Kapitel 5

Nick Montague sah durch das Fenster des Taxis in den frühmorgendlichen Dunst hinaus. Obwohl es noch nicht mal sieben Uhr war, fuhren die Autos auf der M4 Richtung London Stoßstange an Stoßstange.

Ihn fröstelte. Zum ersten Mal seit zehn Jahren erlebte er die Frische des englischen Herbsts. In Perth begann gerade das Frühjahr, die Temperaturen lagen um die zwanzig Grad.

Als sie sich dem Stadtzentrum näherten, spürte Nick die Spannung der Großstadt, ein absoluter Kontrast zur gelassenen Atmosphäre von Perth. Dieses Vibrieren belebte ihn ebenso sehr, wie es ihn verstörte, und er wusste, dass er eine Weile brauchen würde, um sich wieder daran zu gewöhnen. Er war froh über seinen Entschluss, zuerst ein paar Tage in London zu bleiben, anstatt direkt nach Southwold zu fahren. Er hatte seiner Mutter das genaue Datum seiner Rückkehr nicht gesagt, weil er zunächst etwas Zeit für sich verbringen wollte, ohne dass sie ihn erwartete. Es gab einige Entscheidungen, die er treffen wollte, bevor er sie sah.

In den vergangenen Monaten hatte er zum ersten Mal seit seiner Ankunft in Perth Heimweh nach England empfunden. Möglicherweise deswegen, weil ihn anfangs die Herausforderung, sich in einem anderen Land eine Existenz aufzubauen, völlig in Anspruch genommen hatte. Und mit seinem Geschäft hatte er wirklich Erfolg gehabt, mittlerweile war er der Inhaber eines florierenden Antiquitätenzentrums an der Left Bank und hatte sich eine hinreißende Wohnung im Viertel Peppermint Grove mit Blick auf das Wasser gemietet.

Vielleicht war ihm alles ein bisschen zu sehr in den Schoß gefallen, dachte er sich. Er war in einem Augenblick nach Perth gekommen, als die Stadt explodierte und sich eine ganze Schar wohlhabender Jungunternehmer dort ansiedelte, und dank der fehlenden Konkurrenz auf dem Antiquitätenmarkt hatte er wesentlich mehr Geld verdient, als es ihm in England je möglich gewesen wäre.

Er hatte versucht, seinen Erfolg zu genießen, aber er wusste schon seit einiger Zeit, dass er eine neue Herausforderung brauchte. Er hatte mit dem Gedanken gespielt, Niederlassungen in Sydney und Melbourne zu eröffnen, aber das hätte sich aufgrund der großen Entfernung zwischen den Städten schwierig gestaltet, insbesondere was den Transport der Möbel betraf. Abgesehen davon besaß er mittlerweile das Geld und die Erfahrung, um in die Liga der Großen aufzusteigen, und wenn nicht jetzt, dann nie, gestand Nick sich ein. Das bedeutete, kurz gesagt, nach Hause zurückzukehren.

Er wollte eine Weile in London verbringen und den Antiquitätenmarkt sondieren, erstklassige Auktionen besuchen und zwei oder drei Geschäftsräume besichtigen, die er im Internet gefunden hatte. Außerdem wollte er feststellen, wie es ihm damit gehen würde, wieder in England zu leben. Wenn er sich hier nicht wohlfühlte, würde er vielleicht nach New York gehen.

»Da wären wir, der Herr. Gordon Place Nummer sechs.«

»Danke«, sagte Nick und bezahlte den Fahrer. Als das Taxi wegfuhr, wuchtete Nick seinen Koffer zur Tür des von Glyzinien überwucherten Stadthauses. Obwohl es zur Kensington High Street zu Fuß nur zwei Minuten waren, herrschte hier die Ruhe einer eleganten Wohngegend. Es tat gut, Häuser zu sehen, die zweihundert Jahre überdauert hatten im Gegensatz zu den ewigen Neubauten, die es in Perth gab.

Er klingelte.

»Tag, Nick!« Paul Lyons-Harvey umarmte ihn fest und schlug ihm auf die Schulter. »Schau dich an, du hast dich überhaupt nicht verändert. Du hast sogar noch dein eigenes Haar, das kann nicht jeder von sich behaupten.« Paul fuhr sich über den kahlen Scheitel, griff nach Nicks Koffer und trug ihn ins Haus.

»Nick!« Wieder wurde er umarmt, dieses Mal von Jane, Pauls Frau, einer großen, gertenschlanken blonden Frau, deren ebenmäßige Gesichtszüge früher häufiger das Cover der Vogue geschmückt hatten.

»Sieht er nicht fit aus?«, sagte Paul, als er Nick den schmalen Flur entlang zur Küche vorausging.

»Und wie! Das viele Surfen muss ihm helfen, sich die Pfunde vom Leib zu halten. Ich versuche ständig, Paul auf Diät zu setzen, aber nach ein oder zwei Tagen kann er dem Nachtisch einfach nicht mehr widerstehen«, gab Jane zurück und küsste ihren kleinen und zweifellos korpulenten Mann liebevoll auf die Glatze.

»Was mir an Höhe fehlt, mache ich durch Umfang wett«, sagte Paul lachend.

»Dir geht’s wohl zu gut, was?«, fragte Nick, setzte sich an den Küchentisch und schwang die Beine darunter.

»Ich muss sagen, in den letzten Jahren ist alles sehr gut gelaufen. War ja auch notwendig, um die Herrin des Hauses mit Pelzen und Geschmeiden bei Laune zu halten.«

»Allerdings«, stimmte Jane zu und schaltete den Wasserkocher an. »Wegen deines Aussehens habe ich dich ja wohl kaum geheiratet, oder, mein Schatz? Nick, Kaffee?«

»Ja, gerne«, antwortete Nick und bewunderte Janes lange Beine, die in einer Jeans steckten. Wieder einmal dachte er sich, dass sein ältester Freund und dessen Frau körperlich absolute Gegensätze sein mochten, aber eine der stabilsten Ehen in seinem ganzen Bekanntenkreis führten. Sie ergänzten sich perfekt: Paul, der aristokratische Kunsthändler, und Jane mit ihrer Eleganz, ihrer Bodenständigkeit und einer Ruhe, die das eher aufgeregte Wesen ihres Mannes ausglich. Sie himmelten sich gegenseitig an.

»Wie müde bist du?«, fragte Jane und stellte einen Becher Kaffee vor ihn.

»Ziemlich«, gestand er. »Wenn ihr nichts dagegen habt, würde ich mich gerne ein paar Stunden hinlegen.«

»Natürlich nicht, aber ich fürchte, wir haben heute Abend eine größere Gesellschaft zum Essen eingeladen. Das hatten wir ausgemacht, bevor wir wussten, dass du kommst«, sagte Jane entschuldigend. »Wenn dir danach ist, wäre es wunderbar, wenn du dabei bist, aber wenn nicht, ist das auch in Ordnung.«

»Ich an deiner Stelle würde kommen. Die Gästeliste ist erlesen«, warf Paul ein. »Eine hinreißende Frau aus Janes guter alter Zeit auf dem Laufsteg. Ich gehe davon aus, dass du noch immer solo bist?«

»Ja. Ich bin der ewige Junggeselle«, stimmte Nick zu.

»Na, bei der Sonnenbräune stehen binnen vierundzwanzig Stunden die Frauen Schlange bei uns vor der Tür«, sagte Jane. »Aber jetzt muss ich los. Ich habe mittags ein Shooting und muss noch ein Paar Schuhe für das Model finden.«

Seitdem Jane vor einigen Jahren das Modeln aufgegeben hatte, arbeitete sie freiberuflich als Modestylistin und war, wie Nick Pauls E-Mails entnahm, sehr gefragt.

»Ruh dich ein bisschen aus und sieh zu, dass du dich für heute Abend erholst. Ein zusätzlicher Mann am Tisch wäre sehr schön.« Jane massierte Nick kurz die Schultern, gab ihrem Mann einen Kuss und war verschwunden.

»Du bist wirklich ein Glückspilz.« Nick grinste. »Jane ist hinreißend. Ihr seht noch genauso glücklich aus wie vor zehn Jahren.«

»Ja, ich habe auch Glück«, meinte Paul, »aber alter Junge, jede Ehe hat ihre Probleme. Unsere macht da keine Ausnahme.«

»Ach ja? Das merkt man euch nicht an.«

»Nein. Aber vielleicht ist dir das fehlende Trappeln kleiner Füße aufgefallen. Wir haben es fast sechs Jahre lang versucht, aber ohne Erfolg.«

»Das wusste ich nicht, Paul. Das tut mir leid.«

»Na ja, man kann nicht alles haben, stimmt’s? Aber ich glaube, für Janey ist es schlimmer, sie ist eine Frau, und überhaupt. Wir haben wirklich alles versucht, sämtliche Untersuchungen gemacht und zweimal sogar IVF. Ich kann dir sagen, wenn es etwas gibt, das einem Sex verleidet, dann das. Es ist ziemlich abtörnend, auf Befehl liefern zu müssen, an einem bestimmten Tag zu einer bestimmten Zeit.«

»Das kann ich mir vorstellen.«

»Irgendwann haben wir beschlossen, uns das nicht mehr anzutun. Die Belastung für die Ehe war einfach zu groß. Janey ist mit ihrer Arbeit ziemlich glücklich, und ich kann mich im Moment wirklich nicht beklagen.«

»Irgendwelche Fundstücke?« Nick war ebenso froh, das Thema zu wechseln, wie Paul.

»Nur ein Canaletto, auf den ich bei meinen Reisen gestoßen bin«, antwortete er fast beiläufig. »Für den habe ich einen ziemlich guten Preis bekommen, wie du dir denken kannst. Damit habe ich unseren Ruhestand gesichert, alles Zusätzliche ist fürs Vergnügen. Aber sag, wie läuft’s bei dir?«

»Gut. Zumindest finanziell, aber meinen Canaletto habe ich noch nicht gefunden.« Nick lachte.

»Ich habe mir zwei Läden angesehen, die perfekt für dich wären, wenn du dich entschließt, in London zu bleiben. Wie du sicher weißt, war der Antiquitätenmarkt eine Weile ziemlich mau, alle waren verrückt nach Edelstahl und modernen Sachen. Aber jetzt, wo eine Rezession droht und die Märkte ganz nervös sind, kaufen die Leute wieder vermehrt Dinge, von denen sie hoffen, dass sie ihren Wert behalten. Durch die ganzen Fernsehsendungen zu dem Thema wissen die Leute viel besser Bescheid als früher, und für erstklassige Sachen legen sie auch richtig Geld hin, aber Schrott ist schwerer loszukriegen.«

»Das freut mich zu hören, schließlich will ich am oberen Ende des Markts einsteigen, wie zum Schluss in Southwold, bevor ich nach Australien gegangen bin.« Nick unterdrückte ein Gähnen. »Entschuldige, Paul, es war ein langer Flug. Ich bin völlig erschlagen. Ich habe im Flugzeug nicht viel geschlafen.«

»Natürlich. Geh nach oben und leg dich hin, und ich sollte mich wohl besser mal in der Galerie blicken lassen.« Er klopfte Nick freundschaftlich auf den Rücken. »Schön, dass du wieder hier bist. Du weißt, du kannst so lange bei uns bleiben, wie du magst.«

»Danke.« Nick stand auf. »Es ist wirklich großartig, bei euch zu sein. Euer Haus ist wunderschön.« Er machte eine umfassende Geste. »Es ist so … englisch. Die Architektur hat mir gefehlt.«

»Englisch ist es wirklich, das stimmt. Du bist ganz oben. Schlaf gut.«

Nick schleppte seinen Koffer die drei Treppenabsätze hinauf und öffnete die Tür zu einem Dachzimmer. Wie alle anderen Räume im Haus war auch dieses eklektisch, aber gemütlich eingerichtet, und das große Messingbett mit der spitzenbesetzten Tagesdecke sah einladend aus. Ohne sich auszuziehen, ließ Nick sich der Länge nach darauf fallen und war sofort eingeschlafen.

Als er aufwachte, dämmerte es bereits, und er ärgerte sich, keinen Wecker gestellt zu haben. Er schaltete das Licht an und stellte fest, dass es fast sechs Uhr abends war. In der kommenden Nacht würde er kein Auge zutun. Hinter der ersten Tür, die er öffnete, verbarg sich ein Schrank, doch die zweite führte in ein kleines, aber praktisch eingerichtetes Duschbad. Er holte seinen Waschbeutel und saubere Kleidung aus dem Koffer, duschte und rasierte sich.

Zwanzig Minuten später ging er nach unten, wo Jane in ihrem Morgenrock in der Küche stand und Paprikaschoten und Champignons schnitt.

»Guten Morgen, du Schlafmütze. Geht’s dir besser?«

»Ja, obwohl ich mich schon jetzt dafür entschuldige, wenn ich morgens um vier immer noch zum Plaudern aufgelegt bin.«

»Das stört mich gar nicht, du weißt doch, ich bin eine Nachteule.«

Nick steckte sich eine Scheibe Paprika in den Mund. »Dein neuer Job macht dir also Spaß?«

»Ja, und zwar viel mehr, als ich gedacht hätte. Anfangs habe ich mich nur einer befreundeten Fotografin zuliebe darauf eingelassen. Um ehrlich zu sein, wollte ich bloß die Zeit überbrücken, bis … Na ja, Paul und ich haben darauf gewartet, dass sich Kinder einstellen. Aber jetzt, wo das außer Frage ist, sieht es aus, als würde ich richtig Karriere machen.«

»Paul hat erwähnt, dass ihr ein paar Schwierigkeiten hattet«, antwortete Nick vorsichtig.

»Ach ja?« Sie seufzte. »Das Komische ist, früher habe ich nie über Kinder nachgedacht. Im Gegenteil, bis Ende zwanzig habe ich alles drangesetzt, keine zu bekommen. Ganz schön ironisch, wenn ich mir das jetzt so überlege. Ich habe nie geglaubt …« Jane hielt mit dem Schneiden inne und starrte in die Luft. »Na ja, wahrscheinlich habe ich gedacht, es sei das Naturrecht jeder Frau. Das Problem ist, ganz unbedingt möchte man etwas erst dann, wenn man es nicht bekommen kann.«

»Das tut mir wirklich leid, Jane.«

»Danke.« Sie strich sich eine blonde Haarsträhne aus den Augen und widmete sich wieder dem Gemüse. »Das Schlimmste ist, dass ich mir ständig Vorwürfe mache, wie ich mit meinem Körper umgegangen bin, als ich jung war. Ich habe wie alle Models von schwarzem Kaffee und Zigaretten gelebt.«

»Aber die Ärzte sehen doch nicht bei dir den Grund, oder?«

»Nein. Wir gehören zu dem einen Prozent von Paaren, bei denen es keine bekannte Ursache gibt. Aber mittlerweile ist das Schlimmste vorbei. Wir haben uns damit abgefunden, dass wir kinderlos bleiben, und ich bin gerade über die Phase hinweg, in der ich bei jedem Kinderwagen in Tränen ausgebrochen bin.«

»Ach, Janey.« Nick nahm sie fest in die Arme.

»Wie auch immer.« Jane fuhr sich über die Augen. »Nick, was ist mit dir? Es muss in den letzten zehn Jahren doch eine Frau gegeben haben.«

»Nein, eigentlich nicht. Natürlich gab’s die eine oder andere, aber …« Er zuckte mit den Schultern. »Irgendwie hat es nie gefunkt. Gebranntes Kind und so. Ich bin als Single sehr glücklich.«

Die Haustür ging auf, und Paul kam mit schnellen Schritten den Flur entlang in die Küche. »Guten Abend, mein Schatz!« Er drehte seine Frau zu sich in die Arme und drückte ihr einen Kuss auf den Mund. »Ich habe gerade eine bildhübsche kleine Gemme erstanden. Wir überprüfen sie, aber wir glauben, es könnte sich um Lady Emma Hamilton handeln, Lord Nelsons Mätresse. Nick, mein Freund, wie war dein Tag?«

»Verschlafen«, antwortete er. »Und bevor ich euch jetzt im Weg herumstehe, gehe ich in den nächsten Pub. Es verlangt mich nach meinem ersten richtigen Ale auf englischem Boden, und das Bedürfnis muss befriedigt werden.«

»Aber sei um acht wieder hier«, rief Jane ihm nach, als er die Küche verließ.

»Mach ich«, antwortete er.

Er betrat den Pub auf der gegenüberliegenden Straßenseite, bestellte ein Glas schäumendes Ale, ließ sich auf einem Barhocker nieder und lächelte vor Freude beim ersten Schluck. Während er sich das Bier schmecken ließ und die einzigartige Atmosphäre des sehr englischen Pubs genoss, überlegte er sich, dass er eigentlich überhaupt keine Lust hatte, seinen ersten Abend in England bei einer Dinnerparty zu verbringen und mit einer Gruppe Wildfremder höflich Smalltalk zu machen.

Eine halbe Stunde und ein weiteres Glas Bier später verließ Nick den Pub, schlenderte die Kensington Church Street hinauf und blickte in die Schaufenster der vielen erstklassigen Antiquitätengeschäfte, die es hier gab. Dann sah er sich um. Könnte er hier leben? Das sonnige, entspannte Perth mit den grandiosen Stränden gegen ein Leben in einer der hektischsten Großstädte der Welt eintauschen?

»Vom Wetter ganz zu schweigen«, murmelte er, als es zu nieseln begann. Sein Blick blieb an einer prächtigen Kommode aus der Zeit König Georgs hängen, die im Schaufenster von einem Spotlight angestrahlt wurde.

In dem Moment dachte Nick, doch, das könnte er.

»Nick, wir haben uns schon Sorgen gemacht. Wir dachten, du wärst vielleicht entführt worden, du warst doch so lange in keiner Großstadt mehr. Komm mit in die versammelte Runde.« Jane, elegant in einer Lederhose mit Seidenbluse, ging ihm voraus ins Wohnzimmer. »Ein Glas Champagner?«

»Warum nicht?« Nick nahm das Glas und nickte höflich, als Jane ihn den anderen Gästen vorstellte. Er setzte sich auf das Sofa neben eine attraktive Brünette, die, wenn er sich recht erinnerte, mit dem alternden Ronnie-Wood-Doppelgänger verheiratet war, der sich gerade mit Paul unterhielt.

Als sie ihm die ersten belanglosen Fragen nach Kängurus und Koalabären stellte, ahnte Nick, dass sich der Abend sehr in die Länge ziehen würde. Aber an Flucht war nicht zu denken.

Es läutete an der Tür, und Jane ging hinaus. Wenig später kehrte sie mit einer Frau zurück, deren auffällige Schönheit Nick trotz seiner lustlosen Stimmung aufmerken ließ. Sie war groß, hatte eine Haut wie Alabaster und eine tizianrote Haarpracht. Nick konnte nicht anders, er musste sie anstarren, als Jane sie ihm vorstellte. In dem bodenlangen grünen Samtkleid mit dem chinesischen Kragen und den runden Knöpfchen, die bis zu ihren Knöcheln hinuntergingen, sah sie aus, als sei sie geradewegs einem florentinischen Gemälde des fünfzehnten Jahrhunderts entsprungen.

»Nick, darf ich dir Tammy Shaw vorstellen, eine meiner langjährigsten Freundinnen«, sagte sie und reichte Tammy ein Glas Champagner.

Tammy betrachtete ihn nur fragend aus ihren großen grünen Augen. Nick erhob sich und gab ihr die Hand. »Schön, Sie kennenzulernen, Tammy.«

»Nick ist erst heute Morgen aus Australien angekommen«, sagte Jane, als Nick auf dem Sofa Platz machte und Tammy sich neben ihn setzte.

»Woher kennen Sie Jane und Paul?«, fragte er.

»Ich habe Janey vor Jahren bei meinem allerersten Fotoshooting kennengelernt. Sie hat mich unter ihre Fittiche genommen, und seitdem sind wir befreundet.«

»Sie sind also auch Model?«

»Ich war, ja.« Sie nickte und trank einen Schluck Champagner. Dabei wanderte ihr Blick durch den Raum.

Nick spürte den Widerwillen, der von ihr ausging. Das konnte er nachvollziehen. Eine Frau mit ihrem Aussehen wurde bestimmt von ganzen Heerscharen Männer angemacht.

»Um ehrlich zu sein«, Nick senkte die Stimme, »war eine Dinnerparty nicht gerade das, was ich mir für meinen ersten Abend in London vorgestellt habe. Entschuldigen Sie also bitte, wenn meine Konversation etwas blutleer ist.«

»Ich persönlich kann Dinnerpartys nicht leiden.« Jetzt warf Tammy ihm ein kleines Lächeln zu. »Vor allem, wenn ich als der Vorzeige-Single eingeladen werde. Aber Janey ist meine beste Freundin, also mache ich bei ihr eine Ausnahme. Leben Sie in London?«

»Nein, im Moment wohne ich bei Jane und Paul.«

»Und woher kennen Sie die beiden?«

»Paul kenne ich aus Internatszeiten. Da war ich neun und habe ihn vor einer Clique von Schlägern gerettet, die ihm den Kopf in die Toilette gehalten haben. Seitdem sind wir Freunde.« Nicks Blick wanderte zu Paul. »Er hat sich überhaupt nicht verändert«, fuhr er lächelnd fort, »aber ich stelle mir gerne vor, dass die, die ihn damals so schikaniert haben, es zu nichts gebracht haben, während er so unglaublich erfolgreich ist.«

»Jungs können unglaublich grausam sein. Wenn ich Kinder habe, werde ich sie nie wegschicken. Alle Männer aus meinem Bekanntenkreis, die im Internat waren, sind irgendwie geschädigt.«

»Hoffentlich nicht wir alle«, widersprach Nick mit einem ironischen Lächeln. »Heute geht es in Internaten nicht mehr zu wie im finsteren Mittelalter.«

»Schon möglich.«

»Und was machen Sie?«, fragte er höflich.

»Ich habe am Portobello Road Market einen Stand, wo ich Vintage-Kleidung verkaufe.«

Nick sah sie mit erneutem Interesse an. »Wirklich?«, fragte er.

»Ja. Ich hatte sie jahrelang eingelagert, weil sie mir so gut gefallen haben. Jetzt will jeder sie haben.«

»Witzig, ich bin nämlich Antiquitätenhändler. Heißt das, dass wir beide eher in die Vergangenheit als in die Zukunft schauen?«

»So habe ich das nie gesehen«, sagte Tammy und kratzte sich die Nase, »aber vielleicht haben Sie recht. Ich habe das Gefühl, als würde ich im falschen Jahrhundert leben. Was für Antiquitäten verkaufen Sie denn?«

»Eher klassische Moderne, das heißt keine rustikalen Holzmöbel. Ich suche nach ausgefallenen Stücken, die ich schön finde, und hoffe, dass andere auch der Meinung sind. Morgen gehe ich zu einer Auktion, ich habe einen famosen Murano-Kronleuchter im Blick.«

»Das baut mich auf. Ich kaufe nämlich auch nur Kleider, die mir gefallen und die ich gerne tragen würde.«

»Finden sich dafür denn Abnehmer?«

»Ja, schon. Aber ehrlich gesagt werde ich allmählich zu alt, um an einem Samstag im Januar im eiskalten Regen zu stehen, ganz abgesehen davon, dass es den Kleidern auch nicht guttut. Deswegen bin ich auf der Suche nach einem Laden.«

»Ah ja.« Nick lachte. »Ich auch.«

»Leute, das Essen gibt’s nebenan.« Jane stand in der Tür und winkte mit einem Ofenhandschuh.

Nick stellte mit Erleichterung fest, dass er neben Tammy saß. Wider Willen fand er sie faszinierend.

»Wie sind Sie Model geworden?«

»Zufall«, sagte sie mit einem Achselzucken und nahm sich von den Tapas, die auf dem Tisch standen.

»Zu der Zeit habe ich am King’s College in London Philosophie studiert«, fuhr Tammy beim Essen fort. »Irgendwann hat mich bei Topshop am Oxford Circus jemand von einer Modelagentur gesehen. Ehrlich gesagt hätte ich nie gedacht, dass ich das länger machen würde, es war einfach eine gute Möglichkeit, zu meinem Stipendium etwas hinzuzuverdienen. Aber dann ging es doch weiter, und tja, jetzt liegt meine Zukunft hinter mir.«

»Wohl kaum«, widersprach Nick und stellte befriedigt fest, dass sie einen herzhaften Appetit hatte. »Hat es Ihnen Spaß gemacht?«

»Zum Teil schon. Ich meine, in einigen der weltbesten Ateliers mit Spitzendesignern zusammenzuarbeiten, hatte schon etwas, aber das Gewerbe ist ein einziges Hauen und Stechen. Ich war froh, auszusteigen und in die Realität zurückzukehren.«

»Auf mich wirken Sie ziemlich real.«

»Danke. Wissen Sie, nicht alle Models sind geistlose Kokainsüchtige.«

»Haben Sie Angst, dass Sie so gesehen werden könnten?«, fragte Nick freimütig.

»Ja«, gab sie zu, und eine zarte Röte stieg ihr aus dem Kleiderkragen ins Gesicht.

»Tragen Sie eins von Ihren Kleidern?«

»Ja. Das habe ich mit achtzehn in einem Oxfam-Laden gekauft. Seitdem trage ich es zu allen passenden und unpassenden Gelegenheiten.«

»Das Problem ist«, sagte Nick nachdenklich, »man wird nicht reich davon, wenn man seiner Leidenschaft frönt. In Perth habe ich ein Haus voll wunderschöner Gegenstände, von denen ich mich einfach nicht trennen kann.«

»Ich weiß genau, was Sie meinen«, stimmte Tammy bei. »Mein Schrank quillt über vor Kleidungsstücken, bei denen ich mich nicht überwinden kann, sie zu verkaufen. Nietzsche sagte einmal, dass Besitz besitzt. Das sage ich mir jedes Mal, wenn ich etwas hervorhole, um es an den Stand zu hängen«, gestand sie lächelnd. »Aber jetzt erzählen Sie doch von Ihrem Werdegang«, forderte sie ihn auf, als Jane saftige Filetsteaks servierte, dazu Kartöffelchen und grüne Bohnen.

Nick fasste kurz die Stationen seines Lebens zusammen, von seinen Tagen im Auktionshaus in Southwold bis hin zu seinem möglichen Umzug zurück nach London.

»Haben Sie sich ein Leben dort in Australien aufgebaut?«, fragte Tammy.

»Wenn Sie wissen wollen, ob ich dort Frau und Kinder habe, dann nein. Und Sie?«

»Ich habe Ihnen ja schon gesagt, dass ich Single bin«, erinnerte sie ihn. »In meinem Häuschen in Chelsea wohne nur ich. Ich habe meine ganzen Ersparnisse dafür hergegeben. Natürlich hätte ich mir eigentlich ein richtiges Haus mit sechs Zimmern kaufen sollen …«

»Aber Sie haben sich in das Häuschen verliebt«, beendete Nick ihren Satz mit einem kleinen Lachen.

»Genau.«

Nach dem Essen bat Paul die Gäste wieder ins Wohnzimmer, wo jetzt wegen der Kühle des Abends im Kamin ein Feuer brannte. Jane erschien mit einem Tablett, auf dem Kaffee und Brandy standen. Nick stellte erstaunt fest, dass es schon nach elf war – die Zeit war wirklich schnell vergangen.

»Warum haben Sie nie geheiratet, Nick?«, fragte Tammy ihn direkt.

»Wow, was für eine Frage«, sagte er, als Jane ihnen beiden Kaffee einschenkte. »Wahrscheinlich tauge ich einfach nicht für eine Beziehung.«

»Oder du hast nie die Richtige kennengelernt«, warf Jane augenzwinkernd ein.

»Vielleicht. Jetzt darf ich Ihnen aber dieselbe Frage stellen, Tammy.«

»Und ich würde dieselbe Antwort geben«, erwiderte sie.

»Da seht ihr’s«, sagte Paul, der Jane mit dem Brandy folgte. »Wie füreinander geschaffen.«

Tammy warf einen Blick auf die Uhr. »Es tut mir wirklich leid, so unhöflich zu sein, aber auf mich wartet zu Hause eine Menge Näharbeiten.« Sie erhob sich. »Es hat mich sehr gefreut, mich heute Abend mit Ihnen zu unterhalten, Nick. Ich wünsche Ihnen, dass Sie einen schönen Laden für Ihr Geschäft finden. Wenn Ihnen etwas Preiswertes unterkommt, geben Sie mir doch Bescheid, ja?«, schloss sie lächelnd.

»Natürlich. Haben Sie eine Nummer, unter der ich Sie erreichen kann?«

»Äh – ja, Janey hat sie. Ciao, Paul«, sagte sie und küsste ihn auf beide Wangen. »Danke für den tollen Abend. Ich gehe noch zu deiner Frau. Ciao, Nick.«

Tammy verließ den Raum, und Paul setzte sich neben ihn.

»Habe ich wie üblich das Verkehrte gesagt?«, fragte Paul mit einem Grinsen.

»Natürlich, aber mach dir nichts draus.«

»Das tue ich aber. Ich hatte nämlich den Eindruck, dass ihr euch richtig gut verstanden habt.«

»Sie hat mir gefallen, ja, und intelligent ist sie auch.«

»Verstand und Schönheit – die perfekte Mischung. Tammy ist ein ganz besonderer Mensch. Und sehr auf ihre Unabhängigkeit bedacht«, ergänzte er. »Aber vor Herausforderungen hast du noch nie zurückgescheut, oder?«

»Früher nicht. Aber zumindest im Augenblick kenne ich nichts als meine Arbeit. Viel unkomplizierter.«

Eine Stunde später hatten sich alle Gäste verabschiedet. Nick half Paul und Jane beim Aufräumen, dann gingen die beiden ins Bett, während sich Nick mit einem zweiten Glas Brandy vor den Kamin setzte. Ungebeten tauchten Bilder von Tammy vor seinem geistigen Auge auf, und er musste sich eingestehen, dass er … beflügelt war. Er überlegte sich, wann eine Frau das letzte Mal eine solche Wirkung auf ihn gehabt hatte. Und stellte fest, dass es ihm seit ihr nicht mehr so ergangen war …

Und wohin hatte ihn das gebracht? Er hatte sein erfolgreiches Geschäft in England verkauft und war auf die andere Seite der Welt geflohen. Dabei war es doch positiv, dass Tammy ihn ansprach, oder nicht? Es bedeutete, dass er vielleicht endgültig darüber hinweg war.

Und weshalb sollte er sie nicht wiedersehen? In den vergangenen zehn Jahren war er verdammt einsam gewesen. Ein erfülltes Leben war es nicht gewesen, das er geführt hatte, und wenn er nicht den Rest seiner Tage allein bleiben wollte, musste er sich der Liebe wieder öffnen. Andererseits, weshalb sollte sich eine Frau wie sie für einen Mann wie ihn interessieren? Sie konnte doch sicher jeden haben, der ihr gefiel.

Nick seufzte schwer. Er würde morgen noch einmal darüber nachdenken, und wenn es ihm dann noch genauso erging, würde er sie anrufen.

Jane war in der Küche, als Nick am nächsten Tag nach unten kam.

»Guten Mittag.« Sie blickte von ihrem Laptop auf. »Gut geschlafen?«

»Irgendwann schon.« Er machte eine vage Geste. »Ich stecke Jetlag nicht gut weg.«

»Wie wär’s mit einem Omelett? Ich wollte mir sowieso bald eins zum Mittagessen machen.«

»Das übernehme ich. Mit Käse und Schinken?«

»Perfekt. Danke, Nick. Kaffee steht da drüben, nimm dir. Ich muss nur das Moodboard für das Shooting abschließen und an die Zeitschrift schicken.«

Nick hantierte in der Küche, trank starken Kaffee und suchte die Zutaten für das Omelett zusammen. Dabei blickte er hinaus in den kleinen Garten hinter dem Haus und sah das farbenprächtige Laub der Blutbuche, das in der Septembersonne leuchtete. Sofort musste er an Tammys unglaubliche Haare denken.

»Fertig«, sagte Jane und klappte ihren Laptop zu.

»Das Omelett auch«, erwiderte Nick und verteilte es auf zwei Teller.

»Wie schön«, sagte Jane, als Nick eine Schüssel grünen Salat in die Mitte des Tischs stellte. »Vielleicht könntest du meinem Ehemann bei Gelegenheit beibringen, wie man ein Ei aufschlägt.«

»Er hat immer dich fürs Kochen gehabt, während ich auf mich selbst angewiesen war.«

»Stimmt. Es schmeckt köstlich. Hat dir der Abend gestern gefallen?«

»Ja, obwohl ich mich, um ehrlich zu sein, mit den anderen Gästen gar nicht unterhalten habe.«

»Das habe ich auch bemerkt.« Jane musterte ihn und bediente sich vom Salat. »Tammy ist aus nachvollziehbaren Gründen Männern gegenüber meist ziemlich zurückhaltend. Du warst ihr eindeutig sympathisch.«

»Danke. Sie ist wirklich unglaublich schön. Bestimmt wird sie ständig angebaggert.«

»Als junges Model auf jeden Fall. Wie du weißt, ist es ein ziemlich unappetitliches Gewerbe, in dem sich viele Aufreißer rumtreiben. Aus reinem Selbstschutz ist sie eine richtige Eiskönigin geworden, aber im Grunde ist sie ein lieber Mensch und sehr verletzlich.«

»Hat sie, äh, viele Freunde gehabt?«

»Ein paar. Den Großteil ihrer Zeit als Model trieb sich im Hintergrund ein Freund aus Sandkastentagen herum, aber der hat sich vor drei Jahren oder so abgesetzt. Meines Wissens hat sie seitdem keine ernsthafte Beziehung mehr gehabt.«

»Ah ja.«

»Und, möchtest du sie anrufen?«

»Ich … vielleicht. Wenn du mir ihre Nummer gibst.«

»Gerne. Aber nur unter der Bedingung, dass du ihr nicht das Herz brichst.«

»Weshalb sollte ich das denn?« Nick verzog das Gesicht.

»Du hast gerade erst gestern betont, dass du ein eingefleischter Junggeselle bist. Nick, ich möchte nicht, dass Tammy bloß ein weiterer Strich auf der Liste deiner Eroberungen ist. Sie hat etwas Besseres verdient. Sie trägt ihr Herz auf der Zunge und ist, was Männer betrifft, erstaunlich naiv.«

»Ich verstehe, was du meinst, Jane, aber für kurze Affären bin ich nicht zu haben. Dafür habe ich im Moment viel zu viel um die Ohren. Aber ich würde sie einfach gerne wiedersehen. Da war eindeutig etwas zwischen uns.«

»Ich weiß. Das hat der ganze Tisch gemerkt.« Jane lächelte. »Ich muss jetzt los zu einer Besprechung, aber ich simse dir ihre Nummer.«

»Danke.«

Nachdem Nick den Tisch abgeräumt hatte, gab sein Handy einen Ton von sich, und er holte es aus seiner Jeanstasche.

Hi, hier ist Tammys Nummer. Bis heute Abend. Lg, J.

Nick kopierte die Nummer in sein Adressbuch und schlenderte hinauf in sein Zimmer. Er hatte es Jane natürlich nicht gesagt, aber als er in der vergangenen Nacht schließlich eingeschlafen war, hatte er von Tammy geträumt. Er ging im Zimmer auf und ab und überlegte sich, dass er ein oder zwei Tage warten sollte, bis er sich meldete, sonst könnte er noch wie ein »Aufreißer« wirken, wie Jane es genannt hatte.

Konnte er ein oder zwei Tage warten …?

Nein. Er wollte sie jetzt sehen, er wollte in die unglaublichen grünen Augen blicken, das fantastische Haar berühren … Er sehnte sich nach ihr.

Guter Gott, Nick, was hat sie bloß mit dir angestellt?

Was immer es sein mochte, ein paar Minuten später holte Nick sein Handy wieder heraus und wählte die Nummer, die Jane ihm geschickt hatte.