Kapitel 17

Nick warf sein Handy auf den Beifahrersitz und starrte in die Ferne. Er wusste nicht, was er denken oder fühlen sollte.

Jetzt stand es also fest. Die Frage war, wie sollte er damit umgehen? Sollte er Tammy die Wahrheit sagen, alles auf den Tisch legen und versuchen, ihr eine unfassbare Situation zu erklären? Oder wäre es besser, die nächsten Wochen abzuwarten, das Nötige zu tun, sich dabei bedeckt zu halten und mit ihr zu reden, wenn er klarer sah?

Wer wusste denn, wie sich alles entwickeln würde? Vielleicht wäre es besser, wenn er die Last eine Weile allein schulterte. Sicher, er würde sehr vorsichtig vorgehen müssen, und durch das Ganze würde sein ohnehin stressiges Leben noch stressiger werden. Aber was sollte er sonst tun? Angesichts der Umstände konnte er sich kaum aus dem Staub machen, obwohl er, wenn er ehrlich war, in diesem Moment genau das am liebsten getan hätte.

Nick sinnierte darüber, wie wunderbar glatt und glücklich das Leben verlaufen konnte, bis sich binnen weniger Wochen alles ins Gegenteil verkehrte. Wenn er seinem Selbstmitleid nachgeben wollte, würde er sagen, dass das Schicksal ihm schlechte Karten zugeteilt hatte, aber er wusste, dass es Menschen gab, mit denen das Leben es im Moment noch sehr viel schlechter meinte als mit ihm.

Nick seufzte tief, dann riss er sich zusammen und stieg aus dem Wagen. Als er die Tür zu Pauls und Janes Haus aufschloss, sagte er sich, dass er es schon schaffen würde. Schließlich blieb ihm nichts anderes übrig.

Es läutete an der Tür, und Evie rief Clemmie, sie möge aufmachen.

»Hi, Clemmie, wie geht’s?«

»Mir geht’s gut, Marie, danke. Mum ist oben.«

»Ah ja. Ich wollte dich fragen, ob du Lust hast, zum Lunch zu uns zu kommen und dann mit Lucy zu spielen«, sagte Marie, als sie Clemmie die Treppe hinauf nach oben folgte.

»Gerne. In den Ferien wird mir langweilig, vor allem, weil ich hier niemanden kenne.«

»In der Schule geht’s gut?«

»Ja. Es ist toll«, antwortete sie und schob die Tür zum Zimmer ihrer Mutter auf. Evie lag, auf Kissen gestützt, im Bett.

»Hi, Marie. Wie geht’s?«

»Bestens, danke. Ich habe Clemmie gerade gefragt, ob sie zu uns zum Lunch kommen möchte. Sie hat Ja gesagt.«

»Das wäre schön.« Evie nickte.

»Alles in Ordnung?«

»Ich habe diese Erkältung, die hier die Runde macht, aber sonst geht’s gut, danke.«

»Marie, möchtest du eine Tasse Tee? Ich wollte Mum gerade eine machen.«

»Sehr gerne, Clemmie.«

Als Clemmie den Raum verlassen hatte, stieß Marie einen leisen Pfiff aus. »Wow, Evie, deine Tochter ist wirklich klasse. Da kann ich lange drauf warten, dass Lucy mir irgendetwas macht.«

»Ja, sie ist wirklich klasse, aber das muss sie aus verschiedenen Gründen auch sein.«

»Auf jeden Fall sagt sie, dass es ihr im Internat gefällt.«

»Ja, das stimmt. Ich freue mich sehr, dass sie glücklich dort ist.«

»Und?« Marie setzte sich auf die Bettkante. »Hast du das Neueste von Posy Montague gehört?«

»Nein, auf Klatsch gebe ich nichts.«

»Sie verkauft Admiral House.«

»Wirklich?«

»Ja. An ihren Sohn Sam.«

»Ah ja. Und was will er damit machen?«

»Es in Luxuswohnungen aufteilen. Ich vermittle das Ganze«, erklärte Marie. »Aber seine Frau tut mir wirklich leid. Sie haben ganz offensichtlich kein Geld, aber …«

»Wie kann Sam in dem Fall Admiral House kaufen?«

»Er hat mir erzählt, dass er einen stillen Teilhaber hat, einen Typen namens Ken Noakes. Hört sich so an, als hätte der richtig viel Geld.«

»Posy ist sicher sehr traurig, wenn sie ihr geliebtes Haus verkaufen muss«, meinte Evie.

»Das stimmt. Ich hoffe, ich finde in den nächsten Wochen ein hübsches neues Zuhause für sie. Von einigen Objekten habe ich ihr schon die Details geschickt. Weißt du, ich glaube, sie hat dich wirklich sehr gern, Evie. Warum besuchst du sie nicht mal?«

»Vielleicht wenn es mir wieder besser geht.«

»Und ich sage dir, wen ich am Freitag durch Southwold fahren gesehen habe, in einem alten Austin Healey …«

»Wen?«

»Nick Montague, Sams kleinen Bruder.«

»Ich weiß, wer er ist, Marie, ich habe früher für ihn gearbeitet. Das hatte ich dir doch erzählt«, erwiderte Evie abweisend.

»Ja, natürlich, entschuldige. Wie auch immer, er muss richtig zu Geld gekommen sein, wenn er sich ein solches Auto leisten kann.«

Clemmie brachte ihnen ihren Tee, und Evie kam zu dem Schluss, dass ein Treffen mit Marie wie ein Besuch bei McDonald’s war: Man freute sich darauf, aber nach einer halben Stunde war einem übel.

»Danke, Clemmie«, sagte Marie. »Gib mir zehn Minuten, dann fahren wir.«

»Okay.« Clemmie ließ die beiden Frauen allein.

»Fehlt dir nie ein Mann im Haus?«

»Nein«, antwortete Evie. »Ich bin mir selbst Gesellschaft genug.«

»Du warst immer schon ganz anders als ich. Ich brauche Leute um mich und will den ganzen Tag reden«, räumte Marie ein. »Wenn ich allein leben müsste, würde ich durchdrehen.«

»Manchmal komme ich mir auch einsam vor, aber nur selten.«

Marie musterte Evie eine Weile, dann sagte sie: »Ist wirklich alles in Ordnung? Du siehst schrecklich blass aus und noch dünner als sonst.«

»Ach ja? Das stimmt aber nicht«, antwortete Evie ausweichend.

»Und du kommst mir … angespannt vor.«

»Mir fehlt nichts, wirklich nicht.«

Marie seufzte. »Also gut, ich verstehe. Was immer es ist, du willst nicht darüber reden. Ich mache mir einfach Sorgen um dich, mehr nicht. Ich kenne dich fast mein ganzes Leben, und ich weiß, dass etwas mit dir nicht stimmt.«

»Jetzt hör verdammt noch mal auf, mich wie eins deiner Kinder zu behandeln, Marie! Ich bin eine erwachsene Frau und kann sehr gut für mich selbst sorgen!«

»Entschuldige.« Sie stand auf. »Ich bringe Clemmie gegen fünf zurück.«

»Danke. Ich wollte dich nicht so anfahren, und … ja, du hast schon recht.« Sie seufzte. »Ich habe … ein Problem, das mir schlaflose Nächte bereitet, aber sobald das geklärt ist, geht es mir wieder besser.«

»Also, wenn du darüber reden möchtest, bei mir findest du immer ein offenes Ohr.«

»Danke. Es tut mir leid, dass ich dich angeschrien habe.«

»Mach dir keine Gedanken darüber. Jeder von uns hat mal einen schlechten Tag. Jetzt ruh dich aus, und wir sehen uns später.«

Kurz nachdem Marie und Clemmie gegangen waren, läutete das Telefon. Evie hievte sich hoch, um den Anruf entgegenzunehmen.

»Ja, bitte?«

»Ich bin’s. Ich wollte mich nur kurz melden. Wie geht es dir?«, fragte er.

»Okay.«

»Du klingst nicht so.«

»Alles in Ordnung«, wiederholte sie.

»Hast du einen schlechten Tag?«

»Ja, ein bisschen.«

»Evie, das tut mir so leid. Ich wünschte, ich könnte mehr für dich da sein. Bleibt es beim Wochenende?«

»Ja.«

»Mein Gott, ich habe richtig Bammel.«

»Du wirst das gut machen, bestimmt«, beruhigte sie ihn.

»Ich werde mein Bestes tun.«

»Das weiß ich. Mach dir bitte keine Sorgen.«

»Ich werd’s versuchen. Wenn du etwas brauchst, ruf mich einfach auf dem Handy an. Sonst sehe ich euch beide morgen Mittag.«

»Ja, bis morgen.« Evie legte auf, sank wieder ins Kissen und stieß ein tiefes Seufzen aus. Sie hatte keine Ahnung, wie sie ihrer Tochter das alles beibringen sollte – der Gedanke, ihr wehzutun, schmerzte sie so, als würde sie sich selbst ins Herz stechen. Aber sie hatte keine Wahl.

Sie schloss die Augen. Ihr schauderte angesichts des Durcheinanders, das sie aus ihrem Leben gemacht hatte, und der Folgen, die das für Clemmie haben würde.

Einige Dinge lagen nicht in ihrer Hand, aber jetzt musste sie alles daransetzen, um die Zukunft ihrer Tochter so gut wie möglich zu planen.

»Guten Morgen, Amy. Was für eine nette Überraschung!« Posy blickte auf von ihrem Schreibtisch in der Galerie. »Wie geht’s dir?«

»Ach, viel besser, danke.« Amy legte einen Strauß Lilien vor sie auf den Schreibtisch. »Die bringe ich dir zum Dank, weil du neulich so nett zu mir warst und dich um die Kinder gekümmert hast.«

»Dafür ist Familie doch da, Amy«, sagte Posy und schnupperte an den Blüten. »Wann bist du schließlich aufgewacht?«

»Am nächsten Morgen«, gestand Amy. »Ich habe die ganze Nacht durchgeschlafen, aber es hat mir wirklich sehr gutgetan. Ich bin wieder viel zuversichtlicher. Außerdem wollte ich mich für den Scheck bedanken. Sam hat mir davon erzählt. Das ist wirklich sehr nett von dir. Er hat ihn eingezahlt und einige Rechnungen beglichen.«

»Na ja, da ich in einigen Monaten nominell Millionärin sein werde, war das das Mindeste, was ich tun konnte.«

»Wie du dir vorstellen kannst, ist Sam überglücklich wegen Admiral House. Um ehrlich zu sein«, berichtete Amy, »ist er ein anderer Mensch. Ich kann dir gar nicht genug danken, dass du ihm die Gelegenheit gibst, Posy.«

»Ach, da du gerade hier bist – ich habe etwas für dich.« Posy bückte sich nach ihrer Handtasche und zog einen Umschlag heraus. »Hier, bitte.«

»Was ist das denn?«

»Eine Einladung zur Eröffnung von Tammys Boutique. Sie hat mir eine Karte geschrieben, um sich für den Lunch zu bedanken, und hat die Einladung für dich beigelegt. Sie schrieb, du und Sam könntet an dem Abend gerne bei ihr in London übernachten.«

»Das ist wirklich lieb von ihr, aber das geht nicht«, sagte Amy, während sie das Kuvert öffnete und die elegant gestaltete Einladung betrachtete.

»Natürlich geht es. Ich nehme die Kinder, dann könnt ihr, du und Sam, gemeinsam hinfahren und euch einen schönen Abend in London machen.«

»Das ist sehr nett von dir, Posy, aber ich muss arbeiten.«

»Du könntest doch bestimmt mit einer deiner Kolleginnen tauschen, Amy. Es würde dir wirklich guttun, mal aus Southwold rauszukommen.«

»Vielleicht, ja, aber für eine schicke Party in London habe ich nichts anzuziehen.«

»Jetzt hör auf mit den Ausflüchten, junge Dame«, tadelte Posy sie mit erhobenem Zeigefinger. »Lass das meine Sorgen sein. Ich finde etwas, in Ordnung?«

»Du klingst wie meine gute Fee, Posy.«

»Liebes Kind, ich finde, du hast ab und zu etwas Spaß verdient. Apropos Spaß, rate mal, wohin ich kommendes Wochenende fahre?«

»Wohin denn?«

»Nach Amsterdam!«

»Himmel! Mit wem?«

»Einem Herrn aus meiner Bekanntschaft. Entschuldige, Amy, aber ich musste das jetzt einfach jemandem erzählen. Obwohl es mir natürlich lieber wäre, wenn du Sam nichts davon sagst. Er würde es vielleicht nicht gutheißen.«

»Also, ich finde das großartig. Seid ihr beide …?«

»Du meine Güte, nicht doch! Aber ich bin gern in seiner Gesellschaft. In meinem Alter muss man jede Gelegenheit beim Schopf packen und sich nicht zu viele Gedanken über die Zukunft machen.« Mit einem Lächeln fügte Posy hinzu: »Und genau das gedenke ich in Amsterdam zu tun.«