Kapitel 28
Am Montagvormittag klingelte Sebastian bei Freddie an der Tür.
»Guten Tag, Sebastian, was verschafft mir die Ehre?«, fragte Freddie, als er ihn ins Wohnzimmer führte.
»Ich dachte, ich schaue auf Verdacht bei Ihnen vorbei. Mein alter Kumpel in der Nachrichtenredaktion hat nämlich ein paar hochinteressante Sachen über Ken Noakes herausgefunden. Er hat den Namen im Computer eingegeben und an seine Quellen weitergereicht.« Sebastian holte mehrere Blätter aus seiner Tasche, die er auffaltete, dann setzte er seine Lesebrille auf. »Kenneth Noakes war Ende der Neunzigerjahre alleiniger Inhaber einer Immobilienfirma. Da hat er ein paar schicke Häuser auf einem Grundstück gebaut, das er von einer Schule in North Norfolk gekauft hatte. Er hat die Anzahlungen eingesteckt, aber einige Monate später hat er Konkurs angemeldet. Die Häuser waren erst im Planungsstadium, und die Gläubiger bekamen nichts oder so gut wie nichts erstattet.«
»Ich hab’s doch gewusst.« Freddie schüttelte den Kopf. »Was hat unser Ken dann gemacht?«
»Seitdem wurden mindestens drei – möglicherweise auch vier, aber da laufen die Nachforschungen noch – andere ›Noakes‹ als Geschäftsführer verschiedener Unternehmen eingetragen, die alle mit ihm verwandt sind. Seine Ex, die jetzige Frau, ein Bruder und möglicherweise auch eine Tochter, aber bei der sind wir uns, wie gesagt, noch nicht sicher.«
»Die übliche Masche – er selbst darf nicht mehr Geschäftsführer werden, also setzt er einfach Verwandte als Strohleute ein, führt die Firma aber wie gehabt, wenn auch hinter den Kulissen.«
»Genau.«
»Waren die anderen Unternehmen auch Immobilienfirmen?«
»Von den vieren, die wir gefunden haben, war eine eine Baufirma, bei den anderen drei handelte es sich um Wohnungsvermieter.«
»Ich verstehe. Erzählen Sie doch weiter«, bat Freddie.
»Also, hier ist die Liste …« Sebastian las von einem Blatt vor. »›Trimco Ltd.‹, handelt unter dem Namen ›Westway Holiday Cottages‹, ›Ideal Ltd.‹, handelt unter dem Namen ›Hedgerow Holiday Homes‹ und ›Chardway Ltd.‹, handelt unter dem Namen ›St. Tropez Blue‹.« Sebastian nahm die Brille ab. »Die Kontaktperson meines Kumpels im Wirtschaftsministerium meinte, Betrug mit Ferienwohnungen sei überraschend häufig. Man braucht nur ein Büro mit zwei, drei Telefonen zu mieten, eine schöne, ansprechende Website zu gestalten und auf den üblichen Portalen Werbung zu schalten. Dann streicht man die Anzahlungen ein, und sechs Monate später, wenn man einen Stapel Schecks auf einem Konto auf der Isle of Man reingewaschen hat, erklärt man die Firma als insolvent und setzt sich mit den Einkünften ab. Dann fängt man woanders wieder von vorn an.«
»Und die armen gutgläubigen Kunden haben ihre Anzahlung verloren«, schloss Freddie.
»Genau. Mein Kumpel meint, das wäre bloß die Spitze des Eisbergs. Auf die Firmen ist er nur gestoßen, weil dieser Mr. Noakes Verwandte desselben Namens einsetzte. Bestimmt hat er das auch mit anderen Strohleuten gemacht. Sam zum Beispiel ist alleiniger Geschäftsführer der Montague Property Development Ltd.«
»Ja.« Freddie seufzte tief. »Oje.«
»Ganz Ihrer Meinung«, stimmte Sebastian ihm zu.
»Wo lebt dieser Noakes denn?«
»Das hat mein Kumpel leider noch nicht herausgefunden, aber es ist garantiert irgendwo außerhalb der Reichweite der britischen Justiz.«
»Tja, was sollen wir jetzt machen?«
»James will noch ein bisschen weiterrecherchieren – er hat Kontakte zur Polizei und möchte herausfinden, ob Mr. Noakes beim Betrugsdezernat als Person von besonderem Interesse geführt wird. Das ist gut möglich, aber wenn er sich ins Ausland abgesetzt hat, lohnen sich die Kosten für einen Auslieferungsantrag nicht, da er vergleichsweise ein eher kleiner Fisch ist und die Polizei in letzter Zeit finanziell sowieso unterversorgt ist. Wie auch immer, James sagte, dass er an der Sache dranbleibt – es ist eine gute Geschichte für seine Zeitung.«
»Ich weiß, dass dieser Noakes in England ist oder zumindest war – Posy sagte mir, dass Sam sich neulich mit ihm in Norfolk getroffen hat.«
»Ah ja.«
»Sollten wir das Posy nicht sagen? Ich meine, wenn er wieder dasselbe Spiel treibt – wenn er ›luxuriöse Seniorenwohnungen‹ in Admiral House bewirbt und Anzahlungen einsteckt, die sicher happig sein werden, und danach die Firma pleitegehen lässt, dann sollte sie das erfahren. Und was ist mit Sam? … Denken Sie, dass er das weiß?«
»Ich habe keine Ahnung. Ich nehme doch an, dass er sich über die geschäftliche Vergangenheit seines Finanziers erkundigt hat, aber …«
»Aber vielleicht wollte er es auch nicht so genau wissen«, brachte Freddie seinen Gedanken zu Ende. »Nach allem, was Posy mir von ihm erzählt hat, ist er kein Geschäftsmann. Aber offenbar versucht er verzweifelt, sich zu beweisen – sowohl seiner Frau als auch seiner Mutter gegenüber. Eine schreckliche Sache.«
»Leider haben Sie recht. Ich glaube, wir sollten warten, bis James mehr herausgefunden hat. Dann können wir entscheiden, wie wir weiter vorgehen sollen. Bis jetzt sind doch noch keine Verträge unterschrieben, oder?«
»Nein, aber Posys Notar hat den Vorvertrag gerade ausgefertigt«, sagte Freddie. »Sie hat mich gebeten, ihn durchzulesen.«
»Gut. Dann geben Sie ihn ihr erst zurück, wenn wir mehr wissen.«
»In Ordnung. Obwohl, wenn der Verkauf platzt, sind die Überlegungen hinfällig, ihr das andere zu sagen, worüber wir gesprochen haben. Es könnte Monate … Jahre dauern, bis sich ein Käufer für ihr Haus findet, und ich weiß nicht, wie lange Posy und ich uns noch treffen können, ohne dass ich ihr die Wahrheit sage. Sie lastet mir auf der Seele … Vergessen Sie Noakes«, sagte Freddie düster, »der eigentliche Betrüger bin ich.«
»Das Gefühl kann ich gut nachvollziehen, Freddie, aber geben wir James doch noch ein paar Tage Zeit und warten ab, was er alles herausfindet. Aber jetzt muss ich wirklich wieder nach Hause.«
»Natürlich.« Freddie erhob sich mit ihm, und gemeinsam gingen sie zur Haustür. »Ich kann Ihnen gar nicht genug für Ihre Hilfe danken, Sebastian.«
»Gern geschehen. Auf Wiedersehen, Freddie. Ich melde mich, sobald ich mehr weiß.«
Als Sebastian sich vom Cottage entfernte, überlegte er sich, dass er jedem Rezensenten, der die Handlung seiner Romane als unrealistisch kritisieren sollte, sofort den Hals umdrehen würde.