Kapitel 31
Als Posy am Abend nach Sams Festnahme nach Hause kam, erschöpft von einer schlaflosen Nacht, in der sie über ihren Sohn nachgedacht hatte, und einem anstrengenden Tag in der Galerie, fand sie auf dem Küchentisch unter einer Flasche Champagner ein Kuvert liegen. Müde setzte sie sich und öffnete es.
Liebe Posy,
die Rohfassung des Buchs ist fertig, die Arbeit, deretwegen ich nach Admiral House gekommen bin, ist abgeschlossen. Entschuldigen Sie bitte vielmals, dass ich fortgehe, ohne mich persönlich von Ihnen zu verabschieden, aber meine Termine lassen mir leider keine andere Wahl. Anbei meine Miete bis Ende Dezember und etwas mehr für die vielen Flaschen Wein, die Sie freundlicherweise mit mir geteilt haben. Meine Adresse und Telefonnummer stehen oben auf diesem Brief. Wenn Sie je nach London kommen, melden Sie sich doch bitte, und ich lade Sie feudal zum Lunch ein.
Posy, Sie sind eine ganz besondere Frau. Sie verdienen alles Glück der Welt, und Ihre Familie kann sich glücklich schätzen, Sie zu haben. Aber denken Sie bisweilen bitte auch an sich selbst, ja?
Mit herzlichem Dank und vielen Grüßen,
Sebastian
PS: Ich werde Ihnen ein Exemplar des Romans schicken. Vielleicht erkennen Sie den einen oder anderen Teil Ihres schönen Hauses wieder!
Posy holte das Geld aus dem Kuvert und sah, dass Sebastian mindestens das Doppelte dessen beigelegt hatte, was er ihr schuldete. Tränen brannten ihr in den Augen. Abgesehen davon, dass er ihr fürchterlich fehlen würde, überraschte es sie, dass er so überstürzt und ohne jede Vorwarnung ausgezogen war.
Während Posy den Wasserkessel auf den Herd stellte, merkte sie, dass sich die Atmosphäre im Haus bereits verändert hatte. Obwohl Sebastian die meiste Zeit oben in seinem Zimmer verbracht hatte, hatte sich die Anwesenheit eines anderen Menschen doch bemerkbar gemacht. Jetzt war sie wieder allein. Normalerweise wäre das kein Problem, schließlich hatte sie viele Jahre allein hier gelebt. Doch an diesem Abend, wegen Sam und wegen der Blutflecken, die sie im Turm an der Wand gesehen hatte, war sie nicht nur allein, sondern einsam. Und sie brauchte jemanden zum Reden. Kurzerhand tätigte sie einen Anruf, packte den Auflauf, den sie am Morgen für Sebastian zum Abendessen gemacht hatte, und die Flasche Champagner in eine Tasche, verließ das Haus und fuhr zu Freddie.
»Herein mit dir, meine Liebe«, sagte Freddie, als er ihr die Tür öffnete.
»Danke, Freddie. Ich habe einen Auflauf mitgebracht. Er muss nur im Ofen aufgewärmt werden.«
»Köstlich«, sagte er lächelnd und nahm ihn ihr ab. »Bei mir hätte Rührei mit Toast auf der Speisekarte gestanden.«
»Ich störe dich auch nicht?«, fragte Posy und folgte ihm in die Küche.
»Überhaupt nicht.« Freddie warf einen Blick auf die Flasche. »Feiern wir?«
»Leider nicht, nein. Das ist ein Abschiedsgeschenk von Sebastian. Er ist aus heiterem Himmel ausgezogen.«
»Wirklich? Das erstaunt mich. Er kam mir so solide und zuverlässig vor, aber bei diesen Künstlern kann man nie wissen. Sollen wir sie öffnen?«
»Warum nicht?« Posy seufzte. »Der eignet sich zum Kummer–Ertränken genauso gut wie zum Feiern.«
»Also, ich öffne die Flasche, wenn du den Auflauf in den Ofen stellst. Dann kannst du mir erzählen, was passiert ist.«
»Es geht um Sam, Freddie. Er wurde gestern Abend im Victoria Hotel in Norfolk festgenommen, ihm wird Betrug zur Last gelegt.«
»Aha.« Freddie hoffte, sein Gesicht verriet nicht, dass er das bereits von Sebastian erfahren hatte. Er holte zwei Champagnergläser aus dem Schrank.
»Sie haben ihn auf Kaution freigelassen«, fuhr Posy fort, »und sein Anwalt glaubt, dass sie die Anklage fallenlassen, wenn er gegen seinen früheren Partner aussagt, aber das liegt im Ermessen des Staatsanwalts.«
»Das könnte eine ganze Weile dauern, Posy. Zumindest zu meiner Zeit gab es bei Fällen wie diesem einen gewaltigen Rückstau. Sein Partner war also nicht ganz lupenrein, oder wie?«
»Offenbar. Ich weiß nichts Genaueres, aber Tatsache ist, nicht nur wurde mein Sohn gestern Abend verhaftet, der Verkauf von Admiral House ist damit auch erst einmal hinfällig. Danke, Freddie«, fügte sie hinzu, als er ihr ein Glas Champagner reichte. »Ich weiß nicht so genau, worauf wir trinken sollen.«
»Vielleicht auf das Leben? Darauf, dass gestern Abend trotz allem niemand gestorben ist? Ich gehe davon aus, dass Sam mit einer Ermahnung vom Richter davonkommt. Es gibt einfach nicht genug Platz, um die ganzen kleinen Verbrecher wegzusperren, Posy.«
»Mein Sohn, ein Verbrecher.« Posy schauderte bei dem Gedanken. »Wird er vorbestraft sein?«
»Das ist möglich, aber es ist unsinnig, dir jetzt den Kopf darüber zu zerbrechen. Bis dahin vergeht noch viel Zeit. Auf dich, Posy.« Freddie hob sein Glas und trank einen Schluck.
Sie aßen den Auflauf am Tisch im Wintergarten. Posy bemerkte, dass Freddie stiller als sonst war.
»Kaffee?«, fragte er.
»Gern.«
Sie setzten sich mit ihren Tassen ins Wohnzimmer vor das Feuer.
»Ist alles in Ordnung, Freddie? Du wirkst gar nicht … wie du selbst.«
»Ja, das stimmt, nicht wahr? Vielleicht, weil ich’s nicht bin.«
»Magst du mir sagen, warum?«
Er blickte zu ihr, Trauer lag in seinen Augen. »Posy, ich … also, ich weiß nicht, wie ich es dir sagen soll. Es gibt etwas, das ich dir erzählen muss. Ich habe gezögert und gezaudert, auf den richtigen Moment gewartet, aber ich habe das Gefühl, dass ich es jetzt nicht länger verschweigen kann. Etwas, das ich dir vielleicht vor fünfzig Jahren hätte sagen sollen, obwohl jetzt kaum der geeignete Zeitpunkt dafür ist.«
»Du meine Güte, Freddie, du wirkst ja schrecklich ernst. Wenn es damals mit einem anderen Mädchen zu tun hatte, dann mach dir keine Gedanken darüber. Das ist jetzt einfach schon zu lange her.«
»Nein, Posy, es ist leider nichts dergleichen.«
»Dann, bitte, spuck’s aus. Im Moment erfahre ich, wie es scheint, sowieso nur schlechte Nachrichten, also kommt es auf eine mehr auch nicht an.«
Freddie erhob sich, ging zu Posy und nahm ihre Hand. »Ich fürchte, du wirst wahrscheinlich anderer Meinung sein, wenn ich dir gesagt habe, was ich zu erzählen habe. Aber vorher – weil es wirklich keine gute Zeit dafür gibt – möchte ich dir sagen, dass ich dich damals geliebt habe und dich heute noch liebe. Aber ich kann dieses entsetzliche Geheimnis nicht mehr für mich behalten.«
»Bitte, Freddie, jetzt machst du mir Angst. Sag’s mir einfach, ja?«, drängte Posy.
»Also gut.« Freddie kehrte zu seinem Sessel zurück, trank einen Schluck Brandy und sagte: »Posy, es geht um deinen Vater.«
»Meinen Vater?« Posy runzelte die Stirn. »Was ist mit meinem Vater?«
»Posy, liebe Posy, ich fürchte, es gibt keine andere Art, es dir zu sagen: Dein Vater ist nicht bei einem Einsatz mit seiner Spitfire ums Leben gekommen, wie sie dir immer gesagt haben. Er …« Freddie quälte sich, die richtigen Worte zu finden. »Also, er wurde des Mordes für schuldig befunden und …« Er stockte und seufzte tief.
Posy starrte ihn fassungslos an. »Was, Freddie? Jetzt sag’s doch einfach.«
»Er wurde für sein Verbrechen hingerichtet. Es tut mir so unendlich leid, aber glaub mir, das ist die Wahrheit.«
Posy schloss einen Moment die Augen, sie bekam keine Luft, ihr schwindelte. »Freddie, mein Lieber, das muss ein Missverständnis sein. Mein Vater wurde in seiner Spitfire abgeschossen. Er war ein Held, kein Mörder, das schwöre ich dir.«
»Nein, Posy, das haben sie dir gesagt, als du klein warst, aber es war gelogen.« Freddie ging zu dem kleinen Schreibtisch, der unter dem Fenster stand, und holte aus einer der Schubladen einen Aktenordner. »Hier steht alles.« Er schlug ihn auf und nahm die Fotokopie eines Zeitungsausschnitts heraus. »Hier, Posy, schau.«
Posy nahm das Blatt und erkannte das Gesicht ihres Vaters, dann las sie die Schlagzeile, die darüber stand.
LAWRENCE ANDERSON DES MORDES FÜR SCHULDIG BEFUNDEN!
»O mein Gott, o mein Gott …« Posy fiel das Blatt aus der Hand, es flatterte zu Boden. »Nein, das glaube ich nicht. Warum sollten mich alle belogen haben?«
»Hier, nimm einen Schluck Brandy.« Freddie wollte ihr ein Glas reichen, doch sie lehnte ab.
»Das kann ich nicht verstehen, Freddie. Warum hat mir das niemand gesagt?«, wiederholte sie.
»Sie wollten dich schützen. Du warst erst acht, und nach allem, was du mir erzählt hast, damals, als wir uns kennenlernten, und jetzt wieder, hast du ihn über alle Maßen geliebt.«
»Das habe ich auch, natürlich, er war mein Vater! Er war der sanftmütigste Mensch, wir haben immer zusammen Schmetterlinge gesammelt … Nie im Leben hätte er einen anderen Menschen umgebracht. Mein Gott!« Posy rang die Hände. »Warum hat er das gemacht?«
»Es war ein Verbrechen aus Leidenschaft, Posy. Zu Neujahr 1944 hat er Urlaub bekommen und fuhr nach Hause, um deine Mutter zu überraschen. Als er in Admiral House ankam, entdeckte er sie mit … einem anderen Mann, oben im Turm. In flagranti. Er hat unten eins seiner Jagdgewehre aus dem Schrank geholt und den Mann aus kürzester Entfernung vor der Wand erschossen.«
Posy schaute auf die Schwarz-Weiß-Aufnahme, die auf dem Boden lag. Sie zeigte ihren Vater, der eindeutig in Handschellen vom Gericht abgeführt wurde. Sie brachte kein Wort hervor, ebenso wenig konnte sie einen Gedanken fassen.
»Es tut mir so schrecklich leid, dir das zu erzählen, Posy.«
»Warum erzählst du es mir dann?« Sie sah zu ihm. »Warum denn bloß?«
»Es musste sein. Der Mann, den er getötet hat – er hieß Ralph Lennox … Er war mein Vater.«
Posy schloss die Augen, versuchte, ruhig zu bleiben und tief durchzuatmen. Ihr Verstand konnte, wollte das nicht aufnehmen.
Ralph … Der Name hallte ihr durch den Kopf, als sie in Gedanken zu ihrer Kindheit zurückkehrte. Und da war er wieder. Onkel Ralph, der beste Freund ihres Vaters, der Mann, der ihr immer Schokolade mitgebracht hatte, wenn er ihre Mutter besuchte … Freddies Vater.
»Posy, ist alles in Ordnung? Bitte, ich weiß, das muss ein entsetzlicher Schock sein. Aber verstehst du nicht? Ich musste dir alles erzählen, wenn unsere Beziehung eine Zukunft haben soll. Damals, vor all den Jahren, konnte ich es dir nicht sagen. Rückblickend denke ich, dass die Alarmglocken bei mir hätten läuten müssen, als ich deinen Nachnamen hörte und dass du ursprünglich aus Suffolk stammst. Aber ich war so hingerissen von dir, dass mich noch nicht mal eine Ahnung beschlich. Wer du wirklich warst, ist mir erst klar geworden, als ich um deine Hand anhielt und du mir deinen richtigen Namen sagtest. Ich wusste doch, wie sehr du deinen Vater geliebt hast und dass du glaubtest, er wäre bei einem Einsatz abgeschossen worden. Also blieb mir keine andere Wahl, als einfach aus deinem Leben zu verschwinden. Ich wusste, du wärst damals zerbrochen, wenn du erfahren hättest, wie und weshalb dein Vater gestorben ist, und ich wollte nicht derjenige sein, der es dir sagt. Was heißt, dass ich entweder feige war oder überfürsorglich … was genau, das weiß ich nicht.« Freddie seufzte. »Aber ich hätte dich nicht heiraten können, ohne dass du es wusstest. Bitte, Posy, sag etwas.«
Posy öffnete die Augen und sah ihn an.
»Ich frage mich, wie du meinen Anblick ertragen kannst. Die Tochter des Mannes, der deinen Vater erschossen hat.«
»Guter Gott, Posy! Das hatte doch nichts mit dir zu tun. Das habe ich weder damals noch jetzt gedacht. Es war eine Laune des Schicksals, dass wir uns begegnet sind. Ich … habe dich damals genauso geliebt wie jetzt, und ich bitte dich, mir zu verzeihen, dass ich dir nach all den Jahren die Wahrheit sage. Als wir uns wieder trafen, ging ich davon aus, dass du es wusstest, dass jemand im Ort mit dir darüber gesprochen hatte, weil du wieder in Suffolk in dem Haus lebtest, wo es passiert war, aber das war offensichtlich nicht der Fall.«
»Nein, das hat keiner.« Unvermittelt stand Posy auf. »Entschuldige, Freddie, aber ich muss jetzt nach Hause. Danke, dass du es mir gesagt hast, und ich verstehe auch, weshalb du es getan hast. Aber jetzt muss ich gehen.«
»Natürlich. Darf ich dich heimfahren, Posy? Du bist nicht in einem Zustand, um …«
»Nein, ich kann sehr gut selbst fahren.«
»Hier, bitte nimm den Ordner mit. Vielleicht möchtest du, wenn sich der erste Schock gelegt hat, nachlesen, was ich dir erzählt habe.« Freddie folgte ihr in den Flur, wo sie bereits in ihren Mantel schlüpfte, und reichte ihn ihr. »Es tut mir so unsäglich leid, Posy, ich möchte dir nicht wehtun. Ich hoffe, das weißt du. Aber ich musste …«
»Ja.« Posy hatte die Tür geöffnet. »Bitte lass mich. Gute Nacht, Freddie.«