Kapitel 33

Nach dem Gespräch mit Tammy legte Amy das Handy beiseite und dachte, dass die Aussicht auf ein Treffen mit ihr zumindest einen Lichtblick darstellte inmitten der Trostlosigkeit, aus der ihr Leben momentan bestand. Sie ging ins Wohnzimmer zurück, wo Jake und Sara aufgeregt Schmuck über die unteren Zweige des ramponierten künstlichen Weihnachtsbaums hängten, den Amy am Vormittag aus dem Schuppen geholt hatte.

»Na, ihr beiden, soll ich etwas Schmuck an die oberen Zweige hängen?«, schlug sie vor und bemühte sich um der Kinder willen, fröhlich zu klingen.

»Nein, mir und Sara gefällt er so besser«, sagte Jake mit Nachdruck.

»Also gut«, meinte Amy. Schließlich war es ziemlich gleichgültig, wie der Baum aussah. Es war ja nicht so, als würden sie zu Weihnachten Besuch erwarten. »Jetzt koch ich uns unser Mittagessen«, sagte sie.

»Können wir danach mein Engelskostüm machen, Mummy? Das hast du mir versprochen«, bat Sara schüchtern.

»Natürlich.« Sie gab ihrer Tochter einen Kuss auf die goldenen Locken und überließ die beiden dem Baum. Sie legte Würstchen unter den Grill, dann versuchte sie wieder, Posy zu erreichen, aber niemand ging ans Telefon, weder auf dem Festnetz noch auf dem Handy. Sie ließ sich auf den Küchenstuhl fallen und legte den Kopf auf die Arme. Auch wenn die Kinder fordernd und laut waren und keine Ahnung von den Schwierigkeiten ihrer Eltern hatten, war Amy unendlich dankbar, sie zu haben. Sie sorgten dafür, dass sie ständig etwas zu tun hatte, und lenkten sie ab. Ohne die beiden, dachte sie, würde sie es wirklich nicht schaffen.

Die vergangenen zwei Wochen waren zweifellos die schlimmsten ihres Lebens gewesen. Sam hatte sich auf dem Sofa eingerichtet, sah von morgens bis spätnachts fern und sagte kein Wort, außer um ihre Fragen mit einem Ja oder Nein zu beantworten. Zaghaft hatte sie vorgeschlagen, er solle zum Arzt gehen, um sich Tabletten für seine Depression verschreiben zu lassen, aber er hatte überhaupt nicht darauf reagiert.

Als sie schließlich allen Mut zusammengenommen und ihm vorgeschlagen hatte, er könne sich vielleicht eine Arbeit suchen, die ihn auf andere Gedanken brächte und obendrein mit ihrer finanziellen Situation helfen würde, hatte er sie angesehen, als habe sie den Verstand verloren.

»Glaubst du wirklich, dass irgendjemand mich nehmen würde? Wo ich demnächst vor Gericht muss und in dem Zustand, in dem ich bin?«

»Sam, du weißt doch, dein Anwalt hat gesagt, dass sie dich höchstwahrscheinlich gar nicht anklagen werden. Ihnen ist klar geworden, dass du nichts von Ken Noakes und seiner Vergangenheit wusstest.«

»Sie können jederzeit ihre Meinung ändern, Amy. Der verdammte Staatsanwalt – und ich muss womöglich monatelang hier sitzen und einfach warten, bis sie sich entscheiden.«

»Essen!«, rief sie jetzt Sam und den Kindern aus der Küche zu. Sara und Jake kamen angehüpft und setzten sich an den Tisch.

»Amy, bring mir meins auf dem Tablett«, rief Sam aus dem Wohnzimmer zurück.

Nachdem Amy das getan hatte, setzte sie sich zu den Kindern, die sich gerade über den Weihnachtsmann unterhielten und was er ihnen bringen würde.

Bei ihrem fröhlichen Geplapper wurde ihr das Herz schwer. Für kostspielige Geschenke war einfach kein Geld da; sie hatte ihren Notgroschen angreifen müssen, bloß um jeden Tag etwas zu essen auf den Tisch zu stellen. Nach dem Abwasch ging sie ins Wohnzimmer, wo Sam immer noch auf dem Sofa herumlungerte, während sich die Kinder kabbelten, wer die letzte Kugel aufhängen durfte.

»Sam, hast du in letzter Zeit von deiner Mum gehört?«

»Was?!« Er schaute zu ihr hoch. »Bist du völlig durchgeknallt? Nach dem, was ich gemacht habe, wird sie garantiert kein Wort mehr mit mir reden.«

»Das stimmt nicht, und das weißt du auch. Als du nach deiner Verhaftung bei ihr warst, war sie sehr verständnisvoll.«

Sam zuckte nur mürrisch mit den Schultern und trank einen Schluck aus seiner Bierflasche.

»Ich habe es gerade noch einmal auf beiden Nummern probiert, aber sie geht nicht dran. Ich versuche es bei der Galerie«, sagte sie und ging wieder in die Küche. »Vielleicht macht sie wegen Weihnachten Überstunden.«

Nach einem kurzen Gespräch mit dem Inhaber nahm sie ihren Mantel vom Haken.

»Mr. Grieves hat gesagt, dass deine Mum vor zehn Tagen angerufen und sich krankgemeldet hat, und seitdem hat sie nichts mehr von sich hören lassen. Ich schaue jetzt bei ihr vorbei. Passt du inzwischen auf die Kinder auf?«

Vom Sofa kam als Reaktion nur das übliche Schulterzucken, und bevor sie vor Wut explodierte angesichts seines mangelnden Interesses an seiner Mutter – oder an irgendjemand anderem als sich selbst –, verließ sie das Haus.

Als sie die High Street entlangfuhr, versuchte sie, sich an den Lichterketten zu freuen, die die Schaufenster schmückten, und an dem vorfreudigen Treiben im Ort, wo alle Welt auf den Beinen war. Es tat ihr einfach gut, aus dem Haus zu kommen, selbst wenn sie sich Sorgen um Posy machte. Es sah ihrer Schwiegermutter gar nicht ähnlich, nicht mal vorbeizuschauen und Anrufe zu ignorieren. Und sie, Amy, war zu sehr mit ihren eigenen Schwierigkeiten beschäftigt gewesen, um es zu bemerken.

»Bitte, es soll alles gut bei Posy sein«, flüsterte sie in den dunkel werdenden Himmel.

Als sie vor Admiral House ankam, sah sie Posys Wagen in der Auffahrt stehen. Sie ging zur Küchentür und hoffte, dass ihre bangen Vorahnungen nur auf ihren eigenen Stress zurückzuführen waren und sich nicht bewahrheiten würden. In der Küche war es dunkel und ungewohnt still – das Radio, in dem sonst immer Radio 4 spielte und das häufig genug sich selbst unterhielt, war nicht eingeschaltet.

»Posy? Hier ist Amy. Wo bist du?«, rief sie, als sie ins Frühstückszimmer ging, das aber ebenfalls verwaist war.

Nachdem sie alle Räume im Erdgeschoss durchsucht hatte – einschließlich der Toilette –, ging sie, immer weiter Posys Namen rufend, nach oben. Die Tür zum großen Schlafzimmer war geschlossen. Sie klopfte an, vor ihrem geistigen Auge tauchten entsetzliche Bilder auf, was sie dahinter erwarten könnte. Als sie keine Antwort bekam, nahm sie allen Mut zusammen, öffnete die Tür und schrie vor Erleichterung fast auf, als sie feststellte, dass das Bett leer und ordentlich gemacht war. Dann schaute sie in allen anderen Räumen nach, blieb zögernd vor dem Zimmer stehen, in dem Sebastian gelebt und so zärtlich mit ihr geschlafen hatte …

»Denk nicht dran!«, ermahnte sie sich streng und ging die nächste Treppe hinauf, um in den Räumen unter dem Dach nachzusehen. Doch auch dort traf sie niemanden an. Posy war eindeutig nicht zu Hause. Aber ihr Wagen stand da …

Sie rannte die schier endlosen Stufen nach unten und durch die Gänge zur Küche, durch ihren Kopf wirbelten Bilder von Posy, die vor Tagen im Garten zusammengebrochen war und seitdem allein und mit Schmerzen dalag, oder schlimmer noch …

»Guten Abend, Amy«, sagte eine vertraute Stimme, als sie die Küche betrat. Jetzt brannte Licht, und Posy stand in ihrer Barbourjacke am Herd, wärmte sich die Hände und wartete, dass der Wasserkessel kochte.

»O mein Gott! O mein Gott, Posy!«, keuchte Amy und ließ sich auf einen Stuhl fallen. »Ich dachte, du wärst … du wärst …«

»Tot?« Posy sah zu Amy und lächelte freudlos.

»Um ehrlich zu sein, ja. Wo bist du gewesen? Du bist nicht ans Telefon gegangen, du bist nicht bei der Arbeit gewesen …«

»Ich war hier. Tee?«

»Sehr gern, danke.«

Amy musterte Posy. Äußerlich sah sie aus wie immer, aber irgendetwas hatte sich verändert. Es war, als wäre ihre ganze Lebensfreude – zu der nicht nur ihre Lust am Leben gehörte, sondern auch ihre Güte und ihre Fürsorge für alle in ihrer Umgebung – aus ihr gewichen.

»Bitte.« Posy stellte einen Becher vor Amy. »Leider habe ich nur gekaufte Kekse im Haus. Ich habe in letzter Zeit nicht gebacken.«

»Ich möchte keine, danke.«

Posy schenkte sich ebenfalls Tee ein, setzte sich aber nicht wie sonst zu ihr an den Tisch. »Bist du krank gewesen?«, fragte Amy zögerlich.

»Nein, ich bin wohlauf wie immer, danke«, antwortete Posy.

Amy merkte, dass sie nie zuvor ein Gespräch mit ihrer Schwiegermutter hatte in Gang bringen müssen, weil Posy es normalerweise gar nicht erwarten konnte zu erfahren, wie es allen ging. Mühsam suchte sie nach Worten.

»Was hast du gemacht?«

»Ich war meistens im Garten.«

»Schön.«

Dann herrschte Stille, und Amy wusste nicht, wie sie das Schweigen brechen sollte.

»Posy, ist es wegen Sam und allem, was passiert ist?«, fragte sie schließlich. »Es tut mir wirklich leid. Ich meine, du findest bestimmt einen anderen Käufer, und …«

»Es hat nichts mit Sam zu tun, Amy. Ausnahmsweise einmal hat es etwas mit mir zu tun.«

»Ach. Ist es etwas, bei dem ich dir helfen kann?«

»Nein, meine Liebe, aber danke für dein Angebot. Ich musste einfach über etwas nachdenken, das ist alles.«

»Wegen des Hauses?«

»Ja, das ist wohl ein Teil davon.«

Amy trank von ihrem Tee und erkannte, dass sie nichts weiter von Posy erfahren würde.

»Tammy hat versucht, dich zu erreichen. Sie möchte gern kommen, um die alten Kleider deiner Mutter abzuholen.«

»Die habe ich in Kisten verpackt und in den Stall gestellt. Sag ihr, dass sie sie jederzeit abholen kann.«

Unvermittelt fuhr Posy merkwürdig schaudernd zusammen.

»Gut, dann mache ich das. Ich mag Tammy nämlich gern, und es ist ein Jammer, dass … na ja.« Unfähig, die Situation auch nur einen Moment länger zu ertragen, stand Amy auf. »Ich sollte zusehen, dass ich wieder nach Hause komme, aber wenn ich irgendetwas tun kann, Posy, bitte melde dich.«

»Danke, meine Liebe. Grüß Sam und die Kinder.«

»Das mache ich.«

Amy stellte ihren Becher ins Spülbecken und ging zur Tür. Dann drehte sie sich noch einmal um und blickte Posy an.

»Wir lieben dich alle sehr. Auf Wiedersehen, Posy.«

»Auf Wiedersehen.«

Auf der Heimfahrt starrte Amy benommen auf die Straße. Bis jetzt war ihr nie klar gewesen, wie sehr sie Posy mit ihrer unentwegten Zuversicht und ihren praktischen, aber einfühlsamen Ratschlägen all die Jahre als Fels in der Brandung betrachtet hatte. Sie hielt am Supermarkt an und kaufte Nudeln und Kartoffeln zum Backen, mit denen sie die Familie hoffentlich über die Runden bringen könnte, bis am Mittwoch ihr nächster Lohn ausbezahlt würde. Zum Schluss stellte sie noch einen Sechserpack Bier in ihren Korb und ging zur Kasse.

Als sie darauf wartete, an die Reihe zu kommen, dachte Amy an Posys Gesichtsausdruck.

Sie hatte ausgesehen, als sei sie innerlich zerbrochen.

Posy stand im Frühstückszimmer und sah den Rücklichtern von Amys Auto nach, das die Auffahrt hinunter verschwand. Gewissensbisse regten sich, dass sie nicht die übliche Posy gewesen war, aber im Moment war ihr das einfach nicht möglich. Letztlich wusste sie gar nicht, ob die »übliche« Posy tatsächlich sie war oder nicht bloß eine Person, die sie erschaffen und wie eine Strickjacke eng um sich geschlungen hatte, um die ängstliche, verwirrte Seele, die darin wohnte, zu verbergen.

Und jetzt, in den vergangenen zehn Tagen, war ihr diese Strickjacke abgestreift worden, mottenzerfressen, wie sie nach all den Jahren gewesen war. Nachdem Freddie es ihr gesagt und ihr den Ordner gegeben hatte, war sie irgendwie nach Hause gekommen, war die Treppe hinaufgestiegen und hatte sich ins Bett gelegt. Dort war sie fast drei Tage geblieben und nur aufgestanden, um zur Toilette zu gehen oder einen Schluck Wasser aus ihrem Zahnputzbecher zu trinken. Im Hintergrund hatte sie bisweilen das Telefon läuten hören, aber sie war nicht rangegangen.

Sie hatte viel Zeit damit verbracht, zur Decke zu starren, ohne sie wahrzunehmen, während ihr Gehirn versuchte, den Sinn dessen, was Freddie ihr gesagt hatte, zu verstehen. Da sich das als unmöglich erwies, hatte sie stattdessen viel geschlafen – vielleicht, dachte sie, war das die Art ihres Körpers, sie zu schützen, weil der Schmerz und der Schock allzu groß waren. Sie trauerte noch einmal um einen Vater, den sie nie richtig gekannt hatte, wie ihr nun klar wurde, und um eine Mutter, die sie nur allzu gut gekannt hatte.

Ein Mord aus Leidenschaft … ein brutales Verbrechen …

Posy sagte sich, dass es beides gewesen war.

Was sie am meisten schmerzte, war der Verrat all dessen, was sie über sechzig Jahre lang von ihrem Vater geglaubt hatte. Aber es bestand nicht der geringste Zweifel, dass Freddie die Wahrheit gesagt hatte. Als sie schließlich den Mut gefunden hatte, den Ordner aufzuschlagen, prangten die Schlagzeilen vorne auf den Zeitungen.

»DAS NEUSTE VOM MORD IM SCHMETTERLINGSZIMMER!« … »SPITFIRE-PILOT ERTAPPT EHEFRAU UND GELIEBTEN IN FLAGRANTI« … »GALGEN FÜR KRIEGSHELD ANDERSON!«

Zuerst hatte sie den Ordner sofort wieder zugeklappt, die schlüpfrigen Details würden ihr nur noch mehr Schmerz bereiten. Freddie hatte ihr die Unterlagen zum Beweis gegeben, weil sie ihm an dem Abend einfach nicht hatte glauben können. In den folgenden Tagen war ihr klar geworden, dass alles zusammenpasste. Sie wusste, dass ihre wunderbare Großmutter alles in ihrer Macht Stehende getan hatte, um sie zu schützen: In dem entlegenen Teil von Cornwall hatte all die Jahre kaum Gefahr bestanden, sie könnte erfahren, dass ihr geliebter Vater wegen des Mordes an Onkel Ralph im Gefängnis saß und später hingerichtet wurde.

»Freddies Vater«, murmelte sie und konnte es noch immer nicht fassen.

Natürlich war in den Zeitungen von ihr als »Adriana Rose« gesprochen worden – eben der Name, der Freddie darauf gebracht hatte, wer sie wirklich war an dem Abend, als er ihr einen Heiratsantrag gemacht hatte. Davor hatte es keinen Anhaltspunkt gegeben, um »Posy«, das Mädchen, das in einem kleinen Dorf in der Nähe des Bodmin Moor aufgewachsen war, mit dem Entsetzlichen zu verbinden, das weit weg in einem Turmzimmer in Suffolk passiert war.

Posy wünschte sich nur, sie könnte ihre Großmutter fragen, wie sie die Schande und den Schmerz ertragen hatte, dass ihr Sohn wegen Mordes vor Gericht gestellt und schließlich hingerichtet wurde. Bilder vom blassen, angestrengten Gesicht ihrer Oma kehrten zurück … der Tag, als das Telegramm gekommen war – das ihr sagte, dass ihr Sohn einen anderen Menschen erschossen hatte – und wenige Stunden später ihre Mutter, und die vielen Male, die sie nach London gefahren war, vermutlich, um ihren Sohn zu besuchen und sich schließlich von ihm zu verabschieden …

»Wie konnte sie Mamans Gesellschaft ertragen?«, fragte sie die Decke. Die Frau ihres Sohnes, deren Verhalten ihn dazu getrieben hatte, einen anderen Menschen zu töten.

In den alten Zeitungen las sie schließlich, seine Anwälte hätten geltend gemacht, dass Lawrence, nachdem er jahrelang sein Leben bei der Verteidigung seiner Heimat aufs Spiel gesetzt hatte, nicht bei vollem Verstand gewesen sei. Sie hatten um Milde gebeten gegenüber einem Kriegshelden, dessen Nerven zerrüttet gewesen waren durch die Todesgefahr, in die er sich Tag für Tag bei seinen Flügen über Europa begeben hatte. Der Prozess hatte das Land offenbar gespalten und die Medien mit reichlich Material versorgt, zumal die öffentliche Meinung hin und her schwankte.

Und was, wenn sie ihn nicht hingerichtet hätten? Wenn er stattdessen zu lebenslänglicher Haft verurteilt worden wäre?, fragte sie sich. Hätten sie es mir dann gesagt …?

Am bittersten aber quälte sie, dass ihre Mutter das Land praktisch sofort verlassen und sich ein neues Leben aufgebaut hatte, als wäre das alte ein ungeliebtes Kleid – sie hatte es abgelegt und ein anderes übergestreift.

»Und mich hat sie zurückgelassen«, ergänzte sie laut, und Tränen traten ihr wieder in die Augen. »Ach, Oma, warum bist du nicht da, damit ich mit dir reden kann?«

Schließlich hatte sie sich gezwungen aufzustehen und an dem einzigen Ort Zuflucht gesucht, der ihr Trost bieten konnte. Zum ersten Mal war sie froh, dass das Unkraut in den Beeten unabhängig von der Jahreszeit wucherte. Während sie es aus der Erde zog, wurden ihre Gedanken allmählich klarer, doch ihr gingen so viele Fragen durch den Kopf, dass sie vor Frustration fast verrückt wurde. Ihre Großmutter und Daisy lebten nicht mehr, und der einzige Mensch, der ihr helfen konnte, das Ganze zu verarbeiten, war derjenige, dem sie nie wieder unter die Augen treten konnte. Ihr Vater hatte seinen Vater ermordet und seine Kindheit zerstört, während sie ahnungslos durch ihre getänzelt war.

Schaudernd erinnerte sich Posy an die vielen Male, als sie Freddie von ihrem Vater vorgeschwärmt hatte, insbesondere in den ersten Monaten, und jetzt wurde ihr klar, dass das eigentliche Opfer in diesem Drama er war. Kein Wunder, dass er sie verlassen hatte, als er ihre wahre Identität erfahren hatte. Nicht Posy, die Frau, von der er einmal gesagt hatte, sie sei das Licht seines Lebens, sondern Adriana Rose, die Tochter des Mannes, der ihm seinen Vater genommen hatte.

Natürlich war er fünfzig Jahre später davon ausgegangen, dass irgendjemand ihr in der Zwischenzeit davon erzählt haben würde. Aber sie hatte es nie erfahren. Posy dachte noch einmal zurück an die ersten Monate, als sie mit ihrer jungen Familie und ihrem Mann nach Southwold zurückgekommen und in Admiral House eingezogen war. Sie forschte in ihrem Gedächtnis und erinnerte sich vage an den einen oder anderen merkwürdigen Blick von einigen Einheimischen. Damals hatte sie sich das damit erklärt, dass unvermittelt eine fremde Familie in dem kleinen Ort aufgetaucht war, aber rückblickend betrachtet war der wahre Grund ein völlig anderer.

Sie schämte sich sehr – behaftet mit der Vergangenheit, die ihr Vater ihr beschert hatte, einer Vergangenheit, die sie bis jetzt verfolgte und ihr Leben durch die Ironie des Schicksals an einem entscheidenden Punkt maßgeblich verändert hatte. Ohne seine Tat hätten Freddie und sie wie geplant geheiratet, hätten Kinder bekommen, ein glückliches Leben geführt …

»Hasse ich meinen Vater?«, fragte sie den Handgrubber, mit dem sie in der leicht gefrorenen Erde nach den Wurzeln eines Unkrauts hackte.

Diese Frage hatte sie sich in den letzten Tagen immer und immer wieder gestellt, aber ihr Herz weigerte sich nach wie vor, eine Antwort darauf zu geben. Sie hoffte nur, dass sie nicht mehr zu lange darauf warten musste.

Posy trank ihren Becher Tee leer, lauschte auf die Stille um sie her und schauderte. Zu allem Überfluss lag der Verkauf des Hauses, das der Schauplatz der Tragödie gewesen war, auf Eis, womit ihre Chance, in unbelasteter Umgebung einen Neuanfang zu machen, in weite Ferne gerückt war. Kein Wunder, dass Freddie sie so gedrängt hatte auszuziehen. Wie er es ertragen hatte, auch nur in die Nähe des Hauses zu kommen, in dem sein Vater ermordet worden war, überstieg ihr Vorstellungsvermögen.

Aber nachdem sie nun zehn Tage lang ihre Wunden geleckt hatte, wurde Posy klar, dass sie das alles nur überstehen konnte, wenn sie in die Zukunft blickte. Sie könnte Admiral House öffentlich zum Verkauf anbieten und dann vielleicht ganz aus Southwold wegziehen. Aber was war mit ihren Enkelkindern, ihrer Arbeit, ihrem Leben hier? Mehrere ihrer Altersgenossen waren als Pensionäre in die südliche Sonne gezogen, aber sie war allein. Abgesehen davon wusste sie nur zu gut, dass die Vergangenheit einen begleitete, so weit man auch vor ihr davonlief. Womöglich waren ja das Haus und alles, was hier passiert war, ihr Schicksal: Vielleicht würde sie wie Charles Dickens’ Miss Havisham und ihre verlorene Liebe bis zu ihrem Tod hier sitzen und mit Admiral House dahinsiechen …

»Hör auf, Posy!«

Amys Besuch hatte den Bann gebrochen. Was sie mehr als alles andere entsetzte, war der Gedanke, als Opfer betrachtet zu werden.

»Du hast dich lang genug gehen lassen, jetzt reiß dich zusammen«, sagte sie sich. Allein sich vorzustellen, dass Amy nach Hause fuhr und ihrem Sohn erzählte, seine Mutter stehe vor einem Zusammenbruch, verlieh ihr neue Energie.

Damit drängte sich eine weitere Frage auf: Sollte sie ihren Jungs erzählen, was sie gerade über ihren Großvater erfahren hatte?

Nein, sagte ihr eine innere Stimme instinktiv.

»Doch«, sagte sie laut. Wohin hatte es sie denn gebracht, als Kind geschützt worden zu sein? Abgesehen davon waren die beiden erwachsen und hatten ihren Großvater nie gekannt. Doch, zu gegebener Zeit würde sie ihnen davon erzählen.

Sie ging zum Radio und schaltete es an. Dann suchte sie die Zutaten zusammen, um einen Kuchen zu backen, den sie morgen ihren Enkelkindern bringen würde.

Sie machte sich daran, Mehl in eine Schüssel zu sieben. Die Ordnung war wiederhergestellt. Zumindest für den Moment …

»Wo bist du gewesen?«

Amy sah zu Sam, der drohend in der Wohnzimmertür schwankte. Sie merkte, dass er betrunken war, obwohl sie sich nicht vorstellen konnte, woher er das Geld für noch mehr Alkohol hatte. Er konnte doch unmöglich ihren Notgroschen gefunden haben, oder …?

»Bei deiner Mutter, Sam. Ich mache mir Sorgen um sie. Sie ist gar nicht sie selbst.«

»Hast über mich hergezogen, was?«

»Nein, natürlich nicht. Ich habe dir doch gerade gesagt, ich mache mir Sorgen um sie«, wiederholte sie. »Haben die Kinder schon etwas zu essen bekommen?« Sie trug die Einkäufe in die Küche und stellte sie auf den Tisch.

»Es ist nichts zu essen da, Amy, das weißt du doch genau.«

Sams Augen leuchteten auf, als er das Bier entdeckte. Er schnippte den Kronkorken von einer Flasche und trank einen großen Schluck. Amy verkniff sich die Bemerkung, er sehe aus, als habe er bereits genug getrunken, und ging ins Wohnzimmer, wo Jake und Sara gebannt vor einem Video saßen.

»Hi, ihr zwei«, sagte sie und gab ihnen einen Kuss. »Ich mache uns gleich Nudeln zum Abendessen. Es dauert nicht mehr lang, versprochen.«

»In Ordnung, Mummy.« Jake nahm den Blick gar nicht vom Fernseher.

Sie kehrte in die Küche zurück und begann zu kochen.

»Was gibt’s?«, fragte Sam.

»Nudeln.«

»Nicht schon wieder Nudeln, verdammt! Was anderes habe ich die letzten zwei Wochen nicht bekommen!«

»Sam, für etwas anderes ist kein Geld da!«

»O doch, sehr wohl ist Geld da. Ich habe welches unten in deinem Schrank gefunden.«

»Das ist für die Weihnachtsgeschenke der Kinder, Sam! Das hast du doch nicht genommen, oder?«

»Das hast du doch nicht genommen, oder?«, äffte er sie gehässig nach. »Du vertraust mir wohl nicht, was? Ich habe gedacht, ich bin dein Mann, oder?« Er öffnete eine weitere Bierflasche.

»Du bist mein Mann, Sam, und du bist auch der Vater unserer Kinder. Du möchtest doch bestimmt, dass die beiden etwas zu Weihnachten bekommen, oder?«

»Klar will ich das, aber wieso stehen meine Wünsche immer an letzter Stelle, hä? Sag mir das mal!« Sam beugte sich von hinten über sie, als sie nach dem Wasserkocher mit heißem Wasser griff.

»Vorsicht, Sam, sonst verschütte ich es noch.«

Amy merkte an seinem Atem, dass er wirklich sehr betrunken war. Offenbar hatte er, als sie fort gewesen war, ihr Versteck gefunden und war zum Getränkeshop gegangen. Sie trug den Kocher zum Herd und füllte den Topf mit dem Wasser, dann kippte sie Nudeln hinein.

»Ich weiß, dass das nicht das einzige Geld im Haus ist, Amy.«

»Das stimmt nicht. Ich wünschte auch, es wäre noch mehr da, aber es gibt leider keins.«

»Du lügst.«

»Nein, Sam, ich lüge wirklich nicht.«

»Ich habe aber keine Lust, schon wieder Nudeln zu essen, verdammt! Ich will ein Takeaway und eine anständige Flasche Wein, also solltest du mir besser sagen, wo es ist.«

»Es ist nirgendwo mehr Geld, Sam, das schwöre ich dir.«

»Sag mir, wo es ist, Amy.«

Sam nahm den kochenden Topf vom Herd.

»Bitte, stell ihn wieder hin, sonst verschüttest du noch etwas!« Amy bekam es mit der Angst zu tun.

»Erst wenn du mir sagst, wo du das ganze andere Geld aufhebst!«

»Das kann ich nicht, weil keins mehr da ist, wirklich nicht!«

Das Nudelkochwasser schwappte auf den Küchenboden, als er auf sie zukam.

»Sam, zum letzten Mal, ich schwöre dir, da ist …«

»Lügnerin!« Sam schleuderte den Topf in ihre Richtung. Der Inhalt schwappte wie eine kleine Woge auf sie zu, und sie schrie auf, als brühend heißes Wasser und Nudeln ihre Beine trafen, dann landete der Topf scheppernd auf dem Boden.

Sam packte sie torkelnd an der Schulter.

»Ich will nur wissen, wo du das Geld versteckt hast!«

»Ich … Da ist keins!«, rief sie. Sie entwand sich seinem Griff und taumelte in den Flur, doch er erwischte sie hinten an der Bluse, drehte sie um und presste sie gegen die Wand. Sie wollte ihn fortschieben und wehrte sich mit Händen und Füßen, doch er war zu stark.

»Sam, hör auf! Bitte!«

Jetzt lagen seine Hände um ihren Hals, sie wurde an der Wand nach oben gedrückt, ihre Füße fanden keinen Halt mehr.

»Amy, sag mir einfach, wo das Geld ist, mehr nicht …«

Aber sie bekam keine Luft, um zu sprechen, ihre Augen traten hervor, ihr Mund stand offen im verzweifelten Versuch, Luft einzuatmen. Ihr drehte sich der Kopf, gleich würde sie die Besinnung verlieren.

Dann hörte sie aus der Nähe einen Schrei, plötzlich löste sich der Griff um ihren Hals. Sie rutschte die Wand hinunter und rang keuchend nach Luft. Blinzelnd sah sie auf, langsam nahm die Welt wieder Gestalt an. Über ihr stand Freddie Lennox, der einen sich wehrenden Sam festhielt.

»Mummy, was ist los?«

Verschwommen sah Amy Jake in der Wohnzimmertür stehen, die Arme um Sara geschlungen.

»Mein Schatz, Mummy kommt gleich zu euch«, brachte sie heiser hervor.

Mit einem Blick auf die Kinder schleuderte Freddie Sam zu Boden und stand mit wenigen Schritten neben den beiden. Er nahm sie fest bei der Hand und kam zu Amy zurück.

»Meine Liebe, können Sie aufstehen?«

»Ich glaube schon.« Amy bemühte sich, doch ihre Beine wollten ihr nicht gehorchen.

Sam taumelte auf sie zu.

»Was zum Teufel suchen Sie hier?«, lallte er.

»Unterstehen Sie sich, sich ihr zu nähern«, sagte Freddie eisig. »Wenn Sie Amy oder Ihre Kinder auch nur berühren, rufe ich sofort die Polizei. Also, Jake, nimm Sara an der Hand, während ich Mummy zum Auto helfe, ja?«

»Amy, warte! Wohin geht ihr?«, jammerte Sam, als Freddie die Kinder zur Haustür hinausschob und ihnen mit Amy folgte, die er mehr trug als stützte. »Amy! Ich …«

Freddie zog die Tür hinter sich ins Schloss und führte alle zu seinem Wagen.

»Also, junge Frau«, sagte er, sobald sie darin saßen, »jetzt bringen wir Sie ins Krankenhaus.«

Amy schüttelte den Kopf. »N-nein, das ist nicht nötig. M-mir fehlt nichts. Er hat bloß kochendes Wasser über meine Beine geschüttet«, brachte sie hervor. Ihre Zähne klapperten vor Schock.

»Dann sollten wir das ansehen lassen«, sagte Freddie mit Nachdruck und startete den Wagen. »In Ordnung, ihr beiden?« Er drehte sich um und blickte in zwei verängstigte Augenpaare.

»Ich glaube schon«, antwortete Jake.

»Tapferes Kerlchen«, sagte Freddie mit einem Nicken und fuhr los, während Amy in unendlicher Erleichterung die Augen schloss.