Mum nichts dagegen hat.«

»Gar nicht«, sagte Evie resigniert. Sie wusste, dass sie ausmanövriert worden war.

»Sehr schön. Nimm eine warme Jacke mit für den Fall, dass es später kühl wird.«

Clemmie nickte und ging nach oben, um sich fertig zu machen.

»Evie, meine Liebe, entschuldige, dass ich mich einmische, aber ich dachte, ich könnte Clemmie wegen des Internats gut zureden und ihr erzählen, wie viel Spaß man dort hat.«

»Um ehrlich zu sein, bin ich mit meinem Latein am Ende. Sie weigert sich schlichtweg.«

»Ich werde mein Bestes tun, es ihr schmackhaft zu machen.«

»Danke, Posy.« Jetzt schließlich brachte Evie ein Lächeln zustande. »Das ist sehr nett von dir.«

»Es ist mir ein Vergnügen, Krebsangeln macht mir immer Spaß. Und jetzt, junge Dame«, sagte sie, als Clemmie wieder die Treppe herunterkam, »fahren wir los.«

»Tschüss, Mum.«

»Tschüss, mein Schatz. Viel Spaß.«

Evie winkte den beiden im davonfahrenden Wagen nach und schloss die Haustür. Zitternd in ihrem Bademantel blieb sie dort stehen, bis sie sich aufraffen konnte, die Treppe hinaufzugehen und sich anzuziehen. Sie fühlte sich unendlich erschöpft; sie war erst bei Sonnenaufgang eingeschlafen.

Während sie in ihre Jeans und den Pullover schlüpfte – neuerdings fror sie ständig –, überlegte Evie sich, dass es zwar sicher das Richtige für Clemmie gewesen war, nach Southwold zurückzukommen, aber wie konnte sie je so dumm gewesen sein zu glauben, sie könnte ihrer Vergangenheit hier entgehen? Könnte sie doch nur jemandem davon erzählen, die Last mit jemandem teilen … Vor zehn Jahren war Posy ihre Ersatzmutter gewesen, sie waren sich sehr nah gewesen, und Evie hatte sie verehrt. Es wäre so tröstlich, den Kopf an ihre Schulter zu legen und ihr das Herz auszuschütten.

Aber ironischerweise, dachte Evie, als sie sich wieder aufs Bett fallen ließ, weil ihr die Energie fehlte, nach unten zu gehen, war Posy die Letzte, der sie sich in dieser Situation anvertrauen konnte.

»Wow, ein richtiges Ruderboot aus Holz!«, rief Clemmie, als sie sich auf dem schmalen Holzsteg in die kurze Schlange der Wartenden reihten. Sie alle wollten den glitzernden Blyth-Fluß überqueren, der Southwold von Walberswick trennte.

»Aber du bist doch bestimmt schon einmal auf einem Boot gewesen, oder nicht?«, fragte Posy, als sie verfolgten, wie das Boot durch die Kraft des Ruderers über die Mündung auf sie zusteuerte.

»Nein. Wissen Sie, wir waren in Leicester nicht so nah am Wasser.«

»Das stimmt wohl«, meinte Posy. »Ich bin nie dort gewesen. Ist es schön?«

»Mir hat es gefallen«, antwortete Clemmie. »Ich wollte nicht weg, weil alle meine Freundinnen dort sind, aber Mummy sagte, wir müssten umziehen.«

»So, was meinst du, sollen wir an Bord gehen?«, fragte Posy, als das Boot anlegte und die Passagiere ausstiegen.

»Ja.«

Der Ruderer, der ein adrettes Leinenhemd trug und seinen Panama keck in die Stirn gezogen hatte, um nicht von der Sonne geblendet zu werden, reichte Clemmie die Hand und half ihr, ins Boot zu klettern. Posy warf die zwei Eimer mit Köder hinein und folgte ihr.

»Madam, nehmen Sie doch Platz.« Die volle, modulierte Stimme kam ihr bekannt vor, auf jeden Fall klang sie völlig anders als die von Bob, dem ehemaligen Fischer, der die Passagiere in den vergangenen zwanzig Jahren über den hundert Meter breiten Fluss übergesetzt hatte.

»Danke.« Posy setzte sich auf eine der schmalen Bänke, während die restlichen Fahrgäste zustiegen. »Clemmie, du kannst doch schwimmen, oder?«

»Ja, das habe ich in der Schule gelernt.«

»Gut, weil dieses Boot vom Gewicht der vielen Passagiere manchmal untergeht«, scherzte Posy, als der Ruderer ablegte und Kurs auf Walberswick nahm. »Ich habe gehört, dass du in ein paar Tagen ins Internat fährst.«

»Ja. Aber ich will nicht.«

»Ich war im Internat«, sagte Posy, schloss die Augen und hielt ihr Gesicht in die Sonne. »Ich fand es großartig. Ich habe dort ganz viele Freundinnen gefunden, wir haben im Schlafsaal ständig Mitternachtsfeste gefeiert, und außerdem habe ich eine richtig gute Ausbildung bekommen.«

Clemmie verzog den Mund. »Das glaube ich sofort, Posy, aber ich will einfach nicht hin.«

»So, und schon sind wir da«, sagte Posy munter, als der Ruderer aufstand und eine Leine am Anleger ergriff, um das Boot hinzuziehen. Dann sprang er hinaus und vertäute es am Liegeplatz. Da Posy und Clemmie ganz hinten saßen, verließen sie das Boot als Letzte. Der Ruderer schwang Clemmie mit seinen muskulösen gebräunten Armen mühelos an Land.

»Gut«, sagte er, drehte sich zu Posy um und nahm den Hut ab, um sich die Stirn abzuwischen. »Ganz schön heiß für die Jahreszeit.« Er lächelte, als sie über die schmalen Bänke zu ihm stieg, und reichte ihr die Hand, und zum ersten Mal blickte sie auf und sah ihm in die Augen.

Und dabei hatte sie das höchst seltsame Gefühl, als würde die Zeit stillstehen. Sie hätte ihn eine Sekunde oder ein Jahrhundert anstarren können, alles um sie her – das Kreischen der Möwen über ihr, das Geplauder der anderen Passagiere, die sich vom Anleger entfernten – drang wie aus weiter Ferne zu ihr. Es hatte nur einen anderen Moment in ihrem Leben gegeben, als sie ein ähnliches Gefühl empfunden hatte, und das war vor über fünfzig Jahren gewesen, als sie das erste Mal in ebendieses Augenpaar geblickt hatte.

Posy kam wieder zu sich und sah, dass er ihr die Hand reichte, um ihr zu helfen. Sie wusste nicht, ob sie nicht jeden Moment in Ohnmacht fallen oder sich über das ganze Ruderboot erbrechen würde. Auch wenn alle Instinkte ihr rieten, vor ihm und seiner ausgestreckten Hand zurückzuweichen, wusste sie, dass sie in der Falle saß, es sei denn, sie sprang ins Wasser und schwamm in die Sicherheit von Southwold zurück, was allerdings keine realistische Option darstellte.

»Ich komme schon zurecht, danke«, sagte sie, senkte den Kopf und versuchte, sich mit den Händen am Anleger festzuhalten, um sich hinaufzuziehen. Doch ihre Beine ließen sie im Stich, und als sie gefährlich zwischen Boot und Anleger schwankte, stützte er sie. Bei seiner Berührung durchfuhr es sie wie ein Stromschlag, und als er den anderen Arm um sie legte und sie praktisch auf den Holzpodest hob, begann ihr Herz zu rasen.

»Ist alles in Ordnung, Madam?«, fragte er, als sie keuchend über ihm stand.

»Ja, ja, alles bestens«, brachte sie hervor. Er musterte sie, und seine braunen Augen flackerten, als ihm eine erste Ahnung kam, wer sie war. Rasch drehte sie sich fort. »Jetzt komm, Clemmie«, sagte sie und zwang ihre Gummibeine, sich in Bewegung zu setzen.

»Ich … mein Gott! Posy, bist das du?«, hörte sie ihn rufen. Sie drehte sich nicht um.

»Ist alles in Ordnung, Posy?«, fragte Clemmie, als Posy sie hastig den Quai entlangführte.

»Ja, natürlich. Es ist heute nur ziemlich heiß. Setzen wir uns doch erst einmal auf die Bank und trinken einen Schluck Wasser.«

Von ihrer erhöhten Warte am Quai aus sah Posy, wie er den nächsten Passagieren auf sein Boot half. Erst als es ablegte und sie ihn nach Southwold zurückrudern sah, verlangsamte sich ihr Herzschlag allmählich wieder.

Vielleicht können wir mit dem Taxi zurückfahren, überlegte sie sich. Was hat er denn hier verloren …?

Dann fiel ihr ein, dass das eines der Dinge gewesen war, deretwegen sie sich ursprünglich zueinander hingezogen fühlten, damals, bei ihrer ersten Begegnung …

»Und woher kommst du, Posy?«

»Ursprünglich aus Suffolk, aber ich bin in Cornwall aufgewachsen.«

»Suffolk?«, hatte er gesagt. »Da haben wir ja eine Gemeinsamkeit …«

»Geht es Ihnen jetzt besser, Posy?«, fragte Clemmie etwas beklommen.

»Viel besser, danke. Das Wasser hat meine Lebensgeister wiederbelebt. So, und jetzt suchen wir uns ein gutes Plätzchen und angeln Heerscharen von Krebsen!«

Sie ging mit Clemmie fast bis ans Ende der Mole, und dort ließen sie sich am Rand nieder. Dann zeigte sie ihr, wie man den Speck an den Haken am Ende der Leine befestigte und sie ins Wasser warf.

»Jetzt halt die Leine nach unten, aber wackle nicht zu sehr damit, schließlich muss der Krebs ja anbeißen. Bleib möglichst nah an der Mauer, da sind mehr Steine, unter denen sich Krebse verstecken können.«

Nach einigen falschen Alarmen zog Clemmie triumphierend einen kleinen, aber recht lebhaften Krebs aus dem Wasser.

»Gut gemacht! Und nachdem du jetzt den ersten geangelt hast, fängst du ganz viele mehr, das garantiere ich dir.«

Und so kam es auch, Clemmie fing sechs weitere Krebse, ehe Posy erklärte, sie habe Hunger und Durst.

»Also«, sagte sie, und ihr Herz machte einen Satz, als sie sah, dass sich das Ruderboot wieder dem Anleger näherte. »Genau der richtige Augenblick für einen kleinen Lunch im Pub«, fuhr sie fort, und damit kippten sie die Krebse ins Meer zurück.

Nachdem sie im Garten des Anchor einen Tisch gefunden hatten, bestellte Posy für sich ein dringend benötigtes Glas Weißwein und für Clemmie einen Apfelsaft, dazu zwei Garnelen-Baguettes. Während sie an der Theke stand, erinnerte sie sich, dass ihr bereits beim Betreten des Boots aufgefallen war, wie adrett er aussah. Und dann, als er seinen Hut abgesetzt hatte und sie seine »Dichterlocken«, wie sie sie immer genannt hatte, bemerkte, die immer noch ganz dicht, aber jetzt auch ganz weiß und aus der Stirn gekämmt waren und ihm knapp bis über die Ohren wuchsen …

Hör auf, Posy!, sagte sie sich. Vergiss nicht, was er dir angetan hat und wie er dir das Herz gebrochen hat.

Doch zumindest im Moment, dachte sie, als sie die Getränke nach draußen trug, wo Clemmie auf sie wartete, hörte ihr Verstand wegen ihrer extremen körperlichen Reaktion auf seine Berührung leider nicht zu.

Benimm dich, Posy! Du bist fast siebzig! Abgesehen davon ist er wahrscheinlich verheiratet und hat eine ganze Schar Kinder und Enkelkinder und …

»Danke, Posy«, sagte Clemmie, als sie die Gläser auf den Tisch stellte.

»Die Baguettes kommen gleich, aber ich habe dir schon einmal eine Packung Chips mitgebracht, gegen den schlimmsten Hunger. Prost!« Posy stieß mit ihrem Glas gegen Clemmies.

»Prost«, wiederholte Clemmie.

»Herzchen, du hast also keine große Lust, auf diese neue Schule zu gehen?«

»Nein.« Clemmie schüttelte trotzig den Kopf. »Wenn Mummy mich zwingt, laufe ich weg und komme nach Hause. Dafür habe ich schon Taschengeld gespart, und mit dem Zug fahren kann ich auch.«

»Das glaube ich dir, und ich kann auch gut nachvollziehen, wie es dir geht. Als sie mir damals gesagt haben, dass ich aufs Internat gehen soll, habe ich panische Angst bekommen.«

»Ich verstehe einfach nicht, warum ich das überhaupt soll«, beschwerte Clemmie sich.

»Weil deine Mutter dir einen möglichst guten Start ins Leben geben möchte. Und manchmal müssen Erwachsene für ihre Kinder Entscheidungen treffen, die den Kindern nicht gefallen oder die sie nicht verstehen. Glaubst du denn, dass deine Mutter dich wirklich gern wegschickt?«

Clemmie saugte durch ihren Strohhalm langsam an ihrem Apfelsaft, während sie über Posys Frage nachdachte. »Vielleicht. Seitdem wir in Southwold sind, bin ich schwierig gewesen.«

Posy lachte. »Liebe Clemmie, dein Benehmen hat absolut nichts damit zu tun, dass sie dich aufs Internat schicken möchte. Als meine Jungs aufs Internat kamen, habe ich tagelang wie ein Schlosshund geheult, weil sie mir so schrecklich gefehlt haben.«

»Wirklich?« Clemmie sah überrascht drein.

»Aber ja.« Posy nickte. »Und ich weiß, dass es deiner Mutter genauso gehen wird, aber wie sie habe ich es getan, weil ich wusste, dass es das Beste für sie ist, obwohl sie es mir damals nicht geglaubt haben.«

»Aber Posy, Sie verstehen das nicht«, widersprach Clemmie heftig, »Mummy braucht mich. Außerdem …« Ihre Stimme erstarb.

»Ja?«

»Ich habe Angst!« Clemmie biss sich auf die Lippe. »Was, wenn ich es da nicht ausstehen kann? Was, wenn die anderen Mädchen alle scheußlich sind?«

»Dann kannst du das Internat verlassen«, antwortete Posy leichthin. »Es ist ziemlich dumm, etwas nicht zu tun, nur weil man denkt, es könnte einem nicht gefallen. Abgesehen davon ist die Schule nicht weit weg. Du wirst an den Wochenenden nach Hause kommen und in allen Ferien. Dann hast du das Beste beider Welten.«

»Und was, wenn Mummy mich vergisst, solange ich weg bin?«

»Ach, mein Herz, deine Mutter liebt dich über alles. Das steht ihr ins Gesicht geschrieben. Sie macht das für dich, nicht für sich.«

Clemmie seufzte. »Hmm, wenn Sie das so sagen … und wahrscheinlich könnte es im Schlafsaal ganz schön sein.«

»Wie wär’s, wenn du es ein Trimester lang versuchst? Fang schrittweise an, und dann schau, wie’s dir damit geht. Wenn es dir wirklich nicht gefällt, erlaubt deine Mutter dir ganz bestimmt, das Internat wieder zu verlassen.«

»Kann sie mir das versprechen, Posy?«

»Das fragen wir sie, wenn ich dich zurückbringe, ja? So, und jetzt …« Posy blickte auf, als die Kellnerin zwei mit Garnelen, knackigem Salat und einer dicken pikanten Sauce gefüllte Baguettes auf den Tisch stellte. »Dann lassen wir sie uns mal schmecken, ja?«

Nach einer weiteren halben Stunde, in der sie Clemmie mit lustigen Geschichten aus Internatstagen unterhielt – die zum Teil echt, großteils aber erfunden waren –, kehrte Posy widerstrebend mit einer beruhigten Clemmie zum Boot zurück. Zum Glück war es vollbesetzt, und der Ruderer hatte keine Zeit, mit ihr zu reden, als er den Passagieren an Bord half. In Southwold angekommen, wappnete Posy sich beim Warten, an Land zu gehen. Als er ihren Arm nahm und ihr auf die Mole half, beugte er sich zu ihr.

»Das bist doch du, Posy, oder nicht?«, flüsterte er.

»Ja.« Sie nickte leicht. Es wäre ihr kindisch vorgekommen, nichts zu sagen.

»Wohnst du hier in der Gegend? Ich würde dich wirklich …«

Da hatte sie schon festes Land unter den Füßen und ging davon, ohne einen Blick zurückzuwerfen.