Kapitel 39
Am folgenden Nachmittag machte Tammy mit Clemmie und Posy gerade einen Rundgang durch den Garten, als das Handy in ihrer Tasche läutete.
»Entschuldigt, ihr beiden, ich bin gleich wieder da«, sagte sie laut und gab Posy über Clemmies Kopf hinweg zu verstehen, dass Nick am Apparat war. Posy nickte und ging mit Clemmie weiter, damit Tammy ungestört reden konnte.
»Ja, bitte?«
»Tammy, hier ist Nick. Evie ist vor zwanzig Minuten gestorben.«
Sie hörte die Erschöpfung und die Leere in seiner Stimme. »Ach, Nick, das tut mir so unendlich leid.«
»Danke. Ich muss hier leider noch einigen Papierkram erledigen, aber sobald ich das gemacht habe, fahre ich nach Hause. Bitte sag Clemmie noch nichts, ja? Ich glaube, sie sollte es von mir erfahren.«
»Aber natürlich. Mach’s gut, mein Schatz. Ich liebe dich.«
Tammy betrachtete den Garten, über dem zarter Dunst hing, und atmete den behaglichen Geruch von Holzfeuer ein. Posy schnitt gerade Stechpalmenzweige von einem Strauch, während Clemmie ihr die Leiter hielt. Tammy ging zu ihnen, und als Posy hinunterstieg, sah sie fragend zu ihr, und Tammy schüttelte ganz leicht den Kopf. Posy nickte.
»Ich glaube, ich habe endlich ein Familienmitglied gefunden, das meine Leidenschaft fürs Gärtnern teilt, oder was meinst du, Clemmie?«, fragte Posy lächelnd.
»Ja! Ich mag Blumen und Pflanzen, und wenn sie im Frühling wieder rauskommen, bringt Oma mir alles über sie bei.«
»Darauf kannst du wetten! Und jetzt – sollen wir ins Haus gehen und uns eine heiße Schokolade machen und dazu ein Stück Kuchen essen? Hier draußen wird es allmählich sehr kalt und dunkel.«
Als sie zum Haus zurückkehrten, blickte Tammy in den Himmel, wo schon die ersten Sterne funkelten.
Leb wohl, Evie. Ich verspreche dir, ich tue mein Bestes, mich um deine Tochter zu kümmern …
Nick kam eine Stunde später nach Hause, er sah blass und erschöpft aus. Er ging mit Clemmie ins Frühstückszimmer, wo sie und Posy den Weihnachtsbaum aufgestellt hatten, und schloss die Tür hinter sich.
»Ein Glas Wein wäre jetzt genau das Richtige«, sagte Posy düster und holte die Flasche aus dem Kühlschrank. »Für dich wahrscheinlich auch, oder?«
»Gern, Posy.«
Schweigend saßen die beiden Frauen am Tisch und hingen ihren Gedanken nach.
»Ich war etwas jünger als Clemmie, als mein Vater starb«, sagte Posy nach einer Weile. »Im Unterschied zu ihr war ich zwar überhaupt nicht darauf vorbereitet, aber trotzdem. So viel ihre Mutter auch getan hat, um ihr zu helfen, mit der Nachricht zurechtzukommen, es wird nicht leicht für sie sein. Sie wird am Boden zerstört sein. Bis jetzt war das alles noch vage Zukunft, aber jetzt ist es Realität geworden.«
»Wie ist dein Vater denn gestorben, Posy?«
»Das, Tammy, ist ein lange Geschichte.« Posy lächelte traurig. »Vor Kurzem ist etwas passiert, und ich hatte das Gefühl, ich würde ihn ein zweites Mal verlieren.«
Die Tür zum Frühstückszimmer ging auf, und Nick erschien mit Clemmie auf dem Arm. Ihr Kopf lag an seiner Schulter.
»Sie hat gesagt, sie möchte zu dir, Mum«, sagte er und trug sie zu ihr.
Bei dem kurzen Blick, den Tammy auf Clemmies tränenüberströmtes Gesicht bekam, wurde ihr das Herz schwer vor Liebe. Nick gab ihr die Hand, während Posy sich Clemmie auf den Schoß setzte.
»Ist von dem Wein noch etwas da?«, fragte er.
Tammy holte die Flasche und ein weiteres Glas, dann verließen sie zusammen den Raum.
»Wie hat sie’s aufgenommen?«
»Relativ gefasst. Sie hat mir gesagt, dass Evie sich gestern von ihr verabschiedet hat«, berichtete er, als sie sich im Frühstückszimmer vor das Feuer setzten. »Aber sie ist natürlich unendlich traurig.«
»Das ist doch klar.«
»Ich habe ihr gesagt, dass Mummy friedlich eingeschlafen ist. Was auch stimmt. Evie ist irgendwann einfach nicht mehr aufgewacht. Es war besser so, Tammy, sie hatte so große Schmerzen. Ich …«
Nick begann zu weinen, und Tammy zog ihn an sich, und er schluchzte leise an ihrer Schulter.
»Es tut mir so leid, so unendlich leid«, flüsterte Tammy.
Nick löste sich aus ihrer Umarmung und trocknete sich die Tränen an seinem Pullover. »Entschuldige, dass ich dir etwas vorweine, Tammy. Ich muss mich um Clemmies willen zusammenreißen. Es wird einiges zu organisieren geben – Evies Beisetzung, zum Beispiel –, sie hat sich etwas Schlichtes hier in der Kirche vorgestellt. Und dann ihr Haus in Southwold – sie hat natürlich alles Clemmie hinterlassen. Sie meinte, es wäre wahrscheinlich am besten, es zu verkaufen und das Geld für ihre Ausbildung und ein Studium anzulegen.«
»Das hat alles noch etwas Zeit, Nick. Das Wichtigste ist jetzt, dass wir uns alle um Clemmie kümmern.«
»Ja.« Nick lächelte matt. »Danke, dass du so großartig bist. Es tut mir so leid, Tammy, ich …«
»Sei still, Nick. Darum geht es bei Liebe doch, oder nicht? Dass man in schlechten Zeiten zusammenhält.«
»Na, hoffen wir mal, dass es auch gute Zeiten geben wird.«
»Ganz bestimmt, Nick, das verspreche ich dir«, sagte Tammy mit Nachdruck.
Evies Beerdigung fand eine Woche später an einem nasskalten, grauen Tag statt. Anschließend trafen sich die wenigen Trauergäste in Admiral House zu einem Glas Glühwein und Posys selbst gebackenen Mince Pies.
»Ich bin sehr stolz auf sie«, sagte Posy zu Nick, als sie Clemmie beobachteten, die mit ihren neu gefundenen Cousins auf dem Küchenboden saß. »Sie scheint sich sehr gut einzupassen. Habt ihr schon entschieden, ob sie weiter aufs Internat gehen soll?«
»Wir haben darüber gesprochen, und Clemmie sagt, dass sie zumindest vorläufig dort bleiben möchte. Sie hat viele Freundinnen gefunden, außerdem bedeutet es Normalität, was für sie im Moment sehr wichtig ist«, antwortete Nick.
»Guten Tag, Posy«, sagte Marie, die sich zu ihnen gesellte. »Hi, Nick.«
»Hi, Marie, danke, dass Sie gekommen sind«, antwortete er höflich.
»Aber das ist doch selbstverständlich. Evie und ich waren an der Schule sehr eng befreundet. Die ganzen Träume, die wir hatten …« Marie schüttelte den Kopf. »Wer hätte gedacht, dass Evies Zukunft so endet.«
»Ich weiß, es ist sehr traurig«, sagte Posy seufzend.
»Mir ist klar, dass es nicht ganz der richtige Augenblick ist, aber haben Sie sich schon überlegt, was Sie mit Admiral House machen möchten?«, fragte Marie.
»Nicht so ganz, meine Liebe, nein, aber wenn, dann erfahren Sie als Erste davon«, antwortete Posy etwas irritiert.
»Ich schaue demnächst bei Ihnen vorbei«, sagte Nick. »Ich würde mich gerne mit Ihnen darüber unterhalten, Evies Haus nach Weihnachten zu verkaufen.«
»Sehr schön. Dafür einen Käufer zu finden, sollte überhaupt kein Problem sein. Clemmie wird danach vermutlich mehr Geld haben als jeder andere von uns. Rufen Sie mich einfach an, wenn’s für Sie passt.« Und mit einem Nicken ging sie davon.
Nick bemerkte Posys Miene. »Mum, das Leben geht weiter«, sagte er. »So ist die Welt nun mal.«
»Ich weiß. Das tat sie auch, als ich meinen Vater verlor.« Posy drehte sich nach Freddie um, der in seinem dunklen Anzug sehr schick aussah. Er war in ein Gespräch mit Tammy vertieft.
»Er wirkt sehr nett«, sagte Nick mit einem breiten Lächeln.
»Das ist er auch. Ich fühle mich vom Glück gesegnet.«
»Es ist auch Zeit geworden, dass du endlich jemanden hast, der sich um dich kümmert.«
»Ich hoffe, dass wir uns umeinander kümmern.« Posy lächelte. »Irgendwann einmal erzähle ich dir von ihm und warum wir nicht schon vor vielen Jahren zusammengekommen sind. Übrigens, Nick, habt ihr euch schon Gedanken wegen Weihnachten gemacht?«
»Ich habe gestern Abend mit Tammy und Clemmie darüber gesprochen, und wir würden gerne hier bei dir feiern, wenn das in Ordnung ist.«
»Aber selbstverständlich, Nick. Freddie, Amy und die Kinder werden sowieso hier sein. Für sie ist es auch schwierig – das erste Weihnachten ohne ihren Vater. Aber wir werden es uns so schön machen, wie es uns möglich ist.«
In den Tiefen ihrer Handtasche läutete ihr Handy. »Entschuldige, Nick, das sollte ich annehmen.«
»Natürlich.«
»Ja, bitte?«
»Posy, hier ist Sebastian.«
»Guten Tag, Sebastian. Wie schön, Sie zu hören.«
»Kommt mein Anruf ungelegen?«
»Nein, gar nicht.« Posy verließ die Küche und schloss die Tür hinter sich, um ihn besser zu verstehen. »Und, haben Sie Glück gehabt?«
»Erstaunlicherweise ja. Ihr Vater liegt in einem unmarkierten Grab auf dem Gelände von Pentonville Prison.«
»Unmarkiert?«
»Nun ja, es gibt keinen Grabstein, es liegen nur ein paar Angaben vor, wo genau auf dem Gelände er begraben wurde.«
»Ah ja. Kann ich es denn besuchen?«
»Tja, üblich ist es nicht, aber mein Ansprechpartner hat das eine oder andere gute Wort eingelegt, und ja, Sie können es besuchen. Wäre Ihnen Freitag recht?«
»Selbst wenn nicht, ich bin zur Stelle. Sebastian?«
»Ja?«
»Würden Sie mich begleiten?«
»Natürlich. Aber würden Sie nicht lieber jemanden aus Ihrer Familie mitnehmen?«
»Nein, ganz bestimmt nicht. Meine Söhne wissen noch gar nichts davon.«
»Also gut. Ich hätte zwar nie gedacht, dass ich so etwas zu Ihnen sagen würde, Posy, aber dann treffe ich Sie am Freitag um vierzehn Uhr vorm Gefängnis.«
»Perfekt. Ich danke Ihnen tausendfach.«
»Kein Problem, Posy. Also, dann bis Freitag.«
Posy brauchte einen Moment, um sich wieder zu sammeln. Welche Ironie, dachte sie, dass sie die Grabstelle ihres Vaters genau in dem Moment entdeckte, als sie einen anderen Menschen beerdigten, der vor seiner Zeit gestorben war.
Sie atmete tief durch und kehrte in die Küche zurück.