Kapitel 7
»Tausend Dank, dass du die Kinder abgeholt hast«, sagte Amy, als Marie Simmonds ihr die Haustür öffnete. »Als meine Tagesmutter anrief, dass sie diese schreckliche Erkältung hat, war ich wirklich aufgeschmissen.«
»Kein Problem. Hast du Zeit für eine Tasse Tee?«, fragte Marie. »Die Kinder haben schon gegessen, jetzt sitzen sie im Wohnzimmer vorm Fernseher.«
Amy warf einen Blick auf die Uhr. »Schön, aber nur, wenn es dir wirklich keine Mühe macht.«
»Natürlich nicht. Komm rein.«
Amy folgte ihr den engen Flur entlang in die kleine, makellose Küche. Obwohl das Haus in einer Neubausiedlung stand, umgeben von fünfzig anderen, die ganz genauso aussahen und Amy deswegen gar nicht gefielen, wurde sie doch neidisch angesichts der Wärme und der Ordnung, die im Vergleich zu ihrem eigenen Zuhause hier herrschten.
»Wirklich, Amy, ich hole die Kinder gern ab und passe eine Stunde auf sie auf, wenn dir die Zeit knapp wird. Ich arbeite nur bis um drei, also kann ich sie um halb vier problemlos abholen. Und Josh und Jake verstehen sich wirklich gut«, sagte Marie.
»Danke, das ist nett von dir«, erwiderte Amy. »Aber jetzt, wo ich das Auto von der Werkstatt abgeholt habe, sollte alles wieder etwas einfacher werden.«
»Milch und Zucker?«
»Beides, bitte«, antwortete Amy.
»Noch so eine Bohnenstange, genau wie Evie«, seufzte Marie und machte sich einen schwarzen Kaffee.
»Ist Evies Tochter jetzt eigentlich im Internat?«, fragte Amy.
»Ja. Mittlerweile ist sie seit ein paar Wochen da, und nach dem ganzen Theater gefällt es ihr richtig gut. Offenbar hat deine Schwiegermutter Posy etwas damit zu tun, dass sie ihre Meinung geändert hat. Sie ist wirklich eine … interessante Frau.«
»Das stimmt«, pflichtete Amy ihr bei. »Posy ist unglaublich stark. Jedes Mal, wenn ich ein bisschen bedrückt bin, denke ich an sie und sage mir, dass ich mich zusammenreißen soll. Wie geht es Evie damit, dass ihre Tochter nicht mehr da ist?«
»Clemmie fehlt ihr natürlich sehr. Sie muss wirklich einsam sein, ganz allein in dem großen Haus.«
»Posy hat sich immer so gut mit ihr verstanden«, warf Amy ein.
»Ja«, sagte Marie. »Damals, als sie beide bei Nick im Geschäft gearbeitet haben, haben sie viel zusammengesteckt.«
»Komisch, dass sich Evie neulich beim Literaturfestival in Posys Anwesenheit so unwohl gefühlt hat. Posy würde gerne wissen, womit sie sie verschreckt haben könnte.«
»Das weiß ich nicht.« Marie zuckte mit den Achseln. »Evie erzählt wenig von sich, so war sie immer schon. Aber glaubst du wirklich, dass Posy Admiral House verkaufen wird?«
»Ich kann’s gar nicht fassen, dass sie sich das überlegt. Es ist seit mindestens zweihundert Jahren im Besitz ihrer Familie, aber ich glaube, sie hat einfach nicht das Geld, um es richtig in Schuss zu halten.«
»Vielleicht vermacht sie es ihren Söhnen, dann würde es zum Teil dir gehören«, meinte Marie. »Und ich könnte mir vorstellen, dass es für dich, Sam und die Kinder etwas bequemer wäre als euer momentanes Zuhause.«
»Posy hat uns schon oft angeboten, bei ihr zu wohnen, aber das lehnt Sam immer ab.« Aus Stolz fügte sie hinzu: »Aber ich hoffe, das wird sich bald ändern. Sam hat ein großes Immobilienprojekt am Laufen.«
»Ja, davon habe ich gehört.« Marie nickte.
»Wirklich?« Amy sah sie überrascht an. »Wie das?«
»Das ist kein Geheimnis. Ich bin Immobilienmaklerin, Sam war ein paarmal bei uns im Büro auf der Suche nach möglichen Ankäufen. Wenn ich mir überlege, auf welche Art Anwesen er aus ist, muss er eine Stange Geld haben. Sein Finanzier muss wirklich ziemlich zahlungskräftig sein.«
Maries Wissbegier irritierte Amy zusehends. »Da habe ich leider keine Ahnung. Mit Sams Geschäften habe ich nichts zu tun.« Sie leerte ihre Tasse und sah auf die Uhr. »Jetzt müssen wir aber wirklich los.«
»Natürlich.« Marie warf Amy beim Aufstehen einen Seitenblick zu. »Ach, neulich habe ich deinen Freund gesehen.«
»Welchen Freund denn?«
»Sebastian Girault. Er hat sich bei uns nach einer Ferienwohnung für den Winter erkundigt. Offenbar schreibt er an einem Buch und möchte sich irgendwo in Southwold einmieten, um ein paar Monate in Ruhe zu arbeiten.«
»Marie, ich würde ihn wirklich nicht als Freund bezeichnen, ganz im Gegenteil.«
»Du weißt genau, was ich meine.« Marie zwinkerte verschwörerisch. »Bei seiner Lesung neulich hat er sein Interesse an dir ziemlich deutlich gemacht. Und er ist doch wirklich attraktiv.«
»Ach wirklich?« Amy eilte ins Wohnzimmer. »Kinder, jetzt fahren wir nach Hause.«
Auf dem fünf Kilometer langen Heimweg dachte Amy über das Gespräch mit Marie nach. Es bereitete ihr Unbehagen. Seitdem sie Marie vor einigen Wochen durch Posy und Evie kennengelernt hatte, sprach sie sie auf dem Spielplatz immer an und war die Freundlichkeit in Person. An diesem Vormittag war sie ihr auch wirklich zur Rettung gekommen mit ihrem Angebot, Jake und Sara nach der Schule zu sich zu nehmen, bis Amy sie abholen konnte, aber irgendetwas an ihrer Vertraulichkeit – als würden sie sich seit Jahren kennen – verstörte Amy. Marie war eindeutig eine Klatschbase, die ihre Nase in alles steckte, und obwohl sie es sicher nicht böse meinte, war Amy, für die Diskretion eine große Tugend darstellte, unwohl dabei.
»Wahrscheinlich behauptet mittlerweile halb Southwold, dass ich eine Affäre mit Sebastian Girault habe«, brummelte sie, als sie vor das Haus fuhr.
Sam war, wie üblich, noch nicht da, also badete sie die Kinder, las ihnen eine Geschichte vor und brachte sie zu Bett. Dann legte sie eine Zwanzig-Pfund-Note aus ihrem Geldbeutel als Notgroschen in eine Dose ganz unten in ihrem Kleiderschrank, wo Sam sie nicht finden würde. Schließlich machte sie es sich mit Sebastian Giraults Buch vor dem Holzofen bequem und wartete auf Sam. Sie hoffte nur, dass er nicht zu betrunken sein würde.
Beim Lesen tauchte Amy, trotz ihrer Gefühle für den Verfasser, immer mehr in die Geschichte ein. Ein Mensch, der mit solchem Einfühlungsvermögen und so viel Verständnis für menschliche Regungen schrieb, konnte doch nicht ganz schlecht sein, oder?
Amy blickte in die Flammen. Was Marie vorhin gesagt hatte, war doch lächerlich. Warum in aller Welt sollte sich ein so berühmter Mann wie Sebastian Girault für eine gewöhnliche Rezeptionistin und zweifache Mutter interessieren?
Sobald sie Schritte hörte, die sich der Haustür näherten, klappte sie das Buch zu. Wie immer, wenn Sam aus dem Pub nach Hause kam, beschleunigte sich ihr Herzschlag. Die Tür ging auf, und Sam trat ins Wohnzimmer.
»Hi, Süße.« Er beugte sich über sie und gab ihr einen Kuss, und sie nahm den üblichen Biergeruch wahr. »Wie ich sehe, ist dein Wagen wieder da. Gott sei Dank.«
»Das kannst du laut sagen«, antwortete Amy vorsichtig. »Leider hat es über dreihundert Pfund gekostet.«
»Guter Gott! Wovon hast du das bezahlt?«
»Zum Glück ist gerade mein Lohn überwiesen worden, also habe ich mit der Karte bezahlt, und das Konto ist auch nicht mehr so weit überzogen, aber den Rest des Monats müssen wir von Suppe und Kartoffeln leben.«
Beklommen wartete Amy auf seine Reaktion, aber Sam ließ sich nur seufzend auf das Sofa fallen. »Ach, mein Schatz, das tut mir leid, aber mit etwas Glück haben wir das alles bald hinter uns.«
»Schön«, sagte Amy, erleichtert über Sams positive Stimmung. »Hast du Hunger?«
»Ich habe auf dem Heimweg eine Pastete und Pommes gegessen.«
»Ah so. Sam, es tut mir leid, aber in den nächsten Wochen musst du auf solche Sachen wirklich verzichten, sonst kommen wir mit dem Geld nicht über die Runden.«
»Willst du damit sagen, dass ein Mann sich am Ende eines harten Arbeitstages nicht einmal ein paar Pommes leisten kann?«
»Was ich sage, ist, dass unser Konto gewaltig überzogen ist und die Kinder erst einmal Vorrang haben. Sara braucht dringend neue Schuhe und Jake einen Anorak, und …«
»Hör auf, mir ein schlechtes Gewissen zu machen!«
»Das will ich nicht, wirklich nicht. Ich sage dir nur, wie unsere momentane Lage ist. Diesen Monat ist für nichts Geld da, so einfach ist das.«
»Weißt du was?« Sam schüttelte den Kopf, sein Blick wurde finster. »Du wirst langsam zu der Art Frau, zu der kein Mann nach Hause kommen will.« Er stand auf und näherte sich ihr.
»Das tut mir leid, wirklich. Ich … ich gehe kurz mal raus, frische Luft schnappen.« Sie erhob sich, griff nach ihrem Mantel und verschwand zur Tür hinaus, ehe er sie zurückhalten konnte.
»Nur zu«, rief er ihr spöttisch nach. »Wie immer kneifst du vor jeder Auseinandersetzung, anstatt sie mal zu führen. Die arme Erniedrigte und Beleidigte, die arme perfekte Mutter und Ehefrau, die arme geplagte …«
Mehr hörte Amy nicht. Sie schritt schnell aus, Richtung Stadt. Tränen brannten ihr in den Augen. Aus Erfahrung wusste sie, dass das die beste Lösung war, wenn er getrunken hatte. Mit etwas Glück würde er, wenn sie lange genug fortblieb, auf dem Sofa einschlafen. Außerdem würde ihr die frische Luft helfen, einen klaren Kopf zu bekommen. Es war ein schöner Abend, flott ging sie am Meer entlang, bis sie eine Bank erreichte. Sie setzte sich, sah in die Schwärze vor sich und hörte, wie sich die Wellen am Strand brachen.
Angesichts der endlosen Weite des Meeres kam sie sich immer unbedeutend vor, und dieses Gefühl rückte ihre Schwierigkeiten in die richtige Perspektive. Sie versuchte, im Rhythmus der anbrandenden Wellen zu atmen und sich zu beruhigen. Jenseits des Meeres gab es Millionen von Menschen, deren Leben durch Krieg, Armut und Hunger zerstört wurde. Jeden Tag starben Kinder an schrecklichen Krankheiten, wurden obdachlos, verloren ihre Familie, wurden zu Krüppeln …
Amy hielt sich vor Augen, wie viel Glück sie hatte. Selbst wenn ihr Leben, selbst wenn Sam, schwierig war – sie hatte zwei gesunde Kinder, ein Dach über dem Kopf und Essen auf dem Tisch.
»Vergiss nicht, du bist nur eine von Milliarden Ameisen, die über die Erde krabbeln und ums Überleben kämpfen«, sagte sie halblaut.
»Sehr poetisch. Und absolut korrekt.«
Bei der Stimme, die hinter ihr erklang, sprang sie auf und fuhr herum. Instinktiv legte sie die Arme vor die Brust. Ihr gegenüber stand ein großer Mann in einem langen Mantel, einen Filzhut zum Schutz vor dem Wind tief ins Gesicht gezogen. Amy wusste genau, wer es war.
»Es tut mir leid, dass ich Sie erschreckt habe. Ich glaube, wir sind uns bereits begegnet.«
»Ja. Was machen Sie hier?«
»Dasselbe könnte ich Sie fragen. Ich für meinen Teil mache gerade noch einen kleinen Abendspaziergang, bevor ich mich für die nächsten acht Stunden in mein Hotelzimmer einschließe.«
»Ich habe gesehen, dass Sie nicht mehr bei uns im Hotel sind.«
»Nein. Mir ist eins lieber, wo die Warmwasserversorgung zuverlässiger ist, damit die Rezeptionistin nicht mehr in Tränen ausbrechen muss.«
»Ach.« Amy setzte sich wieder auf die Bank.
»Ich vermute, Sie sind hier, weil Sie Ihre Ruhe haben möchten?«
»Ja«, gab sie zurück.
»Aber bevor ich meiner Wege gehe, muss ich mich vergewissern, dass meine barschen Worte vor ein paar Wochen nichts mit Ihrem gegenwärtigen Zustand zu tun haben.«
»Natürlich nicht. Können wir das Ganze nicht einfach vergessen?«
»Doch. Nur eine Frage noch: Haben Sie Zeit gefunden, mein Buch zu lesen?«
»Den Anfang.«
»Und?«
»Es gefällt mir gut«, antwortete Amy aufrichtig.
»Das freut mich.«
»Sie sind der Autor. Natürlich freuen Sie sich, wenn Ihr Buch einer Leserin gefällt.«
»Sicher, aber mich freut, dass das Buch gerade Ihnen gefällt, mehr wollte ich nicht sagen. Jetzt gehe ich aber und überlasse Sie Ihrem Meer.«
»Danke.« Unvermittelt bekam Amy ein schlechtes Gewissen wegen ihrer Unfreundlichkeit. Sie drehte sich um. »Entschuldigen Sie, wenn ich etwas abweisend bin. Mir geht es im Moment nicht so gut, das ist alles.«
»Dafür brauchen Sie sich nicht zu entschuldigen. Glauben Sie mir, ich kenne das sehr gut. Aus bitterer Erfahrung kann ich nur sagen, dass das Leben fast immer besser wird, solange man versucht, positiv zu bleiben.«
»Ich versuche seit Jahren, positiv zu sein, aber irgendwie nützt es nichts.«
»Vielleicht müssten Sie dann etwas tiefer graben, den wirklichen Grund für Ihr Unglück herausfinden und etwas dagegen unternehmen.«
»Sie klingen wie ein Ratgeber.«
»Stimmt. Die habe ich selber gelesen, von vorne bis hinten.«
»Es tut mir leid, wenn ich das so sage, aber ich persönlich finde, sie sind allesamt für Jammerlappen geschrieben. Haben Sie mal zwei Kinder, einen Job und kein Geld. Da muss man einfach funktionieren.«
»Sie gehören also zur Brigade derjenigen, die sich zusammenreißen?«
»Genau.« Amy nickte mit Nachdruck.
»Und das ist der Grund, weshalb Sie in stockfinsterer Nacht allein auf einer Bank sitzen und Trübsal blasen.«
»Ich blase keine Trübsal. Ich wollte nur … etwas frische Luft schnappen.«
»Natürlich. Wie auch immer, ich habe mich Ihnen schon viel zu lang aufgedrängt. Man sieht sich.«
»Ja, man sieht sich.«
Aus dem Augenwinkel sah sie Sebastian Girault die Straße hinunter verschwinden. Objektiv betrachtet konnte sie verstehen, weshalb Frauen wie Marie ihn attraktiv fanden. Er war ein imposanter Mann.
Auf dem Heimweg war sie wirklich ruhiger. Das war ihr Los, ihr Leben, und sie musste einfach das Beste daraus machen. Trotzdem gingen ihr Sebastians Worte nicht aus dem Kopf, dass sie den Grund für ihr Unglück herausfinden und etwas dagegen unternehmen sollte.
Vor dem Haus blieb sie ein paar Minuten stehen. Ihr graute davor hineinzugehen. Widerstrebend und schweren Herzens gestand Amy sich ein, was der Grund sein könnte.